Der Erdschias-Dagh

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DER ERDSCHIAS-DAGH.

Vom Mittelmeer her zieht sich der Taurus landeinwärts, eine hohe Bergmauer, die im anschliessenden Antitaurus, im Ala-Dagh, nahezu 3800 m erreicht. Als vielgestaltiges, breites Bergland strebt dieses Bergsystem nach Nordosten dem Oberlauf des Euphrat zu, Gegenden, die wissenschaftlich und turistisch noch einer weiteren Erschliessung harren. Auf der Innenseite — das ist längs dem dem inneranatolischen Hochland zugekehrten Bergrand — begleitet ein gewaltig ausgedehntes Vulkangebiet das Kettengebirgs-system des Antitaurus. Es sind Tausende von Quadratkilometer von Lavadecken, innerhalb welcher recht selten die Eruptionspunkte kennbar sind. In diesem Rückland zum Taurussystem im weiteren Sinne, von demselben aber deutlich losgetrennt, dominiert als geschlossenes Bergmassiv der Erd-schias-Dagh, von dessen Schultern die Lavaströme heruntersteigen. Ausgedehntes Flachland im Norden und Süden, teils sumpfig oder salzsee-erfüllt, trägt noch besonders zur Isolierung des grossen Bergkegels bei, der ungefähr eine Grundfläche eines kleineren Schweizerkantons ( zirka 1200 km2 ) beschlägt. Die Lage innerhalb dieser Ebenen kann darauf hindeuten, dass der ganze Vulkanapparat einem kesseiförmigen Bruchsystem aufsitzt.

Aus der äusseren Gestalt eines solchen Berges leitet sich seine Entstehungsgeschichte ab ( vgl. stets die begleitende Kartenskizze ). Der mehr oder weniger kreisförmige Grundriss der Bergmasse lässt erraten, dass sie vom Mittelpunkt aus gewachsen ist, dass dort der Förderschlot der vulkanischen Produkte und somit der Hauptkrater sich vorfindet. Hier liegt denn auch der Kulminationspunkt, von welchem die Hauptgrate ausstrahlen. Aber schon das topographische Bild der Karte lässt vermuten — und eine Besteigung bestätigt dies —, dass ein eigentlicher zentraler Krater dem Erdschias fehlt. Nichtsdestoweniger vollzog sich aber in diesem zentralen Teil die Anfuhr des magmatischen, bergaufbauenden Materials, indem dort deutlich zu erkennen ist, dass die geförderten vulkanischen Produkte allseitig nach aussen zu abdachen; es sind mächtige andesitische Lavadecken und nur untergeordnet Lockerprodukte ( Tuffe etc. ). Dieser Zentralteil des Vulkans ist eben tiefgründig zerhackt und zerstückelt, der Abtrag hat den ursprünglichen Kegel stark erniedrigt und ein Krater, wenn er überhaupt je vorhanden war, ist verschwunden; der Erdschiaskegel ist zur Erdschiasruine geworden.

Um die Vulkanformen in deutlicherer Prägung zu finden, hat sich der Blick vom zentralen Hochteil nach dem weiten, tieferen Bergmantel zu wenden. In breiter Zone drängen sich hier, ähnlich wie dies vom Ätna allbekannt ist, die Abkömmlinge um den alt gewordenen Nährvater. Es sind parasitische Vulkane verschiedener Form und Entstehung, die als warzen-förmige kleine Berge der Aussenseite aufsitzen; teils gewinnen sie gegen die Ebene zu grosse Selbständigkeit, teils steigen sie bis in Höhen von über 2500 m den Hang des Hauptberges hinan. Auf unserer Wanderung werden wir uns besonders verwiesen auf die Abhandlung von Am. Penther: Eine Reise in das Gebiet des Erdschias-Dagh. ( Abhandlung der k. k. geographischen Gesellschaft in Wien, VI. Bd. 1905 ); sie enthält die beste Karte ( 1: 80,000 ) der Berggruppe.

noch einem besonderen Typus dieser Flankeneruptionen, die selbstverständlich jüngerer Entstehung als der Zentralberg sind, zuwenden. Hier wie dort herrscht aber heutigestags tiefe Ruhe; der Erdschias hat in allen seinen Gliedern seine Lebenskraft verpufft.

Führt der Erdschiasgänger nicht besondere Pläne im Schilde, so wird er bei abgemessener Zeit auf der leichtest zugänglichen Ostseite sich dem Gipfelgebiet zuwenden. Hier trennt eine tiefe Passlücke den Erdschias von dem östlichen Vorberg, dem Kotsch-Dagh. Eine leidlich gute Automobilstrasse verbindet über diesen Einschnitt, die Tekiryayla ( Yayla = Maisäss, Sommerweide ), Kayseri mit dem Städtchen Everek im Süden.

Eine einstündige Fahrt versetzte mich denn auch hier an einem heissen Julimittag 1937 um die 1000 m in die Alpweidenregion. Röhrenförmig in die Höhe wirbelnde Staubwindhosen begleiten die Fahrt durch das Flachland, ein anmutig zwischen Lavaströmen eingeengtes, fruchtbaumbestandenes Tal leitet weiterhin über Asardschik in das höhere Ödland über, das uns von nun an begleitet und dessen niedrige Strauchvegetation — die eigenartigen Astragaluspolster sind hier kennzeichnend — eine schwache Erinnerung an die alpine Alpweidezone weckt.

Dieser Anklang an das alpine Milieu erhält im Gebiet der Tekiryayla noch seine besondere Note. Da wir mitten in der Sommerzeit sind, herrscht in der sonst einsamen Gegend Hochbetrieb. Ihre Sommergäste haben sich in grosser Zahl eingefunden. Dutzende grosser Schafherden bevölkern die Gehänge, und wo kleine Wässerchen dahinrieseln, stehen in Gruppen überall zerstreut die braunen und weissen Zelte der Hirten, in deren Gesellschaft sich dann abends eine etwas primitive Unterhaltung anbahnt. Die Gastfreundschaft solcher Leute ist herzlich, und nur ungern verschmäht man dies und jenes, weil allzu wenig dem westlichen Geschmack angepasst. Mein Absteigequartier stand gewissermassen unter obrigkeitlichem Schutz, indem ein nicht überflüssiges Einführungsschreiben mich bei den hier die Passkontrolle besorgenden KarakolsGendarmen ) genehm machte. Ein primitives aus Steinquadern aufgebautes Blockhaus tat den Dienst der Clubhütte; später als sonst gab es wohl « Lichterlöschen », denn lange noch musste der fremde Ankömmling die Neugierde der Bergler befriedigen.

Doch zuvor ward in den späten Nachmittagsstunden noch eine Wanderung nach dem etwa 2600 m hohen Kotsch-Dagh ausgeführt. Ein höchst lehrreicher Überblick über die Westflanke des Hauptkegels konnte hier gewonnen werden. Weit greift in das Gehänge die nach Osten gewendete Hochmulde des Kozuya-tagi ein, beiderseits flankiert von zum Gipfel hinanleitenden Kämmen. Durch frühere Erforscher des Erdschias ( A. Penther ) wurde dieses hochgelegene Flankental als ein östlicher Krater des Vulkanes aufgefasst, eine Deutung, die aber kaum haltbar ist. Es handelt sich gewiss vielmehr um ein trogartiges kurzes Tal, dessen Grundanlage fliessendes Wasser bedingte, in welchem sich aber zur Diluvialzeit ein kleiner Gletscher, dasselbe erweiternd, eingenistet hatte. Noch enthält diese Hochmulde besonders in ihrem unteren Teil grosse Schuttwälle, die, wenn auch kein geschrammtes Geschiebe darin vorkommt, durch die Schuttwanderung innerhalb des Tales geschaffen wurden.

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Wenn in dieser trogartigen Talform ein diluvialer Gletscher lag, so zeigt uns dies mithin an, dass der Erdschias schon zu dieser Zeit die tiefe Kerbung seiner Gehänge aufwies.

Bei nächster Morgendämmerung stolperten wir — in meiner Begleitung war einer der Tekiryaylahirten — über die vielen Blöcke des Kartälchens des Kozuyatagi bergwärts, vor dem starken Südwind Schutz suchend. Dermassen wurde der eigentliche Gipfelstock in seinem südöstlichen Steilhang in Angriff genommen. Zwischen erdpyramidengleichen Brekzientürmen wurde die steilen Schneehalden hinaufgestuft und dann mit einer kleinen Schwenkung rückwärts, nach links, mit Erreichen des 3625 m hohen Kartepe1 ), ein erster Punkt zur Umschau. Von hier war es nunmehr der Südwestgrat, der in steilem Anstieg nach der Höhe weiterleitete, eine unschwere Gratwanderung, die allein noch durch einen behäbig breiten, den Grat querenden Sperrkopf etwas kompliziert wurde. Ein fünfstündiger Anstieg, während welchem freilich mein Begleiter bald drohend bald schmeichelnd zum Ausharren angetrieben werden musste, brachte uns auf den wenig ausgeprägten Ostgipfel des hohen Vulkanberges.

Ein Gefühl des Herrschens über unermesslich weite Lande überkommt den, der in der Gipfelruhe der hohen Warte dahinsinnt. Doch dieser Herrscher-wahn erfährt eine leichte Trübung, denn der Thron ist nicht makellos; der nahe Westgipfel überragt unseren Standplatz noch um eine ansehnliche Haushöhe; es ist eine scharf geschnittene Zacke, aus ziemlich loser vulkanischer Brekzie aufgebaut, die noch eine exponierte kurze Kletterpartie erfordert. Mangel an Zeit und Ausrüstung ( Seil ) zwangen mich, das alpine Gewissen zum Schweigen zu bringen und wie die übrigen 99,9 % der Erdschiasbesteiger mit dem Ostgipfel vorlieb zu nehmen.

Das vorhandene Gipfelbuch klärt auf, dass dieser Gipfel fast jährlich einige Menschen auf seinen Nacken bekommt, dass aber der schwierigere Westgipfel erst im Jahre 1928 durch zwei deutsche Ingenieure seine Erstbesteigung erhalten hat. Als ein neuartiger turko-alpiner Bergkultus mag erwähnt sein, dass das Gipfelbuch sich nicht viel anders ausnimmt als ein Photoalbum, da offenbar die meisten Bergsteiger Wert darauf legen, dort oben « in effigie » zurückbleiben zu können.

Wie auf jeder isolierten grossen Berghöhe verliert sich der Ausblick in unfassbare Weiten. Das sonst so bucklige Land Inneranatoliens schliesst sich zu unseren Füssen zu einer fast ausdruckslosen Fläche zusammen, in welcher in grösserer Bergnähe die dunkelgetönten Lavadecken besonders auffallen, während im Süden die salzbestandenen Uferränder des Sultan-sazligisees sich als weisser Streifen abheben; in gleicher Richtung erfasst der Feldstecher auch die lockenden Felszacken des hohen Antitaurus.

In der Gipfelregion überrascht die Schärfe der Gratzacken. Tiefgründiger Abtrag hat den Vulkankegel zergliedert und reizvoll gestaltet. Aber nirgends auch nur eine Andeutung eines zentralen Kraters! Allseitig leiten scharfe Grate zur Tiefe, zwischen sich kleine Hochtälchen einschliessend. Denkt man sich dieselben mit Gletschereis erfüllt, so kann man sich das Bild des diluvialen Erdschias ausmalen, der wohl mit 4—5 ansehnlichen, bis zu 2600 m hinabreichenden Hängegletschern geschmückt war ( s. Kartenskizze ). Von diesem weissen Schmuck ist heute nur mehr ein kleiner Rest vorhanden. Einzig die nach Nordwesten exponierte Bergnische trägt noch einen kleinen Gletscher, für welchen A. Penther 1902 eine Länge von etwa 700 m angab, die heute aber noch geringer sein dürfte.

Dem Abstieg in das Tiefland wurde zur Gewinnung eines weiteren Einblicks in die Bergformen noch eine kleine, der bemessenen Zeit entsprechende Variante zugestanden. Einige Hunderte von Metern ging es erst in flotter Fahrt die östlichen Schneehalden abwärts. Dann wurden die vom Gipfelpunkte ausstrahlenden Grate in grösserer Tiefe nochmals überquert und so die Talrichtung auf Hacilar zu eingeschlagen. Hier bringt nun das « Jungvolk » der parasitischen Vulkane landschaftliche Abwechslung. Bald sind es abgerundete, ansehnlich hohe Kuppen ( Lifus 2503 m ), bald verrät die rauhrückige Lavaoberfläche das junge Alter eines solchen aufgesetzten « Warzenberges ». Einem derselben gelte eben noch unsere Aufmerksamkeit, dem Perikartini, der seinen schwarzen Rücken noch bis zirka 2450 m erhebt.

Wie eine mächtige, elliptisch in die Länge gezogende Halbzwiebel sitzt der Lavaberg dem Gehänge älterer, flach talwärts geneigter Andesitlagen auf. Wir begegnen hier einer mehr sauren Lava, überkrustet von einer schwarzen Verwitterungsrinde; sie hat als ein zähflüssiges Gebilde den alten Vulkanmantel durchbrochen und, weil nicht von der Fliessbarkeit der basischen Lava, entstand dabei ein brotleibförmiger, nur massig dem Gehänge nach ausgezogener Lavaberg. Doch diesem nur langsam vor sich gehenden Erup-tionsvorgang mag eine recht explosive Phase vorangegangen sein, denn die weitere Umgebung ist auf weite Strecken von losen Bimsteintuffen überdeckt. Wir stehen hier vor einer der jüngsten Lebensäusserungen des absterbenden Erdschias. Waren es gar Menschen des römischen Imperiums oder zum mindesten die Hettiten, Kleinasiens altes Kulturvolk, die diese Ereignisse noch miterlebten? Fast möchte man vermuten, dass noch Erinnerungen an den « feuerspeienden » Erdschias mitsprachen, wenn altrömische Münzen den Erdschias noch als tätigen Vulkan darstellen.

Lange schweift der Blick über diesen schwarzen Lavaberg zurück nach den allmählich dahinter verschwindenden Schneegirlanden des Gipfelstocks. Und das gleiche Bild in stets kleiner werdenden Umrissen prägte sich der Erinnerung ein, als in den späten Abendstunden auf der Fahrt gen Ankara der Vorhang einer lauen Sommernacht das Erdschiaserlebnis endgültig abschloss.

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