Der Ravetschgrat

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Von Jos. L. Schmid

Zwischen Val Maighels und Val Curnera Mit 1 Bild ( 140 ) und 1 SkizzeBasel ) Trotz hellem Mondschein ist es nicht leicht, den Weg vom Pian Bornengo zur Bocca di Cadlimo hinauf zu finden. Kurz vor Mitternacht treten wir, Ernst Hodel und ich, über die Schwelle der Hütte. Mit etwas Mühe und einigen gutgemeinten Püffen können wir im vollbesetzten Schlafraum ein Ruheplätzchen ergattern. Zum Zudecken haben wir nichts. Die DER RAVETSCHGRAT dickeingemummten Schläfer neben uns fühlen sich wohl. Gesichter wühlen sich aus den Decken und glotzen stumm auf die zwei späten Ankömmlinge.

Ich friere. Unmöglich, den Schlaf zu finden. Auch auf hundert zu zählen nützt nichts. Neben mir hält einer im Schlaf einen Vortrag. Der Gute redet von Kameraden. Wahrscheinlich hat er in seinen Decken zu warm, anders kann ich mir sein lautes Träumen nicht erklären.

Noch vor Tagesanbruch sind wir wieder auf den Beinen. Sicher findet Ernst den Zugang zum kleinen See. Über eine Schneezunge führt der Aufstieg zur Borellücke, einer Gratsenke zwischen Piz Borel und Piz Curnera.

Die Felsen sind mit einer Eisschicht überzogen, die in der herbstlichen Sonne aber bald auftauen wird. Vor uns die Val Curnera, die in ihrer ganzen Länge von Bergketten flankiert ist. Zur Rechten - im Osten - Piz Blas, Uffiern, Git und Serengia. Den Blick westwärts gerichtet, erkennen wir den nahen Piz Borel und anschliessend - für uns nur zum Teil sichtbar - zieht sich der Ravetschgrat mit Piz Ravetsch, Tgiern Ravetsch und dem turmreichen Fil Ravetsch nach Norden.

Eine kurze, hübsche Gratwanderung, und wir stehen am Signal des Piz Borel ( 2952 m ). Die wärmende Sonne ermuntert uns zu kurzem Verweilen. Direkt unter uns breitet sich der Glatscher de Maighels aus, und im Talboden - eingebettet zwischen grünen Matten - glitzern die Lais Maighels. Weit im Norden grüssen alte Bekannte: Bifertenstock, Urlaun und Tödi. Frohe Erinnerungen an erlebnis- cw> crtu/rro reiche Bergfahrten gewinnen wieder neues Leben. Still und glücklich blicken wir in die Ferne.Viel Schönes und Bleibendes geben uns die Berge und ihre einsamen Täler...

Wir verlassen den Piz Borel und steigen über den Grat abwärts zur Ravetschlücke.Von dieser Einsattelung, die von beiden Tälern aus leicht erreichbar ist, gelangen wir mühelos zum höchsten Punkt der Bergkette, dem Piz Ravetsch ( 3006 m ). Im Steinmann finden wir das Gipfelbüchlein, dessen Blechdose von Blitzschlägen arg durchlöchert ist. Wir suchen in den vergilbten Blättern nach bekannten Namen und sind erstaunt, dass der schöne Gipfel so selten besucht wird. Unerwartet entdeckt Ernst die Eintragung zweier Namensvettern aus seiner Heimatstadt, die tags zuvor hier oben standen.

Leicht neigt sich nun der Grat nach Norden. Platten in allen Grossen bewegen sich, wenn man sie kaum berührt. Mit meinen Nagelschuhen folge ich lieber einem Schneeband, das sich etwas unterhalb des Grates hinzieht. Wo sich der Schneezipfel wieder mit den Gneisplatten vereinigt, vernehme ich vor mir das schlagende Flattern eines Schneehuhns. Das aufgescheuchte Tier fliegt steil in die Höhe und entschwindet in die Val Curnera.

Wir stehen auf dem Nordgipfel des Piz Ravetsch. Vor uns fällt der Grat zu einer Scharte hinab, von der sich als trutziger Gendarm der Ravetschturm erhebt. Der wuchtige Felszahn hält unsere Blicke gefangen. In etwa Zweidrittelhöhe klafft ein tiefer Spalt. Darüber der Gipfelaufbau, dessen glatte und senkrechte Wände uns kein Durchkommen verraten. Während mein Freund das Seil entrollt, wechsle ich die Schuhe. Die schweren « Genagelten » stopfe ich in den Rucksack. Mein etwas säuerliches Gesicht betrachtend, erklärt mir Ernst zum soundsovielten Male die Vorteile der Vibramsohlen...

Steil abfallende Platten sind zu überklettern. Ein kleiner « Verhauer » bringt uns durch Abseilen in die Scharte hinunter. Ohne Schwierigkeiten klettern wir am Gendarm einige Seillängen empor, denn grosse Gneisblöcke bieten gute Griffe. Bald verschwinden wir im schattigen, kühlen Spalt des Gipfelblockes. Eine Biwakhöhle, wie man sie sich wünscht, aber in dem Augenblick, da man ihrer bedarf, wohl nie finden wird! Beide dringen wir tiefer in die Unterwelt. Die Hände gleiten über die glatte Wand zur Rechten. Auf dieser Seite gibt es nichts zu suchen. Links strebt eine Felskante zum Spaltendach empor, und oben entdeckt Ernst eine winzige Öffnung, in der ein Stück Himmel leuchtet. Stumm betrachten wir die griff lose, etwas feuchte Kante. Den Wänden entlang tastend, kommen wir in die Nähe des Spalteneinganges. Kriechend schlüpfe ich durch ein seitliches Guckloch ins Freie und stehe nun auf einem schmalen Bändchen, in der Westflanke des Gipfelblockes. Wenige Meter nur kann ich das Band verfolgen; dann endet die ganze Herrlichkeit wie abgeschnitten. Unter mir Luft und einige hundert Meter in der Tiefe das Eis des Glatscher de Maighels. Vor mir -über einem riesigen Überhang - ein einziger Tritt, der mit einem Spreizschritt erreicht werden könnte.Von dort wäre es vielleicht möglich, über einen unfreundlichen Felswulst höher zu kommen?... Ernst rückt nach. Ohne langes Besinnen wagt er den Schritt. Nun klebt er am glatten Fels, erwischt oben an einer abgerundeten Kante einen Griff. Ein kräftiger Ruck, und Ernst entschwindet meinen Augen. Das Seil läuft schneller. Endlich - von oben ein froher Jauchzer! Ernst hat den Gipfel erreicht. Bald folgt ihm sein Rucksack nach. Dann ist die Reihe an mir. Durchs Seil gesichert, habe ich es leichter. Wohl schnaufe ich unten am Wulst wie das alte«Waldenburgerli ». Die schweren Schuhe im Sack tragen das Ihrige dazu bei. Lachend empfängt mich mein Freund auf der Gipfelplatte. Zufrieden drücken wir uns die Hände.

Der Himmel hat sich überzogen, schwarze Wolken ziehen über die Val Curnera und rücken näher. Nach kurzer Rast setzen wir unsere Wanderung fort. Der Abstieg ist unschwer. Auch ein kleiner Gendarm bereitet keine Mühe, doch freut uns die abwechslungsreiche Kletterei, die uns zur Fuorcla Ravetsch hinunterführt. Dieser 2824 Meter hohe Gratsattel verbindet ebenfalls die beiden Täler Maighels und Curnera.

Lose Blöcke und abfallende Grasteppiche kennzeichnen den Aufstieg zum Tgiern Ravetsch ( 2944 m ). Vorsichtig kletternd, uns hie und da an Grasbüscheln haltend, erreichen wir endlich den Gipfel. Noch einmal blicken wir zurück zum Grossen Gendarm, der von hier ganz harmlos aussieht. Ein paar vereinzelte Regentropfen mahnen uns zum Weitergehen. In lustigem Auf und Ab klettern wir über den turmreichen Fil Ravetsch nordwärts. In der Gratmulde, neben welcher der Piz Alpetta ( 2845 m ) sich erhebt, müssen wir unsere herbstliche Kletterfahrt beenden. Es ist 2 Uhr, und noch liegt ein langer Weg vor uns, denn wir wollen den letzten Zug auf der Oberalppasshöhe erreichen. Auch verschlechtert sich das Wetter zusehends. Den Abstieg nach Westen, in die Val Maighels, vermittelt eine steile Schuttrinne, die sich im mittleren Teil verengt. Hier klettern wir über Felsköpfe tiefer. Unten, im Talboden, überspringen wir den angeschwollenen Gletscherbach; dann finden wir bei einsetzendem Regen den kleinen Weg.

Als wir eine Stunde später an den Ufern der Lais Maighels vorbeischlendern und zurückblicken, sehen wir den Ravetschgrat nicht mehr. Düstere, graue Nebelschwaden haben ihn eingehüllt. Aber was tut 's, der einsame, wenig begangene Ravetschgrat war heute Dritter in unsrem Bunde und hat uns einen herrlichen Klettersonntag geschenkt.

Feedback