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Der Mönch über die Nordwandrippe

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Mit 1 Bild ( 79 ) Von Ernst Hopf

( Basel ) Der Anblick des Mönchs von der Kleinen Scheidegg ist wohl allen bekannt. Über friedlichen Alpweiden und einer weissen Krause von Gletschereis steht schroff seine dunkle ausgewetterte Nordwand.

Auf zahlreichen Skifahrten und in Gebirgskursen im engeren Oberland ward diese mir allmählich zu einem vertrauten Bild. In Wind und Wetter, Sturm und Sonnenschein konnte ich ihr wechselvolles Gesicht beobachten. An schwülen Föhntagen war sie als blauschwarze Mauer nahegerückt, nach Winterstürmen ragte sie tief verschneit wie eine weisse Märchenburg hoch ins Himmelsblau. Unvergesslich bleiben mir die Abende, an welchen die letzten Strahlenbüschel der untergehenden Sonne sie wie eine rotgoldene Riesenflamme aufleuchten liessen.

Schon lang ist es her, da guckte ich einst vom Gipfel aus neugierig in ihre abgründige Tiefe hinunter, und später lernte ich vom « Nollen » aus ihre Steilheit ermessen. Mit fortschreitender Technik und Erfahrung gingen die Wünsche von Sommer zu Sommer höher, und es war eigentlich eine selbstverständliche Folge, dass ich eines Tages den steilen Weg durch ihre Flanke ging.

Der einzuschlagende Pfad ward uns von Hans Lauper gewiesen, der 1921 die Wand zusammen mit Max Liniger erstmals durchstiegen hatte. Es war nicht seine erste und nicht seine letzte grosse Fahrt ins Neuland. Die Jugend hat ihm an den Hängen des Lauberhorns gegenüber seinen geliebten Bergen eine Gedenktafel gesetzt. Das grösste Denkmal aber sind seine Nordanstiege in der Jungfraugruppe, die zu wiederholen das schönste Vermächtnis für uns bedeutet. Noch nicht zu oft wurden sie wiederbegangen, derjenige am Eiger in ganzer Länge überhaupt noch nie, und der am Mönch vor uns nur dreimal.

An einem Junitag 1942 treffen Dr. Alfred Müller, Bergführer Hans Schlunegger und ich gegen Abend in der Station Eigergletscher ein, die auch unsern Vorgängern als Ausgangspunkt gedient hatte. Bevor wir uns zur kurzen Ruhe legen, wollen wir uns der Betrachtung der Wand hingeben. Mit weit zurückgeneigten Köpfen prüfen wir die Verhältnisse an den schweren Stellen und gehen in Gedanken den morgigen Weg. Schon kurz nach Mitternacht verlassen wir mit leichtem Gepäck versehen und mit den besten Wünschen der Wirtsleute unser warmes Obdach und setzen unsere Schritte in die dunkle Nacht.

Das flackernde Laternenlicht führt uns über ein gutes Weglein und über Geröll und Schutt auf den flachen Teil des Eigergletschers. Wenige Minuten später stecken wir schon mitten im Spaltenlabyrinth des grossen Abbruchs. Wie Diebe in nächtlicher Stunde schleichen wir unter Türmen durch, über dünne Brücken oder rittlings über schmale Grätchen, dann hinunter in tiefe NB. Die Lauperroute am Eiger wurde in diesem Sommer unseres Wissens zweimal vollständig begangen.

Schächte, aus denen wir uns auf der andern Seite wieder hinaufhacken. Alles ist wie ein Traum. In der Nacht bekommen die Eisgebilde ein gigantisches Aussehen, und jeder Schrund scheint Hunderte von Metern tief zu sein. Unsere Laternen werfen gespensterhafte Schatten an hell aufleuchtende Eiswände. « Hänsel » findet mit grossem Geschick immer wieder irgendwo einen Durchschlupf. Plötzlich gibt es einen lauten Fluch: ein Sprung über eine Spalte wird von uns im Finstern missverstanden und als Sturz gedeutet. Durch rasches Zurückziehen am Seil landet er anstatt auf dem gegenüberliegenden Spaltenrand drei Meter tiefer auf den harten Resten einer eingebrochenen Brücke. Mit der Quetschung eines edeln Körperteils ist das nächtliche Intermezzo jedoch noch gut abgelaufen. Wir gehen vorsichtig weiter.

Im Osten beginnt es schon zu dämmern und wird gerade so hell, dass wir rechts am Rand des Abbruchs einen steilen Firnhang entdecken, der uns aus dem Labyrinth hinausleitet. Da tauchen in der Dämmerung zwei Gestalten auf, die unsern Spuren zu folgen scheinen. Sollten wir heute nicht die Einzigen auf der so selten begangenen Lauperroute sein? Doch später sehen wir sie mit Sommerskiern einem andern Ziel, dem Eiger, zustreben und noch später in eleganten Kurven vom nördlichen Eigerjoch abfahren. Es ist noch Frühsommer, Kletterer und Skifahrer begegnen sich. In einer schmalen Rinne zwängen wir uns zwischen Gletscher und Rand eines Felsbollwerks durch, überschreiten über alte Lawinenreste den Bergschrund und gewinnen mit Steigeisen über einen hartgefrorenen Firnhang rasch an Höhe. Bei Punkt 3150 m lässt die Neigung plötzlich nach, und wir stehen auf einem kleinen bequemen Plateau. Hinter uns liegt eine Eiswüste, vor uns bäumt sich die Wand tausend Meter hoch in den hellen Morgenhimmel.

Nach einem kurzen Imbiss geht es weiter über verschrundeten Firn bis an den Fuss einer dunklen Kalkstufe. Die Schmelzwasser haben zwischen Fels und Eis ein schmales Band freigelegt, das wir nach rechts bis zum Beginn eines vereisten Risses verfolgen. Die nächsten zwei Stunden sehen uns in einem verbissenen Kampf mit dem Berg. Jener 20 Meter hohe Wandabschnitt bildet mit seinem abwärtsgeschichteten und mit kompaktem Wassereis überzogenen Fels eine der schwierigsten Stellen, die ich kenne. Niemand anders als « Hänsel » wäre imstand gewesen, diese Schwierigkeiten gefahrlos zu meistern, und wir überlassen ihm daher neidlos die Führung.

Behutsam, immer wieder von vorn beginnend, gewinnt er langsam an Höhe. Das Geheimnis seines sicheren Kletterns liegt darin, immer und in jeder Situation einen Rückzug antreten zu können, Griffe und Tritte müssen mühsam vom Eis gesäubert werden. Nach etwa 10 Metern entschwindet er unsern Blicken. Das Sicherungsseil folgt nur zögernd und beweist uns, dass er weiter oben neue Schwierigkeiten antrifft. Endlich dringt von weitem sein Kommandoruf « Nachkommen! » zu uns. Nun gelangt der Zweite an die Reihe, und bald ist auch er für mich unsichtbar geworden. Aus seinen Bewegungen ahne ich, dass auch mir, « au bout d' un fil », die Arbeit durchaus nicht erspart sein werde.Vorher müssen aber noch die Säcke den luftigen Weg antreten. Das tun sie ungern und bleiben an Überhängen stecken, fester als uns lieb ist. Durch energisches Ziehen erzeugen sie einen prasselnden Steinhagel und erreichen ihren Bestimmungsort erst nach umständlichen Manövern.

Inzwischen ist es auf meinem schmalen Stand trotz dem schönen Wetter ungemütlich nass geworden. Zuerst als einzelne Tropfen, bald aber wie ein richtiger Regen, dringen die Schmelzwasser auf mich ein. Da endlich geben die Freunde das erlösende Signal, nachzuklettern. Schlotternd vor Nässe und Kälte folge ich ihrer « freundlichen Einladung » nur allzugern. Soweit es der glatte Fels zulässt, behalte ich die Handschuhe an und kann, wenn nötig, mit warmen Fingern zupacken. Zuerst geht 's senkrecht hinauf bis auf einen abschüssigen Stand, dann folgt eine heikle Schrägtraverse nach links unter abdrängenden Überhängen vorbei. Schliesslich erreiche ich über schlechtes Gestein, wieder gerade aufwärts, die Kameraden.

Auf einem kleinen ebenen Plätzchen sitzen wir eng beieinander in der Sonne und geniessen die Seligkeit einer solchen Rast in vollen Zügen. Da das Schwerste hinter uns liegt, lassen wir uns Zeit, die grossartige Umgebung zu bewundern. Unsere Blicke wandern hinüber zu den Nordabstürzen der Jungfrau mit den weissen Kegeln beider Silberhörner und den märchenhaft schönen Terrassen des Guggiaufstiegs. Weiter gleiten sie hinunter in ein Wirrwarr von Gletscherbrüchen, tief eingeschnittenen Tälern und über die satten Farben der Voralpen weit hinaus ins Mittelland. Schliesslich erblicken wir drüben am Eiger unsere beiden Skifahrer als winzige Punkte bereits im Abstieg. Aus der Ferne hören wir das Rauschen der Bergbäche. Ab und zu pfeifen nebenan Steine in die bodenlose Tiefe oder dringt vom Giessengletscher her das Getöse abbrechender Eismassen zu uns herüber.

Nach einer ausgiebigen Rast schnallen wir die Zehnzacker wieder an und gelangen über ein abschüssiges Eisfeld nach rechts hinüber zur Gneisrippe. Wie als Belohnung für die Mühe und Anstrengung der vorhergehenden Stunden steigen wir auf der besonnten Rippe unerwartet leicht der Höhe zu. Die Vibramsohlen greifen prächtig am festen Gneis. Nur hie und da ist einem wackligen Block nicht zu trauen. Ein einziges Mal muss eine Steilstufe rechts umgangen werden. Sonst können wir unentwegt der grossartigen « Himmelsleiter » folgen.

Im obersten Drittel fragen wir uns, ob wir den Gipfel direkt über eine Seitenrippe erreichen wollen. Doch in diesem Moment poltert 's in der Höhe, und in wilden Sprüngen nimmt eine Steinsalve den Weg durch die dazwischenliegende Rinne. Wir sind gewarnt und verlassen nun die steinschlagsichere Rippe nicht mehr. Plötzlich hört der Fels auf, wir stehen im aufgeweichten Firn des Nordostgrates, und eine neue Welt tut sich vor uns auf. Wenige Minuten später, um 2 Uhr nachmittags, erreichen wir den Mönchgipfel und schütteln einander in einem stolzen und freudigen Gefühl die Hände. Der Aufstieg über die Nordseite des Mönchs hat uns um ein grosses gemeinsames Erlebnis reicher gemacht.

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