Der Salbitschijen-Westgrat

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VON WILLY AUF DER MAUR, SEEWEN

Mit 8 Bildern ( 1-8 ) Man braucht den Salbitschijen keinem Bergsteiger vorzustellen; schon 18-, 19jährige Junioren schauen Dich nach wenigen Jährchen alpinen Herumtreibens beschwörend an: « De Salbit-Süd, de wett i scho au einisch gärn mache! » Der Süd immer ist es nur der Süd...!

Gewiss, es ist ein aussergewöhnlich schöner Grat. Ich bin ihn dreizehnmal gegangen und jedesmal überglücklich von ihm zu Tal gestiegen. Doch der Salbitschijen besitzt nicht nur einen, sondern drei Grate, die unsern Besuch verdienen. Der Ostgrat ist der leichteste. Hält man sich aber an seine Schneide, wird auch der Kletterer schärferer Richtung nicht das Gefühl haben, seine wertvolle Zeit unnütz vertan zu haben, es sei denn, er fühle sich ausschliesslich unter waagrechten Dächern und in bambelnden Steigbügeln wohl. Und ausser Süd- und Ostgrat gibt es noch den Westgrat, von dessen Existenz allerdings die Neulinge, welche Jahr und Tag keinen Blick in ein Führerbüchlein werfen und ausschliesslich von den Hinweisen ihrer Förderer leben, noch nie etwas gehört haben. Wenn sie dann oben in der Südgratscharte stehen, glauben sie sich vor der Chinesischen Mauer, tun erstaunt, stellen Fragen aber ernten hiefür lediglich ein bedauerndes Achselzucken. Es wäre interessant zu wissen, welches Werturteil der Westgrat bei der Mehrzahl der Süd-gratspezialisten geniesst: « Unschwierig, uninteressant, unzugänglich, schwierig, extrem »?

Um es vorwegzunehmen: Der Westgrat ist eine aufregende, überaus interessante Welt von kühnen Nadeln und Aufschwüngen und bietet eine grosse Auswahl von Routen nicht nur des sechsten, sondern auch des vierten und fünften Grades. Er ist aus fünf Türmen aufgebaut, die von unten nach oben numeriert sind. Turm I fusst auf etwa 2400 Meter und schwingt sich in breiter Plattenflucht auf ungefähr 2700 Meter hinauf. Nach einer tiefen Scharte baut sich die wuchtige, steile Zitadelle des Turms II auf. Diese erreicht die Höhe von rund 2800 Meter und ist etwas höher als Turm III, der von Süden ebenfalls massig wirkt. Turm IV überragt den dritten um etwa 100 Meter und wird durch eine zerklüftete Gruppe von drei schlanken Nadeln gebildet, deren mittlere als Flamme bezeichnet wird. Nun schwingt sich der Grat in einem 70 Meter hohen Aufschwung zum zerbrechlichen Turm V auf, dem Mahnfinger des Salbitschijen-Westgrates, und nochmals um 80 Meter höher sticht der Kulminationspunkt des Westgrates, die auffällig helle Gipfelnadel, in den Urner Himmel hinein.

Die Besteigungsgeschichte der Westtürme und des Gesamtgrates ist so bewegt und umfangreich, dass sie an dieser Stelle nur auszugsweise festgehalten werden kann. Sie wurde zur Hauptsache in den Jahren 1923 bis 1937 geschrieben und ist mit den Namen der wägsten Kletterer der damaligen Zeit - wie Dr. Hugo und August Müller, Werner Weckerdt, Ferdinand Wörndle, Hans Frei und Hans Graf - verbunden, welche die Türme nordseitig, aus der parallel zum Westgrat verlaufenden Horefelli-Rinne, einzeln erstmals erkletterten. Damit waren wohl die Westgrattürme, nicht aber der Westgrat als solcher begangen. Für die Begehung der direkten Gratschneide, von Turm zu Turm, kam man nicht mehr mit « blossen » Händen und Füssen aus; hier hiess es, zu Hammer und Haken, zu Steigbügeln und Seilzug greifen, zu Klettermethoden also, die damals nur von wenigen beherrscht wurden. In einem packenden Kapitel beschreibt Jürg Weiss in seinem Buch « Klippen und Klüfte » die Stunden, die er am Seil von Hans Frei bei einem seiner Versuche an der West-schneide des Turms IV verlebte. Die fruchtlosen Bemühungen dieser Seilschaft und wohl auch anderer Bergsteiger verliehen dem Westgrat den Nimbus der Unersteigbarkeit und riefen damit eine Gruppe erfahrenster Granitspezialisten von Château-d'Oex auf den Plan, unter denen sich besonders Louis Henchoz, Ernest und Betty Favre hervortaten. Von 1945 bis 1947 finden wir sie Jahr für Jahr an « ihrem » Grat. Einer solch hartnäckigen Belagerung war auf die Dauer auch der Salbitschijen-Westgrat nicht gewachsen. Teilstück um Teilstück wurde begangen und mit den nötigsten Haken versehen. 1948 endlich wurden die Bemühungen der sympathischen Westschweizer Seilschaft mit der ersten Gesamtbegehung des Westgrates belohnt.

Der Zugang zu den Normalrouten der Westgrattürme ist verhältnismässig lang und die Gesamtüberschreitung ein Unterfangen, für welches die Erstbegeher zwei Biwaks benötigten. So verwundert es nicht, dass einige Kletterer in den gleichen Jahren die schroffen Südabdachungen der Westgrattürme unter die Lupe nahmen, da diese über die Südgratscharte viel schneller erreichbar sind. Der Seilschaft Heinrich Dändliker und René Gebus gebührt die Erstbegeher-Ehre für die südseitigen Kletterwege hinauf in die dritte Turmscharte und auf die Türme IV und V. Während sich diese Bergsteiger an die verhältnismässig gut begehbaren Rinnen hielten, wandten sich andere zehn Jahre später mit besserer Ausrüstung und ausgefeilterer Technik bewusst den prallen Wänden der Türme II und III zu. Sepp Inwyler und Fridolin Haider einerseits, Wisi Fleischmann und Kurt Grüter anderseits verdanken wir die Eröffnung der kühnen, äusserst schwierigen Südaufstiege auf die erwähnten zwei Türme.

Schliesslich sei noch an die praktisch unbekannte Südwestroute am Turm I erinnert, welche 1948 durch W. Wehrli, K. Graf und W. Wyssmann eröffnet wurde. Dieser Weg kann als Ersatz für die Ende der vierziger Jahre in ihrem untern Teil verschütteten Normalrouten auf Turm I und II empfohlen werden. Die klassische Überschreitung der Türme I, II und III ist demnach wieder ohne direkte Gefahr möglich, doch ist sie etwas schwieriger und vor allem bedeutend länger geworden.

Aus meinen Ausführungen geht hervor, dass bei entsprechender Routenwahl jeder Turm ein eigenes, lohnendes Ziel bieten kann. Die Türme können jedoch auch paar-, gruppenweise oder gesamthaft überklettert werden, je nach Können, Lust und Phantasie des Bergfreundes. Als Liebhaber des Freikletterns habe ich die Überschreitung der untersten drei Türme, die Südwandroute des Turms IV mit Umgehung der Flamme ( Seilquergang ) und die Südwand des Turms V besonders reizend gefunden. Übermütige Naturen nehmen zur letzteren noch den Gipfelaufschwung dazu, benötigen dann für den Einstiegs-Hakenriss allerdings rund 15 Karabiner.

Wenn ich von den Westgrattürmen träume, reihen sich in meiner Erinnerung die bunten Steinchen der Bergabenteuer zu einem farbenfrohen, prächtigen Mosaik. Einer dieser Erlebnissplitter schillert noch in besonders frischen, leuchtenden Farben. Er widerspiegelt das grösste und schönste Abenteuer, das mir die Westgrattürme je schenkten, nämlich eine Gesamtüberschreitung des ganzen Grates.

Wir schreiben Freitag, den 12. Juni 1964. Unter einem wolkenlosen Himmel stehe ich mit meinen Kameraden Alois Lüönd, Franz Auf der Maur und Martin Betschart am Fuss des Turms I. Mit einigem Unbehagen wandern meine Blicke über die abweisenden Plattenfluchten dieses ersten Bollwerkes am Salbitschijen-Westgrat. Ich fühle mich ziemlich ermattet. Schuld daran sind der frühe Start mit den Motorrädern, die nervliche Spannung und der steile Aufstieg mit den schweren Rucksäcken von Wiggen durch das Horefelli-Couloir. Meine Gedanken eilen voraus über Wandstufen, Risse, Verschneidungen, von Turm zu Turm. Einer erscheint abweisender, mühsamer als der andere. Am liebsten möchte ich bei solchen Visionen meinen Sack hinwerfen und mich auf einer Felsplatte ausstrecken. Doch da stehen meine Kameraden, erwartungsfroh und ruhig, die zuverlässigen, fröhlichen Seilgefährten vieler herrlicher Bergabenteuer am Salbitschijen und anderswo. Ich darf sie nicht enttäuschen, auch Martin nicht, den um elf Jahre jüngeren Kameraden, der zum erstenmal am Salbitschijen-Westgrat steht und der ganz offensichtlich darauf brennt, in festem, körnigem Granit seine glänzende körperliche Verfassung unter Beweis zu stellen. Unseres Wissens ist die Überschreitung der Westgrattürme seit der Erstbegehung ein einziges Mal wiederholt worden, nämlich von der Seilschaft Artur Oswald und Manfred Vögtle, am 25./26. Juni 1962. Ausser dem Aufsatz von Louis Henchoz in den « Alpen » existieren darüber keine Beschreibungen. Obwohl wir alle Türme schon ein- bis zweimal bestiegen haben und auch einzelne Zwischenstücke kennen, fühlen wir uns angespannt wie vor einem Stück Neuland Zu viele Fragen sind noch offen, zum Beispiel der Schwierigkeitsgrad, der Zeit- und Materialbedarf. Doch eines beruhigt uns: im obern, schwierigeren Teil könnte die Gratschneide bei Wettersturz oder andern Widerwärtigkeiten jederzeit innert kürzester Zeit verlassen werden.

Zufahrt und Anstieg haben Zeit gekostet. Die Sonne steht bereits über dem Spitziggrat, und wenn wir unser heutiges Etappenziel, die dritte Turmscharte, erreichen wollen, müssen wir uns sputen. Meine Unlust wird deshalb von einer Woge allgemeiner Geschäftigkeit hinweggefegt, und ehe gedacht, stehe auch ich angeseilt und ausgerüstet am Fuss der steilen Einstiegsverschneidung.

Diese befindet sich in der Nordabdachung der Westkante und fühlt sich heute feucht und frostig an. Mit plumpen Bewegungen schiebe ich mich misstrauisch den ersten Griffen und Tritten entlang einige Meter bergan. Ich glaube modrige Luft zu riechen, fühle mich vom Rucksack rücklings ins Leere gezerrt und bilde mir ein, jede Zacke, jede Platte müsste unter meinem enormen Gewicht unweigerlich nachlassen. Doch nichts Derartiges geschieht, und ich finde mich nach langen fünfzehn Minuten unbeschadet am Ende dieser schrecklichen moralischen Eintrittsmusterung. Noch ein kurzes, griffarmes Wändchen, und wir stehen auf einer zweiten Gratschulter, über welcher sich die Westkante des Turms fast lotrecht in die Höhe schwingt. Bei einer so grosszügigen Überschreitung, wie sie die Westgrattürme bieten, wäre es sinnlos, genau der eigentlichen Westkante folgen zu wollen, abgesehen davon, dass dies ohne die verpönten Bohrstifte oft gar nicht möglich wäre. Wir halten uns deshalb an die etwas komplizierte Südwestwandroute und folgen in beschaulichem Spaziergang den horizontalen Gras- und Plattenbändern, welche hier überraschenderweise die ganze Südwestwand durchziehen. Die schräg einfallenden Sonnenstrahlen, einige bunte Blumenpolster und der prächtige Tiefblick aufs Horefelli lassen das Stimmungsbarometer gewaltig ansteigen. Die ersten fröhlichen Zurufe von Seilschaft zu Seilschaft unterbrechen die Stille, und bei jedem Zusammentreffen mit dem Seilgefährten wird eine « Hänselei » von Stapel gelassen oder auch ein aufmunterndes Wort getauscht.

Ein kurzes Abseilmanöver am Rand einer fugenlosen, steilen Platte verschafft uns Zutritt zu einer Folge von Rissen und Rinnen, welche uns an den Fuss einer 80 Meter hohen Verschneidung führen. Damit wissen wir uns vor den schwierigsten, aber auch schönsten Kletterstellen am Turm I. Automatisch gleiten unsere Finger zu einer Zwischenkontrolle über die Seilknoten, ordnen Haken und Karabiner und prüfen, ob Hammer und Trittschlingen nötigenfalls griffbereit sind. Gewaltsam versuche ich das lästige Lampenfieber, das mich angesichts der steilen Felsen wieder einmal befällt, zu verdrängen. Dies gelingt mir aber erst mitten im ersten Hindernis, an einer senkrechten Platte, nachdem ich den ersten Karabiner eingehängt und die Hände tief in einen scharfkantigen Riss versenkt habe. Hier « riecht » es zum erstenmal so ganz nach Salbitschijen! Ein kurzer, überdachter Riss sorgt dafür, dass es uns auch nach dieser begeisternden Stelle nicht langweilig wird. Meter um Meter der steilen Verschneidung werden in schwieriger, freier Kletterei erkämpft. Schliesslich fordert uns an deren Ende eine Querung zu einem unvorhergesehenen Spagatschritt heraus. Nachdem unser Reisegepäck aufgeseilt ist, machen wir uns mit ausgetrockneten Kehlen an die « Erstürmung » des Gipfelkopfes, der vorerst mit massig steilen, rauhen Platten, einigen schmalen Bändern und schliesslich mit einem der üblichen Granitrisse aufwartet. Barmherzige Hände spielen den beiden Eroberern vom Gipfelblock aus ein Seilende zu, an welchem bald kratzend und scheuernd unsere Rucksäcke zur Höhe schweben.

Der Gipfel des ersten Turms belohnt uns mit einem eindrucksvollen Tiefblick auf das grüne Voralptal. Diskret dringt das Rauschen der Voralpreuss an unser Ohr; uns gegenüber stehen die Schijenstock- und Sustenhornkette bereits im Gegenlicht und senden lange, blaue Schatten auf die Schneefelder ihrer Nordflanke hinab. Letztere sieht noch recht winterlich aus und erinnert uns daran, dass wir ganz am Anfang der Klettersaison stehen. Wir können dies übrigens bereits auch in unsern Knochen spüren! Doch wir haben es ja so gewollt, dem Schnee zuliebe, der zu dieser Jahreszeit noch auf den Bändern der Nordabdachung unseres Grates liegt.

Nachdem wir wieder etwas zu Atem gekommen sind, wären Franz und ich einem Nickerchen nicht abgeneigt; unsere beiden Kameraden haben jedoch über der ersten Turmscharte bereits eine Abseilstelle hergerichtet und drängen zum Aufbruch. Es ist aber auch bald höchste Zeit: der halbe Nachmittag ist bereits verflossen und der Weg in die dritte Turmscharte noch weit - beunruhigend weit sogar!

Wie Spinnen gleiten wir an unseren farbigen Perlonfäden rund 80 Meter dem Gemäuer des Turms I entlang zur Tiefe. Oberhalb eines grossen Schneeflecks fassen wir in der abschüssigen Rinne Fuss, welche aus dem Horefelli-Couloir in die erste Turmscharte hinaufführt. Eine Viertelstunde lang stehen wir eng zusammengedrängt auf dem Bändchen, welches den Anschluss an die Normalroute des Turms II vermittelt, und schlürfen gierig das Schneewasser, das uns Martin aus der Tiefe heraufgeholt hat. Prüfend wandern die Blicke über steile Plattenstufen zu einem der Schaustücke des Turms II hinauf: zur imposanten rötlichen Wand der Westschulter. Es ist beruhigend zu wissen, dass die Normalroute diesem Bollwerk aus dem Weg geht, fühlen wir uns doch gar nicht mehr aufgelegt, allzu grosse Stricke zu zerreissen. Doch die angenehme Abendtemperatur und die Vorfreude auf unsern Biwakplatz, wo wir vor einigen Wochen Fruchtsalat und Büchsen-bierdeponiert haben, vermögen die Lebensgeister wieder wachzurütteln. Die kleingriffige Rinne über unsern Köpfen dünkt mich deshalb besonders genussvoll, und ich fühle mich plötzlich so zuversichtlich, dass ich mir vornehme, mich von der ersten Seilschaft nicht mehr abhängen zu lassen. Wir werden nun auf immer schmaleren Bändern in die senkrechte Nordflanke des Turms hinausgedrängt. Je ausgesetzter die Gesimse werden, um so scharfkantiger werden die Griffe, so dass wir uns für eine Viertelstunde im Kletterparadies fühlen. Schliesslich senkt sich das Band unter einer leicht überhängenden Felsplatte. Alois und Martin stehen schon auf dem kleinen Türmchen jenseits der heiklen, luftigen Stelle, und bis auch wir soweit sind, ist von ihnen nichts mehr zu sehen.

Es wäre unklug, unsere letzten Kräfte für einen Wettlauf zu mobilisieren. Wer weiss, wie lange wir von unsern Reserven noch zehren müssen, vielleicht noch anderthalb, vielleicht auch zwei Tage. Franz und ich fallen deshalb in unsern alten Tramp zurück und geniessen dadurch die folgenden Seillängen, die von aussergewöhnlichem Reiz sind, doppelt. In einer Schlaufe wenden wir uns oberhalb des Überhangs wieder gegen Westen und kommen uns auf dem schmalen, einmal auf Meterbreite unterbrochenen Gesims wie weiland Charlie Chaplin auf Manhattans Wolkenkratzern vor, mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass wir nicht von knüppelschwingenden Polizisten, sondern vom Gespenst der Nacht verfolgt werden. In der Tat berührt die Sonne bereits den Saum des wächtengekrönten Sustenhorns. Sekundenlang blitzt sie nochmals im Aluminiummate-rial unserer Kameraden auf, die sich soeben über den Rand des Gipfelplateaus schwingen, dann geht sie unter und lässt uns in einer kontrastlosen, grauen Welt aus gigantischen Pfeilern und Wänden zurück.

Auf einem der Bänder, welche zwei Seillängen unterhalb des Gipfels horizontal in die zweite Turmscharte hinüberführen, werfen wir für Minuten erleichtert die prallen Säcke zu Boden. Wir haben eingesehen, dass für uns zwei die Besteigung der Turmspitze nicht mehr in Frage kommt. Etwas enttäuscht klettern wir in die Scharte hinüber und stehen alsbald vor der scharfen, griffigen Kante des Turms III. Seiltänzern gleich bewegen wir uns auf diesem luftigen First, bis wir an den Gipfelkopf stossen, der wie ein Querriegel über dem Grat steht. Bis wir seine linke Ecke mit Hilfe einer Trittschlinge über der schattigen Leere der Horefelli-Rinne überstiegen haben, vergeht eine wertvolle Viertelstunde. Turm III hat uns zu dieser Stunde an Aussicht nichts mehr zu bieten. Eilends werden die Seile ausgeworfen, und dann schweben wir dem nachtschwarzen, teils überhängenden Fels entlang 40 Meter tief in die dritte Turmscharte hinab. Unsere Kameraden holen uns dabei wieder ein, und Martin zeigt sich tief beeindruckt von dieser ausserordentlich gespenstigen Abseilfahrt. Die Dämmerung geht nun vollends in Dunkelheit über. Mit vereinten Kräften ziehen wir aufs Geratewohl an einem der frei schwebenden Seilenden; zu unserer Genugtuung gibt es ruckweise nach, und bald klatscht das andere Ende in der Scharte auf. Ein weiteres Abseilmanöver von 20 Meter befördert uns sanft auf einem breiten Band über der Horefelli-Rinne Ich richte den Strahl meiner Taschenlampe auf die Armbanduhr: sie zeigt 21.30 Uhr!

Unser Biwakplatz wäre recht geräumig, wenn sich nicht ein Schneekegel darauf breitgemacht hätte. Da wir die Schaufeln vergessen haben, müssen wir mit den « billigeren » Plätzen am Rand des Abgrundes vorliebnehmen. Doch bevor wir uns zur Ruhe legen, gruppieren wir uns in einer Nische idyllisch um den tassengrossen Expeditions-Metakocher. Alois hat bereits seine schwarze Zipfelmütze über den Kopf gestülpt, zieht geniesserisch an einem Glimmstengel und spielt mit offensichtlicher Zufriedenheit den Koch. Wir übrigen machen uns am Proviant, hauptsächlich an den Bierbüchsen, zu schaffen. Und während das begehrte Nass eiskalt durch meine Kehle rinnt, überlege ich mir, ob es vor Wochen nicht gescheiter gewesen wäre, anstatt der Getränke Schlafsack und Schlosserei hieherzutragen.

Nach einer angenehmen, ruhigen Nacht unter flimmernden Sternen machen wir uns anderntags um 6 Uhr auf den Weiterweg. Ein langer Tag in unsern geliebten Bergen liegt vor uns. Dies stimmt uns froh und lässt uns den engen Schacht zur dritten Scharte hinauf mit ungewöhnlichem Elan erklimmen. Dort stellen wir fest, dass die ganze Westflanke des Salbitschijen noch im Schatten des Südgrates liegt und dass es wahrscheinlich über eine Stunde dauern wird, bis auch wir in den Ge- nuss der wärmenden Sonnenstrahlen kommen. So lange können wir nicht warten! Mit klammen Fingern queren wir an feinen Griffen in die steile Südabdachung hinaus und gewinnen eine versteckte Rinne, in welcher uns einige Sicherungshaken den Weg weisen. Unsere Rucksäcke sind nicht leichter geworden und bilden auch heute ein ernsthaftes Hindernis auf unserm Gang zu den lichten Höhen. Doch Martin kommt es vorläufig noch nicht in den Sinn, das Anhängsel an einen Haken zu hängen. Ruhig und überlegen meistert er die sehr schwierige Rinne und sichert uns auf dem schmalen Grat nach. Nach dieser strengen Eintrittsprüfung gönnt uns der Turm IV eine kurze Ruhepause. Er führt uns über ein horizontales Grätchen und ein technisch amüsantes Wändchen zum nächsten abweisenden Aufschwung, der glücklicherweise von einem Riss gespalten ist. Unsere Kameraden fechten mit diesem Drachen, der uns die Annäherung an die Flamme verwehren will, bereits einen erbitterten Kampf, den wir leider nur mit dem Gehör verfolgen können. Doch hie und da taucht aus dem Durcheinander schillernder, aalglatter Schuppen für kurze Zeit eine Hand, ein Ellbogen, ein Knie oder ein Fuss auf.

Nach diesem harten Stück freier Kletterei stehen wir etwas atemlos vor dem Bollwerk der Flamme, welche nach dem Urteil der Erstbegeher die Bezeichnung « Schlüsselstelle des Westgrates » verdient. Keine Seillänge im ganzen Grat hat unsere Gemüter so beschäftigt wie gerade diese, und obwohl wir die Flamme schon aus verschiedenen Perspektiven eingesehen und bewundert haben, können wir uns immer noch kein rechtes Bild von den zu erwartenden Schwierigkeiten machen. Aus dem spärlichen Routenbeschrieb, den ich stückweise aus den Zeilen des Tourenberichtes von L. Henchoz herausgelesen habe, geht hervor, dass sich der Aufstieg in der Südflanke vollzieht und vorwiegend technischer Natur ist. Dies ist etwas für den Benjamin unserer Gemeinschaft. Mit unschuldigster Miene bieten wir unsere Karabinerhaken, Holzkeile und Trittschlingen nach vorn, und da Martin als Spitzenmann keine Möglichkeit mehr sieht, die gewichtige Ware abzubringen, gleicht er alsbald einem fahrenden Eisenhändler. Dermassen ausgerüstet, bewegt er sich vorsichtig einem schrägen, überdachten Riss entlang zu einer mannshohen, abgespaltenen Platte. Hier hält er längere Zeit inne und verschwindet in einer versteckten Rinne, die allerhand zu verlangen scheint. « He, Märtel, jetzt muesch links dur-ne Riss wieder gäg de Kante zue, hesch ghört! » - Keine Antwort. Habe ich wohl die Beschreibung richtig gedeutet und übersetzt? Da, unversehens taucht er auf, direkt über unsern Köpfen, und klettert nun mit erstaunlicher Behendigkeit über ein scheinbar griffloses Wändchen hinauf zur Schulter der Felsnadel.

Gleich einer Stichflamme schiesst nach diesem « Teilerfolg » unsere Freude zum Himmel empor. Mit neuem Schwung machen wir uns nach einem Abseilmanöver an die Erkletterung der höchsten Nadel des Turms IV. Unsere zerschundenen Hände liebkosen hier einen warmen, griffigen Granit, und wir empfinden das freie, zügige Klettern nach dem zentimeterweisen Vorrücken an der Flamme als ganz besonderes Vergnügen.

Auf der Plattform der vierten Scharte lassen wir uns dann an einem schattigen Plätzchen zur ersten Rast des Tages nieder. Die Sonne steht schon wieder im Süden, und die ersten Südgratbegeher strecken ihre Hälse bereits neugierig über den hellen Rand des Gipfelplateaus. Wenn irgendwie möglich, wollen auch wir noch heute unsern Fuss auf diese stolze Zinne setzen!

Nach einer knappen Stunde werden die Rucksäcke wieder auf den geduldigen Buckel geschwungen. Ein verwitterter Vorbau, dessen braunschwarze Farbe in seltsamem Kontrast zu den beinahe marmornen Aufschwüngen des Turms V steht, wird von Alois durch eine Verschneidung überwunden. Scharf ragt nun die Kante wieder in den Äther hinein. Ein Haken singt sich in den Fels, und dann schieben wir uns mit Seilzug um den scharfen Bug in die gut gegliederte Südflanke hinein. Für Franz, den Seilletzten, wird dieser Quergang natürlich wieder zur besonders harten Nuss, haben wir doch vergessen, ein Quergangseil zu spannen. Glücklicherweise ist seine Phantasie an « Amateurtricks » beinahe unerschöpflich!

Wir finden in der Südflanke eine griffige Rinne und können nochmals das betörende Gleichgewichtsspiel des Freikletterns erleben, bevor wir vor dem beinahe ungegliederten, abweisenden Gipfelschild des Turms V stehen. Die Liste unserer Möglichkeiten ist hier rasch aufgestellt; die einzige Schwäche des Bollwerks besteht nämlich aus einem horizontalen Hakenriss, der selbstverständlich wieder nach Süden weist. Obschon der Fels von massiger Steilheit ist, kommen wir in den ersten Metern wiederum nicht ohne Trittschlingen aus. Martin stösst alsbald auf eine versteckte Verschneidung, in welcher er ruckweise vordringt, bis der Seilvorrat zu Ende ist. Just am richtigen Ort überrascht uns der Salbitschijen'mit einem kleinen Gesims und einigen steinernen Garderobe-haken für die aufgeseilten Rucksäcke. Unsere Spannung, gemischt aus Vorfreude und Bangigkeit, erreicht den Höhepunkt. Eine einzige Seillänge trennt uns noch von der Spitze des Turms V. Für uns sind es die letzten unbekannten Meter am Westgrat, aber uns scheint, es könnten auch besonders harte sein. Gebannt verfolgen wir Alois'abgewogene, langsame Bewegungen auf diesem feingriffigen, blanken Spiegel. Hier braucht es Nerven und eine ausgefeilte Klettertechnik. Rascher als erwartet, erreicht er den Fuss des engen Risses, welcher zwischen die Ohren des Turms hinaufführt. Ein guter Holzkeil ermöglicht eine erste Zwischensicherung. Nun schiebt sich Alois weiter über die ungeformte Granitfläche, hie und da eine Hand oder einen Schuh in die Spalte verklemmend. Nochmals stockt er, brummt etwas vor sich hin, rückt vor und - schwingt sich behende über die Gipfelkante ins Blau des Himmels hinein.

Die äusserst luftige Spitze des Turms V und der schmale First der fünften Turmscharte sind für Massenpicknicks wenig geeignet. Kehle und Magen werden deshalb auf die nächste Terrasse vertröstet. Die Plattenstufe, die uns davon trennt, überwinden wir mit einem fallenden Quergang und mittels einer unausgeprägten Rinne.

Wir befinden uns nun beim zweiten Biwakplatz der Erstbegeher, am Fuss des Gipfelaufschwungs. Am liebsten würden auch wir uns auf bequemem Band für eine weitere Nacht häuslich niederlassen, denn die Uhrzeiger künden bereits die sechste Abendstunde an. Doch der Himmel hat sich im Westen überzogen, und wir möchten nicht um den Lohn der Mühe geprellt werden. Aber bevor wir zum zweiten Wettlauf mit der Nacht starten, führen wir dem Körper nochmals eine Anzahl Kalorien zu. Bei mir geschieht dies in Form von Mohrenköpfen, derentwegen ich seit Jahr und Tag die ärgsten Hänseleien und Schlimmeres über mich ergehen lassen muss. Aber die begierigen Blicke, die man auf meine Leckerbissen wirft, sprechen Bände! Es ist schlimmer für mich als damals in Bou-Saada, als mir in einer Gartenlaube ein halbes Dutzend halbverhungerter Hunde beim Verzehren eines Beefsteaks zuschauten!

« Strich Du chle a d'Schuesohle ane, denn hesch wenigstens Adhäsion! » stichelt Alois. « Ja, und Du i dem Fall a d'Chnü! » - Alois steckt den Gegenschlag mit einem offenen Lachen ein und beweist damit, dass ihn die Entbehrungen und Mühseligkeiten der vergangenen zwei Tage nicht aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen vermochten.

Man könnte die Wortgefechte und -geplänkel, wie sie in vielen Seilschaften gang und gäbe sind, als dummes Geschwätz abtun. Doch auch sie erfüllen ihre Aufgabe: Sie schenken dem Bergsteiger in den Ruhepausen jene Ablenkung und Entspannung, nach denen jede konzentrierte Tätigkeit von Zeit zu Zeit gebieterisch verlangt.

Doch nun zur letzten Etappe unserer einzigartigen Überschreitung, dem Gipfelaufschwung! Dieser besteht aus wenigen, harmonisch aneinandergefügten Platten, die in ihrer Geschlossenheit ein Bild einfacher Grosse vermitteln und geradezu das Ideal eines Granitaufschwungs darstellen.

Die Erstbegeher haben seine erste Plattenwand mit Hilfe komplizierter Seilmanöver in der Südflanke überwunden, ein Abenteuer, dem L. Henchoz in den « Alpen » einen spannenden Aufsatz gewidmet hat. Doch heute weist linker Hand der Kante eine Hakenleiter zur Höhe, an welcher wir nun unter Geklirre und Gebimmel in edlem Wettstreit aufwärtshangeln. Der Schlussmann ist an solch technischen Stellen zu besonders anstrengenden Verrenkungen gezwungen, und deshalb wundere ich mich, wie schnell Franz nachkommt. Während ich mechanisch die Seilstränge einziehe, fliegen meine Blicke zu Turm V hinab, und ich stelle mit Erstaunen fest, dass die schlanke Nadel zu dieser vorgerückten Stunde noch Besuch erhalten hat. Wir vernehmen, dass die beiden altern Basler Bergsteiger heute Turm I, II und III überschritten und die beiden obern Türme aus der Horefelli-Rinne erstiegen haben. Im Geiste ziehen wir den Hut vor diesen beiden Kämpen, denn ihre Leistung verlangt eine gehörige Dosis Ausdauer und Schnelligkeit.

Martin hat 10 Meter weiter oben das Partieseil durch eine Seilschlinge gezogen und bemüht sich nun, im Dülfersitz eine glatte Platte zu queren. Dies sieht vom Sicherungsplatz aus so einfach aus, dass mir Franz bei einer früheren Begehung freundlich empfahl, doch ganz einfach hinüberzuspringen. Doch der Schein trügt! Wie auf Eiern steht Martin auf zwei Dritteln des Wegs, wagt kaum zu atmen, poliert seine Fingernägel am blanken Fels und stösst sich mit den Füssen an fin-gerbeerengrossen Unebenheiten zentimeterweise weiter. Gelingt's, gelingt 's nicht? Gebannt blicken wir zu ihm hinüber, gewärtig, ihn jeden Augenblick in weitem Schwung auf unserm Felsband landen zu sehen. Ein solcher Pendler der vollständig glatten Plattenwand entlang müsste an sich harmlos verlaufen; schlimmer für uns wäre der Zeitverlust, denn nun kommt es auf Minuten an. Da packt unser Kamerad plötzlich blitzschnell zu - und zieht sich zum handbreiten jenseitigen Riss hinüber. Ein zufriedenes, halblautes Lachen, und schon fingert er an seinem Brustgeschirr nach einem passenden Holzkeil für das Seilgeländer.

In hübscher Reibungskletterei geht es noch einige Meter weiter in die Südwand hinaus, an den Fuss des nächsten Quadersteines unseres bewunderungswürdigen Bauwerkes. Wie nicht anders zu erwarten war, findet sich auch hier eine Fuge, die sich aufwärts verfolgen lässt. Sie bietet überaus reizvolle Freikletterei und endet in einer Nische, 15 Meter unterhalb des Grates. Damit wissen wir uns vor der letzten mühevollen Seillänge des Westgrates. Kalt und feucht kriecht die Dämmerung aus den Spalten der beinahe senkrechten, schwierigen Verschneidung. Wie Spukgestalten nehmen sich die pustenden Kameraden im Geklüft aus, und das metallene Klirren des Eisenzeugs hat einen schier unwirklichen, hohlen Klang.

Ein Spreizschritt über den schauerlichen Abgrund der Horefelli-Rinne bringt uns jenseits des Grates auf ein System von schuttigen Bändern und Felsstufen. Unsere Lungen geben, was sie noch können, und um 21.15 Uhr drücken wir uns mit freudig pochendem Herzen auf dem Gipfelplateau des Salbitschijen die Hand. Ein Wetterleuchten erhellt das Hintere Sustenhorn, und das Rohr-spitzli hat eine Nebelkappe angezogen: die Schönwettertage sind zu Ende! Doch dies kümmert uns wenig, denn unser langjähriger Traum von einer Gesamtüberschreitung des Westgrates hat sich in dieser Stunde erfüllt.

Schleierkante Südwestliche Dolomiten

VON HANS SCHOCH, MANNEDORF Mit 4 Bildern ( 9-12 ) Wir sind zum Passo di Rolle hinaufgefahren, nicht in endloser Autokolonne, denn der grosse Touristenstrom ist längst versiegt, ist es doch schon Mitte Oktober. Nun schauen wir hinauf zum Cimone della Pala, der faszinierenden Felsgestalt, wie sie, von den letzten goldenen Sonnenstrahlen eines scheidenden Tages beschienen, sich zum tiefblauen Himmel auftürmt. Unsere Blicke wandern weiter nach Süden, über den wuchtigen Val-di-Roda-Kamm und bleiben schliesslich an einer Kante, welche Licht und Schatten trennt - einer wie mit dem Lineal gezogenen Linie - haften: an der Schleierkante der Cima della Madonna.

In der einzigen Pension, welche in San Martino di Castrozza noch offen ist, finden wir Unterkunft. Die Leute sind wirklich freundlich hier; schon um 5 Uhr hantiert die Wirtin in der Küche, um uns zwei Bergsteigern das Frühstück zu bereiten. Mit einem mütterlichen « Attenzione! » entlässt sie uns in die Morgendämmerung hinaus.

Wo sich das holprige Strässchen auf einer Wiese verliert, lassen wir unseren Wagen stehen. Eine hölzerne rote Tafel mit der Aufschrift « Schleierkante » weist uns den Weg. Über offene Weiden und später durch herrlichen Wald streben wir auf bequemem Pfad der Alpe Sopra Ronz zu, in jener freudigen Erwartung, die von der Ungewissheit, ja, einer leisen Angst begleitet ist. Vor riesigen, dunkeln Felsmauern, wie von einer Künstlerhand hingestreut, stehen die Laubbäume, die Lärchen, in herbstlicher Farbenpracht. Schon sind Holzfäller an ihrer harten Arbeit. Gerne wechseln sie ein paar Worte mit uns; sie sind stolz auf ihr Werk. Während ihre Äxte Äste und Rinde vom Stamm trennen, ziehen wir weiter, allein nun für viele lange Stunden.

In einer Lichtung bleiben wir stehen: Wie ein drohender Finger zeigt die Schleierkante zum Himmel, von der Sonne gemieden, kalt, beinahe beängstigend. Und doch packt sie uns jetzt. Auf kleinem Steiglein gewinnen wir rasch an Höhe, verlassen bald den Wald, und über eine grosse Block-und Schutthalde gelangen wir zu den steilen Felsen, auf welchen sich die Cima della Madonna auftürmt. Die Platten, über die der Weg nach rechts höher führt, sind mit blankem Eis überzogen. Etwas unterhalb des Kammes, welcher den grossen Schuttkessel am Südfuss der « Madonna » begrenzt, steht das Rifugio « Al Velo della Madonna », verriegelt und verlassen. Wir halten kurze Rast, zwingen uns zum Essen und rüsten uns für den Weitermarsch. Vergebens suche ich nach Wasser, denn die spärlichen Rinnsale sind gefroren. Alles, was uns entbehrlich scheint, wird hier zurückgelassen. Von der Hütte aus steigen wir in westlicher Richtung etwas höher; dann führen Wegspuren auf der grossen Terrasse leicht abwärts, bis diese unvermutet in eine tiefe Schlucht abbricht. Dort seilen wir uns an, und bald ist Hans über der steilen Stufe meinen Blicken entschwunden. Noch etwas steif bringen wir diese Stelle hinter uns; beim folgenden leichten Höhersteigen auf dem noch massig geneigten Grat finden wir aber bald die gewohnte Form, fast immer gleichzeitig kletternd, bis die Kante steiler aufragt. Ohne uns ernsthaft um die Richtung zu kümmern, lassen wir uns nach links in eine Rinne abdrängen. Von dort führt ein senkrechter Riss an die Kante zurück. Obwohl keine Begehungsspuren zu erkennen sind und uns auch gleich bewusst wird, dass wir nicht auf der richtigen Route sind, arbeiten wir uns höher. Feucht und kalt, ungemütlich ist es in dem immer steiler und enger werdenden Schlund. Ein rostiger Haken verrät, dass wir doch nicht die ersten sind auf diesem Weg. Hans tritt mir seinen unbequemen Platz ab, um sich in einer grifflosen Verschnei- dung höher zu stemmen; endlich erlöst mich sein kaum mehr vernehmbares « Nachkommen! » In einer ausgeprägten Scharte sind wir wieder beisammen. Haben wir den ersten Kantenpfeiler wirklich schon hinter uns? Wir zweifeln daran, und doch stimmt die folgende Stelle genau mit der im Führer beschriebenen überein: « Nach etwa eineinhalb Seillängen drängen gelbe Überhänge nach links zu einem kurzen Quergang... » Auch hier sind keine menschlichen Spuren wahrzunehmen, keine Haken, obwohl die erste Seillänge schon recht schwierig ist; erst weiter oben in den Überhängen stecken solche.Von einem dürftigen Standplatz aus folge ich einem schmalen Sims in die senkrechte Wand hinaus, wo eine Querung nach links folgen sollte. Ja, dort drüben kann ich einen Haken entdecken! Schwierig sieht es aus. Ich kehre zu meinem Kameraden zurück, der den Aufstieg versuchen will. Kaum ist er um die Kante verschwunden, gleitet das Seil nur noch langsam durch meine Hände; aber dann höre ich das Klinken eines Karabiners: Hans ist beim Haken. Kann er von dort höher kommen? Das Seil bewegt sich nicht -. Nach geraumer Zeit höre ich Hammerschläge; -dann ist es wieder still. Wenn ich meinen Kameraden nur sehen könnteFriedlich liegt San Martino di Castrozza im Val di Cismone. Ob uns wohl jemand beobachtet? Drüben an der Wand der Cima di Val di Roda bildet sich ein kleines Wölklein, steigt höher, wird von den warmen Strahlen der Sonne eingefangen und löst sich auf. Wir sind im Schatten unseres Berges. Eine halbe Stunde mag wohl schon vergangen sein, als sich endlich das Seil wieder bewegt, langsam, zögernd, allmählich etwas flüssiger. Nur noch wenige Meter, dann ist es aus. Hans kann meine Rufe nicht hören; er steigt weiter. Die Schlinge, zur Sicherung um einen Felszacken gelegt, muss gelöst werden. Wenn er nur endlich einen Standplatz erreicht! Ich verlasse den meinen, um von einem handbreiten Sims aus dem Seil entlang hinaufzusehen. Es bleibt ruhig; endlich kann ich nachklettern. Das Sims endet in glatter Wand, wo ich an spärlichen Griffen etwas abwärts in eine stumpfe Verschneidung klettern kann, um dann aus dieser hinaus weiter zu queren. Vom einzigen Haken aus in dieser 40-Meter-Seillänge ist mein Kamerad aufwärts geklettert; es scheint mir unmöglich, hier höher zu kommen. Ich hänge den Karabiner aus und quere noch etwa zwei Meter weiter; hier finde ich wenigstens Griffe. Es geht besser als erwartet, und endlich kann ich Hans wieder sehen. In einer Verschneidung sind wir beisammen, unter einem grossen Überhang, an zwei rostigen Haken gesichert. Wie soll es weitergehen? Das brüchige Dach ist kaum zu überwinden. Wieder müssen wir aus der Verschneidung in die Wand queren. Bis zu einer kleinen Rippe geht es gut; dann will es Hans nicht mehr gelingen weiterzukommen. Wenn er nur einen Haken plazieren könnte, aber es zeigt sich auch hier keine Möglichkeit! Es gibt nur einen Weg für uns: hinauf. Ich bin wieder allein unter dem gelben Überhang, sehe hinüber zum Sass Maor und suche nach einem Lebewesen auf der Schutterrasse unter mir. Nun läuft das Seil schneller; dann bleibt es ruhig. Nach der äusserst schwierigen Stelle wird die Wand gegliederter, legt sich etwas zurück. Wir sind wieder an der Kante und bald in einer ausgeprägten Scharte. Ein Blick auf die Südseite belehrt uns, dass wir erst jetzt den ersten Kantenpfeiler hinter uns haben; der senkrechte Riss führt dort herauf. Durch die Nordwand sind wir hierher gelangt, auf schwierigster Route. Es war ein böser « Verhauer », der beinahe das Äusserste von uns gefordert hätte. Mächtig ragt der zweite Pfeiler himmelwärts; unvergesslich wird dieser Anblick bleiben. Nun liegt endlich die Route klar vor uns: direkt über die Kante geht es, in herrlicher Kletterei, ausgesetzt, doch an keiner Stelle so wie an der Delago-Kante in den Vajolet-Türmen, welche wir am Tage zuvor genossen haben. Überhänge zwingen wieder zu einem kurzen Quergang. Wie eine Fliege klebt Hans an der senkrechten Mauer; doch gute Griffe, die manchmal im Überfluss vorhanden sind, lassen ihn sicher höhersteigen. Nach der luftigen Querung kann ich nur noch den Kopf meines Kameraden sehen, denn er hat sich in eine kleine Höhle verkrochen. Die nächste Seillänge bringt uns wieder an die Kante, die sich bald etwas zurücklegt und in einer kleinen 12 Spitze endet. Gespannt sehen wir in die Scharte dahinter; schon lange haben wir uns Gedanken gemacht, wie diese Stelle mit dem « unmöglich erscheinenden Spreizschritt » aussehen werde. Sicher ist es nicht leicht, an die etwa zwei Meter von der Pfeilerspitze entfernte Wand hinüberzukommen. Die Sache ist aber keineswegs so ausgesetzt, wie wir sie uns vorgestellt haben. Mit ausgestreckten Armen lassen wir uns an die Wand hinüber fallen; die Fingerspitzen der rechten Hand finden einen kleinen Halt, und nach kräftigem Abstossen erwischt auch die linke höher oben einen guten Griff. Jetzt heisst es schnell nachziehen, und schon kann man wieder sicher stehen. Herrliche Kletterei folgt am Schluss dieser Akrobatik-Einlage. Ein grossartiger Weg ist die Schleierkante; « eine Himmelsleiter... wie vom Herrgott für den Kletterer geschaffen », hat Hermann Buhl sie genannt. Nach etwa zwei Seillängen wird die Wand weniger steil; durch das « geschweifte Kamin » überwinden wir die letzten Meter. Herrlich warme Sonne überflutet uns! Ein kurzer, leichter Grat führt zum Gipfel; langsam gehen wir dieses letzte Stück. Ein seltsames Gefühl befällt uns, schnürt uns die Kehle zu. Stumm drücken wir einander die Hände.

Ganz still ist es um uns, kein Windhauch zu spüren; am tiefblauen Himmel hangen zarte Wolkenschleier. Hunger verspüren wir kaum; ein wenig Schokolade, ein kleiner Schluck Wein, ein Apfel, das genügt. 500 Meter unter uns sehen wir das Rifugio; mit einem Steinwurf glauben wir es beinahe erreichen zu können. Aber wir dürfen nicht lange verweilen; um 6 Uhr, also in drei Stunden, wird es schon dunkel sein. In der gleichen Richtung, wie wir gekommen sind, folgen wir dem horizontalen Grat bis zu der Stelle, wo dieser wie mit einem riesigen Messer entzweigeschnitten ist. Im Dülfer-Sitz gleiten wir von hier aus in die Tiefe, am Rande des Winkler Kamins, manchmal darin. Bei der zweiten Abseilstelle reicht unser 40-Meter-Seil, welches wir zusammen mit einer 50 Meter langen Reepschnur verwenden, knapp bis dorthin, wo die Wand etwas gestuft wird. Über einige Absätze können wir frei klettern; die abschüssigen, mit losem Schutt bedeckten Bänder schätzen wir zwar nicht. Noch liegt die Scharte zwischen der « Madonna » und dem Sass Maor eine gute Seillänge unter uns; glatte Wände trennen uns von ihr. Etwas weiter links sehen wir einen grossen eisernen Ring. Während Hans noch herabgleitet, halte ich nach dem weiteren Abstieg Ausschau. Seit Wochen kommt kein Sonnenstrahl in diese Schlucht; bis weit hinab ist sie mit Schnee gefüllt, Eiszapfen hangen an den Flanken. Es wird nicht leicht sein, bis wir aus dem Schnee hinaus sind; wenn wir aber die Aufstiegsroute im unteren Teil der Kante erreicht haben, werden wir vielleicht sogar in der Dunkelheit absteigen können. In einer Stunde wird es finster; wir müssen uns beeilen. Bald stehen wir bis an die Knie im lockeren Pulver, bald ist der Schnee wieder so hart, dass wir kaum mit den Schuhen eine Kerbe schlagen können. Am Rande der Schlucht geht es recht gut, denn der Fels bietetuns etwas Halt; manchmal können wir uns auch zwischen ihm und dem Schnee verstemmen. Noch zwei, drei Seillängen, dann haben wir das Schlimmste hinter uns. Rotgolden leuchtet in unserer Nähe der Fels; aber während wir eilig über eine Rippe tiefer klettern, fallen die Schatten ein. Über unsern Köpfen erhebt sich die Wand, durch die wir den ersten Kantenpfeiler erstiegen haben. Wir sind dankbar, dass alles so gut gegangen ist. Bei zunehmender Dämmerung steigen wir gemeinsam über den leichten Grat hinab; kaum können wir bei der letzten steilen Stufe Tritte und Griffe sehen. Ein goldener Saum steht über dem Horizont, und langsam kriecht die Nacht aus dem Tal zu uns herauf. Jetzt darf sie kommen. Von der Stelle an, wo wir uns vor acht Stunden ans Seil gebunden haben, gehen wir gemächlich zum Rifugio. Die grosse Spannung ist gewichen, wir sind glücklich.

In stockdunkler Nacht steigen wir zu Tal. Drahtseile helfen uns über die Platten, und bald sind wir auf sicherem Weglein. Im Zickzack führt es auf der Blockhalde in den Wald hinab und auf den Alpweg. Längst sind die Axtschläge verhallt; nur unsere müden Schritte stören die Stille. Nach 8 Uhr erreichen wir unseren Wagen; eine halbe Stunde später geniessen wir eine heisse Suppe. Wie gut sie schmeckt! Dann wird das Innere des Autos als Liegestätte eingerichtet, und endlich können wir uns in den Schlafsäcken zur wohlverdienten Ruhe legen.

Aus Pauses Buch « Hundert Genussklettereien » liest Hans mir vor, was über die Schleierkante geschrieben steht: «... sie ist der höchste und letzte Wunsch aller dem ,Genussklettern'verschwore-nen Bergsteiger zwischen 18 und 40 Jahren... ». Die Erfüllung dieses Wunsches wurde für uns zum grossen Erlebnis.

Noch lange kann ich den Schlaf nicht finden, schaue hinaus in die Nacht, zum nahen Wald, zu den Türmen des Val-di-Roda-Kammes — und hinauf zum Himmel. Wolkenfelder ziehen dahin, und dazwischen leuchten die Sterne.

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