Der Südwestgrat des Fou über die Aiguille de Lépiney

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Claude Rémy und René Pavillard, OJ Vallorbe Auch wenn man die feste Absicht hat, einen der schönsten Grate der Aiguilles de Chamonix, den Südwestgrat des Fou, zu besteigen, zögert man doch einen Moment, denn trotz seiner relativ bescheidenen Höhe ( 3501 m ) ist sein Anstieg recht beachtlich. Es ist tatsächlich eine grossartige Kletterei, die bei der Envershütte beginnt und verschiedene Elemente enthält: die Fou-Rinne, selbst schon eine Eispartie, die Ostflanke der Aiguille de Lépiney, den Fou-Pass und die Kletterei an seinem Grat, auf dem Rückweg die Passage unter den Ciseaux und den Aiguilles de Blaitière, dann den Bregeault- oder den Spencer-Abstieg, die auf den Nantillons-Gletscher ausmünden. Eine lange Tour, die aber auch schon in einem Tag gemacht worden ist.

Unter wolkenverhangenem Himmel verlassen wir das Eismeer und gelangen über die Stufen, die glücklicherweise den Aufstieg erleichtern, unter der imposanten Grépon-Wand durch zur Envershütte. Ein wenig einladender Nebel verhüllt die ganze Umgebung. Vom Hüttenwart werden wir sehr freundlich empfangen; er erinnert sich an die Schweizer Schokolade, die wir ihm bei einem früheren Besuch gebracht und diesmal total vergessen haben. In seiner Gesellschaft verbringen wir einen angenehmen Abend, indem wir über allerlei plaudern: über einen verrückten winterlichen Versuch in der Südflanke des Fou und das Biwak der Japaner am Grépon, über die gegenwärtige Schneemasse, die bis jetzt jede grössere Tour im Massiv unmöglich gemacht hat.

Um 2 Uhr reisst uns der Wecker aus dem Schlaf. Ein Blick nach draussen: alles ist verhanErstbesteigung der Lépiney-(3429 m)Ostwand: M. Bron und E. Gauchat; 6.September 1953.

Erstbesteigung des Fou-(350i m)Südwestgrates: F. Allain und R. Latour; August 1933.

( Bild 16 ) gen. Als wir um 6 Uhr aus der Hütte treten, sehen wir - o Wundereinen gleichmässig blauen Himmel. Sofort beschliessen wir aufzubrechen, trotz der späten Stunde, der schon beachtlichen Hitze und des schlechten Barometerstandes. Grosses Durcheinander in der Hütte - ein paar schnelle Vorbereitungen, und los geht 's!

Auf dem Gletscher kommen wir nur langsam vorwärts, da wir tief in den Schnee einsinken und die Sonne schon heiss auf uns niederbrennt. Nachdem wir den unteren Teil des Grates überquert haben, sehen wir nun alles genau vor uns: die zum Glück im Schatten liegende Rinne und die sonnenbeschienene Wand.

Mit dem am Schulterriemen befestigten Material steige ich in die immer steiler werdende Rinne ein. Der Bergschrund sieht gefährlich aus und gibt mir zu denken. Zur Linken glaube ich eine leichtere Passage zu erkennen, und ich entdecke einen Nagel. Langsam, mit Hilfe von Pickel und Kletterhammer, steige ich weiter. Im Augenblick sind die Verhältnisse ausgezeichnet. Nach dem Schrund wird die weitere Route deutlich sichtbar, dank den von ständig herabfallenden Steinen und Eisstücken eingegrabenen Rutschbahnen, denen wir folgen müssen.

Ich rufe meinem Kameraden, mir nachzukommen, und meine Stimme hallt sonderbar in dem Trichter, in dem wir uns befinden. Grock — das ist der Übername meines Freundes- steigt rasch auf, und sobald er mich erreicht hat, gehe ich weiter und achte darauf, dass ich immer in der gleichen Richtung bleibe. Endlich sind wir an der Rampe, zwanzig Meter vor dem charakteristischen, im Anhang zum Vallot-Führer ( dessen Angaben ich sorgfältig abgeschrieben habe ) aufgeführten Kamin. Ich verlasse die Rinne und richte auf dem Felsen einen soliden neuen Stand, und das ist mein Glück, denn fast hätte mich ein schwerer Eisblock in die Tiefe gerissen. Ein Knie tut mir weh, und ich rufe meinem Kameraden, sich vorzusehen. Es ist uns warm geworden, und um uns von dem Schrecken zu erholen, gestatten wir uns eine Ruhepause.

Die Rampe sieht sehr leicht aus, aber sie ist so von Eis und Schnee überdeckt, dass ich in dieser Passage III. oder IV. Grades zu Nägeln Zuflucht nehmen und mich ganz aussen halten muss. Gleichzeitig lasse ich einige Steine hinuntersausen, was mir von Grock, der sich genau im Schussbe-reich befindet, nicht gerade nette Komplimente einbringt. Nach kurzem Aufstieg auf steinhartem Schnee, in dem ich den Pickel brauche, gelange ich zu schönen, ebenen Platten mit einer steil aufsteigenden Spalte in der Mitte. Sie sind alles andere als leicht, und ich muss mehrere Haken einschlagen, die mein Freund nachher wieder einsammelt.

Auf einer neuen Plattform bewundern wir ein prachtvolles Panorama, vor allem die Nordwand des Requin. Ein kleines Band führt uns rechts in eine einfache Rinne und zu einem sehr schönen Aufstieg auf freier Platte im Badile-Stil, den wir so gern haben. Wir kommen zu einem mit Gras bewachsenen Vorsprung und sehen von da aus deutlich, dass unsere Route rechts zu einem breiten Kamin führt, das sich durch die ganze Wand hinaufzieht. So scheint alles sehr schnell zu gehen. Weit gefehlt! Denn da gibt es eine Menge Eis und Schnee. Sobald mein Kamerad in Deckung ist, kann ich die Spalte mit kräftigen Pickelschlägen von allem Ballast freimachen, was viel Zeit in Anspruch nimmt. Plötzlich bemerke ich, dass uns der Nebel vollständig einhüllt und ich bis auf die Knochen nass bin. Ich schaudere und ziehe meinen Kittel an, der sich bald vollsaugt wie ein Schwamm.

Da fahren wir plötzlich wegen des gewaltigen Krachs herunterfallender Steine zusammen. Wir klammern uns an unsere Griffe und sind uns einig, dass diese Kletterei ohne Nägel ( im ganzen haben wir vier ausfindig gemacht ) mit dem Wasser, das überall herabrinnt und uns überschwemmt, einen tollen und abenteuerlichen Charakter annimmt, den wir nicht vorausgesehen haben. Wir gelangen zum Fuss einer Platte, wo ich einen alten Holzkeil bemerke, vor dem wir uns hüten müssen. Nach dieser Passage bieten sich uns zwei Möglichkeiten. Die vernünftigste scheint ein Kamin zu sein, in welches ich einsteige, das ich aber bald darauf wegen einer Eissäule, die es ganz ausfüllt, aufgeben muss. Nun steige ich auf der rechten Seite weiter und komme zu einem mit Reepschnüren versehenen Haken und zu Platten, die zum Absteigen einladen. Aber das will ich nicht,und ich bezwinge das Kamin mit Hilfe zweier Haken; dann erreiche ich eine Plattform, wo René zu mir aufholt. Der letzte Überhang und die schwierigen Stellen der Wand scheinen alles darangesetzt zu haben, uns zu überschwemmen, denn als wir auf ein willkommenes Schneefeld gelangen, sind wir tropfnass.

Noch zwei leichtere Seillängen, und wir sind, zusammen mit der Nacht, unter dem Gipfel angekommen. Auf einer winzig-kleinen Terrasse richten wir uns im Windschatten zum Biwakieren ein. Angeseilt, mit umgeschnallten Sturmriemen und pudelnass verbringen wir, aufrecht stehend, die Nacht, die unendlichen Stunden bis zur Morgendämmerung. Es ist nicht allzu kalt ( die Nullgradgrenze liegt auf 3800 m ), und auf unserem mit einer neuen Gasflasche gespeisten Rechaud machen wir uns ein paar Liter heisses Getränk. Das muss für heute nacht genügen. Von der Südostwand der Aiguille de Blaitière hören wir Pickelschläge: dassind sicher Engländer, welche da etwas zusammenbasteln. Mit diesem Geräusch vereinigt sich dumpfes Krachen von Wasser, Eis und Fels, die ständig in Bewegung sind. Das ist erstaunlich, denn rings um uns scheint alles erstarrt zu sein!

Ein roter Schein taucht am Horizont auf. Aber es ist erst 3 Uhr, und wir müssen noch lange warten. Unsere Körper sind ganz zusammengezogen, und vor Kälte klappern wir mit den Zähnen. Eine Wolke schwebt über der Aiguille Verte und verdeckt die aufgehende Sonne. Ich möchte mit einem riesigen Besen alle Wolken wegwischen. Endlich dringt die Sonne durch. Es ist 7Uhr, und wir warten, bis die Luft ein wenig wärmer wird. Dann steige ich automatisch etwa zwanzig Meter auf, finde gerade unter dem Grat eine flache Stelle, strecke mich darauf aus und - schlafe ein. Grock tut dasselbe.

Nach einem Stündchen Schlaf nehmen wir die Kletterei wieder in Angriff. Ich gewinne den luftigen Grat und die bekannte Abseilstelle in Richtung Envers, die man nicht verpassen darf. Sie ist grossartig, aber sehr schwierig. Kaum im Kontakt mit dem Fels, steigen wie auf einer « Rasierklinge », dann finde ich den Sicherungshaken. Ein paar regelrechte Seiltänzerschritte führen uns auf den Fou-Pass, der für die Jahreszeit noch stark verschneit ist. Nun starten wir zum zweitenmal. Ich zeige René die schwierigen Stellen, die uns erwarten, und er mit seiner immer guten Laune freut sich darauf, obwohl er doch findet, der Ort sei etwas aussergewöhnlich.

Der Südwestgrat des Fou ist wirklich sehr schön. Sein Anstieg bietet eine klassische Folge ganz besonderer und stets wechselnder Unebenheiten mit sehr guten Standplätzen. Unseres Erachtens ist er leider zu kurz! Rasch überqueren wir eine ganze Reihe von Spalten, Terrassen, Verschneidungen, Kaminen, und - hoppla! -plötzlich kommen wir inmitten von Felsbrocken auf dem Gipfel heraus. Als wir uns umschauen, sehen wir überall nur schwindelerregende Abhänge.

Doch haben wir keine Zeit, uns aufzuhalten;

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