Der Traum vom <freien Weg>

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r Traum

vom

Toni Fullin, Flüelen

Eine Erstbegehung in der Chaiserstock-Westwand Dort, durch die Westwand, eröffnen wir eine Route... durch die steilste und abweisendste Felsflucht am Chaiserstock!

Frei muss sie sein, ohne technisches Ränkespiel und Hakentricks! Lässt sich mein Wunschtraum verwirklichen?

Noch ist es nicht so weit. Zu steil scheint die Wand, zu kompakt der Fels.

Die Zeit verstreicht, andere Berge rufen, doch das Hirngespinst vom freien Weg über die steilen Platten lässt mich nicht mehr los. Wie gerne würde ich an diesem Berg eine Linie durch seine senkrechten Westabstürze ziehen... meine Linie! Über helle Platten, freundliche, braunrote Steilaufschwünge und schliesslich durch einen Kamin würde sie den Wandfuss mit dem schuttbedeckten Gipfelgrat verbinden. Der Weg ist festgelegt, obwohl noch nie begangen; wird es bald Linie sein?

Heute bin ich mit einem Gast in der Pfeiler-Westwand, mit Annemarie. Spät erst begann sie zu klettern, doch um so grösser ist ihre Begeisterung. Ihre Freude, ihre Hingabe an die Berge sind mir mehr wert als mein Führerlohn. Ich erzähle ihr von meinem Traum und versuche ihr die Route durch die Wand zu erklären. Immer wieder schweifen meine Blicke nach links, rätseln am Geheimnis der überhängenden Platten herum. Ich fühle, dass ich morgen gehen muss... noch heute werde ich Wysi telefonieren!

Der Gipfel... Händeschütteln. Grosse Freude bei meiner Begleiterin! Ein herrlicher Klettertag liegt hinter uns, und dies in märchenhafter Umgebung. Rotgolden leuchtet die Wand in der Abendsonne, am Abstiegsweg zur Lidernenhütte. Morgen, ja morgen werde ich kommen!

Anseilen, Material umhängen, eine Zeremonie, die auf Hunderten von Touren zur Routine geworden ist. Traditionsgemäss übernehme ich die erste Seillänge. Noch ist der Fels kalt, doch bald wird ihn die Sonne zum Leben erwecken. Steil ist die Wand; der erste Sicherungshaken dringt ins Gestein. Ein abdrängender Aufschwung - in freier Kletterei überlistet -führt zu einem Stand auf schmalem Band.

In der Chaise rstock-Westwand: « Hin und Her> Inzwischen schiesst die Sonne die ersten Strahlenpfeile in unsere Wand. Wohl angelockt von den leuchtenden Farben auf grauem Fels umgaukelt ein Schmetterling die lose daliegenden Seile. Ich spüre: jetzt hat auch Wysi Feuer gefangen! Souverän quert er die hellen Platten. Welche Überraschung, es geht ohne Haken! Eine jähe Rampe und ein Steilaufschwung führen zum zweiten Standplatz.

Der Weiterweg: steile, ja überhängende, braune Felsen! Ist hier der freie Weg zu Ende? Das fugenlose Gestein zwingt mich zum Schlagen eines Bohrhakens. Als nächstes Ziel lockt ein mit leuchtend roten Flechten überzogener kleiner Pfeilerkopf.

Zweihundert Meter Kletterei, sechzehn Haken... mein Traum von der freien Linie hat sich nicht ganz erfüllt. Beide sind wir dennoch überglücklich! Gewiss, wir haben kein weltbewegendes Problem gelöst, aber die Freude Neuland entdeckt, eine Route durch die unübersichtliche Wand gefunden zu haben, stimmen uns froh.

Wir gönnen uns eine halbstündige Gipfelrast. Längst haben die Bergwanderer, die Kletterkameraden der benachbarten Routen die Gipfelkuppe verlassen. Stille ist eingekehrt, Ruhe auch in uns; wir freuen uns über unser Tagewerk und geniessen den abendlichen Frieden.

Sinnend beobachte ich das Spiel der Wolken. Bergdohlen, ohne Flügelschlag im lauen Aufwind schwebend, entzücken uns mit einem einmaligen Ballett. Was wären die Berge ohne die Tiere, die Pflanzen? Leblose Kulissen! Erst der Kreislauf der Natur schenkt ihnen Wärme und Leben!

Langsam nähert sich die Sonne dem Horizont. Schon kriechen lange Schatten aus den Klüften, hüllen Täler und Höhen ins Grau der Dämmerung. Nur ungern reissen wir uns aus unsern Träumereien; im letzten Tageslicht wandern wir der Hütte zu.

Immer wieder aber bleiben wir stehen und blicken zurück zur Wand. Noch glänzt sie golden im letzten Abendlicht, doch bald wird auch sie eintauchen in das schützende Dunkel der Nacht!

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