Der Sommerski

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Von Georg Bilgeri.

Vor drei Jahrzehnten unternahm ich die ersten Versuche mit Sommerski. Sie führten zu einem guten Erfolg, und ich verdanke der Benützung der Sommerski viele schöne Skifahrten zu einer Jahreszeit, in der die meisten Skifahrer an die praktische Auswertung der Vorteile des Ski gar nicht denken. Sicher ist es aber, dass es wenige Alpinisten geben wird, die nicht schon oft auf einer sommerlichen Gletschertur ganz prachtvollen Firnschnee und Pulverschnee vorgefunden haben und von Herzen bedauerten, nicht mit Ski abfahren zu können an Stelle eines langen und anstrengenden Abstieges im weichen Schnee. Ja, selbst beim Aufstieg über Gletscher bei nicht vollständig tragfähigem Harscht oder bei Neuschnee wären auch im Sommer Ski oft sehr erwünscht. Gerne würde man auch im Sommer in die Gletschergebiete regelmässig Ski mitnehmen, müssten sie nicht so endlos weit getragen werden, bis man die Schneeregion erreicht.

Diese Erwägungen führten mich zur Konstruktion eines möglichst leichten Ski, der beim Aufstieg, und sei es auch über steileres Gelände, über kürzere Felspartien oder über Felsgrate, ohne besondere Behinderung der Bewegungsfreiheit und ohne besondere Überlastung durch sein Gewicht am Rucksack getragen werden kann. Der Ski musste also möglichst kurz sein. Um aber die nötige Tragfähigkeit zu erreichen, war es notwendig, die Skibreite grösser zu halten wie bei den gewöhnlichen Turenski 1 ).

Zu den ersten Versuchen benützte ich 70—80 cm lange und 14—16 cm breite Ski. In der Folge erwiesen sich jedoch Ski von 120—130 cm Länge und 11—12 cm Breite als vorteilhafter. Bei den Sommerski verzichtete ich absichtlich auf geschweifte Seitenkanten. Sie waren daher durchlaufend gleich breit. Das hatte den Vorteil, dass sie trotz der Kürze, die ja im allgemeinen das Flattern der Ski begünstigt, eine gute Führung bekamen. Anfangs war ich nur darauf bedacht, einen Ski zu konstruieren, der so weit tragfähig war, dass er die Abfahrt gerade noch ermöglichte. Die schönen Turen und der oft recht günstige Schnee erweckten aber die Sehnsucht — bei einem Skifahrer wohl selbstverständlich —, den Sommerski so zu gestalten, dass er trotz der notwendigen Beschränkung der Länge doch einigermassen eine flottere Abfahrt ermöglichte. Ich liess nun Sommerski mit einer Länge bis zur Schulterhöhe bei 8—10 cm Breite und für schwerere Läufer sogar bis in Körpergrösse erzeugen. Die erstere Länge hat sich am besten bewährt, ohne dass hierdurch das Gewicht der Ski merklich erhöht wurde. Als Bindung benützte ich eine möglichst leichte, einfache Backenbindung. Da ich die Ski auch für den Aufstieg benütze, habe ich auf der ganzen Lauffläche Seehundsfelle fix angebracht ( ins Holz eingelassen, geklebt und angeschraubt ). Diese Fellbefestigungsart ist in der Abfahrt in keiner Weise hinderlich. Sie hat nur den einzigen Nachteil, dass die Seehundsfelle sich etwas mehr abnützen und früher ersetzt werden müssen. Demgegenüber überwiegt aber der Vorteil, dass die Ski jederzeit für den Aufstieg gebrauchsfertig sind, was gerade bei Sommerskituren sich oft als sehr nützlich erweist, weil die Wegrichtung durch die günstigste Schneelage bestimmt wird, die auch in der Abfahrt manchen kleinen Anstieg erfordert.

Dieses Skimodell hat sich besonders im Gendarmerie- und Zollwacht-dienst und für die Jagd sehr bewährt, wo der Weg bald auf- und bald abwärts führt. Auch fällt bei fix befestigten Seehundsfellen jedes Anpappen des Schnees weg.

Bei Harscht ist das Kanten mit den breiten Sommerski schwieriger als bei normalen Ski. Hier bewähren sich ganz besonders Harschtleisten, die auch bei steilen Hängen ein flaches Auflegen und Vorschieben des Ski gestatten, wodurch ausserdem der Rückgleitschutz voll zur Geltung gebracht wird. Trotz Harschteisen und Rückgleitschutz wiegen meine Sommerski kaum 21/2—3 kg.

Die Bindung muss so aufmontiert werden, dass die Fussspitze in die Längenmitte des Ski zu liegen kommt.

Was die Tragart betrifft, so habe ich folgendes als praktisch erprobt:

Man legt die Ski mit der Spitze des einen zum Ende des anderen und steckt sie so quer durch den Rucksack. Noch besser ist die aus nebenstehendem Bilde zu ersehende Art. Die Ski liegen mit ihren Laufflächen am Rücken und werden mit den Bindungs-Zehenriemen an den Traggurten des Rucksackes bei dessen Verschluss befestigt.

Die Lauftechnik mit Sommerski unterscheidet sich wenig von der Lauftechnik mit Langski. Im allgemeinen ist sie rascher zu erlernen wie der sonstige Skilauf, weil die kurzen Ski sich leichter lenken lassen und manche Schwünge nur durch normale Kraftanwendung oder eine geringe Gewichtsverlegung vollführt werden können.

Bei einem alpinen Führungskurs in den Stubaier Alpen im Jahre 1910 bat mich der Schlüsselwart des Becherhauses, sich uns anschliessen zu dürfen, da er nicht allein den Übeltalferner passieren wolle. Da der Kurs mit Sommerski ausgerüstet war, hätte der Beschliesser uns mit seinen Schneereifen sehr aufgehalten. Ich gab ihm die mitgeführten Reserveski ( Sommerski, l,20 m lang ). Obwohl er zum erstenmal Ski am Fusse hatte, kam er nach kurzer Anleitung ganz gut mit und verursachte uns wenig Aufenthalt.

Im Jahre 1907 liess ich anlässlich eines Skikurses einige Wegmacher der Radstätter Tauernstrasse auf Sommerski eine Stunde üben. Trotzdem die Leute teils über 40 Jahre zählten und keiner jemals Ski gelaufen war, konnten sie nach dieser kurzen Lektion auch am steilen Hang Schlangenbögen ausführen.

Es gibt viele, die vom Skilauf begeistert sind, wegen Mangel an Zeit aber den Skilauf nur an wenigen Sonntagen ausüben können. So mancher, der erst gegen Ende des Winters die Freuden dieses schönen Sportes erkannte, verschiebt das Erlernen desselben auf den nächsten Winter, weil ihm die wenigen Übungstage für das Anfangen nicht mehr recht dafürstehen. Bei Benützung der Sommerski würde sich ihnen aber zum Skifahren noch reichlich Gelegenheit bieten. Mit Sommerski erlernt man den Skilauf überdies rascher und hat dann für den kommenden Winter schon eine sehr gute Vorbereitung.

Wie oft kommt es auch vor, dass im Sommer, bei Eintritt schlechten Wetters, man tagelang tatenlos in einer Schutzhütte gefangen sitzt und nicht mehr weiss, wie man die lange Wartezeit auf günstiges Turenwetter verbringen soll. Und selbst dann, wenn endlich wieder gutes Wetter eingetreten ist, können wegen starker Schneelage grössere Turen nicht sofort oder nur unter grossen Schwierigkeiten unternommen werden.

Hat man aber Sommerski zur Verfügung, so kann man sich während der Wartezeit mit Skifahren vergnügen mit der Aussicht, überdies noch einige schöne Skituren ausführen zu können. Auf jeder höher gelegenen Schutzhütte mit günstigem Skigelände sollte ein Bestand von Sommerski zum Ausleihen vorhanden sein. Dies würde sich bald bezahlt machen, da die Gäste ihren Aufenthalt nicht vorzeitig abzubrechen brauchten.

Die Unterschiede und Abweichungen der Sommerskitechnik von unserer normalen Skitechnik sind in kurzen Umrissen folgende:

Das Wenden erfolgt selbstverständlich bergwärts und ist mit den kurzen Ski viel leichter zu vollführen und eine sehr gute Vorübung für das Wenden mit langen Ski.

Beim Laufen in der Ebene sind kürzere Schritte zu machen, damit beim Vorführen der rückwärts befindliche Fuss nicht an das Ende des vorn befindlichen Ski anstösst.

Das Stemmfahren ist gleich wie beim Langski.

Beim Stemmbogen ist es angezeigt, den Gleitski möglichst bald beizuziehen und den zweiten Teil des Schwunges als Kristiania auszuführen. Dieser kombinierte Schwung, insbesondere aber der Kristiania, teils eng, teils breitspurig, teils gerissen, teils gezogen, kommt für das Laufen mit Sommerski hauptsächlich in Betracht. Diese Schwünge sind sehr leicht zu erlernen, in jeder Geschwindigkeit auszuführen und benötigen die kürzeste Zeit. Infolge der gut lenkbaren, kurzen Ski und dem dadurch erleichterten Schwingen, kann man mit Sommerski auch in Walddurchlässen, Gräben, Mulden, auf Schneebändern und selbst Zungen und Rippen sicher und schnell fahren, genügt doch der kleinste Schneestreifen, sobald er breiter ist, als die Ski lang sind, für die vorbeschriebenen Schwungarten.

Beim Telemark kann nur eine kleine Ausfallstellung angenommen werden, damit die Skispitze des rückwärtigen Ski nicht am Fusse des vorgeführten Beines vorbeigleitet. Der rückwärtige Ski verliert sonst die Führung, was meist einen Sturz zur Folge hat. Zur sicheren Durchführung dieses Schwunges ist es notwendig, beide Knie stark zu beugen und das des rückwärtigen Beines möglichst nahe zum vorgeführten Fuss beizuziehen.

Bei ungleichmässigem Schnee oder welligem Gelände wird zur Vergrösserung der Basis und Erhöhung der Standsicherheit bei der Abfahrt ein Ski vorgeschoben. Bei grösseren Terrainwellen ist es vorteilhaft, den vorn befindlichen Ski so weit vorzuführen, dass er mit seiner Mitte zur Spitze des anderen Ski kommt.

In führigem Schnee kann ein geübter Skifahrer auch einspurig fahren, indem der rückwärtige Ski mit der vorderen Hälfte auf den vorne befindlichen aufgelegt wird, wobei die Spitze des Ski sich an die Ferse stützt. Diese Abfahrtsstellung erfordert eine grosse Balancefertigkeit, bereitet aber viel Vergnügen, weil sie die Geschwindigkeit erhöht.

Was die alpinen Gefahren anbelangt, so gelten für Turen mit Sommerski selbstverständlich die sonstigen allgemeinen Regeln.

Die Lawinengefahr ist, Neuschnee ausgenommen, naturgemäss geringer. Steile, im Winter wegen Lawinengefahr oft nicht passierbare Hänge können im Sommer sicher befahren werden. Trotzdem lasse man aber niemals die nötige Vorsicht ausser acht.

Die Gefahr des Einbrechens in Gletscherspalten wird durch die Benützung von Sommerski gegenüber dem Fussgänger bedeutend herabgemindert. Ende Juni 1910 war ich mit 19 Personen in den Oetztaler Bergen. Während unserer ca. 55 km langen Gletscherwanderung war es nur zweimal und nur auf die kurze Strecke von ca. 300 Schritt notwendig, das Seil zu benützen.

Auf Gletschern weicht man den Brüchen und Spalten möglichst aus. Müssen kleinere Brüche passiert werden, so suche man die schmalste Stelle mit konkaver Form ( Mulden ) und benütze eventuell das Seil. Spalten werden möglichst senkrecht zu ihrem Verlauf und mit einem weit vorgeschobenen Ski passiert, wodurch das Gewicht auf eine grössere Basis verteilt wird.

Bei der Abfahrt kommt zu diesem Sicherheitsmoment noch die Fahrt-geschwindigkeit hinzu, so dass die Belastung der Brücken auf ein Mindestmass herabgesetzt wird. Stürze sind aber unbedingt zu vermeiden.

So manche durch Brüche führende, steile und schmale Schneebänder und Rinnen sind mit den kurzen Ski oft gut passierbar, während lange Ski abgeschnallt werden müssten.

Die Benützung des Sommerski ist vor allem vom Standpunkt des Alpinisten zu betrachten. Er ist in erster Linie Mittel zum Zweck. Trotzdem findet auch der alpine Skifahrer viel Freude bei solchen Turen. Kann er so manche Sommertur überhaupt nur mit Sommerski unternehmen, während andere in der Hütte erst die Bildung eines halbwegs tragfähigen Schnees abwarten müssen, erspart er sich andererseits bei der Abfahrt, wie schon erwähnt, viel mühseliges und langes Schneestapfen. Wie oft kommt es vor, dass der am Morgen beim Anstieg gut tragfähige Schnee beim Abstieg so weich wird, dass der Abstieg sich anstrengender gestaltet als der Aufstieg. In solchen Fällen lernt man die Vorteile des Sommerski besonders schätzen.

Man spart Zeit und Kraft und kann auch alpin viel mehr unternehmen und so die meistens beschränkte Urlaubszeit viel besser und gründlicher ausnützen, während im anderen Falle durch ungünstige Witterung oft manche schöne Turenpläne buchstäblich ins Wasser fallen.

Unvergesslich ist mir eine meiner ersten Sommerskituren mit meinem alten Bergkameraden Notar Rigele in den Hochalpen des Engadins im Juli 1911. Wir schlugen in der ca. 2600 m hoch gelegenen Mortelhütte für 5 Tage unser Standquartier auf.

Zuerst bestiegen wir trotz des zweifelhaften Wetters den 3391 m hohen Piz Capütschin. Das Gelingen verdankten wir nur unserer Ausrüstung mit Sommerski. Ohne diese wäre jener Tag für uns verloren gewesen. Die Anfahrt war ein Vergnügen und als endlich teilweise die Sonne durchbrach, blieb uns noch viel Zeit für ein Sonnenbad und allerhand Künste mit unseren Ski.

Am nächsten Tag hat sich das Wetter nicht gebessert. Trotzdem konnten wir die Fahrt auf die 3587 m hohe Sellaspitze durchführen und hatten eine sehr interessante Abfahrt am Seil durch Eisbrüche und über alten Lawinenschnee. Die Fahrt war vielleicht weniger stilvoll als mit normalen Ski, aber nichtsdestoweniger ging es flott und ohne Anstrengung bergab.

So konnten wir, ungeachtet der zwei schönen Fahrten nur wenig ermüdet, den Plan fassen, am kommenden Tag den 3942 m hohen Piz Roseg über den Südwestgrat zu besteigen. Mittlerweile hatte sich auch das Wetter sichtbar gebessert. Um 330 Uhr früh zogen wir los, und nach schwieriger und interessanter Eis- und Seilarbeit erreichten wir um 330 Uhr nachmittags den Hauptkamm und um 545 Uhr abends den Gipfel selbst. Der Abstieg gestaltete sich nicht minder kritisch. Der Nordgrat hatte nicht, wie wir gehofft, soliden, festen Firnbelag, sondern nur eine dünne, feuchtsalzige Schneeschicht aus Eis. Aber sie war gottlob durch den kalten Nordwind doch wenigstens oberflächlich etwas erhärtet und gab stellenweise einigen Halt. Trotzdem musste fast jede Stufe sorgfältig ins Eis eingemeisselt werden; denn links hing die Wächte über die Nordwestflanke hinaus, rechts aber schoss die geborstene Eiswand wohl 800 m tief jäh hinab zur Vadret da Tschierva, deren Klüfte beutegierig heraufspähten. Endlich erreichten wir den niedrigeren Nordgipfel, 3927 m. Wieder gerieten wir auf blankes Eis mit dünner, wässeriger Schneeschicht. Also zurück und wieder aufwärts. Viele, viele Stufen machten unseren ermüdeten Gliedern noch schwere Arbeit. Schliesslich landeten wir doch in der Mulde, in der wir unser Gepäck und unsere Sommerski abgelegt hatten.

War uns nach dem anstrengenden Tag auch nicht gerade zu schneidiger Abfahrt zu Mute, so kamen wir mit unseren Ski doch rasch talwärts und empfanden diese Skifahrt bei dem langsam zunehmenden Mondlicht fast als ein Ausruhen. Um 1030 Uhr abends hielten wir unseren Einzug in die Coazhütte.

Der grösste Vorteil der Sommerski ist der Zeitgewinn die Ersparnis an Kraft und nicht zuletzt die Möglichkeit, auch an solchen Tagen grössere Fahrten unternehmen zu können, an denen man infolge ungünstiger Schneeverhältnisse zu Fuss und selbst mit Schneereifen nur schwer weiter kommt. Aus diesen Gründen wird der Sommerski in Zukunft immer mehr zur Geltung kommen und für viele Bergfahrten ein unentbehrliches Ausrüstungsstück werden. Bei meinen zahlreichen Fahrten im Gletschergebiet war es mir immer ein uneingeschränktes Vergnügen, wenn ich Sommerski benützen konnte, wie ich es dagegen oft und oft bedauern musste, wenn ich gemeint hatte, ihr Mitnahme würde nicht notwendig sein.

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