Die Besteigung des Bristenstocks im Jahre 1861

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VON ANTON SCHÜRMANN t, LUZERN Mit 1 Bild ( 7 ) Vorbemerkung. Die Sektion Pilatus SAC, gegründet 1864, ernannte Anton Schürmann, Stadtschreiber in Luzern, zu ihrem ersten Vorsitzenden. Er verfasste zahlreiche Handschriften, worunter einen mehr als siebzig Seiten beanspruchenden Bericht, der die Fahrt vom 5./6.August 1861 auf den Bristenstock schildert und im « Luzernischen Unterhaltungsblatt » 1862, der Beilage zum « Eidgenossen », erschien. Der Aufsatz vermittelt einen solch anschaulichen Einblick in die damalige Zeit, in das Fühlen und Denken eines frühen Bergsteigers, dass die Zeilen auch heute noch lesenswert sind.

Schürmann beschäftigte sich mit allem, was die Berge zu bieten hatten, und war der Einseitigkeit gänzlich abgeneigt. Er nahm sich ebenso gern und einlässlich der kleinen Dinge an wie der grossen, weshalb ihm jedes Bergerlebnis nicht nur Erholung brachte, sondern auch sein Wissen mehrte. Stets kehrte er seelisch gestärkt heim und zehrte noch lang und ausgiebig von den Beobachtungen, die er peinlich genau festzuhalten pflegte. Darin bleibt uns Schürmann Vorbild, wenn auch die Unrast der heutigen Umwelt unsere Musse arg beschneidet und wir uns kaum noch gedulden können, eine Menge Blumennamen auf deutsch und lateinisch zu lesen oder ihm bei der Gipfelaussicht zu folgen, wo er jeweilen eine Unzahl von Gletschern und Spitzen nennt, so wie es damals üblich war. Im Hinblick auf die Länge des Berichtes drängten sich Kürzungen auf, die sowohl bei zu ausgeprägten Einzelheiten als auch bei gedanklichen Abschweifungen unbeschadet des Inhalts vorgenommen werden konnten.

Die Reise vollzog sich mit Josef und Eduard Röthelin. Josef war Wirt zum « Café Alpenclub » in Luzern und zählte ebenfalls zu den elf Gründermitgliedern; Eduard, ein Lehrer, trat 1866 bei, wurde Aktuar, hielt siebzehn Vorträge und schrieb die « Sektionsgeschichte 1864-1892 ». Beide wa- ren Brüder des Meggener Pfarrherrn und Ehrenmitgliedes Ignaz Röthelin. Wir freuen uns, hervorheben zu dürfen, dass vor hundert Jahren diese drei Brüder den Weg zum Alpenclub fanden und sich alle im Vereinsleben auszeichneten.

Zur Besteigung des Bristenstocks verpflichteten sie Ambros Zgraggen, Silenen - den Grossvater des jetzigen Hüttenwartes auf Hüfi, des Bergführers Franz Zgraggen-Furger, Erstfeld. Schürmann verehrte in Ambros den zuverlässigen Kenner der Urnerberge und freundlichen, zuvorkommenden Begleiter, der ihn 1860 auf die Kleine Windgälle führte - mit Kaplan Albin Furger von Bristen -, 1871 auf den Kammlistock, 1872 auf das Scherhorn, 1877 auf den Piz Ufiern ( Medel ) und 1881 übers Sustenjoch ins Meiental, von dort über das Kartigeljoch nach Wassen. Ambros Zraggen war von 1873-1883 auch erster Wart der Hüfiälplihütte.Hugo Nünlist « Der 5. August 1861 war für den neuen Argonautenzug bestimmt. Ein heller schöner Nachmittag war 's, als wir - Josefund Eduard Röthelin und der Erzähler - das Dampfboot in Luzern bestiegen; wenigstens auf acht Tage hinaus versprach der Himmel blau zu sein. Leichte, weisse Wölkchen tanzten über den Gipfeln des Fronalpstocks und des Bauenstocks. Die Sonne glänzte so rein, und die halb in den Bäumen versteckten Dörfer an den schönen Buchten des Vierwaldstättersees schauten in so behaglicher Ruhe von den Ufern herüber, dass einen gar nicht wunder nahm, wenn die Fremden, vielleicht aus Ländern, wo kein Giessbach donnert und die Windmühle nur von künstlichen Hügeln herab die trägen Flügel schwingt, sich mit den Fernrohren aufstellten und eine gefühlvolle Salve von .Oh und Ach, wie scheen! ' nach der andern zum besten gaben.

Wir sind an der Treib; der Urnersee öffnet sich, und im Mittelgrund des schönen Bildes steht unser Reiseziel, der Bristen, eine viel stolzere Pyramide als jene von Gizeh, von der mehr als vierzig Jahrhunderte herabschauen. Diese Seeufer, an denen die Natur in so grossartigen Zügen gearbeitet, verdienen mit Recht den Namen,klassisch ', und es war ein guter Gedanke den Mythenstein jenem zu weihen der so viel beigetragen dass der Name der Männer vom Rütli soweit die deutsche Sprache reicht mit Achtung genannt wird. Die Wellen, die hier vorüberrauschen, flüstern sie uns nicht etwas ganz anderes zu als die Springbrunnen von Versailles, der Ruderschlag auf den Lagunen von Venedig oder das Knarren der Wetterfahnen auf den Palästen der Könige? Die Erinnerung an dieMänner, welche hier zusammentraten, um uns eine unabhängige Heimat zu gründen, macht die einsame schmucklose Wiese am Fuss des Seelisbergs dem Schweizer zu etwas mehr als einem Flecklein Erde, wo man ein bisschen Kartoffeln darauf baut.

Flüelen. Es lebt und drängt sich am Hafenplatz, als wäre hier Klein-Genua. Wir haben ein Fuhrwerk gemietet. An unserm Vorgänger traben zwei ungarische Steppenrenner, deren lebhaftes Wesen auch unsern Gaul zu gleichem Tun entflammt. In Altdorf überrascht uns die Statue Wilhelm Teils, die, auf einem hellgrauen Granitblock stehend, durch den Flecken hinaufschaut. So schön sie nach Vogels bekanntem Gemälde ,Der Apfelschuss'ausgeführt ist, so gern man dabei verweilt, und so lebhaft sie gerade auf diesem Platz den Schützenvater ins Gedächtnis ruft, der unter all den Heroen der Schweizergeschichte der Liebling der Jugend geworden wie kein anderer - so liegt doch einige Ironie des Schicksals darin: den Mann mit der ehernen Stirn, wie er dem Vogt gegenüber steht, den Mann der Tat durch ein Denkmal in Gips zu verewigen.

In zwei und einer halben Stunde, während welcher bei dem bleichsüchtigen Alois Zgraggen in der Klus ein kurzer Halt gemacht worden, waren wir in Amsteg, hatten unsern letztjährigen Wind-gällenführer, Ambros Zgraggen in Silenen, verpflichtet und gingen diesen Abend noch nach Bristen, um dort zu übernachten, wodurch für den Morgen eine Halbstunde Zeit gewonnen wurde. Das trauliche Häuschen der Kaplanei nahm uns auch diesmal mit üblicher Gastfreundschaft auf, und wenn Herr Kaplan Furger es nicht an guten Räten und aller Sorgfalt fehlen liess, so taten auch die übrigen Hausbewohner ihr Möglichstes, um uns den Abend zu einem angenehmen zu machen, zu einem solchen, wie man sie nur in einem Bergdorf unter zufriedenen, frohen Menschen geniesst.

Morgens drei Uhr ans Fenster. Die erste Frage galt natürlich Wind und Wolken. Es war eigentlich noch gar kein Wetter, sondern bloss finster, weil der Mond eben untergegangen; aber die Sterne blinkten so traulich über das steinbedeckte Schindeldach des Nachbarhauses, und durch die Tannen strich ein lauwarmer Wind. Die Nacht war so schön, der Tag wird es wohl auch sein. Es tauchten die Erinnerungen an so manche schöne Bergreise auf, vor der wir mit jugendlicher Ungeduld den Morgen fast nicht erwarten mochten, und auf der uns der Himmel mit Glück überschüttet. Mög'es auch heute geschehen, wünschten wir bescheiden.

Schöner Tau lag auf den Wiesen, als wir um vier Uhr, nach einem tüchtigen Frühstück, mit etwas Nahrung und all der Ausrüstung mit Seilen, Steigeisen, Fernrohren und Karten wohlversehen, singend und jodelnd den Marsch antraten. Der Weg windet sich gleich anfangs von Bristen über Weiden ziemlich steil bergauf und gab uns einen Vorgeschmack von dem, was da kommen werde. Da geht es bald über grasige Plätze, auf denen sich ein paar Ziegen herumtummeln, bald kommt ein Berghäuschen, das von einem glattrasierten Abhang herunter seine kleinen Fenster glitzern lässt:

,Wenn auch ihr Äusseres von Holz ohne Pracht, doch auf die Dauer ihr Inneres gemacht. ' Und auf den Rasen daneben jubeln Kinder mit frischen roten Wangen, aufgewachsen zwischen Blumen und Eis. Wie lachen sie dich so freundlich an; mit neugierigen Augen mustern sie den Fremden, der ihre Heuschober, ihre Ziegenherde zeichnet, und wenn sie ihm über die Achseln schauen, kichern sie wohl heimlich über den seltsamen Geschmack, dass er die wüsteste Krüppeltanne, mit einem Halbdutzend Hexenbesen, an der kein zollanger Splitter Holz gerade gewachsen ist, dass er gerade die schön findet, und den alten Brunnentrog da, den Lattenzaun und den holperigen Weg zum Gaden hinüber, auf dem man kaum durchkommen kann. Warum zeichnet er nicht lieber die grossen Häuser im Tal unten?

Auf den Abhängen war das Heu schon gesammelt; überall standen ganze Gruppen von Gestellen, auf denen das Gras wie daheim Wäsche zum Trocknen aufgehängt wird. In Graubünden, wo diese bei uns unbekannten Gestelle nur viel grösser sind und auch für Getreide angewendet werden, heissen sie Roscenen. Wir hatten den Wald betreten - einen Bannwald, der Amsteg und Bristen vor den Lawinen schützt. Magst du auf die Berge gehen, um Felsen und Pflanzen mit Kennerauge und aus wissenschaftlichem Gesichtspunkt zu schauen und zu prüfen, oder magst du gegangen sein, um dich zu erholen, gewiss hast du schon Wohlgefallen an dem geheimnisvollen Leben eines Bergwaldes gefunden. Diese prächtigen Tannen an der jähen Berghalde, schauen sie einen nicht an, als wollten sie von den Stürmen erzählen, die ihre Wipfel schon durchtobt?

Am Saum begrüsste uns die bei leiser Berührung der Samenkapseln ihre kleinen Früchte kräftig wegschnellende wilde Balsamine, daneben glänzten mit verführerischer Schönheit die Blüten und halbreifen Früchte der Tollkirsche, und im lockern humusreichen Waldboden wucherte in grosser Menge die Centaurea mit ihren tiefblauen Strahlenblüten. An den hundert und mehr Fuss hohen Stämmen spazierte der Schwarzspecht auf und nieder, grösser als eine Krähe und mit so hartem Schnabel bewaffnet, dass er imstande ist, acht Zoll tiefe Löcher in einen von aussen ganz gesunden Stamm zu hämmern, den er als kernfaul erkannt hat. Ellenlange Tannbartflechten wallen von den Ästen herab wie von einem Spinnrocken; der Wind treibt sein Spiel mit ihnen und macht sie fliegen.

Dazwischen sang eine Amsel ihr melancholisch Lied; auf den Wipfeln wiegten sich girrende Wildtauben, und die wenigen kleinen Sänger, welchen der Frühling da oben besser gefällt als im heissen Tal, zwitscherten fröhlich ihre helltönenden Lieder.

Aber während hier Riesenstämme gedeihen, zeigt der obere Saum des Waldes, den wir nach einer starken Stunde erreichten, schon Spuren, dass höhere Mächte zuweilen ihre Kräfte versuchen. Da sind oft Tannen geknickt, die mehr als zwei Menschenalter hindurch den Stürmen Trotz geboten. Eine Lawine kam und brach den Baum; seine Nachbarn fielen, und im nächsten Winter liegt wieder einer von der alten Garde im Grab, dem rasch seine Gefährten folgen. Es ist oft unbegreiflich, dass an Stellen, wo es von grossem Nutzen wäre, nicht Waldpflanzungen angelegt, geschützt und dadurch den Verheerungen der Lawinen ein Damm entgegengesetzt wird.

Am Ausgang des Waldes überraschte uns ein herrlicher Anblick - eine Berghalde von mehreren Jucharten fast ganz mit Alpenrosen bedeckt. Wenn es auch schon etwas spät im Jahr und in dieser dem Südwind ausgesetzten Lage der schönste Blumenschmuck schon vorbei war, so zeigten sich doch noch genug Rosen, um den Fleck Erde zu einem Garten zu machen, mit dem kein residenzlicher Blumenzwinger ganz Europas sich hätte messen können. Darüber dehnt sich eine stundenweite Alp aus, die Bristenstäfel, die unbedingt zu den schönst gelegenen gezählt werden darf. Wie luftig schauen diese sonngebräunten hölzernen Heustadel, weiter oben steinerne Hütten und Gaden, auf die Weidplätze mit den feinen aromatischen Kräutern herunter; wie tönt das Herdengeläute, die Ziegenschellen und das Jodeln der Hüterbuben droben von der schroffen Halde so lustig herüber. Und erst die Herden! Diese Weiden sind ein wahres Paradies, in dem man leibhaftig in jenes goldene Zeitalter zurückträumen kann, in der die Kühe noch in Tal- und Felsenkessel gemolken wurden und die Älpler mit Schiffen fuhren, um den Rahm abzuschöpfen.

Wir sind auf einem der obersten Stafel der Bristenalpen, ,auf Blacki'angelangt, wo die Sennen erst vor kurzer Zeit aufgefahren, lassen uns vor der Hütte eine Mutte Milch aufstellen und spielen -trotzdem ein Teil der Umgebung von ,eau de cochon'duftet - Milchsuppe von Kappel. Der Appetit würzt sie, und wir sind auch so fein bedient, dass manch Schleckmäulchen im Tal drunten mit uns geteilt haben würde. Kein Wunder, dass schon im Jahr 1601 M. Gnädigen Herrn und Obern in Bern der Einfall kam, ihre Untertanen zu warnen, dass sie sich ,des Verkoufs des Ankens an Ussländische, auch Eidgenössische Kouflüt müssigen '. Sie wussten den Wert zu schätzen.

Ein Steinblock dient uns als Tisch, ein paar Melkstühle dazu; über uns der Bristen, rechts und links tiefgrüne Alpen in Morgenduft, vor uns das Tal bis Flüelen hinaus, gegenüber die beiden Windgällen, noch stark schneebefleckt; weiter hinten die Spitzen der Clariden. Ein Sennbub jodelt uns eins vor; auf dem Hüttendach balgen sich Ziegen; ein Brunnen mit armsdickem Wasserstrahl plätschert neben uns; vom Gletscher herab kühlt ein Luftzug die heisse Stirn. O es war schön! Man hätte einen Purzelbaum schlagen mögen bei diesem Stück Naturleben. Da hinauf solltet ihr alle, die ihr trübselig und beladen seid, und den Wust des Alltagslebens drunten lassen - aber nicht Bücher mitnehmen, nicht Zeitungen heraufkommen lassen, keine Pomadentöpfe, sondern nur das Leben, ein frisches Auge und ein reines Herz mitbringen.

Der Halt durfte nicht über Gebühr verlängert werden; der Tag wird heiss, und die Felsen da droben schauen so unbezwinglich aus, dass nur Ausdauer vor der grössten Mittagshitze ihnen Meister wird. Wir nahmen noch einen Senn als Träger mit. Nicht weit über den Hütten kommt man zu dem malerisch gelegenen Bristensee, einem jener schönen Becken, deren der Kanton Uri auf seinen Alpen gegen vierzig zählt, die alle einen eigentümlichen, um so unverwischlichern Eindruck auf einen machen, je wilder die Umgebung ist. So klar, so milde blickt sein Spiegel uns an wie das Auge eines höhern Wesens, das noch keine Leidenschaft getrübt, keinen Schmerz gefühlt. In seinen Fluten widerspiegeln sich die Felsen der Ufer, von grünen Weiden unterbrochen. Ist es einem doch, als wäre er personifiziert und das leise Plätschern seiner Wellen eine Sprache, mit der er den Wanderer in seiner Weise begrüsst. In einigen dieser Seelein, namentlich in grössern, etwa auf Golzernalp, im Lago Lucendro, auf dem St. Gotthard, auf Oberalp, finden sich Fische, Krebse; viele aber nähren nur Wasserinsekten. Ein gewisser Ernst ruht auf ihnen. Da lässt keine Bachstelze ihr fröhliches Zwitschern hören; keine Wasseramsel badet sich und trippelt zierlich am Ufer auf und nieder, um Mücken zu haschen; keine langfadigen Wasserpflanzen steigen aus dem felsigen Grund empor, um ihre Blätterrosetten und Blüten der von der Sonne erwärmten Oberfläche entgegenzutragen; keine Wasserjungfer schwärmt an den Blumenborden und lässt ihre goldig grünen Flügel von der Sonne beglänzen; kein Kahn hat je diese Wellen durchfurcht. Sechs Monate des Jahres lastet eine Eisdecke darauf, und das Leichentuch, das der Winter noch darüber wirft, schmilzt erst spät, wenn auf den sparsam mit Rasen bedeckten Fluhsätzen am Ufer schon Krokus und Soldanellen, Primeln und Gentianen blühen. Kaum vermag der Wind in den Felsenkessel zu dringen, die Fläche zu kräuseln und die vergilbten Eisenhutbüschel daneben zittern zu machen, die von den Lawinen des letzten Winters übriggelassen worden.

Horch! Ein schriller Pfiff tönt vom andern Ufer des Seeleins herüber - noch einmal; wir lauschen mit zurückgehaltenem Atem, und vor den Augen flimmert alles von Gemsen, von denen der Führer vorhin erzählt hat. Es ist aber nur ein Mungg, ein Murmeltier, ein ganz altes dem Tone nach. Sie pfeifen wie ein Raubvogel. Kaum haben wir das Tier erblickt, so hat es sich schon über den Felsbord verkrochen.

Über eine Schutthalde, von welcher die Sonnenstrahlen mit verzehnfachter Kraft zurückprallten und die den Schwefelkies, der in zahlreichen Stücken zu haben war, zum Schmelzen bringen könnten, führte ein Weg - was Weg? Es ist keiner dawir liessen uns von Zgraggen die gangbarsten Stellen zeigen, wo am sichersten ein Lawinenbett durchschritten oder ein Felsbord erstiegen werden konnte. Die Kante des Berges schärfte sich allmählich zu; gegen Nordwesten, also gegen das Reusstal, streckt sich eine rauhe steile Felswand bis ins Alpen- und Waldgebiet hinab, von zahlreichen Steintobeln durchfurcht, halbverwittert, in Auflösung begriffen, kaum für Gemsen begehbar; doch führt da herauf, vom Weiler Ried ( bei Intschi. N. ) ein Jägerpfad; links, ganz nahe gegen Osten, stellte der kleine, vom Tal aus zum Teil sichtbare Gletscher seine graublaue Herrlichkeit zur Schau. Die obere Hälfte war noch weiss überpudert, mit zahlreichen Querspalten, Schneerutschen und Lawinenfurchen durchzogen. Dicht vor uns türmten sich die Felsen schroff empor, was sonst zu der Hoffnung berechtigt, dass das Ziel nicht mehr so entfernt sei. Aber so oft der Vordermann gleich der Vorgeiss eines Gemsrudels wieder auf einem erkletterten Felsdossen anhielt und wir Sieger zu sein glaubten, so oft stieg der zackige Grat abermals ein paar hundert Fuss auf und blieb der Jubel über das Gelingen in drei Kehlen stecken. Die Täuschung wiederholte sich mehrmals.

In der letzten Stunde mussten wir über den vom Tal aus gut sichtbaren schmalen Grat hinauf, der besonders auf der Ostseite gegen den Gletscher so steil abfällt, dass man manchmal glauben könnte, man gehe auf überhängenden Felsen. Es ist zwar bei auch nur einiger Vorsicht durchaus gut durchzukommen, sintemal der Boden unter den Füssen fest ist, viel besser als an der Windgälle drüben, besser, als wir selbst gehofft; doch bedarf es an einigen Stellen eines schwindelfreien Kopfes. Die Aussicht links und rechts geht - höchst unmalerisch, ohne Vordergrund - ins Blaue, ins Nichts hinaus. Akrobaten und Dachdecker, die noch nie auf einem Kirchturm standen, könnten sich hier passende Orte wählen, um Studien zu machen - was ich ihnen lebhaft empfohlen haben möchte. Die Gelegenheit ist günstig; kein müssiges Volk schaut einem da oben zu, um über eine misslungene Darbietung schadenfroh zu pfeifen.

In der Luft, die einem auf dieser Höhe Leib und Seele erquickt, müsste einer kein Mensch sein, wenn er nicht vergessen könnte, was ihm das Herz umflort. Nur das Geschlecht der Harpaxe, das unter uns keinen Vertreter zählt, ist stumpf gegen solche Gefühle, ,die nichts eintragen '. Gewiss war es ein Ausfluss unserer urfidelen Stimmung, dass wir vormittags elf Uhr auf der Spitze des Bristenstocks auf den vermessenen Gedanken kamen, all den Bergen und Tälern in der weiten Runde, den Hirten und Herden zu unsern Füssen durch einen gemeinschaftlichen Jodler unsere Anwesenheit kund zu tun und dazu eine merkwürdig behelfsmässige Fahne zu schwingen. Obwohl die Spannkraft unserer Lungen und Kehlen Erstaunliches leistete, will ich doch hoffen, es sei dies hauptsächlich für die Sennen auf Bristenalp bestimmt und verabredet gewesene Quintett zu keinem kunstgebildeten Ohr gedrungen.

,Stehe fest, o mein Fuss,denn es reichet die Fluh an dem Abgrund hieran die tausend Schuh Einwurzeln mussweit, weit hinab nun die Sohle dirin ein tiefes GrabAbel Burkardt von Basel ) Jawohl an die tausend Schuh! Silenen, das nächste Dorf- Amsteg kann man nicht sehen, weil es sich zu nahe am Fuss des Berges hinter dem Wald verbirgt - liegt 7000 Fuss tief unter uns. Der Himmel hat sein reinstes Blau ausgespannt, die Sonne scheint heiss. Wir sind, trotzdem der Schweiss von der Stirne perlt, vollkommen berechtigt, Rock und Weste auszuziehen. Auch nicht der leiseste Luftzug stört den braunen Alpenfalter, der sich da herauf verirrt hat und ängstlich herumflattert; vielleicht sehnt er sich nach seiner grünen Heimat hinab und findet den Weg nicht mehr. Armes Geschöpf! Wärest du in deinem Land geblieben und hättest dich redlich genährt. Was suchst du auf diesen Steinen?

,Da wandelte nimmer der Odem des Mai's, da grünet kein Frühling, da blühet kein Reis! ' Rasch haben wir uns eingerichtet - die Minuten sind kostbar - und halten Mittagstafel. Herr Kaplan Furger hat väterlich für uns gesorgt; was das Haus vom Keller bis zum Kamin barg, hier war der Zehnten davon, und wohl uns, dass er da und nicht drunten war. Ein vertropfender Schneefleck unmittelbar am Gipfel lieferte Wasser. Es fehlte uns zum Wohlsein nichts, gar nichts. Nach Jägersitte dampfen die Pfeifen; die Fernrohre wandern von Hand zu Hand; der Boden ist mit Landkarten tapeziert, und die unendlich wissbegierige Gesellschaft fragt dem armen Zgraggen fast das Herz aus dem Leib heraus; ja sie verlegt sich so eifrig auf das Studium dieser Berge, dass einem ordentlich zu grausen beginnt, sie sehe vor lauter Bäumen den Wald, die weite, schöne Welt, nicht mehr.

Die Rundsicht von der Windgällenspitze aus ist in einer Hinsicht schöner als jene vom Bristen, darin nämlich, dass sie den Vorteil hat, den Hüfigletscher, das prächtigste Eismeer der Zentral- Schweiz, mehrere Stunden weit vollständig zu beherrschen. Der Bristenstock erhebt sich dagegen um 230 Fuss ( 9464 Fuss ) höher und steht näher dem Gebirgsknoten des St. Gotthards, ein freies Felshorn am Vereinigungspunkt von fünf zum Teil sehr tief eingeschnittenen Tälern, und die höchsten seiner Nachbarn sind nur wenig grösser. Er ist der Abschluss der Bergkeile zwischen Etzli-und Fellinental, die aus einer Anzahl wilder, fast sämtlich unzugänglicher Felshörner bestehen. Obwohl alle diese Kuppen und Gipfel unter sich und mit dem Bristen durch Kämme und Grate zusammenhängen, so hindert dieser Umstand doch nicht, dass jeder einzelne uns gegenüber seine besondere Grimasse schneidet, und sie ist bei den meisten derart, dass einem die Frage, ob der betreffende Kerl auch besteigbar sei, schon auf der Zunge im Keim erstickt.

In eine pyramidale, felsumgürtete Spitze läuft der Oberalpstock aus, der Piz Tgietschen ,Tjöt-schens klingt ganz norwegisch, 10456 Fuss hoch. Jenseits tauchen ein paar andere jungfräuliche Gipfel auf, die Nase beinahe ebenso hoch tragend, deren Namen aber nicht auszumitteln waren. Obwohl sie bisher in der Welt nicht so viel Lärm machten wie die Grindelwaldner- und Hasli-jungfrauen, ihr Gletschermieder ist ebenso weiss und zierlich gefaltet; ihre Firndiademe tragen ebenso glitzernde Diamanten, ihr Fuss ist in ebenso schönes Grün gekleidet wie jene; nur sprechen sie nicht englisch und findet man ihre Gemälde nicht in Salons und Boudoirs wie jene der Nachbarinnen des Mönchs.

Das Etzlital gleicht einer fünf Stunden langen Kiesgrube, von der es einen wunder nimmt, dass nicht selbst die Steine dahinten lange Zeit bekommen Wenige Alpen nur, Schutt und wieder Schutt, ein Bach und kahle Berge links und rechts - und mittendurch der nächste Weg nach Graubünden. Wenden wir das Auge zu etwas Angenehmerem, nach einer andern Seite. Die Beleuchtung ist köstlich. Wohl wallt hie und da ein Nebelschleier über eine ungern vermisste Berggruppe, und sie nehmen während einer Stunde stark zu, besonders im Süden, wo der Föhn im Anzug ist; aber im ganzen dürfen wir uns glücklich schätzen, so hellen Himmel zu haben.

Der Gesamteindruck der Aussicht ist un ver wischlich. Mag auch das Bild, das wir mit unserm innern Auge geschaut, mit der Zeit im einzelnen wieder unbestimmter werden, eine lichte Erinnerung daran bleibt einem, und eine Reihe solcher Bilder in den Hirnkammern, im Gedächtnis aufbewahrt, sind wie eine Gemäldegalerie, in der man jederzeit nach Belieben spazieren kann.

Hieher, wo die kühnste Phantasie die Flügel sinken lässt, auf diese einsame Felsenspitze, eine Insel im Lichtmeer, auf der man selbst das Atemholen vergessen könnte, hieher solltet ihr kommen, die ihr in den Tälern und auf der weiten Ebene dort draussen langsam und sorgfältig euer Leben verbraucht und so bald damit fertig werdet. Ihr würdet ,gesund' werden, lebensfroher heimkehren in die Werkstätte und zum Pflug, oder wo immer hin, und die Welt nicht mehr durch die trübe Brille des Eigennutzes, des Geldbeutels und der unangenehmen Erfahrungen von gestern anschauen. Was je auf der Erde unten Grosses und Schönes gedacht und ausgeführt worden, vor diesem Werk, vor dem Alpengebäude und seinen Wundern, verschwindet es.

,Was Menschen bauten, können Menschen stürzen — Das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet. ' Wir haben gesungen, gejodelt, gezeichnet, gegessen, geruht, geraucht, auf dem Bauch liegend über die Flühe hinab geschaut, und mittlerweile ist 's Nachmittag zwei Uhr geworden. Wir müssen scheiden. Die Totenstille wird drückend, kaum hie und da von einem leisen Windzug unterbrochen, der an den Felskanten pfeift in Tönen, die unserm Ohr ganz fremd klingen und die das Bewusstsein, dass wir noch einen beschwerlichen Marsch vor uns haben, gleichsam in Noten setzen.

Zgraggen drängt zum Aufbruch. Er hat recht. Und doch ist 's schön da - bitte, nur noch fünf Minuten! Der Träger kehrt zum Bristenberg zurück. Wir hinterlassen noch unsere Namen in einer Flasche, in welcher schon vor uns Reisende ihre Abenteuer,,Gemsen gesehen, schön Wetter gehabt, Nebel eingefallen, frischer Schnee, mühsamer Weg ', der Nachwelt aufbewahrt. Das Steinmannli, das als Archiv dient, haben wir bis auf etwa zehn Fuss höher gebaut. Unter zahlreichen Namen, die wir vorfanden, war ein Herr Sarasin von Basel, Herr Fininger von Basel, Herr Professor Gisler von Altdorf mit zwei Gefährten, wovon einer ein Knabe von dreizehn Jahren.

Langsam, sehr langsam wanden wir uns östlich über die Felsen hinab. Der Kalkschiefer, oft lebhaft orange gefärbt, ist so stark verwittert, dass wir uns manchmal darüber verwunderten, wie der senkrecht zerklüftete Grat dem Wind widerstehen könne, nicht zu reden von Schnee und Tauwetter. Mehr nicht als eines leisen Stosses hätte es bedurft, um klaftergrosse Tafeln zu lösen und hinabzustürzen, wozu wir grosse Lust empfanden. Aber unten weideten Schafe. Die Tiefe bis auf die Kuhweiden des Etzlitals mag vier- bis fünftausend Fuss betragen; die Herden sahen aus wie Ameisen.

Wegen der an einzelnen Stellen so zerbröckelten Gesteine musste die Kante des Grates oft mit grosser Vorsicht umgangen und das Gepäck anders als gewöhnlich aufgebunden werden. Dann wurden die Stöcke dem vordersten zugestreckt, um beide Hände frei zu haben und um, den Rücken gegen die Felsen gekehrt, den Blick nach aussen und in die Tiefe zu gewöhnen; hie und da liessen wir uns zu grösserer Sicherheit ans Seil binden, um über einzelne, von senkrechten Rissen und gras-gewachsenen schmalen Absätzen unterbrochenen Felsflächen mit wohl 50-60 Grad Neigung hinabzukommen Wer uns hier an den rotgelben Klippen am Seil über die Platten hinabgleiten gesehen, hätte gestehen müssen, dass es nicht ein Vergnügen nach jedermanns Geschmack sei. Doch ist der Bristenstock noch keiner von den schlimmsten, und der Genuss, den seine Spitze bietet, wiegt die Mühe hundertmal auf. Kam zuweilen eine leichtere Stelle für eine Rutschbahn auf schiefer Ebene, so flösste sie einem bald genug Achtung ein, und die letztjährigen, an der Kleinen Windgälle gemachten Erfahrungen waren in noch zu frischem Andenken, als dass wir grosse Lust zu einer Wiederholung gehabt hätten. Von dem schieferigen Schutt glitten einem ganze Massen sozusagen unter den Füssen weg, um in die Tiefe zu poltern, und zogen den Blick unwillkürlich nach sich. Fast eine Stunde lang ging es so steil bergab, manchmal an Stellen, wo man vom Tal aus kaum Platz für Ziegenklauen zu finden glauben würde.

Die Sorgfalt, mit welcher Zgraggen die Expedition leitete, verdient Anerkennung. Wenn bald die Hörner der Crispaltkette, die nach Osten und Südosten die Fernsicht mit wuchtigen Felswänden verrammelten, bald schöne Mineralien, seltene Pflanzen oder eine Quelle, die sozusagen unmittelbar aus den Felsen zu fliessen schien, oder Gemsfährten und aufgejagte Schneehühner unsere Aufmerksamkeit auf sich zogen und fast vergessen liessen, dass wir 8000 bis 9000 Fuss hoch zwischen Himmel und Erde kletterten - so war es Zgraggen, der mit Gewissenhaftigkeit und gemsjägerlicher Klugheit dem Plaudern ein Ende gebot, von dem natürlichen Grundsatz ausgehend, dass rechtzeitiges Schweigen und Kaltblütigkeit mächtige Verbündete gegen jede Gefahr seien.

Wir näherten uns dem Arm eines grossen Firnabhanges gegen das Fellinental der durch eine Schlucht hinabsteigt, den einzigen Weg, um einem ostwärts stehenden namenlosen Nebengipfel auszuweichen. Es war aber ein so verzwickt zerhacktes Gelände, dass wir schon lang einen Wasserfall unter uns rauschen hörten und in gerader Linie darauf lossteuerten, ohne den Bach früher zu sehen, als bis wir an seinem obern Rande stunden und mit bedenklicher Miene zu der Über- zeugung gelangten: da hinab geht 's doch nicht. Noch manchen Schweisstropfen kostete es, noch mancher Salto mortale musste gewagt werden, bis wir da waren, wo wir uns für geborgen hielten.

Wie ein steiles Hausdach streckte sich die Firnhalde fast eine Halbstunde weit hinab, von der Sonne blendend beglänzt; wolkenloses Blau dehnte sich über uns, und mit vollen Zügen würden wir die wildschöne Umgebung bewundert haben, wenn nicht die Sorge um die nächste Stunde unsere Träumereien gestört hätte. Es stellte sich nämlich heraus, dass fast nicht auf den Firn zu kommen sei. Die von den Felsen zurückprallende Wärme hatte ihn am Rand überall so geschmolzen, dass die Ufer klafterbreit abstunden, und dazwischen gähnte ein Riss herauf, in dem man bei einem missglückten Versuch buchstäblich ,unters Eis'gehen konnte. Den vorhandenen Schneebrücken trauten wir nicht. Nach kurzem Kriegsrat wurden die Fusseisen angeschnallt, wurde hinabgeklettert, mit Bergstöcken eine Brücke über den Spalt auf den Firn hinaus geschlagen, hinübergekrochen und darauf unter Ermahnung zur Vorsicht und zu festem Auftreten der Feldzug kreuz und quer abwärts lavierend angetreten.

Wir wagten es, uns beritten zu machen und stemmten uns auf die Stöcke, setzten die blauen Brillen auf oder zogen Schleier vors Gesicht, und nun ging 's in Schneestaub gehüllt ohne unser Zutun mit telegraphischer Geschwindigkeit über den Firn hinab. Von Bremsen war keine Rede. Drunten versperrte den Weg ein Schuttwall, eine haushohe Moräne, auf welche hinaus zu fliegen alle Aussicht vorhanden war, wenn es nicht vorher gelungen wäre, den ungehorsam gewordenen Beinen eine andere Bahn anzuweisen. Zgraggen schwenkte frühzeitig genug ab. Die Abdachung wurde etwas sanfter, und Fortuna war so gütig, es dabei bewenden zu lassen, dass sie uns samt und sonders in den Schnee hinaus - nein hinein warf, um uns im Vorbeigehen einen Vorgeschmack von den absonderlichen Gefühlen zu geben, die einen in einer Lawine halb Begrabenen beschleichen mögen.

Lass uns einen Augenblick ruhen! Wir haben uns wieder herausgebissen, und siehe, es fehlte kein teures Haupt. Aber einer vermisste den Hut, ein anderer den Stock. Zgraggen, der mit Umsicht und Entschlossenheit brav gehalten, durchmass die halbe Reitbahn noch einmal und brachte glücklich genug alles Verlorene wieder zusammen.

Viktoria! Das Fellinental ist unser; mit dem Rest wollen wir schon fertig werden. Aber wie Marius auf den Trümmern von Karthago sitzen wir, braten wir auf der Moräne, an der heissen Sonne, auf den Steinhaufen, die seit weiss der Himmel wie manchem Jahrhundert hier zusammengeschüttet worden. Ein paar Schürfe an Händen und Ellbogen wurden mit Schnee und Zucker, in Ermangelung von Salz, kunstgerecht behandelt. Ein Stück Brot, etwas wilder Knoblauch und Schneewasser waren eine willkommene Erquickung. Die Reisefläschchen sind natürlich in Stücke gegangen. In Arkadien bei Daphnis und Chloe trank man ja auch aus hohler Hand an der Quelle.

.'s ist aber öde da droben, kein Arkadien. Das Fellinental ist ein weites, ganz unbewohntes Bergtal, im obern Teil so kahl wie nur je eines im lieben Schweizerland herum zu finden sein mag. Erst weit unten trafen wir ein paar Hütten, die aber noch leer und überdies abgedeckt waren - was mit den Hüttendächern auf allen Wildalpen geschieht. Die Schneelasten würden sie sonst eindrücken. Keine Herden, mit Ausnahme von einigen hundert Schafen, die weit zerstreut an den Abhängen klettern und von ihrem Hirten etwa alle acht Tage einmal mit einer Hand voll Salz beglückt werden. Von Zeit zu Zeit ein Lawinenzug, dessen kahles Gestein infolge der Hitze fast dampft. Und dieses alles stundenweit mit wenig Abwechslung fast gleich. In das Tal hinein aber schauen von allen Seiten gewaltige Berge mit wildgezackten Umrissen.

Die tiefern Alpen aber tragen eine herrliche Flora. Wie lachen einen die Strahlenblüten der Arnika, diese Sonnenblumen der Berge, stellenweise so zahlreich an; daneben prächtige Bränderli; wie duften diese Muttern so fein. Daneben treten aber auch Giftpflanzen in ganzen Kolonien auf, die

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blauen Blütensträusse einer Unzahl Eisenhute und gelber Fingerhute. Die grün und rot gesprenkelten Blütendolden der Wolfsmilch machen sich neben den silberglänzenden Rosetten der Eberwurz so gewaltig breit, wie wenn hier ihr Urstandort wäre. Wie alles Unkraut der Welt tragen sie sich viel stolzer als die bescheidenen Futterpflanzen daneben, von denen doch der mehr oder weniger grosse Wert der Alpen abhängt.

Die Sonne war schon weit heruntergestiegen; vom Reusstal herauf, das in dämmernder Tiefe lag, fingen riesenlange Schatten von der jenseitigen Bergkette sich über die Weiden hinzustrecken. Uns quälte brennender Durst, der ein einzig Mal an einer Quelle gelöscht werden konnte. Wohl donnerte uns schon lang aus dem Fellinentobel herauf der Talbach entgegen, aber fast drei Stunden waren wir bergab getrottet, ohne an sein Ufer zu kommen - immer über steile, mit üppiger Pflanzendecke geschmückte Berghalden hinab, auf denen man bei jedem Tritt befürchten musste, auf dem langen, trockenen Gras auszuglitschen. Diese Wildalpen werden grösstenteils geheuet, nicht mit Vieh befahren; daher ist die Gegend ein willkommener Aufenthaltsort für Munggen, in den obern Gegenden für Gemsen.

Aber das Einförmige ermüdet, und wenn es noch so schön ist. Mit dem Sinken der Sonne fingen wir an, die Gegend weniger anmutig zu finden, und in den Knien machte sich deutlich der Unterschied von 7000 Fuss zwischen Bristendorf und Bristenspitze fühlbar. Am Ausgang des Tales machten wir einen Augenblick Halt. In einer ringsum von waldgekrönten Felsen umgebenen Schlucht stürzt der Fellibach über eine 80-100 Fuss hohe Wand hinunter in einen Kessel, der von vorn zugänglich ist, so dass man den Fall überblicken kann, der manchem berühmtem zur Seite gestellt werden dürfte.

Nach kurzem Abendglühen brach rasch die Nacht herein, und von nun an war doppelte Vorsicht nötig. Der Weg windet sich aus der Schlucht heraus auf die jähen Wiesen des Dörfchens Felliberg, wenn man eine Anzahl zerstreuter Häuser so nennen will, die wie Schwalbennester am Berg angeklebt sind. Oft haben sie vorn ein Kellergeschoss, zugleich Stall, ein erstes und zweites Stockwerk und darauf einen Dachraum, über den ein fast flaches Dach mit sehr grossen Steinen kommt; und doch kann man bei mehreren von der hintern Seite, von der Bergwand, fast eben auf das Dach hinüber, so steil ist der Abhang. Zur Abwehr gegen Lawinen sind keine spiesswinkligen Mauern wie im Graubündner Oberland angebracht, und es mag deshalb schon mancher leichte Gaden heruntergefegt worden sein.

Nichtsdestoweniger leben die Leute da oben so sorglos und vielleicht glücklicher als manche draussen in der Ebene. Die Mädchen am Brunnen, die uns freundlich grüssen und neugierig mit uns plaudern - die Leute in der hellbeleuchteten Stube, die hinter den kleinen Fensterchen mit den sechseckigen Scheiben den Abendrosenkranz beten - der Geissbub, der Krauskopf, der in seinen Sandalen so keck über die mit abgeschliffenen Steinplatten besetzten Wege hinunterklappert - der Heuer, der sein schweres Garn voll duftendes Wildheu vielleicht stundenweit zum Gaden trägt und mühsam damit die Leiter hinaufsteigt - sie alle würden wohl schwerlich mit uns tauschen, auch wenn ihnen ein sorgenfreieres, müheloseres Leben geboten würde. Ist's die Gewohnheit oder das Nichtkennen unserer eingebildeten Bedürfnisse oder die Liebe zur Heimat, die sie so sehr an ihre Berge kettet? Zu beneiden sind die Leute um ihre Lebensweise wahrlich nicht, wohl aber um den heitern, lebensfrohen Sinn, den sie in diesem Eremitenleben zu bewahren wissen, und ohne welchen es unmöglich wäre, einen 6-7 monatigen Winter auszuhalten, ohne geistig zu verkrüppeln.

Schon bevor wir nach Felliberg hinuntergekommen, hatten wir einen verwilderten, zum Teil ausgeholzten Bergwald passiert, und unterhalb der Häuser ging 's jetzt in den Wassnerwald hinab. Da liegen an einer steilen Bergseite die Stämme gewaltiger Tannen, von Lawinen, vom Wind, von Men- 3 Die Alpen - 1964 - Les Alpes33 schenhand gefällt, kreuz und quer übereinander, zum Teil entastet, zum Teil nicht, dazwischen Felsabsätze, Erdschlipfe, angebrochene Stellen, die jeden Augenblick nachzufolgen drohen, verworrenes Wurzelgeschlinge junger, verwahrloster Nachwuchs, Disteln und Farrenwedel - zwischendurch ein heilloser Weg, manchmal unterbrochen von Kotlachen, die Regen und Schnee den Sommer hindurch nicht trocknen lassen und wo das Wasser keinen Abzug hat - wo uns aber Gelegenheit geboten war, die Fussstapfen aller zweibeinigen und vierbeinigen Geschöpfe zu zählen, welche seit der Schneeschmelze hier durchgegangen. Nur der Mann, dessen Beruf ihn treibt, ,ein armselig Grattier zu erjagen oder überm Abgrund weg, wohin sich das Vieh nicht getraut zu steigen, das Gras zu mähen'-nur der mag hier in dunkler Nacht ungeschoren durchkommen.

In einem Haus am Weg wurden Kienholzfackeln gefasst, bei deren blendendem Schein wir die steile Bergtreppe hinunter stiegen. O, sieh den Sirius ob uns, wie er so freundlich in die sternhelle Nacht flackert; wie rauscht der Wind so schaurig schön durch die Tannenwälder; Johanniswürmchen glühen am Weg, gewürziger Heuduft weht um unss ist so lauwarm, so angenehm, so heimelig auf diesen sammetweichen Bergtriften. Warum sollten wir den herrlichen Reisetag nicht tropfenweise bis zu Ende geniessen? Währt doch diese Spanne Leben nicht so lang, so ist es weise, zuweilen Epikuräer zu sein und sich der bevorzugten Stunden doppelt zu freuen. Wenn's auch nicht mehr so lebhaft, sondern schweigend und durch die endlosen Zickzacke hinab allmählich langsamer geht, was liegt daran, wir kommen ja doch noch nach Inschi.

SternelementWas gibt 's? Gestürzt, einer, zwei - auch du, Brutus! So nahe der Vollendung nimmt die Geschichte eine so dumme Wendung! Licht her! Wasser haben wir keines. Der Weg ist hie und da von abschüssigen Felsplatten unterbrochen, und nach dem heutigen Marsch war es kein Wunder, wenn ein Misstritt vorkam. Da wir geschlossen marschierten, so war es bei aller Vorsicht gut möglich, dass der vorderste stürzte, der zweite, der ihn festhalten wollte, nachfolgte und - bautz! da lagen wir. Wenn wir nicht so gute Christen wären, so hätten wir wie die Türken an ein Fatum geglaubt, weil es so bequem zur Entschuldigung zu sagen ist: ,Es hed halt müesse sy! ' Zehn Uhr war es, als die Invaliden aus dem Bristenfeldzug wie auf dem Rückzug aus Russland in Inschi anlangten. Ungeachtet alle schon im Schlaf gelegen, wurden wir von den Wirtsleuten mit all der Aufmerksamkeit aufgenommen und behandelt, welche wir unter obwaltenden Umständen nur wünschen konnten. Obwohl oder vielmehr weil wir seit achtzehn Stunden auf den Beinen gewesen - die Ruhepunkte inbegriffen, während welcher übrigens der Geist nicht ruhte - war 's mit dem Schlaf nicht weit her; und wenn hie und da ein später Wanderer die Gotthardstrasse hinaufzog, mögen ihm wohl seltsame Gedanken aufgestiegen sein, wenn er von unserem Lazarett herunter zum hundertsten Mal den Wunsch gehört hätte, den ein leichtes Wundfieber den Kranken auspresste: Wär's doch morgen!

.'s kommt alles auf der Welt einmal, auch der letzte Morgen.Nun, der letzte war 's zwar noch nicht. Wir frühstückten und nahmen um fünf Uhr die Post, welche vom Gotthard herabkam. Der gute Humor hatte uns, trotzdem die Bänder drückten, als wären wir amputiert, noch nicht verlassen, und wir machten 's uns so bequem als möglich. Die Reisegesellschaft bestund aus einem italienischen Geistlichen, zwei Fremden und zwei Tessiner Scharfschützen, die ihre zum Truppenzusammenzug am St. Gotthard nachrückende Kompagnie eben verlassen hatten und nach Altdorf vorangingen. Die Mannschaft, hübsche Leute, kam in zuavenmässiger Aufmachung die Strasse herab, war heiter und guter Dinge. Nur hätte sie nicht schon vor Beginn des Manövers die zerstreute Gefechtsart üben sollen - sie war mit Vor- und Nachzüglern fast eine Halbstunde lang.

In Silenen blieb Zgraggen zurück. Der gestrige Abend war ihm fast unangenehmer als uns, und doch trug der gute Ambros so wenig schuld daran als wir; wir geben ihm das Zeugnis, dass er ein guter Führer ist. Es waren eben schlimme Zufälle, die niemandem zur Last gelegt werden konnten.

Die Sonne droht auf den Abend mit einem Gewitter. Über dem Bannwald von Altdorf streichen verdächtige Wolkenstreifen. Die Winde wehen, und doch ist 's schwül. Links leuchtet der von grauen Spalten durchkreuzte Gletscher des Erstfeldertal aus seinem Felsenbett herunter; auf jedem Wölkchen darüber ist zu lesen, der ,älteste Landsmann ', der Föhn regiere über den Bergen. Oder wem anders wäre die austrocknende Hitze zuzuschreiben, etwa der Bierbrauerei in Altdorf? Könnte sein, dass sie miteinander im Bunde stehen.

Italienische Landschaft, frühreife Früchte, die Glocke des Kapuzinerklosters läutet. Es ruht ein eigentümliches Etwas über diesem Altdorf in dem breiten Talgrund, diesen Kastanienbäumen, diesen heissen Strassenmauern, auf denen gelber Mauerpfeffer und violettblaue Natterköpfe den Stoff zu ihren Blumen saugen. Die Gärten prangen im Sommerflor. Aber der Föhn sengt nicht selten all das lebendige Grün, die Blüten, die Hoffnungen der Menschen an einem Tag; und wenn das Blätterdach des Schattenbaumes im vollsten Schmucke prangt:

,Was wiegst du doch, o LindenbaumBald um den schönen Frühlingstraum so stolz dein Haupt dabeiwir trauern alle zwei! ' »

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