Die Clariden

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Von Melchior Ulrich 1 ).

Es gehört doch zu den schönsten Genüssen, in der reinen Luft der Berge sich zu erlaben und von ihren hohen Zinnen in die Flächen hinunter zu blicken und über Seen und weite, mit zahlreichen Dörfern und Städten überdeckte Ebenen und Hügelreihen den Blick streifen zu lassen. Noch erhabener ist der Genuss, wenn die Täler vor unsern Blicken verschwinden, und wir in das stille Gebiet der Hochalpen uns versetzt sehen, einzig von Felsen und Eis umgeben, wo nur das Tosen der Gletscherbäche und der Sturz der Lawinen die Stille der Natur stört und wir mitten unter den mit Eis belasteten Berggipfeln uns über die ganze Welt erhaben fühlen. Ein solcher Ausflug in die Hochalpen stärkt Geist und Körper und verleiht neue Kräfte für die Arbeiten des Alltagslebens. Es ist daher erfreulich, dass unsere Jugend zu solchen Wanderungen in unsere Schweizerberge mehr und mehr Lust fühlt, ja dass sie sich nicht scheut, selbst in höhere Regionen sich zu versteigen, da bei gehöriger Vorsicht solche Wanderungen weniger gefährlich sind als Leute, die keine Erfahrung in solchen Sachen haben, sich gewöhnlich vorstellen. Es soll daher in diesen Blättern eine solche Wanderung in die höhern Berge gemacht werden.

Da mir durch die Besteigungen des Kammerstockes und des Ober-orthaldenstocks am 9. und 10. August 1858 nur der östliche Teil des Clariden-zuges klar geworden, wollte ich das Jahr darauf auch die westliche Verzweigung desselben erforschen und hatte im Sinne, von der obern Sandalp aus durch das Beckiloch hinauf den Claridenfirn zu betreten, das Firnjoch zu überschreiten und über den Hüfifirn und Gletscher ins Maderanertal hinunter zu steigen. Der Umstand aber, dass die obere Sandalp noch nicht von den Sennen bezogen war, sowie ein starkes Ungewitter, das uns in der untern Sandalp zurückhielt und für den folgenden Tag die Witterung ungewiss machte, bestimmte mich, den Plan zu ändern, vorerst den Sandgrat zu überschreiten, von Disentis aus über den Kreuzlipass zu gehen, und durch das Etzlital hinunter Bristen zu erreichen, um von da aus durch das Maderanertal die Wanderung über die Gletscher nach der Sandalp zu unternehmen.

Ich traf mit meinem Sohne und dem Führer Thomas Thut und dem Träger Sonntag, den 17. Juli 1859, abends in der Kaplanei in Bristen ein. Wir hatten im Sinne gehabt, an diesem Tage noch in die Alp Guffern, im Hintergrunde des Maderanertales, zum Übernachten zu gehen, um einige Stunden Vorsprung für den folgenden Tag zu haben. Da uns aber bereitwillig hier das Nachtlager angeboten wurde, so entschlossen wir uns, das Anerbieten anzunehmen, und bereuten es nachher nicht, ungeachtet uns für den folgenden Tag ein starker Marsch bevorstand. Thut hatte nämlich diesen Weg noch nie zurückgelegt, glaubte aber, wie ich auch, wir werden die Höhe des Firnjoches schon erreichen können und, einmal da angelangt, befänden wir uns auf bekanntem Terrain. Wir kannten die Schwierigkeiten nicht, die wir zu überwinden hatten. Glücklicherweise traf Thut abends im Dorfe den Franz Frei an, bei dem er sich näher über den Weg erkundigte und von ihm erfuhr, dass derselbe viel weiter sei, als wir geglaubt, auch bedeutende Schwierigkeiten darbiete und man ihn unmöglich finden könne, wenn man nicht mit der Gegend bekannt sei. Thut berichtete mir dieses, und als ich ihn fragte, ob sich Frei als Führer angeboten und er mir dieses verneinte, so traute ich den Aussagen des Frei um so eher und beauftragte den Thut, ihn für den folgenden Tag bis zu dem Punkte zu bestellen, wo wir nicht mehr irregehen konnten. Wir sahen erst den folgenden Tag, wie gut wir daran getan, denn ohne die Leitung von Franz Frei hätten wir unverrichteter Sache wieder umkehren müssen; es zeigte sich, dass alle seine Angaben völlig zuverlässig waren.

Nachdem wir uns für den Tagesmarsch mit Proviant versehen, uns auch mit einem Kaffee erwärmt hatten, brach die Karawane Montag, den 18. Juli 1859, gegen 4 Uhr vormittags auf. Wir mussten zuerst das ganze Maderanertal durchwandern. Es ist dieses im ganzen gefasst ( einzelne Partien sind nämlich seit 1834 verwüstet ), eines der schönsten Alpentäler. Wiesen und Wälder wechseln in bunter Mischung des herrlichsten Grün miteinander ab. Im Rücken strebt die stolze Pyramide des Bristenstockes gegen den Himmel, vorwärts hat man immer den nicht minder stolzen Gipfel des Düssistockes vor sich, zur Seite stürzt der Kärschelenbach in gewaltigen Wasserstürzen zu Tal. Das Tal ist nur schmal, zu beiden Seiten streben die mit Wald bekleideten Hänge gegen die höhern Alpen hinan. Der Teil des Tales oberhalb des Lungenstutzes hat den Gesamtnamen in der Ruppleten, der untere Teil heisst Kärschelental. Der Name Maderanertal, von einem gewissen Madrano her, der im 16. Jahrhundert oben an der Windgälle nach Eisenerz grub, ist den Talleuten weniger geläufig.

In einer Hütte der Alp Guffern labten wir uns mit Milch, dann schritten wir über den Stäuberboden auf den Hüfigletscher zu. Dieser wird an seinem Ende durch einen gewaltigen Felsblock eingedämmt, der den Massstab für das Vorrücken oder Sichzurückziehen des Gletschers bildet. Rückt der Gletscher vor, so wälzt er sich über denselben hin; diesmal reichte er gerade bis an denselben. Der Gletscher senkte sich in wohl 100 Fuss hohen glatten Eiswänden gegen Süden ab und könnte hier nur durch Einhauen von einer Menge von Tritten erstiegen werden, was jedoch zu nichts dienen würde, da er in der Mitte sehr zerschründet ist. Wir gingen daher an seiner Südseite dahin, überschritten den Lammernbach, der einen schönen Wasserfall bildet, und waren nun auf den Grasplanken, genannt in der Riemeten. Wir stiegen die Graswände hinan, den Gletscher links unten lassend; über uns auf den Wänden jodelte ein Hirte mit hell tönender Stimme. Es ging ziemlich steil hinan, aber alles im Schatten. Der Gletscher sank immer tiefer hinunter.

In der Höhe dieser Graswände befindet sich noch eine Alpe, die mit Kühen befahren wird, das Hüfialpeli. Wir hielten uns etwas tiefer, als der Fahrweg dahin ist, weil wir den Gletscher überschreiten mussten. So stiegen wir ungefähr zwei Stunden an. Als wir den Felswänden der hohen Kalkschye gegenüber gekommen waren, machten wir bei einer Quelle halt, um etwas Mundvorrat zu uns zu nehmen, und kletterten dann über die Gras- und Geröllwände zum Gletscher hinunter, um denselben zu überschreiten. Er stürzte in glatten Eiswänden ab, doch führten uns einige eingehauene Tritte glücklich auf seinen Rücken. Aber die vielen und gewaltigen Schründe, die ihn durchzogen, gaben uns viel zu schaffen. Wir mussten zuweilen über schmale Gräte zwischen Schründen hinschreiten, einige Male auch wieder umkehren, da wir uns in einem Labyrinth von Schründen verloren.

Endlich langten wir am jenseitigen Ende des Gletschers an. Aber wie von demselben ans Land kommen? Tiefe Abstürze trennten uns. Nach mehrfachen Versuchen gelang es uns, über eine Moräne, die mit Eis durchzogen war, den festen Boden zu erreichen; wir standen nun am Fusse der Felswände der hohen Kalkschye, an welche sich weiter oben die des Bockzingels anschliessen. Wir hatten beinahe eine Stunde über den Gletscher gebraucht. Es war 10 Uhr, also bereits 6 Stunden seit Bristen, und nur eine halbe Stunde hatten wir gerastet.

Die Hälfte unseres Tagwerkes zum Hinansteigen lag nun hinter uns, einen Teil der andern Hälfte sahen wir vor uns, nämlich bis zum Beginn des Firnes am Fusse des Scheerhornes. Wir mochten ungefähr in einer Höhe von 6000—7000 Fuss sein. Der ganze Hüfigletscher lag nun vor uns ausgebreitet, eine Gletschermasse, wie ich sie nicht bald gesehen; der Riedgletscher im Wallis lässt sich am besten damit vergleichen. Denke man sich einen Strom, eine gute Viertelstunde breit, dieser stürzte über einen Absturz von zirka 1000 Fuss hinunter; denke man sich die Wirbel, die hin- und herwogen, die Wassermassen, die wieder aufspritzen, die Höhlungen, die sich im Gewirr der Fluten bilden; denke man sich dies alles in Eis verwandelt, und man hat einen ungefähren Begriff von dem Anblick, der sich unsern staunenden Augen darbot. Über diesem in Eis verwandelten grandiosen Wasserfall schimmerte die Firndecke des Claridenfirnes, die sich zwischen dem Scheerhorn und Düssistock ausdehnt und über welche das azurne Blau des Himmels desto dunkler erschien. Von eben so dunkelm Blau wie das Himmelsgewölbe starrten die Eisschluchten, die sich in dem Gewirr der Eiszacken gebildet und durch die Sonne, welche ihre hellen Der Hüfifirn im Kerstelental gezeichnet vom Gipfel des Bristenstocks am 3. August 1839.

Strahlen auf den Gletscher warf, in ihren Tiefen nicht erreicht werden konnten. Ich musste lächeln, wenn ich an die Turisten dachte, die mit Anstrengung sich an den Fuss des Hüfigletschers wagen und nun nicht genug erzählen können, was für ein prachtvoller Gletscher das sei. Es ist wahr, der Hüfigletscher imponiert auch bei seinem Auslaufe, aber einige Stunden höher an der Stelle, wo wir uns befanden, da zeigt er sich erst in seiner ganzen Pracht. Kehrt man vom Auslaufe des Hüfigletschers über die Alp Gnof und Golzernalp statt durch das Tal zurück, so bekommt man einen ungefähren Begriff davon, ist aber zu weit entfernt, um die Einzelheiten unterscheiden zu können.

Nach dieser Schilderung ist leicht zu begreifen, dass keine Rede davon war, über den Gletscher hinauf das Ziel, die Höhe des Firnes, zu erreichen, sondern dass man an den Felswänden der hohen Schye, des Bockzingels und des Scheerhornes des Weg dahin suchen musste. Wir kletterten also diesen entlang hinauf, einmal mussten wir über einen Bach setzen, der vom Gletscher des Bockzingels abfloss und Steine mitführte, die gleich Flintenkugeln an uns vorbeischössen, uns aber nicht trafen. Schon von weitem sahen wir, dass wir einer Stelle näher rückten, bei der es sich fragen werde, ob wir dieselbe passieren könnten oder wieder umkehren müssten. Zu umgehen war sie nicht ( bei a ). Es war dieses die Rinne einer Schnee- lawine, die jährlich an derselben Stelle von den Wänden des Scheerhornes auf den Gletscher herabstürzte. Die Schneetrümmer derselben lagen am Fusse der Felswand, die in schiefen Platten anstieg. In schneereichen Jahren bleibt der Schnee bis weit in den Sommer hinein auf den Platten liegen; die Hitze dieses Sommers hatte ihn aber völlig weggeschmolzen. Diese Platten nun mussten erstiegen werden, um zu einer Stelle zu gelangen, wo Geröllwände gegen die Höhe ziehen. Vorerst musste aber der Fuss der Felswand über die Trümmer der Lawine erreicht werden Es war dieses darum nicht so leicht, weil die Schneemasse durch die Hitze sich gespalten hatte und von vielen tiefen Schründen durchzogen war, die überschritten oder umgangen werden mussten; überdies trennte eine Kluft die Wand von dem Schnee. Wir fanden jedoch eine Stelle, die uns an den Fuss der Wand führte.

Wir stiegen nun die Platten hinan. Da dieselben aber immer steiler wurden, zirka 30—40°, so wurde die Sache etwas bedenklich. Glücklicherweise stieg ein Felskopf von zirka 15—20 Fuss Höhe rechts von den Platten hinan; wir wandten uns diesem zu und fanden am Fusse desselben gerade so viel Raum, dass jeder für sich festen Tritt fassen, aber sich nicht von der Stelle bewegen konnte. Frei band sich nun das Seil um den Leib und versuchte, den Felskopf hinaufzuklettern. Er war ganz senkrecht, aus seinen Fugen guckten aber einige Grasbüschel hervor; mit Hilfe dieser und indem ihm Thut von hinten nachhalf, gelangte er nach bedeutender Anstrengung auf die Höhe des Felskopfes. Hier setzte er sich nieder, legte einen schweren Stein vor sich hin, um die Füsse daran zu stemmen, und liess dann das Seil zu uns hinunter. Ich band mir dasselbe um den Leib, Frei zog an, ich suchte mit dem Bergstock nachzuhelfen, Thut stiess von hinten, soweit er konnte, und in einigen Sekunden war ich glücklich oben. Auf dieselbe Weise wurden auch die andern hinauf befördert, Zweifel mit einem Teil des Gepäckes auf dem Rücken. Nun war noch Thut allein mit dem andern Teil des Gepäckes unten. Er war zu schwer, um sich hinaufziehen zu lassen, und wahrscheinlich wehrte es ihm auch sein Gemsjäger-stolz, die Hilfe eines andern in Anspruch zu nehmen. Er versuchte, das Gepäck auf dem Rücken, über die Platten hinauf zu kommen. Zu diesem Behuf stemmte er sich mit den Knien auf den Boden und rutschte langsam vorwärts, indem er mit den Fingern in den Ritzen der Platten einigen Halt suchte. Der Versuch gelang glücklich, die Platten wurden weniger steil, er konnte wieder aufstehen, und wir stiegen nun alle miteinander gegen die Wand des Scheerhornes hinan, vorerst über eine Geröllwand, dann ein Schneefeld hinauf, dann wieder eine steile Geröllwand, und waren nun hart an der Felswand des Scheerhornes, die wir so lange vor uns gesehen, und oberhalb des Hüfigletschers, der uns zur Seite in die Tiefe stürzte.

Wir gingen an der Wand hin und kamen endlich auf den Firn, sahen aber noch gar nichts von unserm weitern Weg, da wir noch ganz am Rande des Firnes dem Düssistock gleich gegenüber waren und der Firn sich in mehreren Terrassen in die Höhe zog. Wir stiegen einen Firnwall hinan und hatten nun einen Überblick über die ganze Umgebung und gegen das Firnjoch hin, das wir überschreiten mussten. Es war etwas nach 1 Uhr, und wir lagerten uns hier ( bei b ). Das ganze Firnmeer lag vor uns ausgebreitet. Da wir nur noch eine Flasche Wein hatten, wurden die leeren Flaschen mit Schnee gefüllt, dann gerüttelt, bis Wasser herausfloss, und dies mit Zucker und Kirschenwasser gemischt. Wie wir so den Firn überblickten und jenseits desselben den Gipfel des Hüfistöcklis neben demselben hervorragen sahen, stieg in uns die Frage auf, ob wir vielleicht nicht besser getan hätten, statt den Hüfigletscher zu überschreiten, weiter an den Wänden des Hüfistöckli hinaufzuklimmen, von seinem Gipfel aus den Firn zu betreten und denselben quer überschreitend zu der Stelle zu gelangen, auf die wir uns lagerten. Frei bemerkte aber, der Firn sei unmittelbar vor seinem Übergang in den Gletscher so zerklüftet, dass es keine Möglichkeit sei, denselben zu überschreiten; von unserm Standpunkte aus konnte man dieses nicht beurteilen. Immerhin liesse sich dieser Versuch wagen, besonders vom Maderanertale aus, da der Rückweg über die Graswände immer offen bleibt.

Da nun der Weg bis zum Firnjoch deutlich vor uns lag, so hatten wir Frei nicht mehr nötig, und er verabschiedete sich von uns. Wir hatten ihn als ganz zuverlässigen Führer kennen gelernt; einen Beleg dazu lieferte beim Abschied seine Äusserung, wir werden nicht vor 6 Uhr abends den Gletscher verlassen können; denn wirklich war es gerade 6 Uhr, als wir beim Beckiloch ans Land traten. Er schlug nun allein denselben Weg ein, den wir hinaufstiegen, musste aber natürlich statt der schwierigen Stelle, über welche unmöglich herabzukommen war, eine andere suchen, die er wohl auch glücklich gefunden hat.

Um 2 Uhr brachen auch wir auf, alle vier ans Seil gebunden, Thut voran. Wir schätzten die Entfernung bis zur Höhe des Firnplateaus höchstens eine Stunde, wir täuschten uns aber gewaltig. Der Firn stieg in mehreren Absätzen an, beim Hinaufsteigen sah man nur die nächste Höhe, sowie man aber diese erreicht, lag wieder ein neuer Firnwall vor uns; die Wälle wollten kein Ende nehmen, der Düssistock war immer noch ganz nahe hinter uns. Dagegen öffnete sich der Blick auf das Scheerhorn mit jedem Schritt. Es ist ein hübsches Bild, das für einen Maler Stoff bieten würde. Oberhalb der Wand, an der wir uns gelagert, ragte aus dem Firn eine Felskuppe hervor. Von dieser führte ein schmaler langer Firnkamm, gleich der First eines Kirchdaches, von Süden nach Norden zu dem Felshorn, das die höchste Spitze des Scheerhornes bildet, nordwestlich von diesem trat die etwas niedrigere Firnkuppe des zweiten Gipfels des Scheerhornes hervor. Sowohl zu dem südlichen Horne als auch zu dem höchsten Felshorn führten von Osten zwei ganz steile Firnwälle, die man bezwingen muss, um auf die Höhe zu kommen. Der Grat zwischen beiden Hörnern stürzt beinahe senkrecht wohl 500 Fuss gegen den niederen Firn ab. Georg Hoffmann von Basel 1 ) hatte bei seiner Ersteigung des Scheerhornes von der Kammlialp aus über den Scheerhorngletscher den südlichen Firnwall er- stiegen und dann über den wohl 5 Minuten langen Firngrat die höchste Spitze erreicht, eine Aufgabe, die nicht gerade zu den leichten gehören mag.

Je weiter wir hinaufstiegen, desto mehr öffnete sich die Aussicht auf die Umgegend. Das Steigen wollte kein Ende nehmen. Doch war der Firn ausgezeichnet, kein einziger Schrund sichtbar, sondern alle durch festen Winterschnee gedeckt, der etwas ausgefurchet war, in den man aber nicht tief einsank. Um uns etwas von dem Rückprallen der Sonnenstrahlen zu schützen, hatten wir alle die Regenschirme ausgespannt. Als wir das Scheerhorn hinter uns hatten, erschienen nun der Absturz des Kammlistockes und links die Felswände des höchsten Claridengipfels, des Claridenhornes. Unmittelbar vor uns erhob sich über den Firnkamm der Tödi. Wir steuerten dem Claridenhorn zu. Das Steigen dauerte immer noch fort, wir mussten von Zeit zu Zeit stillhalten, um Atem zu schöpfen. Etwas nach 4 Uhr, also nach gut zwei Stunden von unserm Lagerplatz aus, hatten wir die Höhe des Plateaus erreicht. Wir hörten an der Wand des Claridenhornes eine Gemse wimmern. Thut sagte, es sei eine junge, die ältern pfeifen; sehen konnten wir sie nicht. Nun lag das ganze Firnmeer vor uns ausgebreitet. Ein überaus erhabener Anblick. Die ganze Breite des Firnkessels vom Scheerhorn und Kammlistock bis zum Grenzgrat beträgt wenigstens 2—3 Stunden. Man kann sich also denken, was das für ein gewaltiges Firnmeer ist. Wir schritten abwärts. Gleich unterhalb der Höhe zeigte sich ein gewaltiger Schrund, der aber grösstenteils zugedeckt war, so dass wir ihn mit einem Sprung überschreiten konnten; wir sahen aber deutlich in den Schneefurchen seine eigentliche Breite, wenigstens 12 Schuh. Wie wir vorwärts rückten, entwickelte sich uns im Rücken die Masse des Claridenhornes immer mehr; es gipfelt in einen hohen Firnkamm aus, der von Ost nach West zieht. Auf der Höhe des Plateaus sieht man nur einen Vorsprung des Hornes. Ich möchte daher die Höhe des Claridenhornes nicht unter die des Scheerhornes stellen, eher etwas darüber, zu zirka 10,200 Fuss, da die Höhe des Firnjoches zirka 9000 Fuss beträgt. Wir näherten uns dem Claridenstock und liessen das vordere Spitzalpeli rechts hinten. Endlich hatten wir die Furke, die wir voriges Jahr begangen, zur Seite und waren nun in der Nähe des Geissputzistockes.

Wir wanderten jetzt auf bekanntem Terrain, hielten uns aber mehr rechts gegen den Beckistock zu, da wir in der Nähe von diesem den Gletscher verlassen wollten. Er senkte sich in schwarzgrauer Kruste gegen das Land ab. Wir befürchteten, es sei Eis. Da wir aber näher kamen, zeigte es sich, dass nur die oberste Kruste, die leicht einzutreten war, vereiset war, und wir ganz gut den Abhang hinabsteigen konnten. Um 6 Uhr abends hatten wir das Ende des Firnes beim Beckistock erreicht, also in zwei kleinen Stunden von dem Firnjoch an. Zur Ersteigung der Höhe von Bristen an hatten wir von 4 Uhr vormittags bis nach 4 Uhr abends gebraucht, also beinahe 12 1/2 Stunden, und nur eine gute Stunde gerastet. Auch hier rasteten wir noch bis gegen 7 Uhr, also im ganzen zwei Stunden. Wir nahmen den Rest des Proviantes vor, und da wir keinen Wein mehr hatten, tranken wir Gletscherwasser mit Zucker und Kirschenwasser gemischt. Gletscherwasser allein zu trinken ist nicht ratsam, da es zu hart ist, und leicht Unterleibsschmerzen verursacht.

Gegen 7 Uhr stiegen wir durch das Beckiloch hinunter, kamen einige Male über Schnee, meistens aber über Gras- und Geröllwände hinunter und waren nach 71/2 Uhr auf der obern Sandalp. Wir beeilten uns, soviel als möglich noch bei Tag in die untere Sandalp zu gelangen; aber trotz allen Eilens konnten wir nur zwei Dritteile der Ochsenplanke hinuntersteigen, als es ganz dunkel wurde. Wir mussten daher im Finstern tappen, trafen aber ohne Unfall abends 9 Uhr glücklich bei den Sennen in der untern Sandalp ein, wo wir uns mit einer Milch labten und dann zur Ruhe gingen. Den folgenden Tag waren wir 91/2 Uhr in Stachelberg.

Überblicken wir diese Gletscherfahrt noch einmal, so ist nicht zu leugnen, dass die Überschreitung der Felsplatten am Rande des Hüfigletschers zu den schwierigsten Partien gehört und vor allem eines schwindelfreien Blickes bedarf, dass dagegen der übrige Teil des Weges von jedem, der nur einige Erfahrung in solchen Bergwanderungen hat, zurückgelegt werden kann. Die Hitze des verflossenen Sommers hatte diese Schwierigkeit bereitet. In gewöhnlichen Jahren wird die Schneelawine, die vom Scheerhorn auf den Hüfigletscher herabstürzt, nicht so bald wegschmelzen, und daher werden diese Platten bis tief in den Sommer hinein mit Schnee bedeckt bleiben, wie dieses auch im Jahr 1839 der Fall war.

Übrigens sind solche Gletscherwanderungen nicht Sache der unreifen Jugend. Es bedarf dazu einer Ausdauer und nachhaltigen Kraft, wie sie erst in den reifern Jahren sich ausbildet. Dagegen kann man sich in jüngern Jahren auf solche Wanderungen vorbereiten, von den leichteren zu schwereren fortschreiten, und nach und nach in der Besiegung der vorkommenden Schwierigkeiten eine solche Übung erlangen, dass man ohne Gefahr, aber natürlich nur im Begleit von ganz zuverlässigen Führern, sich auch an schwierigere Partien machen kann. Dabei erwartet uns ein Genuss, der zu den schönsten gezählt werden darf, die der Mensch auf dieser Erde sich verschaffen kann.

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