Der Große Wendenstock

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Der Große Wendenstock ( 3044- ) Von Dr. Hermann Behn ( Section Tödi ).

Die Excursionskarte des Schweizer Alpenclubs für 1875 fesselt beim ersten Anblick durch die ungemein charaktervollen Gratbildungen, deren gewaltige Linienführung kaum von einem anderen Gebiet, das im Laufe der Jahre Excursionsgebiet des S.A.C. war, übertroffen wird. Der mächtigste dieser Grate ist der der Gadmer Flühe, welcher bei der Gabel zwischen dem Gadmenwasser und dem Genthalwasser anhebend ostnordöstlich streicht, um in seinem Culminationspunkt, dem Titlis, einen imposanten Abschluß zu finden. Dem schroffen Südabsturz entspricht ein gleichfalls sehr steiler nördlicher Abhang, der nur in der breiten Firnkuppe des Titlis dem menschlichen Fuße einen bequemen Zugang gewährt.

Die nach dem Titlis wesentlichste Erhebung der Gadmer Flühe stellt der Große Wendenstock dar, mit 3044 m gegen 3239 m des Titlis. Der besonders jähe Nordabsturz des Wendenstocks läßt es, von anderen unten zu erwähnenden Eigenschaften des Berges abgesehen, begreiflich erscheinen, daß der Sommer 1875 verfloß, ohne daß der Stock einen Touristen auf seinem Gipfel gesehen hätte. Erst am 2. Juli 1876 gelang es Herrn Pfarrer v. Grünigen von Innertkirchen, den Großen Wendenstock von der Engstlenalp aus zu besiegen. Die Besteigung des Berges ist seitdem wiederholt unternommen worden; es hat jedoch keiner der Ersteiger seine Erfahrungen in den Annalen des S.A.C. niedergelegt.1 ) Dieser Umstand wird es verzeihlich erscheinen lassen, wenn ich es unternehme, in dem Folgenden meine im Sommer 1887 ausgeführte Besteigung des Wendenstocks kurz zu beschreiben.

Schon seit acht Jahren war es mein lebhafter, durch häufige Besuche des Engelberger Thales be-stärkter Wunsch, meinen Fuß auf die Zinne des Großen Wendenstocks zu setzen. Das jähe Felsenhorn des Berges winkt gar zu verlockend über den Jochpaß zum Dorfe Engelberg herüber. Wiederholte Erkundigungen ergaben immer das Resultat, daß der Berg bisher nur von der Engstlenalp mit Berner Führern erreicht worden sei. Ein Einziger der jüngeren Engelberger erhob den Anspruch, auf dem Wendenstock gewesen zu sein; jedoch schien er seine BeEine Schilderung der Besteigung des Großen Wendenstocks von Hrn. Rieter-Molz ( Section Bern ) findet sich im Jahrgang XIII ( 1881 ) der „ Neuen Alpenpost ".

A. d. Eed.

hauptung den Collegen so wenig glaubhaft gemacht zu haben, daß sie Alle die Thatsache bestritten. In der Flasche auf dem Gipfel fand ich den Namen des Betreffenden auf keiner der Karten vermerkt, und glaube daher zu der Annahme berechtigt zu sein, daß der allbekannte vorzügliche Karl Heß der erste Engelberger Führer war, der den Wendenstock betreten hat. Dies war im Sommer 1886, und zwar gelangte Heß mit zwei Züricher Herren auf den Berg. Als nun zu Anfang September 1887 Karl Heß mit mir in Engelberg zusammentraf, entschloß ich mich, in erster Linie dem Wendenstock in seiner Begleitung einen Besuch abzustatten. Um für dieses Mal jedem Zweifel zu entgehen, nahmen wir uns vor, eine rothe Fahne auf dem höchsten Gipfel aufzuhissen.

Am 6. September trollten wir zu Zweit, mit dem Nöthigen ausgerüstet, von Engelberg über das Joch zur Engstlenalp, nicht ohne uns auf Obertrübsee mit einer ca. 3 m langen, gewaltigen Wäschleinenstange versehen zu haben, welche unsere Fahne zu tragen bestimmt war.

Ein herrlicher, wolkenloser Abend gestattete uns, das Ziel meiner Wünsche während des Niederstiegs vom Joch in vollstem Umfange in Augenschein zu nehmen. Mit Dunkelwerden erreichten wir das gastliche Haus des Herrn Immer und begaben uns, in der berechtigten Erwartung eines schönen Morgens, frühzeitig zur Ruhe, Es sei mir gestattet, hier eine Beschreibung des Anblicks, den der Wendenstock von der Engstlenalp gewährt, und der Schwierigkeiten, die derselbe dem Besteiger entgegenstellt, einzuflechten.

9 Der Große Wendenstock bietet gegen Engstlen eine vollkommene Profilansicht, in welcher er einer gewaltigen Festungsbastion nicht unähnlich erscheint. Der Berg bildet ungefähr das symmetrische Gegenstück zum Kleinen Spannort, wie dieses im XXII Bande des Jahrbuches, vom Spannortjoch gesehen, abgebildet ist. So erscheint der Kopf des Wendenstocks zur Linken des langgestreckten Rückens, während dort das Haupt des Kleinen Spannorts nach rechts gewendet liegt. Zu Füßen der jähen Wand des Wendenstocks zieht sich der steile Pfaffengletscher hin; der von der tiefsten Lücke des Grates nach rechts zu sich wieder erhebende Felskopf trägt auf der Karte den Namen Pfaffenhut ( 2831 m ). Die Haupt-ausdehnung der langgestreckten Wand ist ungefähr in der Mitte ihrer Höhe mit grauweißen, scheinbar glattpolirten Bändern durchzogen. Nahe dem Gipfel ist in den Grat eine gewaltige, durch Erosion entstandene Scharte eingerissen, gleich als ob eine Kugel in die Bastion Bresche gelegt hätte.Von dieser Scharte ziehen tief gefurchte Couloirs gegen den Pfaffengletscher hinunter. Soweit ich hierüber Erkundigungen einziehen konnte, haben bislang alle Expeditionen über die Breite der Wand die Grathöhe rechts — westlich — von der Scharte gewonnen und alsdann durch die Tiefe der Scharte ihren Weg zum Gipfel genommen. Da in der Ueberwindung der Scharte die Hauptschwierigkeit der Ersteigung des Wendenstocks liegt, ist auch theoretisch die Frage ventilirt worden, ob man nicht direct vom Fuße der Wand durch eines der Couloirs in die Tiefe der Scharte gelangen könne. ließ erklärte dieses wegen der Gefahr von Steinschlägen für ein böses Wagstüek, und ich stimme ihm nach gewonnenem Augenschein vollkommen bei. Der Pfaffengletscher ist bisher immer von der Engstlenalp erreicht worden; ein directer Anstieg zum Fuße der Wand vom Jochpaß ist zweifellos möglich, wenn auch durch die nothwendige Ueberwindung gewaltiger Trümmerhalden sicherlich sehr mühsam und unbequem. Daß die Erreichung des Wendenstocks von der Seite des Gadmenthales von der Wendenalp aus zu den absoluten Unmöglichkeiten gehört, wird Niemand bezweifeln, dessen Auge jemals über den Südabsturz der Gadmer Flühe schweifte.

Sonach zerfällt das ganze Ersteigungsproblem in vier Abschnitte: die Erreichung des Pfaffengletschers, die Traversirung desselben, die Ersteigung der Wand und die Ueberwindung der Gipfelscharte. Wie es uns glückte, diese vier Stadien zu durchlaufen, habe ich im Folgenden darzustellen.

Als wir am Morgen des 7. September das Hotel auf Engstlen verließen, wölbte sich der Himmel wolkenlos über uns, und der Mond erhellte unsern Pfad, der zunächst der Thalsohle durch Alpenrosengestrüpp aufwärts führte, in angenehmer Weise. Bald betraten wir dann die vegetationslosen Trümmerhalden, welche auf der Karte mit dem Namen „ Bei den Schrunden " versehen sind. Von Schritt zu Schritt nahm die Steigung zu; der Felsaufbau, der, die Gadmer Flühe stützend, als gewaltiger Strebepfeiler da am Pfaffengletscher verläuft, wo sich der Anfangsbuchstabe des Namens „ Pfaffenhut " auf der Karte \ befindet, thürmte sich in drei oder vier gewaltigen Terrassen vor uns auf, deren Steilsätze wir mit Hülfe von schmalen Bändern überwanden. Hier schon mußten wir uns gleichzeitig der Füße und der Hände bedienen, um in die Höhe zu gelangen; diese Kletterei, die im Uebrigen durchaus ungefährlich ist, erinnerte mich lebhaft an den Anstieg zum Gipfel des Großen Spannorts vom Spannortjoch, den ich dreimal bereits zurückgelegt hatte. Um 3 Uhr 45 Min. hatten wir Engstlen verlassen, um n Uhr 30 Min. erreichte die Wand ihre höchste Steilheit, und kurz darauf betraten wir den Pfaffengletscher, der hier zwischen den Punkten 2972 m ( Grauhorn ) und 2831 m ( Pfaffenhut ) ein fast ebenes Plateau bildet.

Hier rasteten wir eine halbe Stunde angesichts des entzückenden Bildes, das die gegenüberliegenden Melchthaler Berge und der Engstlensee zu unsern Füßen darboten. Der Gletscher war vollkommen aper und schien die gleiche Eigenschaft in seiner ganzen Ausdehnung längs des Wendenstocks zu haben, eine Befürchtung, die Heß schon am Tage vorher am Jochpaß ausgesprochen hatte; das bedeutete für uns einen bedeutenden Zeit- und Kräfteverlust durch langwierige Stufenhackerei. In der That verflossen nach unserem um 7 Uhr erfolgenden Aufbruch zwei volle Stunden auf eine Wegdistanz von ca. 30 Minuten, bis wir am Fuße der Wand da anlangten, wo Heß die Felsen betreten wollte. Zunächst gingen wir gegen die Lücke zwischen Grauhorn und Pfaffenhut, und ließen unsere Blicke über das Triftgebiet und die Sustenhorngruppe schweifen; dann traversirten wir über den Gletscher längs der Wand des Wendenstocks. Bald wurde die Neigung des völlig aperen Gletschers so stark, daß Heß gezwungen war, Stufen zu hacken; ich befestigte mein Beil zwischen den Tragschnüren seines Rucksacks und schleppte die schwere und ungebührlich dicke Fahnenstange, die ohne eiserne Spitze kaum einen Halt auf dem Eise gewährte und eher eine Last als eine Hülfe war. Der Gletscher wurde immer abschüssiger; frei blickte das Auge zum Spiegel des Engstlensee's hinab: eine heikle Probe auf Schwindelfreiheit! Wir rückten langsam vorwärts und endlos erschien mir Unbe-schäftigtem die Zeit, bis Heß erklärte, in die Wand übergehen zu wollen. Ein kleines Schuttcouloir, unterlegt mit schwarzem Eise, bot uns die schlechte Gelegenheit, endlich in den Felsen festen Fuß zu fassen; zweihundert Stufen hatte Heß in blankem Eise zu hacken gehabt^ bis wir diesen Ruhepunkt erreichten. Ueber wankende Blöcke traversirten wir nun kurze Zeit durch die Wand; bei einem abenteuerlichen Felszahn, der wie der Kopf eines Pterodactylus wagrecht in die Luft ragte, nahmen wir den Weg gerade in die Höhe. Die Wand hatte einen jähen Sturz; doch kamen wir mit Hülfe der Hände schnell vorwärts, und die oben erwähnten grauweißen Bänder, welche ich besonders gefürchtet, erwiesen sich vermöge ihrer terrassirten Structur als die beste Stelle der Wand. Nach dreiviertelstündiger Kletterei waren wir auf dem Kamm des Grates und gewannen eine Aussicht, die nur gegen Osten durch den Titlis etwas verdeckt, im Uebrigen der Titlisaussicht zum Verwechseln gleich war. Dieses Resultat konnte bei einer Luftdistanz, bis zum Titlis von nur 41/2 km. nicht überraschen, und ich verstehe nicht recht, wie Tschudi die Aussicht vom Wendenstock hervorragender nennen kann, als die Titlisaussicht.

In wenigen Minuten eilten wir über den gut gangbaren Grat zur Scharte. Es war 9 Uhr 45 Min., als wir am Rande derselben anlangten; hier umhüllten uns plötzlich Nebel und Gewölk, die uns für die nächsten vier Stunden jeden Ausblick in die Ferne raubten. Sie waren indessen nicht so dicht, daß sie uns den Anblick des nahen Gipfels genommen hätten, der durch die Scharte von uns getrennt dicht vor uns lag. Ich gestehe, niemals in den Alpen eine von mir zu beschreitende Stelle gesehen zu haben, die mir schwieriger und pikanter erschienen wäre, als die Wendenstoekscharte; der beiderseits unterhöhlte Riß mochte eine Tiefe von 15-20m haben, und etwa ebenso viel mochten die beiden durch die Scharte gebildeten Gratecken von einander entfernt liegen. Es bedurfte meines vollen Vertrauens in Heß'Glaub-würdigkeit, um mir vorstellen zu können, daß dieses Hinderniß auf zweierlei Art zu überwinden sei. Entweder sollte ich meinen Körper auf einen frei in die Luft ragenden Felsblock hinausschieben, von hier in liegender Stellung in die Höhlung der Schartenseite, auf der wir uns befanden, kriechen und dann einen von oben wieder sichtbaren tieferen Ruhepunkt ge winnen, oder ich sollte, noch weiter dem Gipfel abgewandt, frei am Seil hinabgelassen, mit den Füßen nach einem Halt tasten, dann einen weiter außen gelegenen Stützpunkt, der von oben zu sehen, mit den Händen fassen und alsdann unter Lockerung der Seilspannung die Füße nach unten setzen, bis ich, wieder in fester Position, mit nur 3—4 Schritten den auch auf dem ersten Wege bezeichneten Ruhepunkt erreicht hätte. Derartige Manöver sind noch schwerer zu beschreiben als auszuführen; ich wählte den zweiten Weg und gewann glücklich den etwa 7 m vom Grat entfernten Ruhepunkt, beiläufig in der halben Schartentiefe. Nun knüpfte Heß das Seil in der Mitte um einen Felskopf, so daß die beiden Enden zu mir herunter hingen, und kletterte mir mit Benutzung der anderen Route nach, durch das Seil unterstützt. Leider hatten wir kein zweites Seil zur Verfügung und mußten, da das vorhandene Seil für die Ermöglichung des Rückwegs hier zurückbleiben mußte, den Rest des Weges zum Gipfel ohne Seil zurücklegen; ich rathe allen meinen Nachfolgern, sich mit einem Hülfsseil zu versehen, da die nun folgenden Schritte über allerdings feste, aber völlig frei in der Luft stehende Felsköpfe, welche die Schartenschneide zwischen Gadmenthal und Pfaffengletscher bilden, durchaus nicht bequem sind, wenn man nur auf die Halt-kraft der eigenen Muskeln angewiesen ist. Mit großer Vorsicht gingen wir so aus der hohlen Schartenwand auf die Schneide über, gewannen die Tiefe der Scharte und klommen nun auf der dem Gadmenthal zugewandten anderen Schartenseite die letzte kleine Strecke zum Gipfel empor. Die steile Schneide der Gipfel-seite der Scharte blieb so zu unserer Linken, und wir bewegten uns auf den dachartig geschrägten Platten der Gadmer Seite derart, daß die ein bis zwei Finger breiten Risse, in denen die Platten sich aneinander fügten, uns den nöthigen Halt gaben. Um 10 Uhr 30 Min. betraten wir den Gipfel, der mit einem erhaltenen und einem zerfallenen Steinmann gekrönt war. Von der gebrauchten Zeit gehen drei Viertelstunden für Rasten ab; die übrigen 6 Marschstunden werden auf i1Ì2 verringert werden können^ wenn der Gletscher mit gutem Schnee bedeckt ist. Die Blicke, die wir momentan beim Zerreißen des Nebels gewannen, beschränkten sich auf die tief unter uns liegende Wendenalp und den Wendengletscher. Auf dem Gipfel hielten wir uns eine Stunde aufr befestigten das rothe Tuch an der glücklich heraufgebrachten Stange und rammten diese in den recon-struirten zweiten Steinmann ein. Da mir leider nicht bewußt war, daß der Wendenstock in den Jahrbüchern des S.A.C. noch nicht behandelt war, unterließ ich es, den Inhalt der in einer Flasche befindlichen Besteigungsnotizen zu copiren. Ich merkte mir nur, daß die erste Ersteigung am 2. Juli 1876 von Herrn Pfarrer v. Grünigen ausgeführt sei, und daß vor uns sechs Expeditionen urkundlich den Gipfel erreicht hätten. Da die Notiz der ersten Besteigung und der der unsrigen vorausgehenden — Karl Heß mit den zwei Züricher Herren — sich in Einer Flasche vorfanden, ist kaum anzunehmen, daß mit der unsrigen mehr als 7 Besteigungen des Wendenstocks stattgefunden haben; daß ein Besteiger es unterlassen, die Erreichung des Gipfels zu beurkunden, ist bei dem Ruf, dessen sich der Wendenstock erfreut, nicht wahrscheinlich.

Um 11 Uhr 30 Min. verließen wir die Spitze und standen nach zwanzig Minuten wieder am jenseitigen Rand der Scharte, von dem aus der Hinweg uns eine halbe Stunde gekostet hatte. Das letzte Stück legte ich dieses Mal auf dem anderen Weg über den freistehenden Felszahn zurück, so daß ich die Möglichkeit beider Gelegenheiten, in die Scharte zu kommen, persönlich erprobt habe.

Der Abstieg durch die Wand war durch den herrschenden Nebel erschwert; mit Hülfe des phantastischen Felskopfes fanden wir jedoch glücklich das beim Aufstieg benutzte Couloir wieder. Heß ließ mich zuerst hinab, bis ich in der obersten Eisstufe Posto gefaßt hatte, knüpfte dann das Seil mit einer Schlinge an einen Felsen an und folgte mir, schließlich durch Schwingung die Lösung der oben befindlichen Schlinge bewirkend. Die Stufen waren noch von vorzüglicher Beschaffenheit, und so waren wir nach einer halben Stunde wieder an unserem Rastplatz vom Morgen. Nach viertelstündiger Rast brachen wir wieder auf und kletterten über die Fluhsätze abwärts. Um 3 Uhr 45 Min., genau 12 Stunden nach unserem Aufbruch, trafen wir wieder im Hotel auf Engstlen ein. Verschiedene Gäste betrachteten den Wendenstock mit ihren Gläsern, und wir vermochten durch unser Erscheinen am besten die eben aufgestellte Behauptung zu widerlegen, daß wir uns noch auf dem Gipfel befänden: man hatte unseren Steinmann mit der Fahne mit den \Erstellern verwechselt!

Am nächsten Mittag gingen wir in strömendem Regen nach Engelberg zurück; vier Tage mußten,wir auf gutes Wetter warten, das weitere Touren ermöglichte, und mehr als eine Woche verging, bis ich mit meinem Fernglase das« Wahrzeichen meiner Besteigung erblickte. Noch im December wurde mir von Engelberg geschrieben, daß die Fahne noch immer munter im Winde flattere!

Zum Schlüsse möchte ich einige Worte des Vergleiches zwischen dem Wendenstock und dem ihm sehr verwandten Kleinen Spannort beifügen. Ich halte die Besteigung des Wendenstockes für entschieden schwieriger, als die seines einzigen Rivalen im Clubgebiet von 1875; abgesehen von der Mühsal, die der Pfaffengletscher in aperem Zustande bereitet, ist die Erreichung der Wendenstockwand bei Weitem mühsamer, als die der Spannortwand, und an dem Kleinen Spannort ist nichts, was mit den pikanten Reizen der Wendenstockscharte ( die einen Führer ersten Ranges erfordert ) concurriren könnte. Dagegen ist die Wand selbst am Wendenstock entschieden der Spannortwand vorzuziehen wegen der bedeutend größeren Festigkeit des Materials. Am Kleinen Spannort ist bei der lockeren Beschaffenheit des Gesteines immer die Gefahr von Steinschlägen vorhanden, zumal der Gipfelbau durch eine Firnauflage gekrönt ist; diese Gefahr fällt bei dem Wendenstock, dessen Grat von trockenem Gestein gebildet ist, fast völlig weg, und wäre einzig zu befürchten, wenn man — wie oben angedeutet — durch eines der bröckligen Couloirs direct in die Scharte einsteigen wollte.

Das Kleine Spannort dürfte somit gefährlicher, aber leichter, der Große Wendenstock schwieriger, aber sicherer sein. Gewiß wird ein Jeder, der sich entschließt, den stolzen Wendenstock zu erklettern, einen ganz eigenartigen Genuß von dieser Besteigung haben, und ich möchte den Berg nachdrücklich allen Mitgliedern des S.A.C. empfohlen haben. Bei dem Kleinen Spannort ist nämlich nicht zu vergessen, daß die unmittelbare Nähe des leichteren und höheren Großen Spannortes die Zweckmäßigkeit einer Besteigung in Frage stellt, während Niemand auf den Gedanken kommen wird, die Besteigung des Großen Wendenstocks für überflüssig zu erklären, da ja der Titlis weit bequemer sei; hier würde jeder Vergleich fehlen, der bei dem Kleinen Spannort .nur zu nahe liegt, wenn man den großen Namensbruder betrachtet.

Somit hoffe ich, daß in den nächsten Jahren der Besuch des Großen Wendenstocks sich immer mehr heben möge, und daß der Berg seinen gebührenden Platz einnehme in der Reihe der gleichzeitig interessanten und schönen Gipfel in der Schweiz.

Zeitangaben: Ab Engstlen3 Uhr 45 Min. Vorm.

Am Pfaffengletscher 6 7 ) 30 n n Rast bis 7 71 — n n Am Fuß der Wand 9 n — n n Auf dem Grat 9 n 45 nRast bis 10 V — n n Auf dem Gipfel 10 n 30 ':

n Rast bis 11 n 30 n i ) Ab Gipfel 11 n 30 n n An der Gratecke 11 n 50 n n Am Fuß der Wand 1 n — n Nachm.

Am Rastplatz1 „ 30 „ Nachm.

Rast bis1 „ 45In Engstlen3 „ 45Unterwegs 12 Stunden, davon 10 Stunden Marsch, " 2 Stunden Rast; Aufstieg 6 Stunden, Abstieg 4 St.

Marsch.

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