Der Brenvasporn - zwanzig Jahre danach

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Pierre Vittoz, Yaounde

Fürchten Sie sich vor dem Massentourismus, der die Alpen überflutet? Weinen Sie sich gegen die überall um sich greifenden Luftseilbahnen, gegen den Jahrmarkt in den Bergen, gegen das Faulenzen, das ja nur ein Symbol ist für eine all- gemeine Leistungsscheu? Natürlich haben Sie recht damit. Aber steigen Sie doch trotzdem einmal in diese skandalöse Schwebebahn, die unter Missachtung des Gesetzes und des Naturschutzes zwischen der Aiguille du Midi und dem Col du Géant gebaut worden ist. Lassen Sie sich für einmal von dieser Aluminiumbenne da hinauftragen, t oo Meter über dem Vallée Blanche. Und sollten Sie dabei keine Begeisterung verspüren, so muss ich gestehen, dass ich Sie noch weniger begreife als die Herdentouristen.

Wir vier sind nämlich keine Anfänger. Wir haben diesen Gletscher zu Fuss und auf Ski kreuz und quer begangen, und wir haben manche der umliegenden Felsnadeln erklommen. Und trotzdem bleibt uns fast der Atem weg, wenn die Kabine ihr Mauernest verlässt und zu schweben beginnt. Die Tiefe unter uns - die Südflanke der Midi und ihre markanten Platten- die Eisbrüche des Tacul — die geometrisch gerade Linie des Couloir Gervasutti - die gleissende Sonne - die wahnwitzigen Aiguilles du Diable - in der Ferne das Mer de Glace - der Stock des Capucin - weiss, ocker, königsblau — Erinnerungen, Pläne und Träume. Die Faszination verschlägt uns die Sprache; wir können sie nur annehmen, die Schönheit der Massive und der Kontraste, das wunderbar geordnete, in Granit und Eis gehauene Bauwerk des Mont Blanc.

« Ich habe genug von dieser Bank. Ich gehe auf die Terrasse schlafen. Wer teilt mit mir einen Biwaksack? » « Es wird kalt sein draussen. Hier liegt man besser. » « Gut, ich komme mit dir. » Berger und ich verlassen die Blechbüchse, die voll ist von Männern, Kochern und Seilen. Wir stöbern einen weggeworfenen Strohsack auf, der vom Eis hart geworden ist, und beanspruchen seinen mageren Komfort. Der Mond ist aufgegangen und taucht den riesigen Zirkus in sein Silberlicht. Wie ein wilder Reiter durch Tal und Nacht erscheint uns die Aiguille Noire de Peuterey, die Hauptperson in diesem Schauspiel. Über uns steht sie mit der Geometrie ihrer Dreiecke und Schatten, sie zwängt die Kraft des Brenvagletschers in Tausende von Séracs und herrscht über uns mit ihrem Adlerprofil. Ganz anders die Blanche de Peuterey. Ihre Umrisse sind weniger scharf, weniger kantig: Die Gipfel sind buckelig, die Nordwand wie ein bodenlanges Kleid. Dann die Bren-vawand. Das ist nicht einfach eine Silhouette, das ist ein Eisberg, geheimnisvoll im Mondlicht dastehend, einem antiken Theater gleich, dessen Marmorstufen sich bis zu den Sternen hinauf fortsetzen. Auf der einen Seite stützt sie sich auf den Pilier d' Angle, der uns gegenüber liegt, auf der andern auf den Grat des Mont Maudit, an dessen Ende sich unsere Biwakschachtel befindet.

Mehr als die schroffen Felsabsätze bceindruk-ken uns das Ausmass und die Regelmässigkeit. In diesem Halbdunkel, das die Konturen verwischt, kann ich kaum die Sentinelle Rouge erkennen und nur mit Mühe die Poire, deren goo Meter langer Granit nur ein kleines Detail in diesem Grossraum ist. Nur der Brenvasporn zeichnet sich deutlich ab. Sein Schneesteven teilt die gewölbte Wand und zeigt einen klaren Weg zwischen den Tiefen des Gletschers und dem Sérac-Mittelwall, der die oberen Hänge des Mont Blanc zu verteidigen scheint.

Wir sind nicht zufällig hier. Alle vier sind wir Liebhaber von Gletscherrouten, und wir warten nur auf die Gelegenheit, den höchsten Gipfel der Alpen auf dieser Avenue zu besteigen. Was mich betrifft, so sind es gerade zwanzig Jahre her, seit ich meine grösste Besteigung gemacht habe: die Pyramide des Nun-Kun in Kaschmir. Da dieser Siebentausender etwas weit weg ist, hoffte ich, mit meinen Kameraden von damals den Brenva zu erklimmen. Aber sie hatten viel Zweifel und wenig Begeisterung und konnten mich nicht begleiten. Ja, die Zeiten ändern sich, man wird umständlicher, bürgerlicher. Besonders unsere Kleine, die aussergewöhnliche Claude Kogan, die ich bis zum Gipfel begleitet hatte, weilt nicht mehr unter uns, sie ist im Eis des Himalaya geblieben. Der alte Schwung fehlt. Nun bin ich der l.A einzig übriggebliebene von unserer ehemaligen Mannschaft. Meine Kameraden von vor zwanzig, dreissig Jahren haben den Eispickel an den Nagel gehängt. Und doch wollte ich diesen Jahrestag auf irgendeine Weise feiern; deshalb stehe ich hier vor der Brenva und weiss nicht, ob ich mich den Erinnerungen hingeben oder schlafen soll.

Ein wenig bekannter Jahrestag, gewiss, dessen sich niemand oder kaum jemand erinnert. Bernard Pierre, der treue Kamerad, hat dran gedacht; er hatte damals jene grossartige Expedition zustande gebracht. Sicher auch meine Frau, die Freuden und Schrecken miterlebt hatte. Aber darüber hinaus? Was bedeutet schon ein Himalayagipfel, wenn es deren so manche gibt? Ich aber schwelge immer noch, nach so vielen Jahren. Ist das Selbstgefälligkeit, Narzissmus? Muskeln, Lungen und Köpfchen, alles war in bester Form. Schwierigkeiten und Anstrengungen konnten mir nichts anhaben. Diese riesige Kletterei war genau das, was ich brauchte. Wie alt bin ich wirklich geworden in diesen vergangenen zwanzig Jahren? Heute lebe ich weit weg von den Alpen. Aber besitze ich nicht noch immer die Kraft, die Freude und das Flair eines Eisgängers? Ich fühle mich heute vor dieser berühmten Wand des Mont Blanc wieder fast so wie damals vor der unbekannten Wand des Nun-Kun. Mit demselben Vertrauen darauf, dass es mir gelingen wird, meine Spur ins Eis zu hauen bis hinauf zum Gipfel.

Der Mond ist untergegangen. Der Peutereygrat ist verschwunden wie ein Traum in der schwarzen Nacht. Mit Steigeisen an den Füssen und Lampen an der Stirn steigen wir einen langen Abhang hinunter und erreichen den Brenvagletscher etwas oberhalb der Séracs. Die Normalroute führt von unten her durch Fels auf den Sporn. Aber man kann ihn auch 400 Meter weiter oben über eine kleine Eisflanke erreichen: die Variante Güssfeldt. Der Vallotführer, den ich fast auswendig gelernt habe, sagt, sie sei schwieriger und schöner.

« Der Schnee ist so lala. » « Er ist sogar sehr gut. » « Also, gerade hinauf! » Wir machen kleine Schritte, um mit unseren Kräften hauszuhalten. 1400 Meter über uns der Gipfel. Bei Tagesanbruch der erste Schrund, unter einem Eisturm. Donnerwetter, ist das steil! Also, nach rechts zurück auf die Felsmauer; von dort wird man weitersehen. Ich setze im harten Schnee Fuss vor Fuss. Wenn ich glaube, das Seil sei ausgelaufen, werfe ich schnell einen Blick zurück über die Schulter: Tatsächlich, Berger und ich kennen uns zur Genüge; er braucht meine Hilfe nicht und ich nicht die seine, ruhig und überlegt folgt er mir, als wär 's ein gewöhnlicher Pfad. Staub und mein Sohn Otpal kommen übrigens auch gut mit; sie haben den Schrund auch schon überquert. Was für ein Vergnügen, mit solch sicheren Gefährten zu klettern!

Kaum bemerken wir, wie es tagt. Jetzt, im neuen Licht, scheinen die Couloirs noch steiler zwischen den Eisbrüchen. Weiss und steil. Ein fürstlicher Aufgang zum Mont Blanc. Und was waren das doch damals für Kerle, Güssfeldt und seine Führer, die i 892 schon hier aufgestiegen waren!

Wir erreichen den grossen Sporn dort, wo er einen horizontalen Kamm bildet. Ein Engländer hat diese Stelle einmal so beschrieben: « Das ist der dünnste und tollste Eisgrat, den ich je gesehen habe; das Eis fällt rechts senkrecht ab ( ich übertreibe nicht ), und ähnlich sieht es linker Hand aus. Der Grat war scharf wie die Schneide eines Messers, und für einige Yards konnte man sich nur rittlings fortbewegen. » Da gibt es wirklich nichts zu lachen! Die Bedingungen mögen sich geändert haben; doch der Begriff « Eisgrat » wurde von andern Bergsteigern noch und noch bestätigt; und damals war das Wort « scharf wie die Schneide eines Messers » noch kein Klischee wie heute. Mr. Moore hatte also durchaus das Recht, bewegt zu sein, als er i 865 am 15.Juli als erster den Brenvasporn bezwang. Kurz nach der Eroberung des Matterhorns. Im selben Jahr, wie die Grandes Jorasses bestiegen wurden. Und die Aiguille Verte gleich über drei Routen. Diese Pioniere hatten einen unglaublichen Mut. Nicht zu vergessen die Eispickel von Jakob Anderegg aus Meiringen, die auf dem ganzen Brenvahang ihre Spuren hinterliessen...

Das waren die goldenen Zeiten des Alpinismus. Es muss eine ungeheuer stimulierende Periode gewesen sein, mit einem wahren Überangebot von Bergsteigern, die alle die gleiche Statur hatten wie die Gipfel, die sie bezwangen. Oder täuscht die Perspektive? Ist der Alpinismus wirklich weniger fruchtbar heute? Doch sicher nicht. Er kennt ebenso tüchtige und unternehmungslustige Männer wie damals.

All jene, die wir im Biwak zurückgelassen haben, können wir nun von hier oben aus sehen: Vier Italiener sind bei den ersten Grataufschwün-der Major-Route, zwei Franzosen steigen zum Peutereygrat und zum Fresneypfeiler auf, zwei Engländer versuchen es auf der sogenannten zweiten Route an der Nordwand des Pilier d' Angle. Das Goldene Zeitalter dauert an. Die Begeisterung steigt, eher ist sie wohl noch stärker geworden durch all die Möglichkeiten einer modernen Ausrüstung. Selbst wir vier haben an den vergangenen Sonntagen eine Erstbesteigung an einem Ausläufer der Diablerets machen können, mit Pickel und Steigbügel; wir sind mit sportlichem Ehrgeiz die Eisbrüche der Nordostwand des Bishorns angegangen. Und alle schönen Tage, von zwanzig Jahren zusammengenommen, reichten wohl nicht aus, um all das zu tun, was wir noch vorhaben. Das goldene Zeitalter - wir erleben es, wir gestalten es mit.

Während die Julisonne nun endlich über uns steht, ziehen wir Feldflasche und Schokolade aus dem Rucksack und schauen für einen Moment in die Tiefe. Unter uns weicht der Schnee. Hundert Meter tiefer scheint er wie aufgespalten durch den Firngrat. Beidseits des Sporns taucht er in die Tiefe. Ganz unten liegt der Gletscher, vom Granit gleichsam zermalmt, wie das tobende, gegen das Ufer gepeitschte Wasser eines Sees. Die Aiguilles du Diable wirken schlank und tänze-risch wie nie zuvor. Und auf der gegenüberliegenden Seite wuchtet die Masse des Mont Blanc. Kreuz und quer führen seine Kanten. Seine Flanke ist ein einziges wildes Durcheinander von Rippen und Rinnen. Der Pilier d' Angle ein Labyrinth aus Eis und Granit. Aber in diesem Aufquellen erkennt man doch eine wunderbare Kraft, die Kraft der Natur, so überschwenglich wie am Tage der Schöpfung. Der Schnee glitzert; keine Schneeschmelze, kein Geröll. Der höchste unserer Berge ist gesund, kraftvoll und schön wie ein strahlendes afrikanisches Gebirge oder wie die Pyramiden des Himalaya.

Wieder beginnt der lange Aufstieg. Noch steht das Zwischenstück mit den Eisbrüchen über uns. Wir müssen auf der Hut sein vor dem Eisschlag. Der Sporn scheint der einzige einigermassen sichere Weg in der ganzen Wand zu sein. Es ist schon ein seltsames Spiel: Man beginnt ein schwieriges und gefährliches Unternehmen und wählt dann doch jenen Weg, der am wenigsten Mühe macht und das kleinste Risiko birgt. Eigentlich ist es im Leben ebenso: Einmal sucht man den Kampf, dann wieder geht man ihm aus dem Weg. Dies ist wohl auch einer der Gründe, warum uns dieser Sport wie kein anderer an sich bindet. Es gilt sich ein Ziel zu setzen, den richtigen Moment abzuwarten, sich dann einen Weg zu bahnen, Gefahren zu meiden, verantwortungsvoll und vernünftig zu handeln.

Das Risiko fehlt sicher nicht hier in der Brenvaflanke: die Distanzen, das schlechte Wetter, besonders aber die Lawinen. Wir lieben ein bisschen davon, wohldosiert wie Pfeffer am Reis. Und doch gehören wir zu jenen, die den Modergeruch des Todes fliehen. Am Nun-Kun hatten Claude und ich eines Morgens ein enormes Risiko auf uns genommen, als wir stundenlang über dünne Platten kletterten, die ganz hohl klangen. Trotz des Triumphes auf dem Gipfel habe ich den bitteren Geschmack jener Stunden nicht vergessen. In der Einsamkeit des Kaschmir wagte ich es damals, unbekannte Gletscher zu begehen. Heute, zwan- zig Jahre später, habe ich einiges dazugelernt. Ich gehe knausrig mit dem Risiko um und suche mir meine Kameraden unter den Klugen. Die drei, die mich begleiten, tragen sogar den Helm, den ich bis heute nie auf hatte. Hoffen wir, dass der unberechenbare Eisturm die Güte haben wird, nur in kleinen Portionen auf sie herunterzufallen. Aber sie sind alles andere als ängstlich. Sie folgen mir dicht aufgeschlossen, die Seilschlinge in der Hand. Und Otpal trägt den Eispickel lässig auf der Schulter. Wir sind jetzt unmittelbar vor den Eisbrüchen.

« Rechts oder links? » « Wohl geradeaus. » « Gebt mir alle eure Eisschrauben! » Ich muss schon sagen: ein schicker Standplatz. Wir müssen einen 20 Meter höheren, links gelegenen Grat erreichen, um weiterzukommen, und diesem dann folgen. Auf allen vieren erklettere ich eine Rampe unter einem Wulst. Und siehe da! Ich entdecke einen Durchschlupf, wie ich ihn bisher nur im Traum gesehen habe: Ein schmales, ganz horizontales Band durchquert die ganze Flanke des fast senkrechten Eisturms. Vorsichtig gleitend, die Finger ins Eis gekrallt, erreiche ich blitzschnell die Ecke der weissen Mauer. Drei Schläge mit dem Eispickel - und ich verschnaufe auf dem Grat. Noch eine Eisschraube, und die Sache ist perfekt. Ohne mich zu sehen und ohne dass ich ihm etwas zugerufen hätte, hat Berger alles aus den Bewegungen des Seiles herausgelesen. Nun klettert auch er herauf, und wie er bei mir angelangt ist, murmelt er: « Sehr schön »; dann arbeitet er sich pickelschwingend weiter, um 30 Meter weiter oben Stand zu machen.

Endlich, auf etwa 4500 Meter Höhe, finden wir einen richtigen Weg. Noch nie im Leben habe ich so viele Spuren im Schnee gesehen. Es ist die grosse Hauptroute von der Aiguille du Midi zum Mont Blanc. Das also ist der Alpinismus als Volkssport, dieser breitgetretene Graben durch den Firn, dieses Getrampel im Schnee.

« Ich habe Lust, den Mont Maudit und den Tacul zu traversieren. » Mont Blanc: Brenvaflanke 2Flugaufnahme der Mont-Blanc-Ostwand « Kenn'den Tacul schon. Ich ziehe den Weg über die Gipfelhaube des Mont Blanc vor; nachher hinunter zu den Grands Mulets. » « Macht's euch nichts aus, wenn wir uns trennen? » « Nein. Also dann. Auf Wiedersehen in Chamonix. » Ich seile mich mit Otpal an. Berger und Staub verschwinden mit grossen Spreizschritten. Wir steigen gemächlich auf. Nun gilt es die Kräfte zu dosieren, den Schlaf zu bekämpfen, einen Rhythmus zu wählen, und sei er auch noch so langsam. Wieder eine Erinnerung an den Himalaya. Doch jede Ablenkung ist gefährlich, sogar der Blick zum Horizont; man muss sich auf jeden Schritt konzentrieren, den Hang vor sich genau im Auge behalten, um möglichst regelmässige Bewegungen zu machen. Den Willen bis zum äussersten gespannt, atmen wir aus vollen Lungen. Der Hang bietet jetzt zwar keine grossen Schwierigkeiten mehr, aber er ist fast ohne Ende. Schliesslich ist es, als würde er sich weigern, bis auf 5000 Meter hinaufzugehen: Er wölbt allmählich seinen Rücken. Langsam lassen wir unsere Blicke rundherum schweifen. Dann setzen wir uns.

« Du hast noch einiges im Kasten, Alterchen. » Das spöttische und doch liebevolle Kompliment rührt mich. Mit einem Blick streife ich die Uhr. Vor kaum sechs Stunden haben wir das Biwak verlassen. Gemächlich können wir nun zum Gipfel flanieren und dort bleiben, bis uns der Durst weitertreibt, leichten Herzens hinunter nach Chamonix, in der brennenden Nachmittagssonne.

Es ist jetzt beinahe so schön wie im Himalaya. Fast. Oder vielleicht hinkt der Vergleich, nur weil ich jene Zeiten so sehr zurückwünsche. Es fehlt die unermessliche Einsamkeit. Ebenso die improvisierten Biwaks in grosser Höhe, das Entdecken der neuen, unerforschten Routen. Aber dafür erfahren wir um so mehr die Freude des Kletterns: so viele Grate, so viele Wände; Freuden, Mühen, das Gesicht eines Kameraden. In einer Saison können wir ohne weiteres zehn bis zwanzig Besteigungen in Angriff nehmen. Wir sind in Gedanken bei jenen Männern, die vor uns dieselben Hindernisse überwunden und dieselben Kontraste bewundert haben. Hier gibt es keine Gefühle der Konkurrenz, keinen Neid, der so oft die Atmosphäre auf der Expedition vergiftet hat. Hier ist alles frei von jenen Spannungen, frei auch von jenem falschen Stolz, der aus einer Schar Freunde plötzlich eine « internationale Expedition » macht, die den Sieg über den Himalaya nach Hause tragen will. Ich habe zwar die seltene Gelegenheit gehabt, mit einem Berg namens Nun-Kun und noch mit einigen anderen mehr, deren Silhouetten nur wenige ausser mir gesehen haben, Bekanntschaft zu machen. Heute habe ich das Privileg, andere Berge kennenzulernen in dieser unermesslich reichen Alpenwelt, andere edle, im Weiss erstrahlende Silhouetten zu bewundern unter dem gleichen blauen Himmel - kaum weniger tief zu empfinden...

Wenn mittlerweile zwanzig Jahre vergangen sind, so möchte ich doch nicht mehr zurück. Die Erinnerung an Nun-Kun ist unersetzlich. Die Anwesenheit der Brenva verzaubert mich. Morgen werden es die Grate von Rochefort sein — oder der Ferpèclegrat - oder... Unsere Leidenschaft wächst sogar über den Himalaya hinaus. Wie die Liebe, so kann auch sie ein ganzes Leben lang andauern.

( Übersetzung Alfred Lüscher ) 3 Mont Blanc: Moore- Führe; der scharfe Kamm und die grosse Abdachung 4Die Grandes Jorasses und die Walliser Alpen, vom Mont Blanc aus gesehen.

5Col und Aiguille Moore auf der Brenva-Seite des Mont Blanc PhnttK André Roch, Genf

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