Der Ortstock

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C. Hauser.

Der Ortstock ( 2715 Meter. ) Bericht über die offizielle Excursion der Section Tödi. ( 22. Juli 1866. ) Von Der Ortstock oder Silbernstock kennzeichnet sich geographisch als Grenzposten der drei Länder Uri, Schwyz und Glarus, geognostisch durch die sehr zahlreich auf ihm sich vorfindenden Versteinerungen ( Ammoniten ) und als Naturgemälde durch den malerischen Charakter seiner Umgebung: Karrenfelder, Randver-gletscherungen, Alpensee'n, grüne Triften, phantastische Felsgebilde, durch Ablösung oder Erosion entstanden, geben dem Ganzen den Charakter der Romantik und üben einen unbeschreiblichen Zauber auf das Gemüth desjenigen, der zum ersten Mal in diese geweihten Hallen des Alpentempels eintritt.

Dem Programm gemäss versammelten sich die Theilnehmer der Excursion Samstag den 21. Juli, Abends, im freundlichen Stachelberg. Theils wegen Coïncidenz mit dem eidg. Sängerfest, theils wegen Zweifelhaftigkeit der Witterung stellten sich nur der Referent und- Herr Cassier Freuler, nebst den Führern Heinrich und Sohn Rud. Eimer zur Action ein. Alles wurde am Abend gehörig vorbereitet, um vorschriftsgemäss um 2 Uhr früh abmarschiren zu können. Schon nach 1 Uhr krähte der Hahn, den wir bestellt, zum Aufbruch, allein ein Blick nach dem Firmament zeigte uns, dass die Witterungsaussichten noch zu ungünstig seien, und wir gelangten desshalb erst um 4 Uhr, nach inzwischen mehrfach vorgenommenen -Himmelsinspectionen, zum " wirklichen Abmarsch. Vom Bade aus ging es zuerst in nordwestlicher Richtung nach den Braunwaldbergen,, und von da westlich nach der Brächalp, wo wir um halb 7 Uhr bei der obem Stafelhütte eintrafen, um daselbst unsere nüchternen Magen durch eine kräftige Collation zu stärken. Bis hieher hatte der Himmel uns noch kein freundliches Gesicht gezeigt; über alle-Bergspitzen hing ein dichter Nebelflor. Einmal nur, während Eimer am Feuerherd den Kaffee bereitete, entschleierte der Ortstock seine zwei Zinken und ragte, vom Gold der Morgensonne angehaucht, in 's Blau der Luft; es war ein feierlicher, majestätischer Anblick! doch nur auf kurze Zeit; bald huschten, die Nebel wieder an uns vorüber und verhüllten den wunderbaren Glanz. Es war wie ein Traumgesicht, das uns ahnen liess, welche Herrlichkeit uns beschieden wäre, wenn zum Aufwand unserer Kraft die Gunst des Wetters sich gesellte, oder war es ein kurzes Bild der Sonntagsfeier, welche — wäre es auch bloss in unserer Phantasie — den Bildern der Alpenwelt ein erhöhtes Colorit, einen lebendigem Ausdruck gibt? Sind doch diese Bilder unmittelbar von der Hand des Schöpfers Ber Ortstock.7»< Mngezeichnet, während die Bilder des Cultus in unsern künstlichen Tempeln nur von Menschenhand gemeisselt sind. Doch wonnig ist die Illusion auch nur eines-Augenblicks; kehrte es auch nimmer wieder jenes zauberhafte Bild, wir haben es für immer unserer Seele eingeprägt.

Am nordöstlichen Auslauf des Ortstockgipfels liegt der obere Stafel von Brach, ein einsamer, stiller Alpenkessel, angeweht von einem melancholischen Hauche; über ihm breitet sich der Baldachin des blauen Aethers aus, als Kahmen sind ihm beigegeben zur Linken die sterbenden Strünke des Hochwaldsaumesr an dem mit jugendlicher Frische Quellen des reinsten Trinkwassers vorbeifliessen, in unmittelbarer Nähe? dem Schoosse der Erde entspringend und ewig sich erneuend, ein Contrastbild von Jugend und Alter, von. Werden und Vergehen. Zur Rechten ragen als Sinn-1 bild des Starren und Unvergänglichen die Felsrippen empor, welche im Westen das Hochthälchen abschliessen. und zugleich die Kantonsgrenze gegen Schwyz bilden. Das Ganze beherrscht im Hintergrunde als Hauptstück des Gemäldes das Zwillingspaar der Gipfel des Ortstocks. Als centraler Beobachter steht mitten in der Scenerie-der Mensch, und damit dieser mit ungeteilter Aufmerksamkeit das Bild beschaue, hält ihn die Natur hier abgeschlossen von der ganzen übrigen Welt, denn neben diesem Bilde hat kein anderes mehr Raum in seinem Innern. Versinnliche dir nun dieses Bild in dem feierlichen Glanz der Abendbeleuchtung und du wirst ausrufen, keines wäre würdiger, durch den Pinsel des Malers verherrlicht zu werden, als dieses.

- C. Hauser.

Um halb 8 Uhr verliessen wir die Hütte, nach « eingenommenem reichlichem Frühstück, und steuerten nun nach der westlichen Felsrippe und dem Bockalpeli „ zu. Im Aufsteigen gegen dieselbe verscheuchten wir drei Gemsen, zwei alte und eine junge; später wiederholten sich derartige Scenen noch mehrmals. Es war 9 Uhr, ^als wir auf die sogenannte Egg gelangten, uns zu Fussen das Euloch, welches infolge eines zwischen den Besitzern der Alp Brach und der Oberallmend-korperation von Schwyz entstandenen und in den -fünfziger Jahren schiedsgerichtlich erledigten Grenzstreites klassischer Boden geworden ist. Wir machten, hier eine kurze Stunde East, um uns für die nun fol-îgende Schlusspartie vorzubereiten, welche voraussichtlich unsere Kräfte ganz ernstlich in Anspruch nahm, iüm halb 10 Uhr beobachtete. ich am Clubthermometer Ur, 22 in der Sonne nicht mehr als + 10,5°. Der ganze Tag zeichnete sich durch auffallend niedere /Temperatur aus.

.Vom Bockalpeli aus kann man in verschiedenen'Richtungen auf den Gipfel des Ortstock's gelangen, nämlich: man biegt um den nördlichen Ausläufer desselben herum und debouchirt, den Schönenbühl zur Eechten, in das Hochthälchen ein, welches zwischen dem Ortstock und dem Hohen Thurm liegt und bis .auf den Grat ( die sogenannte Furggelen*)r 2198 der Glarner Karte ) von einem Gletscher bedeckt ist; von der Furggelen aus geht es dann über den Eücken des Ortstock's, über Geröll- und Trümmerhalden dem Gipfel zu. Dies ist ein ganz leicht zu begehender Weg, wie wir uns auf der Rückfahrt überzeugen konnten, und auf diesem Wege sind wohl alle bisherigen Besteiger von der Glarner Seite aus dem Gipfel beigekommen. Statt diesen, auf der Karte gemessen, weitern Weg zu wiederholen, steuerten wir vom Bockalpeli aus in kürzester Linie der östlichen Felsabdachung des Ortstock's zu, kletterten, ohne viel Umstände zu machen, über die glatten, polirten, ausgewaschenen Felslagen hinauf und erreichten um 121/* Uhr den Gipfel, wo wir sofort die Clubfahne aufpflanzten, was indess wenig zu bedeuten hatte, da sie die ganze Zeit unsers Aufenthaltes in ein fast undurchdringliches Nebelmeer gehüllt war. Die Ascension, die wir ausgeführt, wäre mit einer grössern Gesellschaft, wegen der Schwierigkeit des Felses, unausführbar gewesen. Vor Allem aus sahen wir uns auf dem Gipfel nach Spuren früherer Besteiger um, und wirklich fanden wir in dem Steinmannli eine Flasche und in derselben neben mehreren anderen Gedenkzeddeln von Dr. Simmler, dem ersten Besteiger, J. und C. Blumer, H. Hefti und Anderen eine Notiz von Gamma in Altdorf, also lautend: « Bei gutem Wetter sowohl den Gipfel hier als auch den äussern und zwar so weit man von hier aus sieht, welcher noch nie bestiegen worden als heute, den 9. September 1863 ».

Nach dieser Notiz hätte Gamma, die Bifurkation überschreitend, vom nordwestlichen Gipfel aus ( dem eigentlichen Ortstock ) den südöstlichen ( Blätstock 2704 mbestiegen, eine jedenfalls nicht so leichteAuf der Excursionskarte ohne Namen und Quote; Anm. der Eed.

6 Arbeit; ob er sich mit Recht die erste Besteigung desselben vindizirt, kann Referent zur Zeit nicht beurtheilen.

Wir fügten unsere Karten bei und legten die Flasche an die frühere Stelle. Unser Aufenthalt dauerte nur bis 21/z Uhr, da wir fast immer vom Nebel belästigt waren und keine Aussicht auf Besserung vorhanden war- Die Temperatur variirte zwischen 12V2—2 Uhr von + 8,5 ° bis -j- 8,3 ° C. Diese Ungunst des Wetters hinderte uns an der Ausführung des Programmes, einmal an Ueberschreitung der Bifurkation und sodann an der Auskundschaftung eines Rückweges nach dem Urnerboden. In letzterer Hinsicht kann ein sicheres Prognostikon noch nicht gestellt werden. Referent hat seither wiederholt aus der Ferne die Situation beobachtet und ist der Meinung, dass sich durch ein Kamin, welches den nordöstlichen Theil der Felswand unterbricht, eine Rückzugslinie nach der Fritternalp, resp. dem Urnerboden ziehen Hesse. Zu solchen Entdeckungsreisen aber bedarf es einer günstigen, zuverlässigen Witterung, wie wir sie leider nicht hatten. Die einzige topologische Errungenschaft des Tages bestand demnach in der — wie wir glauben annehmen zu dürfen — ersten Ausführung der directesten Ascension auf den Gipfel vom Bockalpeli aus, welche insofern vom wissenschaftlichem Werthe ist, als sie dem mit Instrumenten versehenen Geologen die gründlichste Ausbeute der massenhaft auf den abgewaschenen Felsplatten zu Tage tretenden, festsitzenden Petrefakten gestattet; mitunter sieht man auch Exemplare lose herumliegen, wie wir denn selbst welche erbeutet haben; für den blossen Montanisten dagegen hat unsere Expedition insoferne Werth, als ihm nun die Möglichkeit nachgewiesen ist, auf entgegengesetzten Seiten auf- und abzusteigen und so den Reiz des Wechsels der Ansichten zu geniessen.

Ueber die Aussicht, die der Ortstock bietet, wollen wir uns nicht verbreiten, da uns eben dieselbe wie das Bild zu Sais verschleiert war, sondern wir bescheiden uns diesfalls, auf den Bericht Dr. Simmler's zu verweisen, der sie seiner Zeit genau beschrieben hat.

Den Rückzug nahmen wir vom trigonometrischen Punkte in kürzester Linie nach der Furggelen, einem Querriegel, welcher zwei Hochthäler von einander trennt, das der Glattenalp und das der Karrenalp. Solche Querriegel, die uns in den Alpen öfters begegnen, gehören zu den interessantem orographischen Erscheinungen, ganz besonders in klimatologischer Beziehung, wo sie immer zwei Gegensätze abschliessen. Die Furggelen streicht zwischen dem Kirchberg und dem Ortstock von Nordwest nach Südost; während nun von Norden her bis auf die Uebergangshöhe ein perennirender Gletscher lagert, sehen wir auf der entgegengesetzten, der Insolation weit mehr zugänglichen südwestlichen Seite im gleichen Niveau Alles schneefrei.

Vom Gipfel des Ortstocks geht der Weg nach der Furggelen über eine Trümmerhalde.Von der Furggelen aus wandten wir uns dem rechten Ufer des Gletschers entlang wieder dem Bockalpeli und der Egg ob dem Euloch zu, auf welcher wir schon um^14 Uhr eintrafen, und wo wir die am Morgen genossene Rast wiederholten. Wir hatten also für den Abstieg vom Gipfel bis hieher blos ak Stunden gebraucht, während wir für den Aufstieg zwischen den gleichen Endpunkten 21/é Stunden nöthig gehabt. Es darf indess nicht unerwähnt bleiben, dass die ausserordentlich vorgeschrittene Verwitterung der Nordseite ein so rasches Vorrücken fast wie in einer guten Alpenweide gestattet.

Um 6 Uhr Abends trafen wir nach einigen kurzen Pausen wohlbehalten wieder in Stachelberg em. Von der Egg aus schlugen wir eine möglichst directe Richtung, zuerst nach dem untern Stafel der Alp Brach und von da dem Brumbach zu, ein, auf dessen linken Ufer wir bei der Schwefelquelle vorbei über den anmuthigen Treppenweg hinunter in das Gehöfte des Bades einmündeten, wo wir für die überstandenen Strapatzen uns gütlich thaten.

Herr Cassier Freuler begab sich noch am selben Abend nach Hause, während der Referent mit den Führern Eimer zur Fortsetzung seiner Excursionen bis am folgenden Tage in Stachelberg verweilte.

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