Der Verhauer

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Rueh Faessler, Walchwil

Wir sind wieder einmal unterwegs an einem sonnigen Septembermorgen, Moser Ambros, mein langjähriger Freund und Seilkamerad, genannt « Yeti », und ich — in « Wildheuerstim-mung », wie wir zu sagen pflegten. « In einer oder zwei Stunden haben wir diesen ‚lächerlichen Hoger'hinter uns und können am Nachmittag im ,Alpenrösli'einen längeren Halt machen », sagt Moser, indem er, ohne sich umzudrehen, die steile Geröllhalde hinaufstapft. Eigentlich hatten wir heute etwas Grösseres vor; doch es kam anders, als geplant, weil...

Es begann unten auf der Passstrasse beim Parkplatz, wo wir die nötigen Utensilien in die Rucksäcke packten. Moser beschäftigte sich heute auffallend lang und intensiv mit dem Kofferraum seines Vehikels, um endlich mit einem wüsten Fluch alle Zweifel zu beseitigen: Das Seil ist in der Hast des Aufbruchs daheim in der Garage liegengeblieben.

So haben wir uns denn nach einigem Hin und Her für den Aufstieg zur südlichen « Zahnlücke » entschieden, den man zur Not auch ohne Seil machen kann. So jedenfalls interpretiert Moser die zwei Sätze im SAC-Führer, die über den geplanten Weg dort nachzulesen sind. Um unserem Entschluss die nötige Durchschlagskraft zu geben, ziehe ich mit einem vorwurfsvollen « Für-den-Notfall » das Knäuel einer armseligen Reepschnur aus meinem Rucksack und füge bei: « Wir können sie ja doppelt nehmen. » Nein! Für so schäbige Bindfäden habe er nichts übrig, entrüstet sich Moser und fuchtelt mit dem SAC-Führer beschwörend in die Richtung unseres mutmasslichen Aufstiegsweges. Im fahlen Dämmerlicht steht er vor mir wie der leibhaftige Prophet. Seine markante Gestalt mit dem eckigen Kopf erweckt Erinnerungen an ein fast vergessenes Bild in unserer Schulbibel, das Moses auf dem Berg Sinai bei der Entgegennahme der zehn Gebote darstellte.Da gehe er schon lieber unangeseilt wie früher, wo man auf solchen Touren nicht im Traum an ein Seil gedacht habe.

Und da sind wir nun also unterwegs an diesem sonnigen Septembermorgen. Die Hütte haben wir links liegenlassen. Man sei dort als Alpenclübler sowieso nicht besonders gern gesehen, hat mir Moser gestern am Telephon erklärt. Dort kämen wir nur den « cheiben Hüttenbummlern » in die Quere, die zum Znacht massenweise fertige Hotelmenüs bestellten. Der Wisi sei zwar ein « lieber Siech » und müsse auch gelebt haben. Am Morgen könne man sich dann hinausschleichen wie ein Dieb aus einem Bijouterieladen, damit ja keiner im Schlaf gestört werde. Zwar gebe es in der Hütte beim Wisi auch immer ein paar « Lüt », die friedlich hinter ihrem Zweier hockten, aber auch Schnörri und Laferi, die das grosse Wort führten, als ob sie beim Radio angestellt seien.

Beim Einstieg in die Felsen geht es ein Stück weit empor in leichter Kletterei, bis man vor einem ziemlich plattigen Aufschwung steht. Moser inspiziert die Stelle fachmännisch und meint, dass es zehn Meter weiter links viel besser gehe. Während ich ihm bereitwillig den Vortritt lasse, erkundigt er sich so beiläufig, ob ich den Hammer nicht zu Hause vergessen habe. Dienst-fertig grabe ich Hammer und Reepschnur aus den Tiefen meines Sackes hervor, derweil Moser Brosi die Felsen untersucht, indem er sie mit der flachen Hand abklopft. Ich bin zwar sicher, dass der einzige Zweck dieser Klopferei darin liegt, mir ungestört Zeit zu lassen, die eben noch so abschätzig beurteilte Reepschnur zu entwirren.

« Lies mir nochmals die Route vor », sagt Moser, nachdem er sich die Reepschnur um den Bauch gebunden und den Hammer in die Hosentasche gesteckt hat. Ich lese einmal - zweimal: zwei Sätze!

Zuerst geht alles gut. Ein kleiner abdrängender Wulst eröffnet die Schwierigkeiten. « Yeti », etwa fünf Meter senkrecht über mir stehend und vergeblich bemüht, über den Wulst zu kommen, verwünscht sozusagen alles, was in seiner heiklen Lage zu verwünschen ist, den blöden « Bauern-wulst », die fehlenden Hakenrisse, den unförmigen Hammer im Hosensack — den man nicht einmal einem Fremdarbeiter auf dem Bau in die Hände geben dürfte— und zu guter Letzt den SAC-Führer mitsamt der Druckerei. Nach einigem Hin und Her gelingt es endlich, einen Haken in den Fels zu klopfen; dann entschwindet der Korpus meines Gefährten nach und nach hinter den Felsen.

Es dauert noch eine Weile, bis von oben das « Nachkommen » ertönt. Ich gehe auf den Weg und schicke mich dann an, beim Haken einen Stand zu finden, um wenigstens eine Hand freizubekommen. Der Hammer hängt am Karabiner, was bedeutet, dass Moser seinen Haken wieder haben will. So versuche ich denn, ihn herauszubekommen. Nach einigen vergeblichen Versuchen, das Ding aus dem Fels zu klopfen, vernehme ich Mosers besorgte Stimme über mir, ich solle ja aufpassen, dass mir der Haken nicht etwa « s Loch ab gehe ».

Nach vollendeter Arbeit steige ich weiter. Ein — zwei grifflose Klimmzüge. Dann erblicke ich « Yeti », der ein Stück weiter oben auf einem Geröllplatz steht und sich eben anschickt, den Rest seiner Brissago wieder unter Dampf zu setzen -wozu man in der Regel zwei Hände braucht, sofern man dies mit Zündhölzern tut. Einer längeren Diskussion um die Vorteile der Zündhölzer gegenüber dem Benzinfeuerzeug gehe ich absichtlich aus dem Weg, indem ich so tue, als hätte ich die im Moment nicht mehr existierende Sicherung gar nicht bemerkt.

« Hast du ihn? » fragt Moser. « Ja », sage ich; denn es ist leicht zu erraten, dass er den Haken meint. Als ich aufgeschlossen habe und ihm das alte, verrostete Ding überreiche, huscht ein Freu-denlächeln über sein Gesicht, wie man es sonst nur bei Kindern an der Weihnachtsbescherung sehen kann.

Meine abschätzige Bemerkung über den uralten Haken, der von einem Zapfenzieher kaum mehr zu unterscheiden sei, trägt mir nur einen beleidigten Blick ein. Das sei noch einer von denen, die er selber geschmiedet habe, rühmt sich Moser. Solches könne man heutzutage nicht mehr kaufen, oder dann wüssten die Sporthändler - die Apotheker - nicht, was sie dafür « heuschen » wollten. Sagt's - und rückt zur Seite, was etwa bedeutet: Die nächste Seillänge gehört dir.

Einem schmalen Riss entlang arbeite ich mich langsam höher, ungeduldig mit guten Ratschlägen meines Gefährten versorgt. An solchen Stellen, sagt « Yeti », gehe er immer mit dem ganzen Schuh in den Riss hinein; das sei ganz einfach. Er steige dann wie auf einer Treppe die Felsen hinauf, und nur selten komme es vor, dass er seinen Schuh nicht mehr aus dem Riss heraus bringe. Einmal sei ihm das zwar gerade an einer verdammt heiklen Stelle passiert, und er habe barfuss auf den Standplatz zurückklettern müssen. Zwar gebe es jedesmal Theater mit seinem Schuhmacher, der ihm immer die grössten Vorwürfe mache, weil er seine Arbeit so wenig « esti-miere ». Aber er sei eben auf diesen angewiesen, weil er mit neuen Schuhen nichts anfangen könne und deshalb die alten immer flicken lassen müsse. Einmal habe er « mi 's Tüfels » die Schuhe vergessen, als er zu einer Tour unterwegs gewesen sei. In einem Kaff am Weg habe er dann ein Paar brandneue gekauft - ihm juckten die Zehen noch heute, wenn er nur daran denke.

Unterdessen bin ich aus dem Gesichtsfeld meines Kameraden verschwunden, und nur noch gedämpft dringt sein Lamentieren an mein Ohr...

Zwei Stunden später. Immer noch raufen wir mit den widerspenstigen Felsen unseres « un- schwierigen » Weges. Wir haben uns längst mit der Tatsache abgefunden, dass wir uns auf einer Art Erstbegehung befinden, denn die normale Route muss irgendwo rechts oder links verlaufen. « Soll ich dir die Route nochmals vorlesen? » frage ich scheinheilig, als wir am Standplatz mit den Köpfen im Nacken die weiter zu unternehmenden Aktionen sondieren. Aber ohne zu antworten, schickt sich Moser an, ein weiteres Fuder loser Steine wegzuräumen.

An dieser Stelle wird unser Vorwärtskommen auf ungewöhnliche, aber eben für « Yeti » typische Art in Frage gestellt. Verzückt hält mein Gefährte plötzlich in seinen Grabarbeiten inne und hebt einen fast unbeschädigten Bergkristall aus dem Geröllhaufen. « Schlimmer als ein hereinbrechendes Gewitter », denke ich, denn die Hoffnung, in nützlicher Frist von hier wegzukommen, ist damit auf Null abgesunken. « Yeti » gehört halt zu den Leuten, die man um Tod und Teufel nicht mehr von einer Stelle wegbringt, von der jemand behauptet, er habe dort einen Kristall gefunden.

« Gib mir den Hammer », sagt Moser; « schade, dass ich mein Brecheisen nicht da habe »... und für die nächste Stunde entwickelt sich an unserem engen Plätzchen eine rege Tätigkeit wie in einer Goldmine im Wilden Westen. Glücklicherweise gibt das unterdessen halbwegs zu einer Biwakhöhle erweiterte Loch keine Funde mehr her. Meine vorsichtige Frage, ob er hier übernachten wolle, bringt Moser endlich auf die Erde zurück oder, besser gesagt, auf unseren dürftigen Standplatz. Es bedarf nun nur noch des kleinen Hinweises, dass aus dem in Aussicht genommenen Halt im « Alpenrösli » heute wohl nichts mehr werde, um meinen Kameraden an den eigentlichen Zweck unseres Hierseins zu erinnern. Er müsse unbedingt dort vorbeigehen, sagt Moser, weil der « Beizer » ein alter Dienstkamerad von ihm sei, den er schon eine Ewigkeit nicht gesehen habe. Der sei zwar ein Kalb von einem Koch gewesen, und man habe beim Morgenessen nie genau gewusst, ob der Kaffee Mehlsuppe oder Kakao sei. Man könne ihm zwar keinen Vorwurf machen, denn er habe ihnen jeden Tag mit dem Maulesel « Toni » die Verpflegung auf die Alp hinaufgebracht. Und weil er nur ein Beizer war und kein Säumer, habe er immer die « Geisle » mitgenommen. Dafür habe er jetzt die Photographie von einem Hufeisen am Grind...

Nach dem letzten Aufschwung wird das Gelände merklich leichter. Links erblicken wir nun auch die Geröllrinne, die auf die Wegbeschreibung im Führer passt. So ein Geröllhaufen könne « my Seel » niemandem zugemutet werden, sagt Moser, das sei ja schlimmer, als barfuss durch eine Kaktusplantage zu laufen. Lieber ginge er sich grad«gahänke ».

Also ist das Urteil über unseren Verhauer an diesem Tage gesprochen - und über grobes Blockwerk steigen wir gemächlich zur Lücke hinauf.

Als wir am folgenden Samstag wieder zu einer Tour unterwegs waren, fragte uns Obermatter Seebi, der Tankwart, angesichts des mit Seilen und Eisenzeug vollgestopften Autos, ob wir eine Tourenwoche vorhätten. « Nein, nur eine Tagestour », sagte Moser und trat aufs Gaspedal, um weiteren Fragen aus dem Weg zu gehen...

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