Die Achttausender

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Von G. O. Dyhrenfurth

Mit 2 Bildern ( 19, 20St. Gallen, Sektion Uto ) 1938: Die siebente und vorläufig letzte Everest-Expedition. Es war eine kleine, aber bergsteigerisch sehr leistungsfähige und Himalaya-erprobte Mannschaft — Shipton, Smythe, Odell, Oliver, Warren und Lloyd — mit dem Nanda-Devi-Bezwinger H. W. Tilman als Leiter. Indem man auf jeden irgendwie entbehrlichen Komfort verzichtete, wurden die Kosten auf etwa 50 000 Schweizer Franken heruntergedrückt, kaum mehr als Fr. 7000 pro Kopf. Bereits am 6. April war man in Rongbuk, früher als bei allen vorangegangenen Expeditionen. Die NW-Flanke des Everest war vollständig aper, die Verhältnisse schienen ausgezeichnet, aber es war noch winterlich kalt und so stürmisch, dass man glaubte, mit ernsthaften Besteigungsversuchen warten zu müssen. So ging der ganze Zeitgewinn wieder verloren — mit vielem Hin und Her, kleineren Unternehmungen und einem Erholungslager im Kharta-Tal. Und am 5. Mai begannen die Schneefälle! Zu der ersehnten Schönwetterperiode im Mai und Juni, die es theoretisch vor Monsunbeginn geben sollte und 1935 auch wirklich gegeben hat, kam es also auch 1938 nicht. Trotzdem unternahm man einen Versuch. Nach vielen Mühen wurde am 8. Juni Camp VI in 8290 m Höhe auf einem kleinen Geröllfeld errichtet. Am 9. und 11. Juni « trat man zum Angriff an », der aber sehr bald im Schnee erstickte. Auch die Expedition 1938 war gescheitert. Dass diesmal der Nordsattel von Westen bezwungen und zum erstenmal überschritten wurde, ist ein recht mageres Ergebnis der mit so viel Hoffnungen begonnenen siebenten Everest-Expedi-tion. Übrigens erwies sich der Aufstieg vom Haupt-Rongbuk-Gletscher als ebenso lawinengefährlich wie die übliche Route vom östlichen Rongbuk-Gletscher.

So steht die Sache jetzt. Denn der zweite Weltkrieg unterbrach das hartnäckige Ringen der britischen Bergsteigerwelt um Chomo Lungma.

i ) Eine halbwegs vollständige Everest-Bibliographie würde bereits mehrere hundert Nummern umfassen, also eine eigene Arbeit bedeuten. Ich muss mich daher hier auf eine ganz kleine Auswahl beschränken, wobei ich in erster Linie Original-Arbeiten berücksichtige und leicht zugängliche, deutschsprachige Literatur bevorzuge. Die Zusammenstellung ist chronologisch geordnet ( Alp. J. = « The Alpine Journal »; Him. J. = « The Himalayan Journal » ).

1. 1922 Howard-Bury, C. K. und andere Teilnehmer, Deutsch von W. R. Rickmers:

Mount Everest. Die Erkundungsfahrt 1921. Benno Schwabe, Basel. 307 Seiten, 33 Abbildungen, 3 Karten.

2. 1922 Heron, A. M.: Geological results of the Mount Everest reconnaissance expedi- tion. Rec. Geol. Surv. Ind. 54, S. 215—234.

3. 1923 Brace, C. G.: The assault on Mount Everest 1922. Arnold & Co., London. 336 S.

4. 1924 Bruce, C. G. und andere Teilnehmer, Deutsch von W. R. Rickmers: Mount Everest. Der Angriff 1922. Benno Schwabe, Basel. 207 S., 35 Abb., 2 Karten.

5. 1924 Freshfield, D. W.: The conquest of Mount Everest. Geogr. J. 63, S. 229—237.

6. 1925 Finch, G. I., Deutsch von W. Schmidkunz: Der Kampf um den Everest.

F. A. Brockhaus, Leipzig. 206 S., 90 Abb.

7. 1925 Lammer, E.G.: Mallory. Oest. Alp.Z. 47, S. 1—11.

8. 1925 Odell, N. E.: Observations on the rocks and glaciers of Mt. Everest. Geogr. J. 66, Nr.4.

9. 1926 Norton, E. F. und andere Teilnehmer, Deutsch von W. R. Rickmers: Bis zur Spitze des Mount Everest. Die Besteigung 1924. ( Ein etwas unglücklicher, irreführender Buchtitel. ) Benno Schwabe, Basel. 259 S., 32 Abb., 2 Karten.

10. 1928 Younghusband, F.E., Deutsch von W. R. Rickmers: Der Heldensang vom Mount Everest. Benno Schwabe, Basel. 174 S.

11. 1931 Younghusband, F. E.: The epic of Mount Everest. Arnold, London. 320 S.

12. 1931 Noel, J.B.L.: Through Tibet to Everest. Arnold & Co., London. 302 S.

13. 1933 Kurz, M.: Die Erschliessung des Himalaya. « Alpen » IX, Nr. 9, S. 324—329 und Sonderabdruck S. 23—28 ( Stämpfli & Cie., Bern ).

14. 1934 Kurz, M.: Le Problème Himalayen. Etude géographique et historique. « Alpi- nisme » 8 und Sonderabdruck ( Legrand, Melun ). 75 S.

15. 1934 Rùttledge, Hugh and comrades: Everest 1933. Hodder & Stoughton, London.

394 S., 59 Abb.

16. 1934 Wager, L. R.: A review of the geology and some new observations. Sonderabdruck von Kap. VII der « Observations » in « Everest 1933 ». Hodder and Stoughton, London. 25 S.

17. 1934 Blacker, L. V. St.: The Mt. Everest Flights. Him. J. VI, S. 54—66.

18. 1934 Fellowes, P. F. M., Blacker, L. V. St. und andere Teilnehmer, Deutsch von P. Wit: Der erste Flug über den Mount Everest ( First over Everest ). Die Houston-Mt.Everest-Expedition 1933. S. Fischer, Berlin. 302 S., 46 Abb.

19. 1934 Kurz, M.: L' Himalaya en 1934. « Alpen » X, Nr. 11, S. 434—435.

20. 1936 Kurz, M.: Himalaya 1933—1935. « Alpen » XII, Nr. 1, S. 2—5.

21. 1936 Shipton, E. E.: The Mount Everest reconnaissance, 1935. Him. J. VIII, S. 1—13 und Alp. J. Nr. 252, S. 1—14.

22. 1936 Ruttledge, H.: Mount Everest, the sixth expedition. Alp. J. Nr. 253, S. 221—233.

23. 1937 Ruttledge, H.: The Mount Everest Expedition, 1936. Him. J. IX, S. 1—15.

24. 1937 Kurz, M.: Himalaya 1935/1936. « Alpen » XIII, Nr. 11, S. 402—406.

25. 1937 Spender, M.: Survey on the Mt. Everest reconnaissance, 1935. Him. J. IX, S. 16—20.

26. 1937 Mason, Kenneth: The problem of Mt. Everest. Him. J. IX, S. 110—126.

27. 1939 Tilman, H. W.: Mt. Everest, 1938. Him. J. XI, S. 1—14, Alp. J. Nr. 258, S. 3—17.

28. 1940 Kurz, M.: Himalaya 1938. « Alpen » XVI, Nr. 1, S. 27—30.

29. 1943 Shipton, E. E.: Upon that Mountain. Hodder and Stoughton, London. 222 S., 31 Abb., 4 Kartenskizzen.

Karten 30. 1925 Mount Everest and the Group of Chomo Lungma, 1: 63 360. Beilage zu Lit.

Nr. 9 und 15.

31. 1928 Mount Everest Reconnaissance Map. Scale 1 inch to 4 Miles, or 1:253 440.

32. 1930 Mount Everest and Environs. 1 inch to 2 Miles, or 1:126 720.

33. 1937 The northern face of Mount Everest, based on Photogrammetric Surveys by Michael Spender. 1: 20 000. Beilage zu Him. J. IX.

k ) Abbildungen finden sich in der genannten Everest-Literatur in grosser Fülle. Besonders hingewiesen sei auf: i ) 1, 4, 9, 15, 18, 21 und 25.

l ) Die tibetische Seite des Everest ( Norden und Osten ) ist nun so genau bekannt, dass über die Route nicht mehr viel zu sagen ist. Den Nordsattel wird man wohl auch in Zukunft meist von Nordosten, also vom östlichen Rongbuk-Gletscher aus erreichen. Für den oberen Teil scheint jetzt einwandfrei festzustehen, dass die Begehung der Gratkante selbst nicht in Frage kommt, vor allem wegen des berühmten « Second Step » im Nordostgrat. Man muss also auf den Bändern der « Norton-Traverse » bis zum grossen Couloir queren, wobei man leider immer stärker in die Nordwestflanke abgedrängt wird. Es wäre sehr viel gewonnen, wenn man das oberste Lager — Camp VI oder wahrscheinlich sogar ein neues Camp VII — bis an das grosse Couloir vorschieben könnte. Dann hätte man 8500 m als Ausgangshöhe für den Schlussangriff und nur noch eine sehr kleine Horizontal-Entfernung. Wichtig ist, das grosse Couloir an der richtigen Stelle zu überschreiten, was nach vorangegangener sorgfältiger Erkundung am Morgen des entscheidenden Tages zu erfolgen hätte.

Der jenseitige Aufstieg zum Gipfelgrat, den man nahe der Spitze erreichen würde, hat noch etwa 270 m Höhendifferenz zu bewältigen und ist offenbar ziemlich schwierig. Die Kalkbänke fallen mit 30° gegen Norden, der Hang dürfte etwa 50° steil sein. Es entsteht also die bekannte unangenehme Dachziegelstruktur, die wenig Sicherungsmöglichkeiten bietet und vor allem Trittsicherheit und Gleichgewichts-Sinn erfordert — gerade die Eigenschaften, die man in dieser Höhe nicht mehr in vollem Masse besitzt. Dieser Aufstieg neben dem grossen Couloir zum Grat empor ist jedenfalls die « Maximalstelle » der gesamten Everest-Besteigung; dass diese so hoch oben, dicht unter dem Gipfel liegt, ist eine der wirkungsvollsten Abwehrwaffen des gewaltigen Berges. Das ist nach sieben Everest-Expeditionen noch immer der dunkle Punkt! Sehr wesentlich sind hier: trockene Felsen, schönes Wetter und wenig Wind. Derartig ideale Verhältnisse sind aber am Everest sehr selten und auch in guten Jahren auf nur wenige Tage beschränkt. Ein handliches Sauerstoffgerät — leichter als die bisher verwandten Apparate — wäre gerade für dieses böse Stück von grossem Nutzen. Auf alle Fälle hätte man bessere Aussichten, wenn man hier früh am Morgen, frisch vom Lager kommend, anpacken könnte, nicht erst am späten Vormittag und nach langen Quergängen.

Gibt es ausser dieser Nordroute noch andere Möglichkeiten? Der lange NE-Grat vom Rapiu La über die NE-Schulter ( 8385 m ) kommt praktisch nicht in Frage, die furchtbar steile und lawinengefährliche, eisige Ostflanke gegen den Kangshung-Gletscher noch weniger. Auf der felsigen Nordseite befürwortet Smythe eine neue Variante, nämlich eine Querung noch unterhalb der Norton-Traverse in einer Höhe von etwa 7770 bis auf die Westseite des grossen Couloirs und dann Aufstieg fast in der Fallirne des Gipfels. Auf der entscheidenden Strecke zwischen 8500 und 8800 m käme es auf das gleiche heraus, wie bisher vorgesehen war. Der WNW-Grat vom « Lho La » ist in seinem oberen Teile sehr steil und wahrscheinlich viel schwerer, als die bisherige « Normalroute ».

Noch nicht genügend erforscht ist die nepalische SW-Seite des Everest. Auch die Flugexpedition 1933 ist uns leider die Antwort auf die Frage schuldig geblieben, ob man vom Khumbu-Gletscher bzw. vom « Western Cwm Glacier » aus den « Südsattel » zwischen Everest und Lhotse erreichen kann. Wenn das möglich sein sollte, hätte man einen idealen Ausgangspunkt für den Angriff auf den Everest über den vergletscherten und nicht allzu steilen SE-Grat sowie auf den Lhotse ( 8501 m ), den vierthöchsten Berg der Erde, über seinen Nordgrat. Doch « es wär'zu schön, um wahr sein ». Jedenfalls ist es höchst zweifelhaft, ob dieses Joch von Westen her bergsteigerisch zugänglich ist. Von Osten, ( vom Kangshung Glacier aus, ist es offenbar sehr lawinengefährlich. Obendrein ist die Nepal-Seite des ganzen Everest-Massivs politisch gesperrt. Der unabhängige Himalaya-Staat Nepal führt die Abschliessung sehr viel strenger und folgerichtiger durch als « das verschlossene Land » Tibet. Auch die Engländer haben dieses Hindernis bisher nicht aus dem Wege räumen können. So ist die nepalische Front von Chomo Lungma noch immer lockendes Geheimnis.

m ) Der Mount Everest besteht nicht aus Granit oder Orthogneis ( Granitgneis ), wie man erwarten könnte. Das tiefste Glied der Schichtenfolge ist « der untere Mount-Everest-Kalk », der nur zwischen Basislager und Camp I aufgeschlossen ist. Es ist ein harter grünlicher Kalk, stark metamorph, ganz kristallinisch und mit viel Epidot. Die Metamorphose ist offenbar durch einen Turmalin-Granit bedingt, der seine Apophysen in den Kalk hineingedrückt hat. Die Mächtigkeit des « unteren Everest-Kalks » scheint nur etwa 30 m zu betragen; er gilt als altpaläozoisch, was allerdings nicht streng beweisbar ist.

Darüber folgt der Schichtenkomplex, der die Hauptmasse des Everest selbst bildet, die « Mount Everest Pelitic Series ». Dies ist eine sehr mächtige metamorphe Schichtenfolge von Serizitschiefern, Phylliten ( Urtonschiefern ), Quarziten, Glimmerschiefern und Biotitgneisen mit pegmatitischen Injektionen. Das Alter dieser Schieferserie ist nicht sicher bestimmbar; wahrscheinlich handelt es sich um vorkarbonisches Paläozoicum. Die granitischen Gänge, Adern und Apophysen sind sehr viel jünger, vermutlich tertiär. Die « Pelitic Series » reichen am NE-Grat, in der N- und NW-Flanke bis etwa 8380 m hinauf und werden dort von den « Mount Everest Limestone Series » überlagert.

Die Kalkserie beginnt mit den « Yellows Slabs », vorwiegend gelblichen Kalkschiefern, die gelegentlich marmorartig werden, geschieferten Kalksand-steinen und Kalkphylliten — etwas ähnlich unseren Bündner Schiefern und « Schistes lustrés ». Sie bilden die Zone von 8380 m bis 8530 m, also die « Norton-Traverse », und fallen mit 30° gegen Norden. Die Auflagerung der « Yellow Slabs » auf den kristallinen Schiefern der « Pelitic Series » scheint diskordant zu sein. Ob es sich um eine stratigraphische oder eine tektonische Diskordanz handelt, ist noch nicht ganz geklärt1.

Auf diesen Kalkschiefern sitzt eine Kappe von massigem, dunkelgrauem Kieselkalk, etwas splitterig und brekziös. Widerstandsfähiger als die kalkig-sandigen Schiefer, bildet er eine höchst auffällige Steilstufe, die sich vom ersten und zweiten Gratabbruch ( « first step » und « second step » ) durch den ganzen Nordhang des Everest hinzieht und das gefürchtete Hindernis oberhalb 1 Die Everest-Zone setzt sich nach Osten in den auf der Nordseite des Kangchendzönga gelegenen Jongsong Peak ( 7459 m ) fort, den ich auf unserer Himalaya-Expedition 1930 bestiegen und geologisch untersucht habe. Die Ähnlichkeit zwischen Everest und Jongsong Peak ist geradezu verblüffend. So bin ich glücklicherweise nicht auf blosses Literaturstudium angewiesen, sondern ich kann bis zu einem gewissen Grade aus eigener Anschauung urteilen. Ich persönlich halte die diskordante Auflagerung der Kalkschiefer und Kalke auf den kristallinen Schiefern für tektonisch, also für eine Aufschiebung. Vgl. G. O. Dyhrenfurth: Himalaya. Unsere Expedition 1930, S. 293—311, insbesondere S. 303. Verlag Schert, Berlin, 1931.

der « Norton-Traverse » bildet. Aus diesem grauen Kalk besteht zweifellos die gesamte Gipfelpyramide von 8530 m bis 8882 m.

In der Altersfrage neigt man jetzt dazu, die ganze obere Everest-Kalk-serie für jungpaläozoisch zu halten, also für Karbon und vielleicht noch Permokarbon. Allerdings sind bestimmbare Fossilien aus den Everest-Kalken bisher nicht bekannt, aber in Nord-Sikkim werden die Everest-Kalke bzw. ihre östliche Fortsetzung von den « Lachi-Series » überlagert, und diese haben neuerdings permische Brachiopoden geliefert. Voraussetzung für diese indirekte Altersbestimmung ist natürlich, dass es sich hier um eine echte stratigraphische Folge ohne lokale tektonische Komplikationen handelt.

Ganz im grossen ist der Gebirgsbau folgendermassen zu deuten: Der Mount Everest zeigt normale Schichtenfolge, das Älteste zuunterst, das Jüngste oben. Er gehört zum Hangendflügel einer riesigen Schubdecke, die sich von N gegen S bewegt hat. Dass er die umgebende Gipfelflur um Haupteslänge überragt, ist wahrscheinlich auf eine ganz jugendliche, noch jetzt anhaltende Hebung zurückzuführen. Schon 1931 fasste ich als « Leitmotiv des Ost-Himalaya » zusammen: « Die grosse Nord-Süd-Bewegung, von Tibet gegen Bengalen, und die jugendliche Hebung 1. » 2. a ) K2 oder Chogori ( Lamba Pahar, Mount Godwin Austen, Dapsang). b ) Der « Name » K2 ist nur ein Vermessungszeichen der Survey of India und bedeutet bloss: Karakoram- Gipfel Nr. 2. Dass dies der zweithöchste Berg der Erde ist, wusste man damals noch nicht. Es ist also ein reiner Zufall, dass der Platz in der Rangliste und das Vermessungszeichen übereinstimmend Nr. 2 sind. Einen allgemeingültigen Eingeborenen-Namen gibt es nicht. Die Balti nennen ihn gelegentlich « Chogori », die Kashmiri « Lamba Pahar », was beides « Grosser Berg » bedeutet. Das wäre ein schöner Name, wenn er sich allgemein durchgesetzt hätte. Aber alle Welt hat sich allmählich an die englische Bezeichnung und Aussprache gewöhnt: « Kē tū ». Man empfindet das schon gar nicht mehr als nüchtern und unpoetisch, sondern in seiner Kürze als wuchtig und lapidar. Wer jedoch einen richtigen Namen vorzieht, sagt am besten: Chogori ( gesprochen Tschogori ). Denn da dieser Berg in Baltistan liegt, haben die Balti entschieden das grösste Anrecht auf die Namengebung. Die Balti-Sprache ist ein tibetischer Dialekt.

Im Erlöschen begriffen ist « Mount Godwin Austen ». Bergnamen nach Personen sind ja überall tunlichst zu vermeiden und, was in diesem Falle entscheidend ist, bei der Survey of India streng verpönt — mit der einzigen Ausnahme des Mount Everest. Diese Ablehnung soll aber die Verdienste von Colonel H. H. Godwin Austen in keiner Weise schmälern. Er führte 1861 die erste eigentliche Baltoro-Expedition aus. Wir verdanken Godwin Austen eine erste Beschreibung des Baltoro-Gletschers und seiner unvergleichlichen Bergwelt und vor allem die erste Übersichtskarte des Gebietes.

1 G. O. Dyhrenfurth: Himalaya. Unsere Expedition 1930. Geologische Ergebnisse. S. 311. Verlag Scherl, Berlin, 1931. Vgl. auch G. O. Dyhrenfurth: Himalaya-Fahrt, S. 185. Orell Füssli Verlag, Zürich, 1942.

Gänzlich abzulehnen ist der noch immer nicht ganz ausgestorbene Name Dapsang oder Mount Dapsang. Es gibt nur ein Depsang-Plateau, und das liegt etwa 150 km vom K2 entfernt in südöstlicher Richtung.

c ) Höhe des K2: 8611 m = 28 253 ft.

d ) Grösste bisher erreichte Höhe etwa 8382 m = 27 500 ft., d.h. rund 230 m unter dem Gipfel.

e ) 35° 52'55 " nördlicher Breite. f ) 76° 30'51 " östlicher Länge.

g ) Grosser Karakoram, Baltoro Mustagh, in Kashmir.

h ) 1902: Die erste eigentliche K2-Expedition bestand aus sechs Führerlosen: drei Engländern, darunter der Expeditionsleiter Oscar Eckenstein, dessen Name ja schon durch die von ihm konstruierten Steigeisen und durch seinen Eispickel jedem Bergsteiger bekannt ist; zwei Österreichern, H. Pfannl und Dr. V. Wessely; einem Schweizer, Dr. Jules Jacot-Guillarmod. Die ganze Organisation hatte bereits den Charakter einer modernen Grossexpedition, aber es gab viel innere Reibung, sehr ungünstiges Wetter und obendrein noch das Missgeschick verschiedener Erkrankungen. So kam es zu keinem ernsthaften Angriff auf den K2, nur zu Erkundungen, die sich vorwiegend auf den NE-Grat bezogen. Bei einer derartigen Rekognoszierung erreichten Jacot-Guillarmod und Wessely am P. 6821, dem NE-Bollwerk des K2, eine Höhe von etwa 6600 m. Wesentlicher war, dass man den bis dahin unbekannt gebliebenen oberen « Godwin-Austen-Gletscher », den grössten rechten Seitengletscher des Baltoro, bis zur Wasserscheide ( 6233 m ) hinauf beging und so den nördlichen Teil der Baltoro-Gruppe in grossen Zügen kennenlernte.

1909 wurde durch die grosse Expedition des Herzogs der Abruzzen eines der wichtigsten Jahre für die Erschliessungsgeschichte des Baltoro im allgemeinen und für die Kenntnis des K2 im besonderen. Die Teilnehmer waren: S. Kgl. Hoheit Luigi Amedeo di Savoia, Herzog der Abruzzen, sein Adjutant und Topograph, Marchese C. F. Negrotto, Dr. Filippo De Filippi, Vittorio Sella und sein Assistent, E. Botta, drei Bergführer aus Courmayeur, nämlich Giuseppe Petigax, Alessio und Enrico Brocherel, sowie vier Träger, gleichfalls aus Courmayeur, endlich noch ein englischer Rechnungsoffizier für die Kassenarbeiten. Die Karawane bestand also aus 13 Europäern und durchschnittlich etwa 360 Trägern. Das ganze Unternehmen, vom Herzog der Abruzzen mit gewohnter Meisterschaft organisiert und geleitet, war dieses grossen Forschungsreisenden und Bergsteigers würdig.

Am 26. Mai war das Standlager am Südfuss des K2 errichtet, die Erkundung des Massivs begann. Nachdem die Süd- und Westseite als praktisch nicht in Frage kommend ausgeschieden waren, wurde ein Vorstoss über den SE-Grat beschlossen und am 30. Mai ein Hochlager bei 5560 m aufgeschlagen. Der SE-Grat erwies sich aber für die Balti-Kulis als zu schwierig... und die guten Sherpa-Träger, die « Tiger » vom Everest und Kangchendzönga, gab es ja damals noch nicht. Darum entschloss sich der Herzog, auf eine Fortsetzung dieses Versuches zu verzichten, und kehrte am 2. Juni nach dem Standlager zurück. Er wollte den K2 nun systematisch tunlichst von allen Seiten studieren und schob deshalb am 4. Juni ein Lager auf den mittleren « Savoia- G3 Gletscher » vor, auf der Westseite des Chogori. Von dort aus erreichte er mit den Führern am 7. Juni den schwer zugänglichen « Savoia-Sattel » ( 6666 m ), am Beginn des NW-Grates des K2, und gewann so einen Einblick in die abschreckend steile Nordseite der Gruppe, die touristisch gar nicht in Frage kommt. Nachdem so die N-, NW-, W- und SW-Seite des K2 rekognosziert waren, kehrten alle ins Standlager zurück.

Es folgte ein Angriff auf den nordöstlichen Nachbarn des K2, den Skyang Kangri, früher « Staircase Peak » ( 7544 m ), der zwar nicht zum Ziele führte, aber prachtvolle photographische Aufnahmen des K2 von E und NE brachte. Dann verlegte der Herzog sein Arbeitsfeld in das südliche Baltoro-Becken, zum Chogolisa, früher « Bride Peak » ( 7654 m ), wo bekanntlich in zähem Ringen eine Höhe von 7498 m erreicht wurde.

Zusammenfassend ist zu sagen: Für den K2 war die Zeit noch nicht reif, doch wurde er so gründlich erkundet, dass für jeden Nachfolger wertvollste Arbeit geleistet war. Am Skyang Kangri ( 7544 m ) und vor allem am Chogolisa ( 7654 m ) hätte der Herzog mit etwas mehr Glück einen vollen Erfolg haben müssen. Niemand hätte ihn mehr verdient! Auch der Teilerfolg am Chogolisa stellte aber bereits einen bergsteigerischen Höhenweltrekord dar, der erst 13 Jahre später am Everest überboten wurde. Die von Negrotto nach der photogrammetrischen Methode aufgenommene Karte im Maßstab 1:100 000 bedeutete einen gewaltigen Fortschritt und war die Voraussetzung für alle späteren Arbeiten im Baltoro-Gebiet. Sehr vielseitig und bedeutungsvoll waren auch die wissenschaftlichen Resultate, und die grossartige photographische Ausbeute von Meister Vittorio Sella ist ja weltberühmt und bis heute unübertroffen. Das gewichtige Buch, das De Filippi über diese Expedition geschrieben hat ( s. die nachfolgende kleine Bibliographie i 5 und 6 ), ist ein wahrhaft klassisches Werk der Himalaya-Literatur für alle Zeiten.

Die Expedition des Herzogs von Spoleto 1929 hatte rein wissenschaftliche Aufgaben, das genauere Studium des Baltoro-Gebietes im ganzen und die Erforschung des Shaksgam. Für den K2 brachte sie also nicht viel Neues, abgesehen von einer wertvollen photogrammetrischen Karte ( i 28 und 29 ) und weiterem Bildermaterial.

Auch die von G. O. Dyhrenfurth organisierte und geleitete « Internationale Himalaya-Expedition 1934 » hatte andere Ziele. Arbeitsgebiet war der südliche Abschluss des Baltoro, vor allem der Conway-Sattel und die ihn flankierenden Massive des Sia Kangri, früher « Queen Mary Peak » ( ca. 7600 m ), und Baltoro Kangri, früher « Golden Throne » ( 7312 m ).

Erst 1938 brachte einen entschlossenen Angriff auf Chogori, den « Grossen Berg ». Es war die « American Alpine Club Karakoram Expedition ». Die Teilnehmer waren: Ch. S. Houston, Mitglied der erfolgreichen Nanda-Devi-Ex-pedition 1936, als Leiter, R. L. Burdsall, Teilnehmer der siegreichen Minya-Gongkar-Expedition 1932, R. H. Bates, W. P. House und P. K. Petzoldt. Als englischer Verbindungsoffizier trat noch Captain N. R. Streatfield hinzu, als Hochträger sechs « Tiger », erstklassige Sherpas. Es war eine leichte, bewegliche Expedition, deren Gepäck auf 25 Ponylasten = 75 Kulilasten zusammengedrängt war.

Der Aufbrach von Srinagar erfolgte am 13. Mai, die Ankunft am Fusse des K2 bereits am 12. Juni. Den Rest des Juni verbrachte man aber mit wiederholten Erkundungen Richtung NW-Grat, NE-Grat und « Abruzzi-Rippe » ( SE-Sporn ). Schliesslich entschied man sich doch für die Route, die der Herzog der Abruzzen mit seinen Führern schon 1909 als die relativ beste angesehen hatte, und richtete am 1. Juli Camp 1 am Sockel der « Abruzzi-Rippe » ein. Diese steile, grossenteils felsige SE-Rippe, die zu P. 7740 ( auf der Schulter des K2 ) hinaufzieht, ist im ganzen schwierig, streckenweise sogar so schwer, dass ein förmlicher Klettersteig mit zahlreichen Mauerhaken und fixen Seilen gebaut werden musste. Auch die Herrichtung halbwegs geeigneter Lagerplätze verursachte Kopfzerbrechen und viel Mühe.

In zäher Arbeit gewann man an Höhe: Camp 1 am Fusse der Rippe lag bei 5400 m, Camp 2 bei 5880 m, Camp 3, ein sehr abschüssiger und besonders luftiger Platz, bei 6310 m, Camp 4 bei 6550 m. Nun folgte ein aussergewöhnlich schweres Stück, das mittels des 45 m hohen, flachen und vereisten « House-Kamins » bewältigt werden musste, und oberhalb dieser technischen Maximalstelle Camp 5 bei 6700 m. Unter dem mächtigen dunklen Pfeiler, der den Grat abschliesst und vom Firn der Schulter gekrönt ist, wurde am 16. und 18. Juli Lager 6 bei 7100 m eingerichtet. Man hatte also für 1700 m ( 5400 bis 7100 ) bei angestrengtester Arbeit 17 Tage und fünf Hochlager benötigt; die Höhendifferenz vom einen zum anderen betrug durchschnittlich nur 340 m, auch ein Zeichen für die grossen Schwierigkeiten des Terrains.

Der Pfeiler erwies sich als ausserordentlich schwierig, aber möglich. Am 19. Juli wurde zum ersten Male die Höhe der eigentlichen « Abruzzi-Rippe » erreicht und im Anschluss daran über Firn noch bis zum « Schultergipfel » ( 7740 m ) vorgestossen. Am 20. Juli entstand Camp 7, das oberste Lager, bei 7530 m, auf einer ausgeschaufelten Plattform im Schneehang. Es war aber nur ein einziges kleines Zelt mit Ausrüstung und Proviant für zwei Mann und zwei Tage. Das bedeutete in Wahrheit den Verzicht auf den Gipfel. Denn um ernsthafte Erfolgsaussichten zu haben, hätte man Camp 7 richtig ausstatten und dann ein Camp 8, vielleicht sogar noch ein Camp 9 weiter vorschieben müssen. Aber die Nachschub-Schwierigkeiten über die « Abruzzi-Rippe » waren sehr gross, die Schönwetterperiode schien sich dem Ende zu nähern und ein Abstieg im Schneesturm hätte wahrscheinlich die Katastrophe bedeutet. Darum begnügte man sich mit dem Erreichten.

Am 21. Juli führten Houston und Petzoldt von Camp 7 den letzten Vorstoss aus. Sie gelangten über P. 7740 und einen breiten Schneerücken an den Fuss der eigentlichen Gipfelpyramide, entdeckten bei 7900 m einen prächtigen Platz für ein — leider nicht mehr zur Ausführung gelangendes — Camp 8 und erreichten bei etwa 7925 m ihren höchsten Punkt. Das Wetter war strahlend, dabei warm und windstill, die Aussicht klar bis in die weitesten Fernen. Es herrschte das feierliche Schweigen der Ewigkeit. Schweren Herzens kehrten sie dem Gipfel den Rücken und gingen nach Lager 7 zurück.

( Fortsetzung folgt )

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