Der Uetliberg

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Mit 2 Bildern ( 109, 110Von M.Oe.

Die diesjährige Abgeordneten Versammlung des SAC, die in unserer grössten Schweizerstadt, in Zürich, stattfindet, lässt uns des Uetliberges erinnern, der mit seinen 873 m ja für viele Bergsteiger kaum ein rechter Berg ist. Und doch hat er steile Hänge, sogar regelrechte Felsen und eine Fallätsche, in der schon mancher Jüngling seine ersten Kletterversuche machte. Eine Bahn führt auf seinen Gipfel — und es wird gegenwärtig selbst davon gesprochen, dass eine Luftseilbahn gebaut werden soll, mit der die Leute rasch aus dem Tal zur turmbewehrten Höhe hinauffahren können, um die einzigartige Aussicht übers weite Mittel- und Hügelland und hinein in den Kranz der Alpengipfel geniessen zu können, oder um von dieser Hochwacht aus eine Wanderung über den Albisgrat, ins Reppischtal oder zurück zur Stadt zu unternehmen. Das Rössli-tram fuhr just zum letztenmal durch die damals noch geruhigere Bahnhofstrasse zu Zürich, als mein Vater mich als Vierkäsehoch auf diesen Berg mitnahm und ich mit besonderm Erstaunen gewahrte, dass die Erde weit grosser sei, als ich zuvor vom Milchbuck aus zu erkennen geglaubt hatte.

Der Uetliberg ist für die Zürcher der Aussichtsberg! Er hatte schon vor Jahrhunderten seine Bedeutung als « Hochwacht ». So lesen wir z.B. in Johann Conrad Fäsis 1765 erschienenen « Staats- und Erdbeschreibung der ganzen Helvetischen Eidgenossenschaft » ( Erster Band ), dass im Kanton Zürich damals 24 Hochwachten bestanden, «... damit vermittelst derselben, wann etwa das Land von einer feindlichen Gefahr bedroht würde, von einer Hochwacht zur andern Zeichen können gegeben, und dadurch die Mannschaft auf die ihr angewiesenen Sammel-Plätze gerufen werden ». Der Uetliberg wird als die erste Hochwacht bezeichnet, die « von dem Birmenstorfer- und Stadt- quartier besorget werde » und von der aus man auf 18 andere Hochwachten sehen konnte. Funde aus der Bronze- und Eisenzeit erzählen, dass der Uetliberg schon vor Jahrtausenden bestiegen war, und die Überreste von Wall und Graben berichten von einer « Fliehburg », die auf dieser Anhöhe Schutz und Schirm bot.

Vor rund einem Jahrhundert hat Gerold Meyer von Knonau den « Canton Zürich » beschrieben als Band 1 des « historisch-geographisch-statistischen Gemäldes der Schweiz » und als « Hand- und Hausbuch für Jedermann » bezeichnet, 1844. Er hat dem Uetliberg darin eine besondere Schilderung gewidmet, wobei er das Wort Fallätsche ( Faletsche ) auf das französische Falaise ( steiles Land ) zurückführt. Er schreibt: « Auf den Uetliberg gelangt man von ( der Albishöhe ) binnen zwei Stunden auf einem anmutigen Felsenpfade unter den abwechselnden Naturgenüssen. Auf der Kuppe des Berges war bis 1839 nur ein kleines Gebäude, das vormalige Hochwachehaus, in welchem man gegen schlechte Witterung Zuflucht fand, insofern man beim Ersteigen des Berges in der Wohnung des sogeheissenen Uetlibergers den Schlüssel abgefordert hatte oder die Bewohner des Hauses in der Nähe des Wachthäuschens arbeitend traf. In jenem Jahr begann der Bau einer Kuranstalt, der 1840 vollendet war. Dieses in edelm Geschmacke, grösstentheils aus Holz aufgeführte und äusserst zweckmässig eingerichtete Gebäude erinnert an die Häuser des Berneroberlandes und erleichtert den Genuss der Aussicht, sowie des Sonnenauf- und Unterganges in hohem Grade. Auch war eine Folge des weithin sichtbaren Gebäudes, dass der früher nur am Himmelfahrtsfeste zahlreich besuchte Berg nun jährlich von vielen Tausenden erstiegen wird. Wenn man die Aussicht vom Schnabel ( Albis ) beinahe einem lebendigen Landschaftsgemälde vergleichen kann, so ist hingegen diejenige des Uetliberges ein Panorama, das weit umher sein Gebiet zur klarsten Wahrnehmung darstellt und in noch grösserer Ferne sich durch seinen Umfang auszeichnet. Ganz zu den Füssen und in voller Lebendigkeit hat man Zürich, von woher Glockentöne und Trommelschlag bei Tag, bei Nacht das Rollen der Wagen über die hölzernen Brücken vernehmlich sind, das schöne Limmatthal, den grössten Theil des Sees mit beiden Ufern; aber über dieses weite Thal hinweg und rückwärts ist die Landschaft zwar beinahe unbegrenzt, doch bringen keine Seen oder andere malerisch sich darstellende Naturschönheiten, wie auf dem Schnabel, dem Pilatus und dem Rigi, Wechsel und Leben in die aufgerollte Karte. Frei und ausgedehnt gleiten die Blicke über den Canton Zürich, in welchem Kyburg mit dem Schlosse der alten Grafen, der schmale Kalkrücken der Lägern mit dem Freiherrensitze am östlichen Vorsprunge, der freundliche Irchel, im Osten die höhern Gipfel der Almanns- und Hörnlihöhenzüge sich auszeichnen, sowie über einen Theil des Thurgaues hin. Nordwestlich sieht man über die Landhäuser bei Schaffhausen weit ins Schwaben hinaus. Im Westen schliesst Baden mit seinem alten Schlosse das Limmatthal. Neben der Lägern hinunter erkennt man im Schwarzwalde den Bölchen und Feldberg, in weiterer Ferne nordwestlich einen Theil der Vogesen. Von der Wasserfluh über Aarau steht zusammenhängend die Kette des Jura bis an den Chasseral frei. Aus des Aargaus Ebenen erheben sich die alte Lenzburg und Staufberg, und in der Abendsonne glänzen bis- weilen Streifen der Aare. Nach Westen hin bildet den nächsten Vordergrund, wie von aller Welt abgeschieden, das Thälchen der Reppisch. Das Thal der Reuss, die man nur unterhalb Sins wahrnimmt, begrenzt der fruchtbare Lindenberg, an dessen Abhange die siebenhalbhundert Fuss lange Hauptseite des einstigen Klosters Muri in der Morgensonne so schimmert, dass das schärfere Auge die Fenster zählt. Hinter dem Lindenberge steigen der Napf, das Stockhorn, der Niesen und der Hohgant empor. Zwar weniger frei als vom Schnabel erblickt man den Rigi und den Pilatus; aber vom Säntis bis über das Breithorn — im Lauterbrunnenthale — bilden von Nordost nach dem tiefen Südwesten in wunderschönem Kranze die Hochalpen den Horizont. Zum Genusse dieser Aussicht ist Heinrich Kellers Panorama eben so unentbehrlich, als bei vielen andern Fernsichten seine ähnlichen Arbeiten. » Aber schon siebenzig Jahre zuvor hat uns Salomon Schinz, der « Medicinal Doctor » eine « Reise auf den Uetliberg » beschrieben ( 1942 vom Morgarten-verlag, Zürich, in recht artiger Ausstattung neu herausgegeben; erstmals Anno 1775 gedruckt ), die vor allem der Beobachtung von Pflanzen und Insekten galt. Wir lesen da unter anderm: «... Wir verabredeten die Art des Bergsteigens: Man sollte langsam steigen, auf den weniger gefährlichen Wegen zerstreut gehen, um die verschiedenen Pflanzen und Insekten ausfindig zu machen, in den mehr gefährlichen Fussteigen aber gesellschaftlich wandeln, damit die Stärkeren den Schwächeren Hilfe leisten könnten. Nun stieg man; wie klopfte das Herz, und wie schlugen die Hals-Adern dieser unserer der Bergreisen ungewohnten Jünglinge: Schweiss tröpfelte aus dem jungen kochenden Blut allenthalben hervor. An steileren Orten musste man sich mit den Händen anklimmen; M. U. sah einsmals in dieser Stellung Mitleid erweckend auf, jammerte mit unterbrochener Stimme: Worinn bin ich dann von einem Böckgen unterschiedenals nur dass ich nicht blöcke. Wir kamen in Zeit von einer Stunde von dem Friesenberg weg endlich auf die erste Fläche oben auf den Berg; alle matt, von Schweiss durchnetzt, einige feuerroth in dem Gesicht, andere aber blass, so wie es die Leibesbeschaffenheit eines jeden mitbrachte: die von uns waren auf der Reise am ruhigsten, und kamen mit den wenigsten Empfindungen der ausgestandenen Beschwerden auf den Berg hinauf, welche mit Beobachten und Sammeln eifrig beschäftigt waren, und den andern Hilfe leisteten: Ungleich mühesamer war der Weg denen, welche alle Augenblicke seufzten, den zurückgelegten Weg rücksehend mit ihren Augen ausmassen, und sich vor der noch zu besteigenden Höhe entsetzten. Leichter ist die Reise durch dieses Leben hindurch für einen Menschen, der immer nützlich beschäftigt ist; seine fleissigen Arbeiten entkräften die aufstossenden Widerwärtigkeiten, und auf leichten Flügeln gelangt er zu der Grenz-Scheidung der Ewigkeit. Dem Unbeschäftigten ist die sonst kurze Zeit lange Weile, und auch der kleinste widrig scheinende Vorfall ein kaum erträglicher Schmerz; nicht gleich sanft, wie dem fleissigen Menschen, sind also die Schwingen, welche ihn an dem Bord der Ewigkeit absetzen.

Wir freuten uns nun alle über den ersten Stand oben auf dem Berge: Wir ruheten hier eine Viertelstunde lang aus; dann giengen wir weiter bis auf die oberste Fläche des Berges fort, wo wir einen Theil des Tages zuzubringen ge- dachten. Unsere mühevolle Reise wurde nun durch die ausgebreitete Aussicht reichlich belohnt. Hätte ich Gessners oder Wüstens Ausdruck der Natur, ich würde das fürchterlich Majestätische der gegen Morgen und Mittag liegenden Riesenberge mahlen; das von daher sich gegen Mitternacht ziehende weniger steile fruchtbare Gelände, die sanfteren Hügel; die wunderbaren Mischungen von Holzungen ( Wälder ), von Feldern, von Weinbergen; die über diese wandelnden Schatten — von dem in der Luft schwebenden und in Bewegung gesetzten Gewölkedie Wellen über die Felder hin, welche der spielende Wind auf den Halmen förmte; das angenehme der zwischen den Gebürgen verwahrten Thäler; die durch diese in verschiedenen Richtungen hinlaufenden Flüsse und Bäche; die herrliche Aussicht auf den etliche Stunden langen vielfarbigen Spiegel, den Zürich-See und seine beydseitige Begränzung von der fruchtbarsten Landschaft mit ihren glänzenden Häusern und Dörfern; unsre aus diesem See emporsteigende Stadt; den Schwung der Limmat, mit ihrem mit dem Zürich-See über den Vorzug der Annehmlichkeit streitende Gelände — aber ich habe diesen glücklichen Ausdruck dieser unserer jetztlebenden Mahler nicht; nur mangelhaft beschreibe ich den Horizont; vielleicht gelingt es mir einst, ihn zu berichtigen, und dann diese Beschreibung brauchbarer zu machen. Wir sehen über das Schloss Regenspurg gegen Norden hin, N, von daher kehren wir uns gegen Morgen, O, gegen Mittag, M, gegen Abend, W, und wieder zu dem ersten Gesichtspunkt gegen Norden. » Schinz beschreibt dann die Aussicht nach Gebieten und Bergen.

So ist der Uetliberg das Wanderziel von Tausenden und Abertausenden von Menschen geblieben, um für einige Stunden dem zur Weltstadt gewordenen Zürich zu entfliehen, um die Stille zu finden und die weite Sicht auf unser so herrliches Vaterland und zum Gipfelkranz der Alpen zu geniessen.

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