Der Petit-Raimeux-Westgrat

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Eine Kletterei im Berner Jura. Von Max Maglin x ).

Der Grat hat eine Länge von etwa 2 Kilometern. Der Höhenabstand vom Ausgangspunkt bis zu seinem Ende beträgt allerdings nur 570 m. Dagegen weist er etwa 25 markante Hindernisse auf, deren Überwindung oft grosse Anforderungen an den Kletterer stellt und bisweilen den Schwierigkeitsgrad berüchtigter Kletterstellen in den Hochalpen nicht nur erreicht, sondern eher noch überbietet. Allerdings fällt hier die unberechenbare Exponiertheit fast ganz weg, mit der Vereisung ist nur den Winter über zu rechnen, und da der Sauerstoffgehalt der Luft unvermindert gleich bleibt, ist die Anforderung an Lunge und Herz eine ungleich geringere als dort. Weder läuft man hier Gefahr, sich zu verirren, noch kann einem der plötzliche Witterungsumschlag zum Verhängnis fallen. Dennoch, an den physischen Leistungen gemessen, nötigt der Westgrat des Petit Raimeux dem Kletterer erheblich grössere Anstrengungen ab als z.B. eine Matterhornbesteigung über den Hörnligrat. Dabei ist der ganz bedeutende Faktor, dass das Klettern im bald brüchigen und wieder polierten Kalkfels höheres technisches Können verlangt und die Körperkräfte weit mehr in Anspruch nimmt als die kristallinen Gesteine, noch gar nicht berücksichtigt.

Ohne Zweifel, der Petit Raimeux besitzt die hervorragenden Qualitäten eines wirklichen Kletter berges. Freilich, er entbehrt in Form und Gestalt der herausfordernden Kühnheit alpiner Gratzüge; die Felsen haben sich selbst mit Strauch und Baum geziert, und seine Flora gemahnt keineswegs an die Regionen des ewigen Schnees. Trotzdem, von wo aus immer der Beschauer in seinen Linien forscht, wirkt er imponierend, hält er den Wanderer, der durch die Klüsen von Moutier schreitet, mit seinen drohenden Felsstürzen befangen. Frühmorgens, wenn er die ersten Sonnenstrahlen erhascht, blinken die Kalkflühe mutwillig über den schweigenden Bergwald hinweg. In den düsteren Steilwänden beginnt es lebhaft zu werden, die Licht- und Schattenwirkungen verraten uns Gesimse, Quergänge, Couloirs, Bänder und Risse. Da wird man des Schauens nie müde, denn fortgesetzt, je nach Bestrahlung, ändert sich das Bild, wird anziehend und wieder abweisend in wechselnder Folge. Und wenn wir abends nach der glücklichen Kletterfahrt über die Plateaux des Mont Raimeux zurückpilgern, werden wir von den Emporen des gewaltigen Felszirkus nochmals Ausschau halten und ausharren bis zum Sonnenuntergang. Dann beginnen die scharf umrissenen Schlagschatten am Petit Raimeux ihre Säume einzuziehen zum Zeichen, dass das Schauspiel beginnt.

Was ist 's? Wahrhaftig 1 Da und dort an den äussersten Eckpfeilern entzündet sich ein Funke, Glutbrände lodern empor, und plötzlich scheint das gigantisch aufgetürmte Felswerk, dessen Bastionen wie Flammenzeichen die Grathöhe überragen, von innen heraus purpurn zu leuchten. Zinnen, Bänder, Runsen, Scharten, Plattenschüsse, alles, alles, selbst Baum und Strauch, jeder Zweig und jedes Blatt, alles ist in die Flammenglut getaucht. Und wie jede Einzelheit so deutlich erkennbar ist! Der Widerschein teilt sich für Augenblicke bis zu uns herüber mit. Nach und nach verliert das Feuer seine Kraft, als würde es von den Steilwänden aufgesogen, und schliesslich verglimmt der letzte Schimmer. Aus den tiefen Klüsen kriecht scheu und finster die Nacht herauf, den nunmehr farblosen, trauernden Steinmauern Unterschlupf gewährend.

In empfänglichen Seelen hinterlässt ein Naturschauspiel von so seltener Wucht und Schönheit einen nachhaltigen Eindruck.

Schweigend steigen wir zu Tal.

Staunend und sinnend haben wir nach einer Erklärung gesucht. War's tatsächlich Wirklichkeit oder ein feenhaftes Traumbild? Vielleicht war der Anblick doch nur deshalb ein so überwältigender, weil sich vor uns ein ganz einfacher Vorgang in der Natur abwickelt. Das ist es ja, je inniger wir uns mit der Natur verbunden fühlen, um so herrlicher offenbart sie uns ihre Wunder.

Allgemeines.

Der besondere Vorzug des Aufbaues des Petit Raimeux besteht wohl darin, dass man die Kletterroute nicht schon vom Gratausläufer weg zu verfolgen braucht. Sie kann überdies beliebig unterbrochen und jederzeit überhaupt verlassen werden; übrigens erlauben gerade die schwierigeren Stellen deren bequeme Umgehung.

Die Routenbeschreibung bezweckt keineswegs, den Westgrat seiner bisherigen Bestimmung zu berauben. Möge er weiterhin der Übung und dem Training dienen. Es wäre sinnlos, die nachfolgenden Ausführungen so aufzufassen, als ob nur dessen Leistung Geltung hätte, der in einem Zuge über alle Höcker hinweg den höchsten Punkt erreicht. Aus diesen Erwägungen heraus kann auch darauf verzichtet werden, die Gehzeiten anzugeben. Es VIII1 i sollen da keine Wettläufe veranstaltet werden. Jeder möge entsprechend seinen Kräften und Fähigkeiten, unbekümmert um das, was andere tun, nur dort und nur so lange sich betätigen, als sie frisch und hinreichend genug sind. Die Überanstrengung beeinträchtigt den Genuss und erhöht zugleich die Gefahr, wie es auch unklug ist, aus blosser Ehrsucht und Rekordlerei Leben und Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Anderseits wäre es unkameradschaftlich, ja sogar geschmacklos, Personen verächtlich zu machen versuchen, die das Klettern « noch nicht los haben » und deshalb « die Trauben zu sauer fanden ». Wer der Versuchung dennoch zu unterliegen droht, möge sich jeweilen seine eigene Unbeholfenheit und Ängstlichkeit, die ihm bei der ersten Begehung anhaftete, vor Augen halten. Übrigens ist es ja so, dass sich die « Neuen » oft sehr viel zumuten und sich bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit hinauswagen.

Unter der Voraussetzung, dass konsequent alle Hindernisse, sofern sie als Gratverlauf in Betracht fallen, bewältigt werden, diene als Zeitmass, dass am « Belvédère » das erste, mit dem « Querriss » das zweite und am « Signal » das letzte Drittel zurückgelegt ist. Die erste Etappe reicht nicht nur distanzlich am weitesten, sondern schliesst auch die Überwindung der grössten Höhendifferenz in sich, und die zu leistende Kletterarbeit ist eine ganz erhebliche. Dass nachher, im zweiten und besonders im dritten Teil, die Summe der Leistungen mehr Zeit in Anspruch nimmt, ist von Natur aus begründet. Dabei fällt noch sehr in Betracht, dass, je länger sich die Kletterei hinauszieht, die Sonne um so höher steigt und dem Turisten alsdann das Arbeiten im glühenden Fels unheimlich zusetzt. Aus diesem Grunde wird man sich in den Sommermonaten recht früh auf die Socken machen. Dann darf man sich schon einen träfen Witz erlauben über die Siebenschläfer, die da in der Nachmittagsstunde keuchend und schwitzend zum « Signal » hinaufkommen, während man selbst schon lange unter dem schattigen Blätterdache ausruht.

Der Aufstieg.

a ) Von der Strasse zum « Belvédère ».

Durch die Klüsen sind wir von Moutier birsabwärts in einer Viertelstunde zur « Combe du Pont » gelangt. Unsere Kameraden haben den Zug in Roches verlassen, sie waren deshalb etwas früher zur Stelle und schicken sich bereits an, die grosse Platte in Angriff zu nehmen, über welche sich kühn und trotzig der Grat aufschwingt.

Gemächlich, denn zu Beginn einer Tur eilt man nie, steigen wir rechts den hohen Schutthang hinan. Die Wegspur verliert sich in den Holzschlipfen der engen « Combe »; wir biegen nach links ab zum Einstieg. Zum Zwecke der gegenseitigen Unterstützung und des moralischen Haltes wegen verbinden wir uns durch das Seil. Die dem Rucksack entnommenen 20 Meter reichen für unsere Bedürfnisse aus.

An der untern Begrenzung der grossen Platte zieht sich, massig ansteigend, ein mit Stauden und Bäumchen bestandenes Band hin: « La Vire Peuto ».

Die Begehung ist einfach, und das Band ist von fallenden Steinen nicht gefährdet, wie das mitunter in den höher gelegenen Quergängen, die sonst aber keine wesentlichen Schwierigkeiten bieten, zutrifft.

Dann steigt man über den obern Plattenrand aufwärts und kommt, etwas links haltend, zur « Grotte », deren Vorsprünge und Auswaschungen zum Aufstieg benützt werden. Etwas oberhalb weist der Ausläufer des « Petit Raimeux » zwei parallele Gratrippen auf. Wir überklettern die zur « Combe » abfallenden Felsen, und da gibt uns ein aufgesetzter Block schon einiges zu tun. Nach kurzer Unterbrechung setzt sich der Grat wieder fort und lässt uns gleich am « Rillenblock » unsere Kletterfertigkeit ausprobieren. Der geneigte, etwas vorspringende Scheitel bietet vorerst nur der linken Hand einen zweckdienlichen Griff, während die ausgestreckte rechte sich an die Kante presst und so, unter Ausnützung der Reibung, der Körper hochgezogen wird. Die nun folgenden Partien weisen keine nennenswerten Hindernisse auf. Man gelangt auf ein kurzes, ebenes Gratstück. Über den Steilstürzen zur Linken zieht sich der Grat wieder aufwärts und endigt vorläufig in einem zweiten, schwierigen, nach Westen abfallenden Block. Seine von oben gesehene Form und die Gefährlichkeit der Lage haben ihm die Bezeichnung « Le Cercueil » eingetragen.

Wer seiner Sache nicht sicher ist, unterlasse die direkte Überkletterung und drücke sich an dieser Stelle sonstwie vorbei. Wir biegen nun in die Südflanke hinüber in eine steile, aber eben recht gestufte Platte, das « sonnige Wändli » und nachher über leichte Felsen zur « Hühnerleiter », eine Rinne, die Griff und Tritt zur Genüge aufweist. Damit erreicht man den eigentlichen Westgrat. Der Rückblick in die Klüsen lässt vermuten, man hätte schon ganz Tüchtiges geleistet. Jedenfalls sind über 200 Meter an Höhe gewonnen worden. Das wird besonders augenscheinlich, als das Dörfchen Roches schon tief unter uns liegt. In luftiger Höhe spaziert man auf der Gratschneide « La Promenade », die wie gewünscht das Ausschnaufen gestattet und beidseitig eindrucksvolle Tiefblicke bietet. Mit kindlicher Freude verfolgt man den Eisenbahnzug, der in elegant geschwungenen Kurven durch Roches zieht und donnernd in den Galerien der Klüsen verschwindet. Manchmal führt er welche mit, die Bescheid wissen, und dann wechseln für Augenblicke die Grüsse herauf und hinab. Die « Promenade » erinnert an die Wälle der mittelalterlichen Festung. Hier hat die Natur ein ähnliches Verhältnis geschaffen. Ein gewaltiges Vorwerk, « Le Bastion », versperrt das weitere Vordringen.

Der direkte Anstieg über fast senkrechte, etwa 10 Meter hohe Felsen mit einer zugleich griffarmen und äusserst exponierten Traverse ist unbestritten die schwierigste Kletterei am ganzen Grate. Nicht weniger ist man beim Aufstieg links, in der Nordflanke, ausgesetzt. Hat man jedoch die Ausbauchung oberhalb des untersten sichern Standortes bezwungen, so findet man alsdann genügend Halt.

Mag indessen eine Burg noch so abweisend sich gebärden, eine verwundbare Stelle haftet ihr allemal an. Hier dringt man am besten über die Südflanke ein. Wer auch diese, übrigens gut gestufte Wand scheut, kann den Promenadenweg fortsetzen. Allerdings dann auch unter Verzichtleistung auf die Genüsse, welche ein « Canapé » zu bieten vermag.

Das unsere weist jedoch nur eine Möglichkeit auf; aber auch auf der Traverse unter dem wuchtigen Überhang wurde schon allerlei Ergötzliches erlebt. Ächzend und pustend schiebt man sich duckend auf schmalem Bande zu einem keilförmig verklemmten Blocke und, auf dessen Festigkeit vertrauend, turnt man ob der schüssigen Platte hinüber zu einem Buckel, der den Ausstieg vermittelt1 ).

Gleich darauf nehmen uns zwei steile und ordentlich exponierte Felssätze, « Les Rochettes », nicht minder intensiv in Anspruch. Den Zugang vermittelt ein als Brücke dienender Block. Die spärlichen Griffe bieten gerade den Fingerspitzen noch einigen Halt, und weil die Schuhe an der gescheuerten Platte abrutschen, muss man mit den Knien der Aufwärtsbewegung nachhelfen.

Das wenig ansteigende Gratstück bricht nun plötzlich etwa 6 Meter ab zur « Brèche ». Entweder benützt man zum Abstieg die Kante oder die Rinne daneben, wo die Stützpunkte ausgeprägter sind 2 ).

Jetzt stehen wir unter der respektablen, etwa 18 Meter hohen « Heide-wand ». Von Roches aus gesehen, erscheint sie unersteigbar. Ihre sichere Erkletterung wurde erst dann möglich, als Freund Christen die Spur eines bereits vorhandenen Griffes zweckmässig vertiefte. Für den Einstieg kommen zwei Möglichkeiten in Betracht. In jedem Falle setzt die Inangriffnahme einige Kletterfertigkeit voraus. Entweder erklimmt man, wie das hier im Bilde festgehalten ist, unter Ausnützung der vorhandenen Risse die aufstrebende Platte, oder man steigt gleich aus der « Brèche » in die erste Stufe und hüpft je nach gegebener Körperlänge 30—50 cm in die Höhe, um von den beiden Auswaschungen die obere, kleinere als ausgezeichneten Griff zu erlangen, steigt bis dort hinauf, fasst mit der Linken ganz unten das rechtsstehende Bäumchen und schwingt sich hinüber Richtung Rinne. Das weitere Fortkommen ergibt sich dem Kletterer von selbst. Ungefähr in der Mitte der Wand befindet sich eine Nische, die « Rückblicke » und « Ausblicke » gewährt. So ein bisschen Abregung schadet nichts, denn die jetzt folgende lotrechte Felspartie muss mit Überlegung und Kaltblütigkeit in Angriff genommen werden. In zweckmässig verteilten, wie eigens dazu geschaffenen Auswaschungen findet man vortrefflichen Halt und Stand. Der ausgestreckten Rechten bietet sich ein famoser Griff dar, während die Linke vergebens nach so etwas sucht: nur höher greifen, noch höher, ganz ausstrecken, zieh dich doch mit dem rechten Arm etwas an, und du erreichst ihn, den « Christen-griff ». Jetzt zieht man den hängenden Körper meterhoch hinauf und turnt rechts hinüber in weniger geneigte, aber etwas lose Felsen.

Regelmässig nach einer besonders grossen Anstrengung gönnt einem der Petit Raimeux wieder etwas Ausspannung. Das Dörfchen Roches entschwindet jetzt unsern Blicken, weil zur Linken, parallel mit dem unsern, ein zweiter Grat den Waldhang überragt. Unsere Kameraden hatten bei der « Bastion », die Hindernisse umgehend, den Weg in die Südflanke eingeschlagen. Am « Bison », einem mächtigen Blockhaufen, der nach Süden gewichtig in die Wand hinausdräut, steigen sie bereits über die treppenartigen Stufen. Jenseits fällt er in einer Steilstufe ab: « Le Saut du Loup ». Eine kräftige Föhre geniesst hier das Ansehen eines Abseilpflockes. Aber es geht auch sonst. Unser Kamerad tritt jetzt auf den nächsten deutlich sichtbaren Absatz, greift dann mit beiden Händen dort an, wo jetzt noch der linke Fuss steht, und lässt sich aushängen.

Damit befinden wir uns in der zweiten Scharte 1 ). Jedoch der dem « Saut du Loup » gegenüberstehende Turm ist ohne tüchtige Seilhilfe nicht zu bezwingen. Leicht überhängend und fast grifflos, weist er jede Zudringlichkeit ab. Wir lassen ihn deshalb rechts liegen und klettern über das « Dromedar » zur Basis des « Belvédère ». Ohne technische Hilfsmittel wäre die Ersteigung dieses Grataufschwunges unmöglich. Dem Hindernis wurde gewöhnlich nach links in den Wald ausgewichen; da jedoch von hier weg der Grat auf einer Länge von 250 bis 300 Meter einen zusammenhängenden, hohen und nach Norden ausladenden Überhang bildet, konnte die Gratkletterei erst bei den « Zwecklosen » wieder fortgesetzt werden. Beharrliche Kletterer haben sich deshalb in der Südflanke den Aufstieg durch das Couloir gesucht. Dieses zu begehen ist nicht jedermanns Sache. Darum war die Anbringung der Eisenstifte durchaus gerechtfertigt, und die Raimeuxfahrer sind dem S.A.C. Prévôtoise herzlich dankbar für die geleistete Arbeit.

Lustig geht 's nun hinauf über die solide Stiftenleiter zum « Belvédère », wo wir uns eine verdiente Rast gönnen.

b ) Vom « Belvédère zum « Querriss ».

Nach etlichen Schritten erreichen wir ein Felsköpfchen, von wo aus die « Via mala » überblickt wird.

Aus tiefem Waldgrunde stösst ein massiger, nach Norden überhängender, in der obera Partie zerrissener Felsturm empor. Er kann auf der Südseite umgangen werden. Der direkte Anstieg weist nach dem ersten Absatz eine ganz schwierige Stelle auf. Sie ist der Ausgesetztheit wegen auch gefährlich, weshalb die Seilsicherung von oben nicht unterlassen werden soll.

Wer sein Heil in der Felsspalte sucht, kann nur unter Aufbietung der äussersten Kräfte hochkommen. Sind sie nicht hinreichend genug, so erfolgt unabwendbar ein Abgleiten über den hohen Überhang. Man meidet deshalb besser die Spalte und geht wie folgt zu Werke.

Während die rechte Hand einen praktikablen Griff in der Felsspalte erfasst, steigt der rechte Fuss auf den kleinen Sporn an deren Basis. Die Linke findet draussen und weiter oben einen Halt. Sobald man sich nun anzieht, pendeln die Füsse gegen den Überhang hinaus. Wer in dieser Hal- tung den Klimmzug rasch und sicher auszuführen vermag, erwischt die Kuppe der Mauer oder ein Kieferbäumchen daneben. Sonst aber wird er, da ein Rückzug nicht gut möglich ist, unweigerlich abgeworfen. Der weitere Aufstieg vollzieht sich in griffsichern Felsen. Der zweite, obere Aufsatz bietet keine besondern Schwierigkeiten, es sei denn, man benütze den Riss auf der Südseite.

Die nächstfolgende Kletterei gehört nicht eigentlich zum Grate selbst. Sie spielt sich in der Südflanke ab, verspricht aber einen ganz besondern Genuss: « Die Christentraverse ».

Aus einer geringen Einsenkung führt der Grat zu einem Turm empor, um dann für einige Schritte wieder horizontal zu verlaufen. Hierauf steigt man südwärts durch einen schmalen Kamin hinab, traversiert an seiner Basis zum folgenden hinüber und gewinnt durch diesen und über eine schüssige Platte den Grat wieder.

Hier vermittelt ein breites Band, die « Nordpassage », den Ausstieg nach Norden in den Waldweg. Der Felskamm dagegen schwingt sich etwas auf, und es folgen leichte, gestufte Felsen, die « Zwecklosen ». Dann verläuft der Grat horizontal und steigt zu einem freistehenden Felsen auf. Zur Überkletterung leistet rechts ein Baum gute Dienste. Wer aber ohne Hilfsmittel arbeiten will, der gehe links hinan. Dem von Ästen und Gestrüpp bewehrten Grate folgend, gelangen wir zum « Scharfen Egg ». Beim Hinabgleiten sucht man mit Vorteil sich nach Süden auszuschwingen. Wir kommen nun zum « Pic André ». Ob die Form des obersten Felsens mit dem Gesichtsausdruck irgendeines André identisch ist und deshalb der Turm nach ihm benannt wurde, weiss niemand zu sagen.

Der einfachere Aufstieg führt durch den Kamin. Doch ist es zweckmässig, sich nicht zu sehr in die Kluft hineinzuzwängen, da Griffe und Tritte ausserhalb derselben ein freieres und weniger anstrengenderes Aufwärtsklettern gestatten. Schwieriger dagegen ist der Aufstieg über die Kante links. Sie ist leicht überhängend, und es erfordert besonders die Überwindung des zweiten Absatzes viel Kraft und grosse Geschicklichkeit.

Der ebene Gratverlauf wird abermals durch einen Einschnitt unterbrochen. Ein steiles Couloir zieht sich tief hinab in die « Combe ». Wir wenden uns der « Gspaltenfluh » zu.

Richtig, zur Linken hat sich ein grosses Stück abgetrennt. Dort bietet sich eine Aufstiegsmöglichkeit. Man durchklettert den Riss, dringt auf ein Band in der Aufstiegsrichtung vor und erklimmt schliesslich, nicht ohne Schwierigkeit, die steile Fluh. Weniger mühsam erreicht man das Ziel über den « Weiten Tritt », vorausgesetzt, dass man diesen hinter sich bringt. Da ist schon mancher abgeblitzt. Der Gleichgewichtsverlust an der glatten Wand könnte ein Hinauskollern über die Steilstürze zur Folge haben. Deshalb lässt sich der Vorausgehende von seinem unterhalb stehenden Begleiter dadurch sichern, dass der letztere das Seilende anzieht, das man vorher nach oben über einen Wurzelstrunk geworfen hat. Nach dieser Vorbereitung begibt sich der Vordermann zur geeigneten Stelle, von wo aus der « weite Tritt » in die Nische getan wird. Während die linke Hand das Balancierstück unter Ausnützung der zwar winzigen Griffe unterstützt, greift die ausgestreckte rechte hinauf an die Kante und erfasst denjenigen Halt, welcher zugleich dem Unterarm eine vorteilhafte Stütze bietet. Nun gleitet die Linke hinüber, hält sich oberhalb der Rechten fest — Fusswechsel in der Nische und Klimmzug — alles in rascher Folge. Der weitere Aufstieg ergibt sich von selbst.

Jetzt bereite dich zu einem weitern Kletterstücklein vor. Der « Finger-spitzer » macht es einem sofort begreiflich, dass er diese Bezeichnung nicht umsonst erhalten hat. Den ersten Griff erlangt man mühelos, besonders da der linke Fuss noch etwas mithelfen kann. Wie du aber zum obern Griff ausreckst, riskierst du, den Tritt zu verlieren. Das ganze Gewicht muss in diesem Momente von den Fingern der linken Hand gehalten und auch noch hochgezogen werden, damit die rechte höher greifen und den von unten unsichtbaren Felsspalt erhaschen kann.

Nun führt der Weg ab und auf über den teilweise bewachsenen Grat. Als nächstes Hindernis folgt der « Querriss ». Der direkte Anstieg ist der grifflosen und exponierten Felsen wegen sehr schwierig. Etliche Anstrengungen zwingt einem das Durchklettern des Risses von der Südseite her ab. Das unterste Stück bietet wenig Haltepunkte, und das Verstemmen der Füsse in der engen Felsspalte kann zum Verhängnis werden, da sie die Unart hat, sich an den Schuhen eigensinnig festzubeissen. Der Aufstieg zur Linken ist frei von derlei Widerwärtigkeiten und auch sonst mit geringerer Mühe auszuführen.

c ) Vom « Querriss » zum « Signal ».

Gleich oberhalb des « Querriss » nimmt uns ein Felshöcker in Anspruch, « La Bosse ». Dem seitlichen Angriff setzt sie weniger Widerstand entgegen als der direkten Überkletterung. Jetzt drückt « La Bourrique » ihren Schinder-rücken über den Grat hinaus. Statt von links her aufzusitzen, schwingen wir uns direkt auf die Kante und turnen rittlings über sie hinweg.

Nachdem wir noch zwei oder drei Felsabsätze hinter uns haben, steigen wir am « Känzeli » in eine Scharte ab. Die entsprechende Schichtung der Felsen ist für das Abwärtsklettern nicht gerade günstig. Jedoch mit etwas Geschicklichkeit bringt man sich rasch und sicher durch.

Den Parallelgrat zur Linken lassen wir liegen. Wir verfolgen den südlichen, damit wir am « Katzensprung » nicht unbesehen vorbeiziehen. Die bescheidenem Raimeuxfahrer verzichten gewöhnlich darauf, diese an ihren Kuppen etwa zwei Meter offene Kluft zu überspringen und steigen deshalb in sie ab. Hoch über den Steilwänden auf gangbaren Felsen abermals in einen Einschnitt. Daraus strebt der « Nonnenkopf » empor. Die scheinbar schwierige Stelle erweist sich als durchaus harmlos, ob man nun von vorne oder von links anpackt. In beiden Fällen ist immer ein Bäumchen bereit, sich nützlich zu erweisen.

Dem Grate folgend, werden wir nun gewahr, dass der Petit Raimeux ganz unvermittelt alpinen Charakter annimmt: Steilstürze von imponierender Wucht, ein messerscharfer Grat jenseits, dazwischen ein schluchtartiges Felsentor, über welchem ein abgestürzter Block ruht, das ganze Massiv zerrissen, auseinandergesprengt und zerspalten bis ins Berginnere.

Eine Felskluft vermittelt den Abstieg. Nordwärts erreicht man, sich in der Spalte selbst verstemmend, die Kante einer aufrechtstehenden Platte, auf welcher hinabgeglitten wird. Wir turnen, den Rücken gegen den Riss stemmend, auf der Südseite ab, bis zu einem eingeklemmten Felsklotz, queren dann in der Gratrichtung zur Einsattelung hinüber und dringen vorsichtig zum äussersten Punkt hinaus, einer nach dem andern, denn viel Raum ist nicht vorhanden, und die abgestandenen, von Wind und Wetter gebleichten Stämmchen zweier Kiefern sind tunlichst unberührt zu lassen. Der einzigartige Tiefblick verrät uns, dass wir uns auf dem « Philosoph » befinden. Es sind an die 30 Meter, die er sich über seiner Basis erhebt. Dazu neigt er sinnend vornüber. Unendlich schwierige Probleme scheinen ihn seit grauen Zeiten zu beschäftigen, bis er selbst das grosse Geheimnis seiner Umgebung wurde. Da kam die muntere Schar der Kletterlustigen. Sie setzten sich respektlos hinweg über die Grübelei des grossen Unbekannten. Lachend werfen sie das Seil aus, 25 Meter, jawohl, das reicht bis zum ersten Satz. Einer nach dem andern schwingt sich, dem verlässlichen Seil vertrauend, hinaus ins Nichts und gleitet ob dem Überhang hinab bis zu einer stark geneigten Platte, welche den Ausstieg ermöglicht* ).

Wer solcher Turnerei abhold ist, geht in die Einsattelung zurück und steigt nordwärts über ein 3 Meter hohes, plattiges Wändli ab. Mit dem doppelten Seil, das etwas oberhalb um einen zwar nur wenig vorstehenden Felszahn gelegt wird, lässt man sich ohne Schwierigkeiten hinabgleiten. Es gilt nun, an die Basis des « Matterhorngrälli » oder « Lüdinsäge » zu gelangen. Zu diesem Zwecke steigt man aus der Vertiefung, in der man sich befindet, nordwärts etwas hinauf und findet dann, rechts haltend, den geeigneten Abstieg, der den Übergang zum « Matterhorngrätli » vermittelt. Dieses zerfällt in zwei Teile. Der untere, einer aufstrebenden Bretterwand ähnlich, steil und scharfkantig, jedoch griff sicher. Schon auf dem ersten Absatz ein Ruhepunkt und so fort, wie eben eine Säge abwechslungsweise Zinken und Scharten aufweist. Nun gelangt man zu einem Felskopf, der den vorläufigen Abschluss bildet. Die Seilkameraden rücken bis zu diesem Punkte nach, denn für den zweiten Teil benötigt man die ganze Seillänge.

Der Übergang vom Grat in die steilen Plattenschüsse ist eine schwere und zugleich schwierige Aufgabe. Um sie sicher zu lösen, setzt man den linken Fuss auf die Kuppe des Felskopfes, ergreift dann, indem die Kerbe überspreizt wird, mit der rechten Hand weit ausreckend einen ausgezeichneten Griff und, indem der linken die Beibehaltung des Gleichgewichtes zufällt, zieht man sich empor. Jetzt sucht man mit Vorteil die Griffe links an der Kante und steigt, nachdem die grösste Steilheit überwunden ist, beruhigter zum obersten Absatz. Hier kann man über zwar brüchige Felsen aussteigen, sicherer jedoch weicht man diesen nach rechts aus.

Über den Felskopf klettert man jetzt in eine Gratunterbrechung ab und steigt hinunter, westwärts in die « Schlucht ». Der kurze Rückweg lohnt sich wohl. Feuchte Kühle umgibt uns. Zwischen Gesteinstrümmern und Baumleichen gelangen wir zum Felstor. Da erscheint in dessen düsterer Öffnung der « Philosoph », weltfremd, bleich und stumm. Der wogende Bergwald hat sich scheu zurückgezogen und den Einsiedler in hoffnungsloser Vereinsamung allein stehengelassen. Hier die Überreste wüster Zerstörung, im Hintergrund rauschendes Blättergrün. Ein kontrastreiches Bild, das dieser wunderliche Rahmen einschliesst! Wir ahnen das geheime Walten der Natur, den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens.

Zu unsern Säcken, die wir oben am Grate ablegten, zurückgekehrt, erreichen wir nach wenigen Schritten den « Delsberger ». Hier wiederholt sich an ganz ungefährlicher Stelle, jedoch im grössern Massstab, was wir bereits am kleinern Objekt beim « Fingerspitzer » und bei der « Bosse » geübt hatten. Der Steinbauch ist jetzt viel mehr unterhöhlt, die Griffe noch späilicher als dort, und die obern Halte fast nicht zu erwischen. Besonders aber fällt in Betracht, dass die bisherige Felsarbeit unsern Kräftevorrat ganz erheblich vermindert hat. Die Fertigkeit allein tut 's hier nicht; wer diese Partie, nachdem er bis hierher redlich alle Hindernisse überschritten, gewinnen will, muss über gestählte Muskeln verfügen.

Nach der Überwindung der ersten Stufe wird die Kuppe des Felsstockes ohne besondere Anstrengungen erreicht. Da sie sich über die Wipfel des Waldes erhebt, bietet sie einen freien Ausblick bis hinunter in das Becken von Delsberg.

Wir nähern uns dem Ziel unserer Kletterfahrt. Der Weg führt aufwärts, links an einem etwa 3 Meter hohen Block vorbei, dem von der Westseite ohne fremde Hilfe nicht beizukommen ist. Dann schreiten wir durch den Wald bis zu einem kurzen Gratstück, das mit der « Nuss » den Abschluss unserer Kletterfahrt bildet.

Ein kurzer Anstieg bringt uns zum « Signal », dem Vermessungspunkt, 1070 m.

Etwa 10 Minuten oberhalb ist rechts vom Pfad ein Steinmann errichtet, der uns anzeigt, dass hier der Weg zu den Häusern von Raimeux de Belprahon zu suchen ist. Oder aber man setzt die Wanderung über den Gratrücken und die Weiden fort und erreicht an den höher gelegenen Siedelungen vorbei in einer halben Stunde den höchsten Punkt des Mont Raimeux, 1305 m.

Die Steigleiter zum Beobachtungsturm reicht zwar nur zu Zweidritteln herunter. Die Aussichtsstelle überragt die hohen Tannen und gewährt deshalb einen unbeengten Blick rundum.

So herrliche Landschaftsbilder dürften sich wohl um keinen andern Juragipfel gruppieren. Ist uns dazu noch das Glück beschieden, die Alpenkette abgedeckt zu finden, so gestaltet sich der Aufenthalt zu einem grossen und nachhaltigen Erlebnis. Unsere Blicke schweifen hinüber zu Gletschern und Gipfeln. Das bewaffnete Auge sucht die Anstiege zu den ragenden Zinnen und hohen Schneedomen. Da entwickeln sich Programme für künftige alpine Fahrten, Entschlüsse reifen und harren der Ausführung.Einstweilen aber bearbeiten wir mit zäher Beharrlichkeit den Westgrat des Petit Raimeux, denn über ihn führt der Weg sicheren Trittes zum erhabnen alpinen Ziele.

Der Abstieg.

Gewöhnlich wird der Rückweg entweder nördlich über Rebeuvelier oder dann westwärts über die ausgedehnten Hochflächen des Mont Raimeux eingeschlagen. Im letztern Falle empfiehlt es sich, den Scheitel des hohen Gewölbes ( Punkt 958,5 ) aufzusuchen. Hier überschaut man den Grat von seinem Fusse weg bis über die « Christentraverse » hinaus. Jetzt erst werden wir der gewaltigen Ausmasse des aufstrebenden Felsgerüstes so recht gewahr. Es ist ein Urweltgebilde von unerhörter Wucht und Kraft, das auf den Beschauer deshalb so eindrücklich wirkt, weil es, hineingestellt zwischen weit höhere, jedoch sanft geschwungene Jurazüge, in gar keinem offensichtlichen Zusammenhang zu seiner Umgebung zu stehen scheint. Der Kontrast ist ein so verblüffender, dass man versucht ist, anzunehmen, die Natur hätte hier bewusst auf diesen wunderlichen Gegensatz von Kühnheit und Anmut hingearbeitet. Jedoch der Tiefblick in die Klüsen, aus denen die Gesteinsfalten jäh aufsteigen und beidseitig der Birs mächtige Gewölbe bilden, vermittelt uns die Erklärung für das Entstehen des Mont Raimeux und seines Westgrates.

Um von hier talwärts zu gelangen, überschreitet man den einen oder den andern Schenkel des Gewölbes. Über den südlichen, Richtung Moutier, führt ein Pfad. Der andere, welcher zum Ausgang der « Combe » abbricht, ist weniger einfach, jedoch ohne Schwierigkeiten zu begehen.

Wer im Aufstieg nur bis zum « Signal » vorrückt, kann entweder durch die « Combe » oder auf dem direktesten Weg, über den Nordhang, nach Roches absteigen.

Soll auch der Abstieg über den Grat ausgeführt werden, so tut man gut daran, die Kletterei hinter sich zu bringen, bevor die Sonne den Höchststand erreicht hat. Deshalb empfiehlt es sich, in Moutier oder Roches zu nächtigen oder, was etwelcher Romantik nicht entbehrt und der zweckmässigen Vorübung dient, in einer Felsnische über der Strasse zu biwakieren. Der Aufbruch wird dann schon bei Tagesanbruch erfolgen, so dass die Kletterarbeit bis Mittag beendet ist und die noch zur Verfügung stehende Zeit zum Baden und Ausruhen verwendet werden kann. Die Birs und ihre Ufer bieten dazu manch schöne Gelegenheit.

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