Die Aiguille Verte

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Pierre Vittoz, Yaounde ( Kamerun )

Welch ein Abhang!

Die gewaltigste aller Rutschbahnen!

Gerade als ich über die Plattform hinaufsteige, auf der mein Sohn Stand nimmt, indem er das Seil hinter seinem Pickel durchgleiten lässt, halte ich kurz an, zuerst um mich zu vergewissern, dass er auf seinen Steigeisen in Ordnung ist, dann auch, um Atem zu schöpfen. Aber schon haben die Linien des Couloirs unsere Blicke auf sich gezogen, und man kann sie kaum mehr von ihnen lösen. Oben, unten, rechts und links gibt es nur diese Nordwand, die wir langsam erklettern. An den Bergschrund haben wir seit Stunden nicht mehr gedacht, und der Gipfel ist zu weit entfernt, um uns zu beunruhigen. Es existiert nur dieser riesige Schnee- und Eisvorhang, an den sich unsere Füsse und Gedanken klammern. Selbst die Sonne ist nur insofern von Bedeutung, als sie ihren Glanz auf das Eis überträgt und die Schneekristalle verzehrt.

Fast durch Zufall befinde ich mich hier. Mit anderen Plänen beschäftigt, hatte ich diese Tour nie ernsthaft in Betracht gezogen. Zu diesem Saisonbeginn wollten wir einen Schneehang besteigen. Am Freitag erinnerte ich mich plötzlich an eine alte Berechnung meines Vaters: « Die Nordhänge sind günstig am vierten Tag nach einem starken Schneefall. » Sofort machte ich die Rechnung vor meinen Freunden.

« Sonntag ist der grosse Tag. » Ihre zustimmenden und vertrauensvollen Mienen liessen mich mit scheinbar gleichgültiger Stimme einwerfen: « Gehen wir auf die Verte? » « Durch das Couturier? » « Hm... » Ich kam mir sehr schlau vor und fühlte mich meiner Sache sicher. Als ich am Samstagabend die Argentierehütte betrat, war ich beides nicht mehr, dafür aber nass, pudelnass wie noch nie in meinem Leben. Um unsere Lasten zu verringern, hatten wir weder Pelerinen noch Kleider zum Wechseln mitgenommen, und ein Gewitter hatte ganze Kübel voll Wasser auf unsere Schultern geleert. Unsere Socken konnte man auswringen und unsere Unterhosen fortwerfen. Und keine Möglichkeit, in der überfüllten Hütte etwas zu trocknen oder zu schlafen!

Um I Uhr morgens zogen wir uns an, weil wir irgend etwas tun mussten. Aber wir waren tolpatschig wie junge Hunde. Und was für ein Geknurr bei jedem tropfnassen Kleidungsstück, das an der Haut klebte! Berger bepflasterte seine Schenkel mit Leukoplast, um sich vor der Kälte zu schützen, die seine Hosenbeine in zwei Blech-rohre verwandeln würde... Der Himmel war so schmutzig grau wie unsere Laune. Alles ging schief. Ich musste bis um 3 Uhr verhandeln, bis sich meine Burschen, etwas ermutigt durch ein wiederholtes Durchschimmern des Mondes, zum Aufbruch entschlossen.

Dann, in einem einzigen Augenblick, verwandelte sich alles und wurde angenehm, wie wenn unser Entschluss und die Bewegung die Elemente beeinflusst hätten. Glatt und hart knirschte der Schnee unter unseren Füssen und machte das Gehen auf der Gletscherfläche möglich. Der Tour Noir und der Dolent ragten über die letzten Fetzen des Gewitters hinaus, das die Bise auseinandergerissen hatte. Am Triolet konnte man das an seiner Wand hängende Eis bewundern. Die Aiguille Verte, ungeheuer gross, präsentierte uns ihr riesiges, von gewaltigen Felsvorsprüngen umrahmtes Couloir Couturier.

Der Mond wich bald einer paradiesischen Morgendämmerung. Ich konnte mich an den Strebepfeilern und Zahnungen der grossen Mauer nicht satt sehen. Doch immer wieder hefteten sich meine Augen an die weisse, hundert Meter breite und tausend Meter hohe Wand, die unseren deutlich sichtbaren Weg gegen den blauen Himmel bildete. Auf einmal konnte ich im Tageslicht ein paar Flecken im Couloir sehen: die Italiener, die Achtergruppe, welche dasselbe Ziel hatte wie wir, aber verschwunden war. Und da unter dem Schrund? Noch sechs! Waren wir wahrhaftig unserer zwanzig auf der gleichen Route? Fast wäre ich in Lachen ausgebrochen, hatte ich doch geglaubt, an der Spitze einer grossartigen Tour zu stehen, und nun befand ich mich als zwanzigster und letzter am Fusse einer Schneetreppe.

Doch welche Treppe! Von einem mit Lawinenresten angefüllten Schrund stieg sie empor, ohne einen Absatz, in einem einzigen Schwung bis zur Eisbruch-Gipfelhaube der Aiguille Verte. Nicht einmal in der aufgehenden Sonne zeigte sich ein Relief- ausser einer ungeheuren Mittelrinne, deren heruntergestürzte Eisblöcke eine grosse Fläche bedeckten.

Wir waren so begeistert von der Klarheit der Linien und der Festigkeit des Schnees, dass es an Leichtsinn grenzte. Beim Anseilen bemerkte Jaunin, dass er seine Steigeisen vergessen hatte. Er wurde mit einer Lachsalve empfangen und beschloss kurzerhand, trotzdem aufzusteigen. Und jetzt? Da klettert er dreissig Meter über uns auf Gummisohlen, wie wenn das seine Gewohnheit wäre.

Sobald wir den Schrund überquert hatten, zeigte es sich, wie steil das Couturier-Couloir war. Fünfundfünfzig Stufen, sagt man. In den ersten Seillängen waren wir etwas ängstlich. Aber es war ein Kinderspiel, da zu klettern, und ist es noch: Mit einem Fusstritt macht man eine Stufe oder benützt, ohne sich anzustrengen, die schon vorhandenen. Keine Schwierigkeit, vorausgesetzt, dass man sein Gleichgewicht behält. Auch keine Gefahr oder fast keine, ausser einem oder zwei vom Gipfelgrat heruntergefallenen Steinen. Wir kommen nicht aus dem Staunen heraus. Wir, die wir doch Schwierigkeit und Anstrengung lieben, vergessen die eine wie die andere und sind nur noch erfüllt vom Eindruck der Unermesslichkeit, den nur der Schnee vermitteln, kann. Dieser herrliche Schnee! Er hat sich durch Sonne und Wind in vollkomene geometrische Flächen formen lassen, und man zieht selber genau so klare Linien darin. Der Fuss spürt, dass er sich ihm anvertrauen kann, und der Pickel findet darin festen Halt. Wir klettern ohne Hast, ohne heftige Bewegungen, indem wir bald die Beschaffenheit des Schnees unter unseren Händen, bald die fliehende Perspektive, das faszinierende Abfallen von Hunderten von Metern hinter uns betrachten.

Er kann zwar auch furchtbar sein, der Schnee der Nordwand. Zwei Seilschaften sind nur mit dem Leben davongekommen, weil sie sich hinter einen herabhängenden Felsen flüchteten, während einen ganzen Tag lang Lawinen über ihren Unterstand hinwegrollten. Einmal sind sieben Führerseilschaften mit einem Schlag von einem Schneebrett, das sie den Berg hinuntergerissen hat, weggemäht worden.

Heute ist uns der Schnee wohlgesinnt. Die auf den Hang brennende Sonne erwärmt und trocknet uns, während sie gleichzeitig das uns umgebende Weiss aufhellt. Über einem Engpass, wo uns das Eis gezwungen hat, etwas vorsichtig zu sein, weitet sich der riesige Trichter des Couloirs aus und öffnet sich gegen den Himmel in allen Richtungen. Vor uns gestaffelt, vom Glanz des herrlichen Wetters Übergossen, erleben achtzehn Männer die gleiche Freude wie wir, während sie sich vorsichtig von einem Bein auf das andere bewegen, Schritt um Schritt, in Richtung des leuchtend blauen Himmels, gegen den sich ihre Silhouetten schon abzeichnen.

Zwanzig Zentimeter. Noch zehn. Stillstand. Die Minuten verstreichen. Es rührt sich nichts mehr. Endlich ein kleiner Schritt. Erneutes Anhalten. Ich sehe nichts als einen Fetzen Grau und höre nichts als das Aufschlagen der Graupeln auf meiner Jacke und ihr Knirschen unter meinen Schuhen. Nur an der Seilbewegung zwischen meinen Fingern errate ich die Schwierigkeiten, das Zögern meines Sohnes - oder der Seilschaft, auf die er folgt. Wie lange wird das noch dauern? Um einem von dem schmelzenden Schnee schlüpfrig gewordenen Felsbruch auszuweichen, hat er sich in eine Rinne im Gletschereis hinein gewagt. Was nützt es, ihm meine Ungeduld zu zeigen, ihn im Nebel mit Fragen anzuschreien? Seit Stunden leistet er sein Bestes. Mit sechzehn Jahren hat man das Recht, müde und angeschlagen zu sein, wenn sich im Whymper-Couloir ein Gewitter entlädt.

Aber ich habe wirklich keine Lust, die Nacht hier zu verbringen. Der ganze Nachmittag hat mir genügt. Wird denn dieser Abstieg kein Ende nehmen? Oder wird er plötzlich mit einem Schneebrett aufhören, das sich löst und alles mitreisst? Ständig habe ich Angst vor Lawinen, davor, zu enden wie die vierzehn an der Nordwand hinuntergefegten Führer. Diesmal wären es zwanzig, die hoffnungslos auf dem Eis abrutschen und in die Felsen wirbeln würden. Seit drei, vier, fünf Stunden habe ich Angst. Am Anfang schien die Gefahr so gross, dass es fast nicht zu ertragen war. Wir sprachen kaum. Jeder war in seine Angst eingekapselt, konzentriert, als ob nur äusserste Willensanstrengung den Schnee am Abstürzen hindern könnte. Ich habe mir eine Reihe von Möglichkeiten überlegt, die Katastrophe zu vermeiden: bei den ersten Felsen biwakieren, wieder zum Gipfel hinaufsteigen, um es am Moi-ne-Grat zu versuchen, die Grande Rochère überqueren; aber es ist zuviel Wasser in unseren Kleidern, zuviel Schnee ringsum. Dann habe ich mich daran gewöhnt; da der Schnee noch nicht abgerutscht ist, wird er vielleicht noch einen Moment halten. Die Angst ist geblieben, hat aber das Quälende verloren. Es ist nur noch ein dumpfer Schmerz, dem man sich schliesslich ergibt und mit einem gewissen Eigensinn begegnet. Man klammert sich an einen Augenblick, an eine Bewegung, um nicht nachdenken zu müssen.

Das Seil hat nachgegeben, und ich habe es um eine halbe Armlänge zurückgezogen. Dann gleitet es mit grösserer Straffheit weiter.

Man musste sich beim Abstieg auf Schwierigkeiten gefasst machen. Erstens sind wir zu zahlreich; auf dem Gipfelgrat haben wir eine richtige Verkehrsstockung erlebt und sind erst am Nachmittag in die Wände des Whymper-Couloirs ein- gestiegen. Dann musste ja die dicke Schneeschicht, die uns am Nordhang gedient hatte, ge- fährlich werden auf der Südseite; das war die unvermeidliche Kehrseite der Medaille. Aber als dann das Gewitter näher kam, hat es die schon beträchtliche Wärme noch verdoppelt und den Schnee so faul gemacht, dass die Pickel nirgends mehr Halt fanden. Und jetzt, von Donnerschlägen begleitet, prasseln die Hagelkörner herunter, machen einen ganz schwindlig, füllen unsere Spuren mit Murmeln, welche rollen, rollen...

Es ist wirklich zuviel auf ein mal. Dieses Couloir ist immer dem Steinschlag und den Lawinen ausgesetzt. Aber heute verschwört sich alles gegen uns. Zu meiner Rechten hat sich die Mittelrinne in eine Schlucht verwandelt. Alle Augenblicke saust wie ein Schnellzug eine Masse aus Wasser, Schnee und Steinen hinunter. Die Schlucht ist so tief eingefressen und ausgehöhlt, dass die Lawine nicht heraus kann. Aber wenn wir hineinstürz-ten? Ein paarmal hat einer meiner Schritte den faulen Schnee erschüttert, von dem ein oder zwei Zentner in die Rinne absanken, um dann plötzlich wie ein Pfeil hineinzuschiessen.

Zu was für erschreckenden Geschossen würden wir... Manchmal bemerkt man, wenn der Nebel zerreisst, die Felsbrüche, über welche die Schneemassen wie Wasserfälle hinuntersausen.

Das Getöse zersprengt mir den Kopf. Bei jedem Donnerschlag krümme ich mich zusammen und kann mich nachher nur mit Mühe wieder entspannen. Der Wind heult auf den unsichtbaren Graten, die uns umgeben. Der Hagel trommelt unaufhörlich auf meinen Sturzhelm, schlägt auf die steif gewordene Leinwand meines Rucksacks und meines Anoraks, prasselt dumpf rings um mich her. Und alle Augenblicke erinnert mich ein seidiges Pfeifen daran, dass eine Lawine niedergegangen ist, ohne mich mitzureissen.

« Komm, ich sichere dich gut. » Welche Überraschung! Schon lange war von Sicherung keine Rede mehr. Im steilsten Stück haben eine oder zwei Eisschrauben angebracht werden können. Dann haben es zwei auf gleicher Höhe liegende Felsen möglich gemacht, das Seil zu halten, allerdings nicht, ein Seilgeländer anzulegen. Überall sonst haben wir um den Pickel und auf den Hüften die Routine-Handgriffe ausgeführt, aber ohne Überzeugung. Ich richte mich auf und nähere mich dem Vorsprung, der die Sicht versperrte. Hans und zwei Italiener sind um einen Haken herum gruppiert. Man erkennt, wie im Nebel alle Seilschaften eine seitwärts befindliche Rippe in Augenschein nehmen, wo das Risiko etwas geringer sein wird. Aber man sieht weder den Bergschrund noch den Gletscher. Das Couloir zieht sich in die Länge, unendlich, trügerisch.

Ja keine falsche Bewegung machen, ruhig von einem Stützpunkt zum andern gleiten, trotz Müdigkeit und hereinbrechender Dämmerung!

Ein Schritt. Ein weiterer. Dann noch einer...

In der Couverclehütte hat mein überreizter Geist vor dem Einschlafen alle Etappen des Abenteuers noch einmal erlebt und zu verstehen versucht, warum es im Begriffe war, zu einem meiner grossen Tage in den Alpen zu werden. War es die Schwierigkeit? Nein. Die körperliche Anstrengung? Sie war gross, doch ohne Bedeutung. Es waren zweifellos die Härte des Kampfes, den wir während des Abstiegs liefern mussten, und auch die unvergleichliche Schönheit der Schneeflächen in der Nordwand. Oder eigentlich eher die Verbindung dieser beiden Elemente, der Wechsel der beiden tiefsten Eindrücke. Es brauchte diese zwei gegenteiligen Seiten des Abenteuers, um den Höhepunkt der Erinnerung zu erreichen, wie man zwei Seiten prägen muss, um eine Medaille herzustellen.

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