Der Ski

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Nach einer Weile besteigen wir wieder unsere ausgeruhten Maultiere und reiten talwärts. Pedro hat noch viele Fragen auf Lager, und es tut mir leid, nicht alle klar genug beantworten zu können. Ein feiner Windhauch streicht milde über die Bergkuppe, und als ich in der Tiefe des Tales die Hütten von Tiro Patria erkenne, liegen diese schon im Schatten.

Der Abstieg ist für die Tiere an zwei Stellen so schwierig, dass wir absteigen, zu Fuss gehen und sie an der Leine führen. Den Weg kennen sie, gelenkt zu werden brauchen sie nicht. Pedro fragt mich schliesslich, ob ich denn verheiratet sei. Als ich verneine, meint er, dann würde ich wohl bei meinen Eltern wohnen. Wie ich ihm mitteile, dass diese schon einige Jahre tot seien, meint er mit einem mitleidigen Lächeln :«Dann bist du ja ganz allein auf dieser Welt! » Nachdem wir die Hütten von Tiro Patria erreicht haben, befreit Pedro die verschwitzten Mulis flink von ihren Sätteln. Sein jüngerer Bruder führt die durstigen Tiere zur Tränke. Pedros Mutter und seine Schwester begrüssen mich über den Zaun des Vorhofes; der jüngste, etwa dreijährige Bruder packt Pedro am Hosenbein.

Es ist inzwischen schon ziemlich dunkel geworden im Tale, und die frische Kühle des Abends lässt die Menschen sich in Ponchos und warme Decken hüllen. Zum vereinbarten Betrag zahle ich Pedro noch ein gutes Trinkgeld. Ich grüsse die Frauen und drücke zum Abschied Pedros ledrige, gefurchte Hand.

Abfahrt! Im Rückspiegel sehe ich, wie mir die Frauen über den Zaun nachblicken, während Pedro allein und reglos auf der Strasse steht und mir nachschaut - bis eine Wegbiegung das traute Bild verschluckt...

Ich fahre hinein in die Nacht, Pedro setzt sich in der Hütte ans Feuer zu seiner Familie.

Der Ski

U. Greuter, Abidjan, Afrika Die Böschung war steiler geworden, das Tal verengte sich zu einer kleinen Schlucht. Neben uns quirlte der Bach; Schneereste überbrückten ihn, lagen auch nass und schwer auf dem Weg. Noch immer trugen wir die Ski. Wir gingen zwischen Felsen neben dem Wasser her. Die Sonne war hier spärlich geworden, nur wenig erstes Grün reckte sich aus Ritzen oder auf Bändern neben dem letzten Schnee. Die Hänge hingen hoch über uns; wir konnten sie nicht sehen, aber wir kannten sie, lange, steile Hänge, in die wir auch schon unsere Spuren gezogen hatten.

Und dann stand da plötzlich am Wegrand ein Ski. Ein einzelner Ski, am Felsen angelehnt, verlassen in der Schlucht. Jeder von uns schaute hin, jeder mochte sich wundern, woher er kam.

Die Schneereste waren grosser geworden und hingen nun fast ganz zusammen. Erleichtert schnallten wir die Ski unter die Füsse, und gleichmässig stiegen wir weiter in einer alten, verwaschenen Spur.

Ich dachte an den Ski und stellte mir vor:

Vera hatte sich mit Alex zerstritten. Gleich unten, hinter dem Dorf, fing es an, einer Kleinigkeit wegen, eigentlich gar nicht der Rede wert. Vielleicht hatte Alex schon vergessen, worum es eigentlich ging; er beharrte nur noch auf seinem Recht. Und Vera konnte von einer wilden Sturheit sein, wenn sie nicht gewillt war nachzugeben. So hatten sie sich schon gut eine Stunde vom Tal heraufgestritten.

Einmal hatte sich Veras Steigfell vom einen Ski gelöst. Sie blieb stehen, trat aus dem Ski und schnallte das Fell wieder fest. Sie selbst hatte es sich in zorniger Unachtsamkeit vom Ski gestossen.

Alex wartete nicht auf sie. Er hatte gehört, dass das Schleifen ihrer Ski im Schnee zurückblieb und nur flüchtig nach dem Grund zurückgeschaut. Mit wütender Schadenfreude spurte er weiter auf dem frischverschneiten Weg und tat, als hätte er nichts bemerkt.

Natürlich wusste Vera, dass er es gesehen hatte. Sie schnaufte jetzt allein den Wald hinauf. Nur schwer gelang es ihr, den Abstand zwischen sich und Alex etwas zu verringern. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt, was ihr das Atmen sehr erschwerte. Immer wieder blickte sie kurz nach ihm; er aber schaute absichtlich nicht zurück. « Unmensch », dachte sie da, « rücksichtsloser », doch sie sagte nichts. In diesem Augenblick hasste sie ihn. Sie wäre am liebsten weggelaufen; aber wohin? Und sie hätte sich vielleicht nur lächerlich gemacht.

Schadenfreude verliert mit der Zeit an Reiz.B.ei einer leichten Wegbiegung blieb Alex stehen und liess Vera, ohne sich umzublicken, näherkommen. Umständlich wischte er sich den Schweiss vom Gesicht und beschäftigte sich mit seinem Taschentuch. Bald hörte er das Knirschen des Schnees hinter sich. Doch dann setzte es plötzlich aus.

Vera schloss nicht bis zu ihm auf. Vielleicht war schon etwas Versöhnliches in ihr gewesen, ein heimlicher Wunsch, aus der Verbannung zurückzukehren. Dann hatte sie sich geärgert, weil er sich nie nach ihr umgeschaut hatte. Trotzig blieb sie stehen, ihr Blick streifte stolz an ihm vorbei.

Diesem Blick antwortete Alex nicht. Schweigend setzte er den Aufstieg fort, Vera ebenso schweigend hinter ihm her.

Er war enttäuscht und etwas mutlos geworden. Wohl wusste er, dass er vielleicht hätte rufen sollen, ihr mindestens mit einem Blick hätte entgegenkommen müssen. Er war zu stolz gewesen, und jetzt war alles schwieriger als zuvor. Lange überlegte er, was nun am besten zu tun wäre.Vera stieg ratlos hinter ihm her. Die Ski schleiften wie von selbst über den Schnee, die Landschaft war wie ausgelöscht in ihr. Sie kämpfte heftig gegen die Tränen.

Weiter oben hatte sich das Tal verengt, die Böschung war hoch und steil geworden. Der Bach war ganz vom Schnee gedeckt; man hörte ihn nicht einmal mehr. Wenn Alex am Rand des Felsens mit dem Stock ein Tännchen streifte, rieselte der Schnee wie lautloses Wasser auf den Weg hinab. In der Schlucht war es schattig und kalt.

Plötzlich blieb Alex stehen und blickte zum Schluchtrand empor. Hatte er etwas gehört? Oder war es ein Zittern in der Luft gewesen? Der Himmel stand blau über ihm, aber er war zu einem ganz schmalen Streifen geworden.

Alex drehte sich um und rief leise: « Mach Abstand, es ist sicherer. » Das Wort durchstiess sie wie ein glühender Pfeil. Sie blieb einen Augenblick stehen, dann flehte sie ängstlich: « Pass auf, Alex, pass auf. » Gleichmässig und etwas rascher stiegen sie weiter durch die Schlucht. Das Spuren war mühsamer geworden, der Neuschnee lag höher auf dem Weg. Spannung hatte den langen, dummen Streit ganz plötzlich ausgelöscht.

Als es dann kam, hörte man zunächst gar nichts. Wie weisse Pfeile schoss es den Hang herab. Vera stand wie angewurzelt, wollte schreien, brachte keinen Ton heraus. Alex versuchte nach vorne zu fliehen. Aber schon nach wenigen Schritten hatte es ihn erreicht. Der Schnee war über den Bach geschossen, er warf Alex hin und presste sich schliesslich mit dumpfem Kollern an den gegenüberliegenden Hang. Dann Stille — nichts — niemand.

Vera geriet in panische Angst. Vor ihr lag hart, wie getrampelt, das neue Feld des Schneebretts, unter dem sie Alex begraben wusste. Aber wo war er? Was sollte sie zuerst tun? Sie trat auf das Feld und begann mit blossen Händen darin herumzu-scharren. Sie wusste gleich, dass es zu nichts führte; der Schnee war viel zu hart und zu gross. So riss sie die Steigfelle von den Ski und raste ins Tal, so schnell es ging. « Hilfe holen! » war alles, was sie zu denken vermochte.

Da alles sehr rasch ging, fanden sie ihn noch lebend. Beim Sturz hatte er sich zu einer Kugel gerollt und war in eine Nische zwischen zwei Felsen gepresst worden. Der Schnee lag gar nicht

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