Der Palü von Süden, 1879

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Von Damiano Marinelli. überseht aus dem Italienischen von I. E. G.

In Pontresina einen Aufenthalt machen, ohne einen seiner prächtigen Berge zu besteigen, würde ungefähr aufs nämliche herauskommen, wie wenn einer nach Kairo ginge, ohne die Ruinen von Memphis zu besuchen oder die grosse Pyramide des Cheops zu ersteigen.

Der grosse Roseggletscher präsentiert sich von hier aus mit seinen zahlreichen, amphitheatralisch sich aneinander reihenden Schneegipfeln, mit der charakteristischen Gestalt des Capütschin in der vollen Würde eines echten Kapuziners, mit dem Sasso d' Entova, mit der Sella und dem Roseg so prächtig, dass der friedliche Wanderer, der keine Lust nach grossen Unternehmungen trägt oder die Alpen in Eile durchhastet, sich damit begnügen kann, dieselben aus der Nähe zu bewundern und weiter zu pilgern, nachdem er das Anmerkung: Marinelli, Mitglied der Sektion Florenz des C.A.I., verunglückte am 8. August 1881 in der Ostwand des Monte Rosa. Mit dem kühnen Ferdinand Imseng aus Saas, der 1872 mit vier Engländern und zwei andern Führern erstmals die Dufourspitze von Macugnaga aus erreicht hatte, und Battista Pedranzini von S. Catarina ( bei Bormio ) wurde Marinelli durch eine Lawine vom Nordend her überrascht und in die schauerliche Tiefe gerissen. An diese Katastrophe erinnern stets die Namen « Imsengrücken » und « Marinellicouloir ». Man beachte auf der nächsten Seite Absatz 2.

Schauspiel eines schönen Aufgangs oder eines unvergleichlichen Niedergangs der Sonne genossen hat.

Wenden wir aber den Blick mehr gegen Süden, in der Richtung des Morteratschgletschers, der, zwischen Chalchagn und Diavolezza gelegen, von Pontresina aus nicht sichtbar ist, so sehen wir einen wunderbar schönen Gipfel wie eine märchenhafte'Erscheinung, zum Himmel aufstreben; er ist bedeckt von einem glänzenden Mantel blendend weissen Schnees, auf welchem die Sonne ihre feurigsten Strahlen widersprühen lässt. Dieser Gipfel mit mehreren Spitzen ist der Palü, einer der hohen Berge der Berninagruppe, der nach Osten hin mit dem Piz Cambrena 3604 m und gegen Westen mit der Bellavista 3927 m, dem Zupò 4002 m, der Crast'aguzza 3872 m und dem Bernina 4055 m zusammenhängt und jenen prächtigen Kranz rings um die vereinten Gletscher von Pers und Morteratsch bilden hilft.

Wer lebhafter empfindet als der Wanderer und die erforderlichen Mittel, Mut, Jugend und Gesundheit besitzt, der muss, über Felsen und Gletscher kletternd, die Gipfel selber erklimmen, um ihre Schönheiten und ihre Schrecken von nahem zu würdigen, und wenn er mit einem Blicke einen unermesslichen Horizont beherrscht, wird Apollo ihm freundlicher lächeln. Und wenn er nicht durch Vernachlässigung der gebotenen Vorsichtsmassregeln oder durch beispiellose Verwegenheit bei seinem Aufstieg zum Olymp die Blitze des hochdonnernden Zeus auf sein Haupt niederzieht in Gestalt von Schneeoder Steinlawinen, oder wenn er nicht in der Tiefe eines Abgrundes die Seele in den Armen Plutos aushaucht, nachdem er den unvorsichtigen Fuss in eine trügerische Spalte gesetzt hat: dann wird er zu seinen Penaten zurückkehren, gestärkt an sittlicher Kraft, im Herzen die stolze Genugtuung, welche uns die Gewissheit verleiht, dass wir uns fähig fühlen, den härtesten Proben uns auszusetzen und dieselben glücklich zu überwinden.

Die Besteigung des Palü gehört nicht zu den schwierigsten, obwohl seine Höhe beträchtlich genug ist und nur um ein Geringes hinter derjenigen seiner Nachbarkolosse zurückbleibt, inbegriffen den Bernina, welcher der ganzen Gruppe den Namen leiht.

Der Gipfel des Palü war nach der Aussage der Führer von Pontresina noch nie von der italienischen Seite erstiegen worden. Dies zu versuchen, hatte für mich, abgesehen von der moralischen Genugtuung, den Zweck, die Aufmerksamkeit unserer Kollegen vom italienischen Alpenclub auf diese mir längst bekannte, doch immer neue und von unsern Italienern viel zu sehr vernachlässigte wundersame Berggruppe zu lenken. Die nahe bevorstehende Errichtung eines Schutzhauses auf dem Scerscengletscher am Fusse des Zupò wird die Besteigung der Hochgipfel, welche den Scerscen- und Fellariagletscher umstehen, wesentlich erleichtern.

Als gehörige Vorübung für die Glieder führe man einige Turen zweiten Ranges in der Umgebung von Pontresina aus, man gehe auf den berühmten Languard, 3268 m, und seinen würdigen Rivalen, den Chalchagn, 3158 m, deren Besteigung auch für mich derjenigen des Palü voranging.

Den 19. August begab ich mich mit Hans Grass und seinem Sohne, den in Pontresina wohlbekannten Führern, nach der Berninapasshöhe.

Halbwegs zum Morteratschgletscher enthüllt sich dieser in seiner ganzen Grossartigkeit und zeigt uns die gewaltigen Gipfel, die ihn von der Sohle bis zum Scheitel umgeben, unter ihnen der Piz Bernina.

Von der Passhöhe stiegen wir zu dem kleinen See della Scala hinab, von wo man auf einem bequemen Fusspfad mit leichter Steigung zur « Baita di Sassai Masone » hinaufgeht. Die « Baita », an der südlichen Flanke des Piz Carale, liegt etwa 2400 m hoch und ist wenig mehr als eine Stunde von der Passhöhe entfernt. Sie ähnelt wegen ihrer runden, kugelförmigen Gestalt den lappländischen Hütten und ist in sehr solidem Mauerwerk ausgeführt und inwendig vollständig trocken. Im untern Gemach findet der Turist ein Bett, Rauchfleisch, Brot, Eier, Hühnchen, dazu eine grosse und doch bescheidene Auswahl von Veltlinerweinen. Das obere Gelass ist zum Gebrauch für den Hirten bestimmt. Viele Fremde kommen während des Sommers hierher, angezogen durch die einzigartige Schönheit der Lage, da man mit einem einzigen Blick das Puschlav mit dem gleichnamigen See, das Tal von Cavaglia, die Gipfel des Val Viola, den Monte Canciano mit dem Pizzo Scalino, die Berge des Veltlin und ganz besonders den Palügletscher in seiner vollen Ausdehnung mit dem wunderschönen Pizzo di Verona 3457 m und die niedrigere Spitze des Palü, unseres Reiseziels, umfasst.

Der Abend war prächtig; die Sonne vergoldete bei ihrem Untergange die weissen Gipfel mit Rosenglut, während kurz nachher der Mond sie mit melancholischem Lichte übergoss.

Den 20. August gegen 5 Uhr morgens — eine für erfahrene Alpinisten zu späte Stunde — verliessen wir die « Baita » und zogen den abschüssigen Hängen des Piz Carale entlang, indem wir rasch zum Palügletscher abstiegen. Die Seraks erklommen wir ungefähr in der Mitte bis auf die Höhe der sehr breiten Einsattelung des, ich weiss nicht warum, sogenannten Passo di Gambre1 ). Der Gletscher ist sehr steil und weist zahlreiche und verworrene Spalten auf. Um diese zu passieren, waren wir häufig genötigt, sie zu überspringen oder, wenn ihr Schlund zu gähnend war, sie zu umgehen. Ein Gemsbock, offenbar erschreckt durch unsere Anwesenheit, eilte ganz nahe bei uns vorbei in halsbrecherischem Laufe abwärts und zeigte uns mit seinen Akro-batensprüngen, wie man Hindernisse, welcher Art sie auch seien, überwinden muss. Gestehen wir es indessen offen: obwohl wir mit bestem Willen, im Aufsteigen natürlich, das Beispiel des zierlichen Tierchens nachzuahmen versuchten, waren wir weit davon entfernt, es ihm an Geschicklichkeit und Schnelligkeit gleichzutun.

Als wir auf dem Passo di Gambre angelangt waren, befanden wir uns über einem weiten Schneefeld, das von den Spitzen des Zupo, der Verona, des Sasso Rosso, der Bellavista und des Palü eingeschlossen ist. Es ist das der obere Teil des Fellariagletschers, der weiter unten in Eisabstürzen von erschreckender Steilheit abbricht und bis zu den Alpen und armseligen Hütten von Fellaria und Gambre2 ) unterhalb des Passes von Verona hinunterreicht.

Ein Felssporn, welcher von dem tiefern Gipfel des Palü ausgeht ( in der Richtung gegen Süden ) und auf jenes Schneefeld, das wir Passo di Gambre genannt haben, ausmündet und mit dem Gipfel der Verona zusammenhängt, bildet die politische Grenze zwischen Italien ( Val Malenco ) und der Schweiz resp. dem Tal von Puschlav. Dieser felsige Ausläufer, zum Teil mit Schnee und Eis bedeckt, scheint uns, da er nicht gar zu steil ist, auch der kürzeste und leichteste Weg, um die niedrigere Spitze zu erreichen. Was uns aber hauptsächlich dazu bestimmte, diesen Weg einzuschlagen, war der Umstand, dass der besagte Piz Palü, der einen langen Felskamm mit einer Reihe aufeinanderfolgender Zacken bildet, den man in seiner ganzen Länge überschreiten muss, uns nicht nötigte, den Weg nochmals zurückzulegen, um es uns auf seinem höchsten Gipfel wohl sein zu lassen.

Nachdem wir die oben erwähnte Zacke nach einem kurzen Frühstück ohne weiteres Zaudern in Angriff genommen hatten, überwanden wir ohne ernste Schwierigkeiten eine steile Eiswand, in deren Mitte eine weite Spalte gähnt, von wo wir über rauhe Felsen und Schneebänder in weniger als einer Stunde und ohne einen Halt zu machen, auf den niederem Gipfel des Palü, 3889 m, gelangten, wo wir das unvermeidliche Steinmannli vorfanden.

« Sieh da, der Monte Rosa! » schrie Grass. In der Tat, zwischen den nahen Gipfeln der Crast'aguzza und des Bernina sah man in weiter Ferne, einem Traumgebilde gleich, den einzigartigen Monte Rosa mit seinen zahlreichen Gipfeln in das Blau des Himmels tauchen. Nicht weniger überraschend, obwohl von ganz anderer Wirkung, war der Ausblick auf die nachbarlichen Riesen des Bernina und des wunderschönen Monte della Disgrazia. Die Berner Alpen verbargen sich zum Teil hinter den Spitzen des Bernina und des Morteratsch; nicht so verhielt es sich jedoch mit den Graubündner, Bayrischen, Tiroler, Venetianischen, Bergamasker und Veltliner Alpen, über die das Auge mit Behagen schweifte, sie einlässlicher Musterung unterziehend.

Wir setzten uns wieder in Marsch, nachdem ich meine Visitenkarte den Namen derjenigen beigefügt hatte, welche vor mir diesen Berg erstiegen haben. In langsamem Gang erreichten wir sodann den höchsten Gipfel des Palü, 3912 m.

Der lange und schwindelerregende Kamm weist nach beiden Seiten, besonders aber gegen den Persgletscher hin, entsetzliche Gehänge, die fast senkrecht auf die unten liegenden Gletscher abstürzen, in einer Höhe, die zwischen 3400 Meter auf der italienischen und 2700 Meter auf der Schweizerseite variiert. Die Wände sind weiss, und ungeheure Eismassen, die sich öfters mit donnerähnlichem Gepolter loslösen, sind wie durch Zauberkraft an den Bergflanken angeklebt. Immerhin schien mir der Anstieg von der südlichen Seite ( selbstverständlich von den beiden Enden des Kammes abgesehen ) an mehr als einem Punkte praktikabel.

Die Schneide ist zum guten Teil mit Schnee bedeckt, aber die zahn-förmig ausgezackten, nackten Felsen erheischen ein unausgesetztes Klettern. Schwierigkeit oder Gefahr ist keine vorhanden, wenn die Bergsteiger, durch das Seil auf die vorgeschriebene Distanz verbunden, vorwärts marschieren, mehr oder weniger auf der italienischen Seite der Kante, um der enormen Schneegwächte aus dem Wege zu gehen, die, nach Norden gerichtet, unter ihrer Last weichen und sie in die Tiefe stürzen könnte, wie das im Jahr vorher Hans Grass und einigen Bergfahrern beinahe passiert wäre.

Nach einstündigem Marsch auf diesem Kamme steigt man nach dem Bellavistapasse hinab, einer leicht zugänglichen Einsattelung, welche die Gletscher der beiden Bergseiten verbindet.

Von diesem Bergsattel bis zur Bovalhütte, die am Ausläufer des untern Teils des Morteratschgletschers, nahe an des Nordostecke des Bernina gelegen ist, galt es nun einen langen Abstieg über einen sanft abfallenden Felsgrat, der den genannten Gletscher von seinem Nachbarn, dem Persgletscher, trennt. Weitere Schwierigkeiten, aber nicht bedeutender Art, bieten sich nur an einigen Felsbändern, wie z.B. bei der Fortezza. Weiter unten, bevor man die Isla Pers erreicht, findet man Gelegenheit, eine lange Rutschpartie zu machen, ein Vergnügen, das die Bergfahrer so sehr lieben. In der Bovalhütte traf ich unversehens mit dem Fürsten und der Fürstin von Teano zusammen. Nachdem ich mich einige Zeit mit diesen leidenschaftlichen Alpinisten unterhalten hatte, kehrte ich nach Pontresina zurück.

Feedback