Die Darjeeling-Katastrophe zur Monsunzeit 1950

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Von Ludwig Krenek

( Mt. Hermon School, Darjeeling ) « Halb Darjeeling ist von der Erdoberfläche verschwunden » — so berichtete Radio Dacca ( Ost-Pakistan ). Glücklicherweise stellte sich diese Meldung als übertrieben heraus; andrerseits aber besteht kein Zweifel, dass Darjeeling seit dem berühmten « Darjeeling Disaster » im Jahre 1899 nichts Ähnliches mitgemacht hatte. 150 Menschen verloren ihr Leben; Hunderte von Menschen entkamen nur mit knapper Not, indem sie Hab und Gut im Stiche liessen. Der Schaden wird auf viele Krors ( 1 Kror = 10 Millionen Rupien ) geschätzt.

Die folgenden Zeilen sollen die Eindrücke eines Augenzeugen dieses schrecklichen, aber doch auch grossartigen Naturereignisses bringen.

Nach einem überraschend schönen Junianfang, der uns noch häufig den Anblick der Berge bescherte, setzte in der Nacht des 10. Juni schlagartig der Regen ein. Die ganze Nacht trommelte es auf das Dach, dass man kaum schlafen konnte. Und doch war es nur ein bescheidenes Vorspiel im Vergleich zu den Güssen, die uns der nächste Morgen brachte. Staunend standen wir am Fenster und sahen, wie ununterbrochen Wasserfälle von den Dachrinnen herabstürzten — Stunden um Stunden. Wir beobachteten, wie kleine Rinnsale zu reissenden Bächen wurden, hörten ein dumpfes Brausen aus den umliegenden Tälern aufsteigen — ein Zeichen, wie sehr die sonst so harmlosen Flüsschen Ramman und Rangit in dieser kurzen Zeit angeschwollen sein mussten.

« Wenn es so weiterregnet, gibt es einen neuen Rekord für Darjeeling », meinte jemand. Am Abend sprach niemand mehr von Rekorden; wir hatten andere Sorgen. Diese nicht aufhörenwollende Flut hatte etwas wirklich Beängstigendes. Kaum irgend jemand schlief in dieser zweiten Nacht. Immer stärker wurde das Rauschen, in das sich bald das Krachen fallender Bäume mischte. Einige Male verspürten wir deutliche Erderschütterungen, wohl von grossen Erdrutschen herrührend, während andere Leute fest überzeugt waren, dass es sich um Erdbeben handle. Am späten Abend ging plötzlich das Licht aus, was nicht wenig zur allgemeinen Verwirrung und Beängstigung beitrug.

Nun regnet es schon 36 Stunden 1 — so begrüssten wir den Morgen des 12. Juni. Es sah ganz so aus, als ob es noch 14 Tage weiterregnen könnte. Was für ein Anblick aber erwartete uns beim Verlassen unseres Hauses! Von den Häusern unserer Schulbediensteten war nichts mehr zu sehen. Diese waren in der Nacht mit einem gewaltigen Erdrutsch weggerutscht. Alle elektrischen Leitungen lagen auf dem Boden. Ein riesiger Schlâmmstrom hatte die Strasse vollkommen verschüttet, so dass an einen Verkehr zwischen der Stadt und den Teegärten nicht mehr zu denken war.

Den ganzen Vormittag arbeiteten Eltern und Lehrer, Studenten und Be-dienstete unter Aufgebot aller Kräfte, um so viel als möglich aus den 30 zur Schule gehörigen « Cottages » zu retten. Einige derselben konnte man nur mehr durch knietiefe Schlammströme erreichen; bei anderen war das Dach eingedrückt; alle waren durch fallende Bäume bedroht, die gefährlich an den steilen Hängen hingen. Plötzlich erfüllte ein unheimliches Geräusch die Luft, das sich anhörte wie das Brausen eines gewaltigen Sturmes, dem unmittelbar ein Krachen und Splittern folgte.Vor unseren Augen setzte sich der Hang mit Haus und Bäumen wie eine gewaltige Lawine in Bewegung und glitt talwärts. 100 Meter tiefer lag das Haus, fein säuberlich in seine Bestandteile zerlegt. « Flach wie ein Tschapatti », sagte einer unserer indischen Studenten.

Es folgte eine Hiobsbotschaft der anderen. Nichts war mehr sicher. Die Erde schien plötzlich, wie in einem Erdbeben, jeden Halt und jede Festigkeit verloren zu haben. Mit ungläubigen Augen sahen wir, wie die Stärke des Regens, statt nachzulassen, eher noch zunahm. Fasziniert starrte ich auf das Haus, das gerade unter unserem lag. Ein Erdrutsch hatte das grüne Vorgelände in die Tiefe gerissen. Zwei Meter trennten das Haus noch vom Verderben, dann waren es nur mehr anderthalb Meter, ein Meter... Schnell suchten die Bewohner noch ein paar Gegenstände zu retten, da bröckelten auch schon die ersten Stufen der Veranda ab. Was sollte man tun? Noch nie hatte ich mich so hilflos den Naturgewalten ausgeliefert gefunden. Wie ein gewaltiges Ungeheuer verschlang der Abgrund Stück um Stück, ohne dass wir irgendwie eingreifen konnten.

Gegen Abend kam einer der Teegarten-Manager vorbei. Fünf seiner Arbeiter waren eben vor seinen Augen verschüttet worden. « Tausende Acres wertvollster Teegärten sind unwiderruflich dahin », sagte er. « Wir sind um Jahrzehnte zurückgeworfen; wir können wieder von vorne anfangen. » « Wenn es diese Nacht noch so weiterregnet, ist Darjeeling gewesen », setzte er noch hinzu. Das Schicksal hatte Mitleid mit uns. Am Abend liess der Regen etwas nach; der Morgen des 13. brachte das Ende. 36 inches900 mm ) hatte es in den 48 Stunden geregnet. Das ist beträchtlich mehr, als in den meisten Orten Europas während eines ganzen Jahres Niederschlag fällt.

Blaue Flecken zeigten sich am Himmel Ohne Vorzeichen, ganz plötzlich erschienen in einem Riss der Wolken der Kantsch und seine Trabanten, über und über mit Neuschnee bedeckt, strahlend, gleissend, eine Symphonie in Blau und Weiss. Es verschlug uns fast den Atem. Noahs Regenbogen am Ende der Sintflut kann kein schöneres Friedenszeichen gewesen sein...

Am Nachmittag bahnten wir uns einen Weg nach dem 2 km entfernten Darjeeling. Angetan mit hohen Gummistiefeln wateten wir durch Bäche und Schlammströme, kletterten über Bäume und Erdrutsche. Manchmal konnte man den ehemaligen Verlauf der Strasse gar nicht mehr erkennen.

Darjeeling selbst zeigte weniger Zerstörungen, als wir nach den vielen Gerüchten vermutet hatten. Die auf soliden Fundamenten aufgebauten Häuser der Wohlhabenden hatten die Sintflut überraschend gut überstanden. Am ärgsten waren die aus « Tins » und Wellblech aufgebauten Häuser der niedrigsten Bevölkerungsschichten mitgenommen, besonders die der Himalaya-träger. Bhutia Basti und Tung-Sung, die Wohnplätze der Bhutias und Sherpas, waren von gewaltigen Erdrutschen fast zur Gänze hinweggefegt. Alle hatten ihre Wohnungen räumen müssen und lebten nun in Notquartieren im Basaar.

« Aber wir haben wenigstens kein einziges Menschenleben eingebüsst », erzählten sie mir stolz, « nicht so wie die Nepalesen und Bengalis, die in ihren Häusern sitzen blieben, so dass sie mit diesen verschüttet wurden. » Der Zugang zu dem allen Darjeeling-Besuchern wohlbekannten Hotel Mount Everest war durch einen Rosengarten blockiert. Der war von einem 50 m höher gelegenen Platz durch einen Erdrutsch sanft herabgetragen und vor dem Hotel deponiert worden. Ein ausgedehntes Trümmerfeld oberhalb der Capitol-Kinos bezeichnete die Stelle, die einst von der prächtigen Villa Mr. Datts eingenommen worden war. An die 30 Kulis gruben ziemlich planlos in dem Schutthaufen herum. Man hoffte, vielleicht doch noch ein paar der Verschütteten retten zu können. Immer wieder hörten wir das Geklingel der Leichenzüge. Meist waren es nur einfache Tragbahren, von vier Männern getragen, die mit ständigem Läuten der Glocken sich ihren Weg bahnten, und dahinter zwei oder drei Leidtragende, die kaum mit den dahineilenden Trägern Schritt halten konnten. « Ram, Ram tschalo, Ram, Ram tschalo », so tönte es dabei unaufhörlich von ihren Lippen.

Das schlimmste war der vollkommene Zusammenbruch der Wasserversorgung. Die Rohre der Wasserleitung waren an vielen Stellen kilometerweit talab getragen worden. Bis zu einer Rupie zahlte man für einen kleinen Kübel Wasser. Trotz aller Vorsichtsmassregeln und zwangsweiser Impfung zeigten sich bald die ersten Typhusfälle — für Darjeeling, das mit Recht als eine der reinsten Städte Indiens gilt, etwas ganz Unerhörtes.

Die vielen Sommergäste, die sich zur Zeit des Unwetters in Darjeeling befanden, konnten eine unfreiwillige Verlängerung ihres Urlaubes « geniessen ». Die Strasse von Darjeeling nach Kurseong war an etwa 200 Stellen unterbrochen. Besonders der einen Kilometer breite Erdrutsch bei Sonada nahm sich höchst eindrucksvoll aus. Freundlich lächelnd wurde den Gästen versichert, es werde drei bis sechs Monate dauern, bis wieder alles in Ordnung sei...

Es kam aber anders. War es der Anwesenheit des Governors von West Bengal, Dr. Katju, zu danken oder der tatkräftigen Hilfe der Teepflanzer, die Hunderte ihrer Kulis zur Verfügung stelltenJedenfalls wurden die Aufräumungsarbeiten in einem Tempo vorgenommen, wie ich es bisher in Indien noch nie gesehen hatte. Schon nach einer Woche hatte Darjeeling wieder Elektrizität und Wasser, und auch die Verbindung mit der Aussenwelt funktionierte wieder. Die Lebensmittelversorgung blieb freilich noch sehr im argen, und die Preise waren fast doppelt so hoch wie vor dem Unglück.

Für viele der Ärmsten boten die Aufräumungsarbeiten eine kleine Entschädigung. Erstens stellten die Tausende von niedergebrochenen Bäumen für sie einen schönen, kostenlosen Holzvorrat dar; zweitens konnten sie als Wegarbeiter 5 Rupien pro Tag verdienen oder, wenn sie mit Reisenden nach Kurseong gingen, sogar 15!

Wie sah es aber in den anderen Orten aus? Kalimpong und Gangtok waren noch viel schlimmer daran, da die Strasse im engen Tistatal an vielen Stellen in den Fluss geschwemmt wurde. Wer nach Gangtok wollte, musste auch noch 6 Wochen nach der Katastrophe etwa 12 km zu Fuss gehen. Merkwürdigerweise war das nördliche Sikkim nicht so stark betroffen. Wohl wurden auch dort die Saumwege an vielen Stellen weggewaschen, aber das gilt dort als durchaus nichts Besonderes. Es ist ein alljährlich wiederkehrendes Ereignis. Viele sagen, Darjeeling werde sich von dieser Katastrophe nicht mehr ganz erholen. Es wird wohl zwei Jahre dauern, bis die letzten Spuren der Zerstörung gelöscht sein werden, und es trifft auch zu, dass zumindest gegenwärtig viele Besucher sich von der Unbequemlichkeit abschrecken lassen, die lange Fahrt nach Darjeeling über die neue « All India Line » zu benützen, da sie doppelt so lang ist wie die bisherige direkte Verbindung, und es ist nicht jedermanns Sache, einen Kilometer lang auf steilen Waldwegen herumzuklettern ( um den grossen Erdrutsch bei Sonada zu umgehen ), wenn man nur in die Erholungsferien gehen will. Auch das nette « Darjeeling-Bähnli » wird in Zukunft nicht mehr über Kurseong hinaus verkehren, so heisst es. Die Hauptanziehung Darjeelings aber, das grossartige Panorama der Eisberge, ist und wird bleiben. Auch Tausende solcher « Katastrophen » werden an den herrlichen Umrissen der Götterburg des Kantsch und der anderen grossen Berge kaum etwas ändern!

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