Die Eroberung des Berner Oberlandes durch den Ski

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Von Wilhelm Lohmüller.

Es war zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als der Ski, der in den schneereichen nordischen Ländern bereits seit Menschengedenken als Verkehrsmittel allgemein im Gebrauch war, auch in Mitteleuropa seinen Einzug hielt. Wohl hatte man hier auch früher schon einzelne Skiläufer — meist Ausländer — ihre Kunst ausüben sehen, doch machten sie keine Schule. Im Gegenteil: man hielt sie für Narren und lachte sie aus. Erst als 1891 das Nansensche Buch « Auf Schneeschuhen durch Grönland » erschien, vermochte die dort gegebene Beschreibung der Skier und ihrer Verwendung das Interesse für dieselben in weitere Kreise zu tragen.

Von nun an wuchs die Zahl der Skiläufer zusehends, hauptsächlich in bergnahen oder im Gebirge gelegenen Orten, in Deutschland in Freiburg i. Br., Strassburg, Todtnau im Schwarzwald, in der Schweiz in Glarus und in Davos, und sehr bald machten die Jünger des neuen Sports die Erfahrung, dass der Ski nicht nur in der Ebene und im welligen Gelände, sondern auch im Mittelgebirge mit Vorteil zu verwenden sei. Da die meisten der damaligen Skiläufer zugleich auch Alpinisten waren, lag für sie nichts näher als der Gedanke, die langen Bretter auch einmal im winterlichen Hochgebirge zur Anwendung zu bringen.

Vom Gedanken zur Tat war nur ein kleiner Schritt, der bald gemacht wurde.

Am 28. und 29. Januar 1893 überschritten Christof Iselin, Olaf Kjelsberg und A. v. Steiger, Mitglieder der Sektionen Tödi und Winterthur des S.A.C., auf Schneeschuhen den Pragelpass 1 ). Insbesondere der erstgenannte hat von da ab in Begleitung seines Freundes Eduard Naef sich um die Einführung des Skilaufs in seinen heimatlichen Glarner Bergen, von denen er viele mit Hilfe der Skier erstieg, grosse Verdienste erworben. An Ostern 1894 folgten ihnen Offermann und Mönnichs aus Strassburg, Eduard und Oscar Faller und R. Thoma aus Todtnau, indem sie den St. Gotthard von Airolo nach Hospenthal sowie anschliessend Furka, Nägelisgrätli und Grimsel mit Abstieg ins Haslital überschritten.

Die ersten, die es wagten, in das Herz des Berner Oberlandes einzudringen, waren Ehlert und Mönnichs aus Strassburg. Im Dezember 1895 brachen sie von Grindelwald auf, um über das Finsteraarjoch die Grimsel zu erreichen. Unterhalb des Jochs fiel Ehlert in eine Spalte, aus der ihn sein Freund nur mit grösster Mühe retten konnte. Da sie durch Siehe « Die Alpen », V, 1929, Seite 41 ff.

diesen Unfall sehr viel Zeit verloren hatten, kehrten sie um. Auf dem Rückwege, den sie über den Zäsenberg nahmen, wurden sie von der Nacht überrascht und zu einem kalten Biwak zwischen den Spalten des Unteren Grindelwaldgletschers gezwungen. Ältere Mitglieder der Sektion Basel werden sich vielleicht noch erinnern, wie die Beiden auf der Heimreise von jener Tur in einer Festversammlung ihrer Sektion erschienen und dort unter den in feierliches Schwarz gekleideten Teilnehmern nicht nur durch ihr « zünftiges » Gewand, sondern auch durch die Schilderung ihrer Abenteuer grosses Aufsehen erregten.

Am 5. Januar 1896 eroberten die Freiburger de Beauclair, Paulcke, Baur und Steinweg den ersten Dreitausender mit Hilfe des Skis, den Oberalpstock. Im Mai desselben Jahres erstiegen die beiden erstgenannten La Fibbia und Piz Lucendro und überquerten an Weihnachten Furka und Grimsel.

Alles dies waren aber gewissermassen nur Vorpostengefechte, um die Verhältnisse zu klären für eine grosse Unternehmung, welche dem Zweck dienen sollte, dem neuen Sport aus den Kreisen der Hochturisten neue Jünger zuzuführen und, nicht zuletzt, der im Winter vielfach durch den Schnee von jedem Verkehr abgeschnittenen Bergbevölkerung den Ski als praktisches Verkehrsmittel vor Augen zu führen.

In beiden Lagern, in Freiburg wie in Strassburg, fiel die Wahl auf das Berner Oberland, und das hatte einen zweifachen Grund. Einmal zeigte ein Blick auf die Karte, dass dort weite, wenig geneigte Gletscher und Firnfelder vorhanden waren, die sich für eine Begehung mit Ski besonders gut eignen mussten, ferner aber winkten die stolzen Gipfel jenes Gebiets mit magnetischer Anziehungskraft zu uns herüber, wenn wir bei klarem Wetter über die aussichtsreichen Höhen unserer heimatlichen Berge hinwegschritten.

Im Sommer 1896 durfte ich mit Paulcke in den Dolomiten eine Reihe erfolgreicher Tage verleben; sie legten den Grund zu unserer Bergkameradschaft, die sich noch bei mancher schönen Tur bewähren sollte. Aber auch mit den Strassburger Skiläufern verband mich engste Freundschaft. Als ich daher erfuhr, dass an beiden Orten etwa für die gleiche Zeit das Gleiche geplant war, hielt ich es für meine Aufgabe, beide Parteien zu gemeinschaftlichem Tun zusammenzubringen. Diese Absicht schien allerdings zunächst zu misslingen, weil die Freiburger Herren die Bedingung gestellt hatten, dass bei dem Unternehmen auch wir Strassburger nach ihrem System — von den Fellschuhen und Sandalen bis zu den Aleuronatbiskuits — ausgerüstet sein müssten, eine Forderung, die Ehlert und Mönnichs unter Hinweis auf ihre eigenen Erfahrungen ablehnten. Es gelang mir aber schliesslich, die über ihre Ansichten etwas stark in Hitze geratenen Gemüter zu beruhigen, so dass wir, de Beauclair, Paulcke, Ehlert, Mönnichs und ich, am 18. Januar 1897 in Guttannen unsere gemeinschaftliche Unternehmung, die Durchquerung des Berner Oberlandes vom Haslital bis Brig, antreten konnten 1 ).

An diesem ersten Tage wurde bei günstigen Schneeverhältnissen ohne besondere Schwierigkeiten in etwa vier Stunden das Grimselhospiz erreicht und dort genächtigt. Bis hierher hatten uns zwei Träger, unter ihnen Johann Rufibach aus Guttannen, der Hüttenwart der Oberaarhütte, begleitet. Mit Staunen und schliesslich mit Neid hatte er gesehen, wie mühelos wir über den Schnee hinwegglitten, in den er trotz seiner Schneereifen tief einsank. Er erbat sich daher an Stelle seines Trägerlohnes ein Paar Ski, eine Bitte, die ihm gern gewährt wurde. So wurde er der erste schweizerische Bergführer, der sich der langen Bretter bediente.

Am 19. Januar wurde das Grimselhospiz mit dem Ziele Oberaarhütte schon um 3 Uhr verlassen. Besonders grosse Schwierigkeiten brachte die Überwindung der 400 m hohen Steilstufe zwischen Unter- und Oberaargletscher mit sich. Die Ostabhänge der Zinkenstöcke, die zum Teil noch bei Nacht von uns erstiegen werden mussten, waren steil, der Schnee verharscht, zudem drückte ein Gewicht von etwa 40 Pfund auf unsere Rücken. Immer und immer wieder nötigte uns die schwere Last zu rasten, wodurch es erklärlich wird, dass wir erst bei Einbruch der Dunkelheit das 3233 m hohe Oberaarjoch erreichten. Von der in den linksseitigen Felsen gelegenen ( alten ) Hütte trennte uns nun noch ein stark vereister Hang, zu dessen Überwindung Stufen nötig wurden. Eine Stunde dauerte es noch, bis wir auf dem Dach des tiefverschneiten Hüttleins anlangten, von wo aus wir uns zu seinem Eingang abseilten. Im Innern war die Hütte schneefrei und trocken, so dass wir eine angenehme Nacht in ihr verbrachten.

Am 20. Januar umhüllte bis zur Mittagstunde dichter Nebel unsere hohe Warte. Unseren ursprünglichen Plan, das Finsteraarhorn anzugehen, mussten wir daher leider aufgeben und uns mit einem bescheideneren Ziele, der Konkordiahütte, begnügen. Nach steilem Abstieg auf den Studerfirn fanden wir prächtigen Pulverschnee, der uns in zügiger Fahrt über das Rotloch und die Grünhornlücke zur Konkordia, diesem « arktischsten Punkte Mitteleuropas », brachte.

Die Hütte fanden wir in übelstem Zustande. Der Boden und die Pritsche waren meterhoch mit Schnee bedeckt, die Wände glitzerten von Eis, die Türe schloss nur mangelhaft, so dass die Innentemperatur nicht über —6° R zu bringen war, während draussen das Thermometer — 16° R zeigte. Decken waren zwar reichlich vorhanden, doch bocksteif gefroren. Ausser einem Ofen und einem wackligen Tisch fehlte jegliches weitere Inventar. Aber das tat alles unserer guten Stimmung keinen Abbruch. Als die Frage aufgeworfen wurde, wo wir uns zur Ruhe niederlegen könnten, wurde beschlossen, hier einmal ausnahmeweise statt auf den Pritschen unter ihnen zu liegen; dort lag wenigstens kein Schnee. Dann zogen wir alles an, was wir an Bekleidungsstücken mit uns führten, und überstanden so die kalte Nacht ohne Schaden.

Am 21. Januar war unser Ziel die Jungfrau. Um 2 Uhr war Tagwacht, um 3 Uhr Aufbruch. Das Wetter war trübe, die Gipfel waren verhängt, auch begann es bald zu schneien. Schon war es Tag geworden, als wir den Sporn, der vom Rottalhorn in östlicher Richtung zum Jungfraufirn hinabzieht, erreichten und den Bergschrund .westlich Punkt 3388 überschritten.

Dort wurden die Skier abgeschnallt und in den Schnee gesteckt und die Sandalen angezogen, denn der nun folgende Aufstieg zum Rücken des Sporns war so steil, dass er nur zu Fuss überwunden werden konnte. Zunächst ging es, da der Schnee tragfähig war, gut aufwärts, bald aber brachen wir bei jedem Schritt durch den Harsch ein und sanken bis zur Hüfte in die weiche, nachgebende Masse. Die Mittagstunde war überschritten, der Rottalsattel lag dicht vor uns, als das Wetter eine Wendung zum Schlechten nahm. Es wurde Kriegsrat gehalten, was zu tun sei, und auf Grund der Überlegung, dass wir bei diesen Verhältnissen frühestens bei Anbruch der Nacht auf dem Gipfel sein könnten, ward einstimmig der Rückzug beschlossen. Sturmanzüge und Zeltsäcke gab es ja damals noch nicht, so dass ein Biwak, das uns bei Fortsetzung der Tur sicher war, eine grosse Gefahr für uns bedeutet hätte, zumal unsere Widerstandskraft durch die Anstrengungen der Vortage und die letzte, fast schlaflose Nacht stark herabgesetzt war.

So langsam der Aufstieg vor sich gegangen war, so schnell ging es bergab. In einer Stunde standen wir wieder bei den Skiern, und um 16 Uhr hatten wir unser ungastliches Asyl wieder erreicht. Bei der Abfahrt brach Beauclair einen Ski, doch gelang es ihm mit Paulckes Hilfe dank dem mitgeführten Reparaturwerkzeug in 40 Minuten den Schaden zu beheben.

Die folgende Nacht wurde noch schlimmer als die vorhergehende, denn der Wind war zum Sturm geworden und drang in groben Stössen, grosse Schneemengen mit sich führend, in unsere Behausung ein. Nur mit Schaudern konnten wir daran denken, was aus uns geworden wäre, wenn wir aus falschem Ehrgeiz den Entschluss zur Umkehr nicht gefasst hätten.

Am 22. Januar hatte sich der Sturm zwar gelegt, doch verhüllten Wolken Gipfel und Grate. Da wir auch die zweite Nacht fast schlaflos verbracht hatten, wurde auf weitere Versuche, einen Gipfel zu ersteigen, verzichtet und der Abstieg über den Grossen Aletschgletscher ins Rhonetal beschlossen und um 9 Uhr angetreten. Vielleicht wäre es zweckmässiger gewesen, beim Märjelensee zum Hotel Jungfrau am Eggishorn abzubiegen, doch hatten wir es uns in den Kopf gesetzt, den längsten Gletscher der Alpen in seiner untern Ausdehnung von 16 km zu befahren. Je tiefer wir kamen, um so schwieriger wurde unser Marsch, denn Spalten grösster Sorte verlegten uns immer und immer wieder den Weg. An einer Stelle wurde die Zerklüftung so stark, dass wir auf das rechte Ufer des Gletschers übergehen und dort unser Fortkommen suchen mussten. Es dämmerte schon stark, als wir endlich die Hütten von Unter-Aletsch erreichten, wo wir zur ersten Rast des Tages in einem elenden Ziegenstalle unterkrochen. 1945 Uhr brachen wir wieder auf und hatten das Glück, einen ausgetretenen Pfad zu finden, der uns über steile, lawinengefährliche Hänge in zwei Stunden nach Hotel Belalp hinaufführte. Das Hotel war verschlossen, auf unser wiederholtes Rufen kam keine Antwort. Was blieb da, in dunkler Nacht bei starkem Schneetreiben und grimmer Kälte übrig als einbrechen? Not bricht nicht nur Eisen, sondern öffnet auch fest verschlossene Fensterläden.

Am 23. Januar stiegen wir über Platten und Naters ab, wo wir Herrn Klingele, dem Besitzer von Belalp, unsern frevelhaften Einbruch beichteten und den lächerlich geringen Obolus, den er uns für den angerichteten Sachschaden abverlangte, entrichteten.

Unser Vorhaben war planmässig durchgeführt worden. Wenn es auch die schlechten Verhältnisse, insbesondere das Wetter, verhindert hatten, einen der stolzen Gipfel des Gebietes zu erreichen, so war uns doch der Beweis gelungen, dass der Ski ein brauchbares Hilfsmittel auch im winterlichen Hochgebirge ist; ohne seine Verwendung wäre unsere Unternehmung niemals durchzuführen gewesen.

Für den leidenschaftlichen Skifahrer ist es ein Trauertag, wenn er im Frühjahr seine treuen Bretter auf lange Monate in die Rumpelkammer verbannen muss. Die Sehnsucht, auch einmal im Sommer unserem geliebten Sport huldigen zu können, liess in uns Strassburger Bergsteigern den Plan reifen, das Feld unserer Tätigkeit von Januar 1897 auch einmal im Sommer aufzusuchen, denn ohne Zweifel bestand auf den bernischen Firnfeldern die Möglichkeit, auch zu einer Zeit Ski zu fahren, wo im Tale bereits das Korn reift. Ende Juli 1898 wurde zur Tat geschritten; Ehlert, Pauli, v. Rotberg und der Verfasser, sämtliche aus Strassburg i. Elsass, waren Teilnehmer an der Partie x ).

Hatten wir die gewaltige Festungsmauer des Berner Oberlandes im Winter 1897 von der Flanke her überwunden, so griffen wir sie diesmal in der Front an. Das bedeutete, da wir von Grindelwald aus aufbrachen und zur Berglihütte aufstiegen, die Überwindung eines Höhenunterschiedes von 2300 m, eine Strecke, auf der die Skier grösstenteils getragen werden mussten. Nur zwischen dem Zäsenberghorn und dem Fuss des Berglifelsens, auf dem Grindelwald-Fiescherfirn, konnten wir sie verwenden. Aber der nächste Tag brachte für unsere Mühen den Lohn; denn nach einer kleinen Stunde Steigens standen wir auf dem Unteren Mönchjoch und befanden uns hier am obersten Rande der weiten Firnhänge, die in geringer Neigung die Hochgipfel des Oberlandes im Süden umrahmen: das sommerliche Skiparadies war erreicht. Der Firn des Ewigschneefeldes, das wir nun betraten, gab für unsere Skier die denkbar beste Föhre, so dass wir in kürzester Zeit auf dem Oberen Mönchjoch standen, wo wir den Schneeschuh mit Sandalen und Steigeisen vertauschten, um den Mönch über seinen Südostgrat zu ersteigen. Die folgenden Stunden verliefen etwas programmwidrig, denn ein plötzlich mit grösster Heftigkeit auftretendes Hochgewitter mit Sturm und starkem Schneefall zwang uns zu stundenlangem Warten in schnell im Firn der Ostwand des Berges hergestellten Sitzlöchern. Hier waren wir vom Wind geschützt und vor den Blitzen sicher, die wiederholt dicht über uns in den Grat einschlugen. Als das Wetter ausgetobt hatte — es war inzwischen später Nachmittag geworden — setzten Ehlert und ich trotz dichten Nebels und starken Schneetreibens den Aufstieg zum Gipfel fort, kehrten dann zu unseren Gefährten zurück und stiegen gemeinsam mit ihnen zum Joch und zu unsern Skiern hinab. Als wir dann zum Unteren Mönchjoch abfuhren, verfehlten wir im Nebel leider den richtigen Passeinschnitt, woran hauptsächlich schuld war, dass das Untere Mönchjoch in der damaligen Siegfriedkarte an falscher Stelle — westlich statt östlich von Punkt 3630 — eingezeichnet war, kamen bei einbrechender Nacht in die Firnbrüche südwestlich des Bergli und mussten dort schliesslich eine kalte Beiwacht beziehen. Bei Tagesanbruch klärte es etwas auf, so dass wir feststellen konnten, wo wir uns befanden, und kehrten sodann, ohne Schaden erlitten zu haben, zur Berglihütte zurück. Nach einem wohlverdienten Ruhetage stiegen wir abermals zum Joch empor und fuhren bei prächtigstem Wetter über Oberes Mönchjoch-Jungfraufirn zur Konkordia, wo inzwischen der Pavillon Cathrein erbaut worden war, hinab. Die herrliche Fahrt angesichts der stolzen Viertausender hatte unseren Überlegungen recht gegeben und unser Hoffen erfüllt. Selbst als die heisse Julisonne den Firn bereits erweicht, ja teilweise in einen Sumpf verwandelt hatte, glitten wir mühelos über ihn hinweg, während man zu Fuss knietief in die weiche, nasse Masse einsank.

Einwandfrei hatte sich erwiesen, dass eine Verwendung von Skiern auf dem Firn im Sommernicht nur möglich ist, sondern auch bedeutenden Zeitgewinn und Kräfteersparnis mit sich bringt, Umstände, die vornehmlich bei grossen, auch ausseralpinen Unternehmungen von bedeutendem Vorteil sein mussten.

Während der Urlaub unserer Freunde v. Rotberg und Pauli leider abgelaufen war, erstiegen Ehlert und ich andern Tages das Hinter Grindelwald-Fiescherhorn, 4020 m, über seinen bis dahin noch nicht begangenen Südwestgrat, wobei wir uns auf dem zwischen diesem Grat und dem Klein Grünhorn eingebetteten Gletscher abermals, und zwar bis zu einer Höhe von etwa 3500 m, mit Vorteil unserer Skier bedienten.

Am nächsten Tage stiegen wir sodann über den Märjelensee nach Hotel Jungfrau am Eggishorn ab, bei dessen Postablage die Skier in die Heimat aufgegeben wurden. Bis hierher hatten wir sie, da der Aletschgletscher völlig ausgeapert war, tragen müssen, was wir aber in Anbetracht der schönen Erlebnisse an den Vortagen gern in Kauf nahmen. Als wir bei diesem Marsch unter der unbequemen Last stöhnten, kam uns der Gedanke, dass es Aufgabe der alpinen Vereine werden müsse, geeignete Hütten mit Skiern auszurüsten, wodurch deren lästiger Transport zur Höhe für den Turisten in Fortfall käme — ein Gedanke, der ja heute schon vielfach zur Wirklichkeit geworden ist.

Am 2. Januar 1899 fielen unsere lieben Freunde und treuen Bergkameraden Ehlert und Mönnichs am Sustenpass einem Schneebrett zum Opfer. Prächtige, bergbegeisterte Männer, zwei Wissenschaftler, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigten, wurden jäh aus unserer Mitte gerissen. Meines Wissens war es der erste derartige Unfall, der alpine Skiläufer betraf. Wie ein jäh aufflammender Blitz beleuchtete dieser Unglücksfall eine Gefahr, die als schwarze Wolke über allen Winterturisten schwebt und der schon so manches Menschenleben zum Opfer gefallen ist.

So traurig der Verlust unserer Freunde auch für uns war, die Lust am alpinen Skilauf konnte er uns nicht nehmen. Aber Vorsicht und abermals Vorsicht war von da ab das Leitmotiv bei allen unseren Unternehmungen.

Es war ganz auffallend, dass unsere Oberlanddurchquerung in den nächsten Jahren keine Nachahmer fand, trotzdem der Skilauf inzwischen auch in der Schweiz seinen Einzug gehalten hatte und obwohl unsere damaligen Erlebnisse hauptsächlich durch Paulckes schönen Aufsatz in der « Österreichischen Alpenzeitung » in Bergsteigerkreisen allgemein bekannt geworden waren. Das veranlasste uns im Frühjahr 1901 zu einer Wiederholung unserer Tur, die diesmal, vom Rhonetal ausgehend, in umgekehrter Richtung verlaufen sollte, wobei wir zugleich den Zweck verfolgten, einen lawinensicheren Zugang zum Grossen Aletschgletscher zu finden.

Ausser Paulcke und mir beteiligten sich noch unser Freund Scholl aus Karlsruhe und als Träger für des ersteren 18 x 24-Kamera Johann Rufibach aus Guttannen, der sich inzwischen mit den vor vier Jahren von uns erhaltenen Skiern zu einem tüchtigen Läufer ausgebildet hatte.

Am 30. März 1901 marschierten wir, die Skier grösstenteils tragend, von Mörel im Rhonetal über Ried nach der Riederalp, wo wir in Cathreins Hotel übernachteten.

Am 31. März, um 8 Uhr aufbrechend, stiegen wir zunächst zur Riederfurka empor und erreichten über die Moosfluh, unter dem Bettmerhorn durchquerend, auf durchaus lawinensicherem x ) Gelände den Grossen Aletschgletscher, auf dessen Rücken wir dann zur Konkordia emporstiegen. Kle-bender Schnee und schwere Rucksäcke verlangsamten unser Fortkommen so stark, dass wir unser Tagesziel erst um 23 Uhr erreichten. Die Clubhütte war zwar inzwischen sehr verbessert worden, doch fanden wir sie auch diesmal reichlich mit Schnee angefüllt. Da auch der Rauchfang verstopft war, dauerte es noch einige Stunden, bis wir uns eine einigermassen wohlige Behausung geschaffen hatten.

Am 1. April hielten uns Nebel und Schneetreiben in der Hütte zurück. Am 2. war dafür um so prachtvolleres Wetter, das wir zu einem höchst genussreichen Skibummel auf die Lötschenlücke benutzten. Der Schnee war in bester Beschaffenheit, so dass wir für die Hinfahrt nur 2 Stunden 35 Minuten, für die Rückfahrt sogar nur 1 Stunde 3 Minuten benötigten. Jener herrliche Tag mit seinen Blicken hinauf zu den eisgepanzerten Wänden des Aletschund Sattelhorns und hinab in das von Sonnenlicht überflutete Lötschental war sicherlich einer der schönsten, die wir je in den Bergen erleben durften.

Der frühe Morgen des 3. April sah uns auf dem Wege von 1897 der Jungfrau zustreben. Aber ebenso wie damals waren auch diesmal Wetter und Zustand des Berges gegen uns.

Der Rottalsporn war in seinem unteren Teile vereist, was langes Stufenschlagen erforderte. Weiter oben, unter den Wänden des Rottalhorns, trafen wir dann auf tiefen, äusserst lawinengefährlichen Pulverschnee. Als zwei Staublawinen vor uns abgingen und die Gefahr, bei weiterem Queren den ganzen Hang ins Rutschen zu bringen, offensichtlich war, schien es uns ein Gebot der Klugheit zu sein, umzukehren. Auch diesmal fiel uns der Entschluss, so nahe am Ziele auf den Lorbeer des Sieges zu verzichten, sehr schwer; erleichtert wurde er uns durch den Umstand, dass sich inzwischen das Wetter zum Schlechten gewendet hatte: Föhn war eingetreten und brachte starkes Schneetreiben mit sich. In den Spuren unseres Aufstiegs kehrten wir zu unseren Skiern an der Randkluft zurück und fuhren von dort in wenig mehr als einer Stunde zur Konkordia hinab.

Auch der 4. April stand unter der Herrschaft des Föhns, was uns aber nicht hinderte, trotz Nebel, Schneetreiben und stellenweise arg klebendem Schnee über Grünhornlücke-Rotloch zur Oberaarhütte zu fahren, wozu wir 6 Stunden 45 Minuten benötigten. Zu unserer grössten Überraschung traf dort spät abends Hasler aus Bern mit zwei Führern ein, die mit Schneereifen ausgerüstet einen Versuch auf das Finsteraarhorn unternommen hatten. Grosse Kälte und das schlechte Wetter hatten es verhindert, dass sie ihr Ziel erreichten.

Am 5. April war das Wetter ganz schlecht geworden. Der Föhn hatte bereits in Jochhöhe, 3233 m, Tauwetter gebracht, so dass infolge des klebenden Schnees aus der schönen Abfahrt über den Oberaargletscher, auf die wir uns schon so gefreut hatten, ein mühsames Quälen mit stollenbeschwerten Skiern wurde, das uns viel Zeit kostete. Skiwachs kannte man ja damals noch nicht. Die Abhänge an den Zinkenstöcken, an denen der Sommerweg zum Unteraarboden entlang führt, durften der grossen Lawinengefahr wegen nicht betreten werden, weshalb wir im Bachbett der Aare abstiegen. Auch hier war die Lawinengefahr sehr gross, zumal inzwischen der Schnee in Regen übergegangen war. Vom Haslital herauf hörten wir bereits die Lawinen donnern und mussten jeden Augenblick darauf gefasst sein, dass der regenbeschwerte Schnee an den Seitenhängen unseres Engpasses zum Abgleiten kam und uns begrub.

Auf der Grimsel wurde so lange gerastet, bis nach Ansicht des ortskundigen Rufibach die grössten Lawinen im Haslital abgegangen waren. Dann stiegen wir zutal. Lawinenschnee grössten Umfanges versperrte uns mehrfach den Weg und zeigte, mit welcher Gewalt die Elemente in diesem dem Föhn besonders ausgesetzten Tale gehaust hatten. Um 20 Uhr fand unsere zweite Durchquerung des Oberlandes in Guttannen ihren Abschluss.

Der Bann war endlich gebrochen, Hunderte sind inzwischen unsern Spuren gefolgt. Das Berner Oberland ist seither zum wahren Skiparadies geworden, insbesondere seitdem die Jungfraubahn einen so bequemen und sicheren Zugang zu ihm vermittelt.

VII17 Will man unsere damaligen Leistungen richtig bewerten, so muss man sich vor Augen halten, welche Schwierigkeiten wir bei den geschilderten Fahrten zu überwinden hatten. Das winterliche Hochgebirge war zu jener Zeit noch eine ziemlich unbekannte Welt, seine gewaltigste Erscheinung, die Lawine, nach Ursache und Wirkung so gut wie unerforscht. Wer wusste damals schon etwas von Schneebrettern, dieser heimtückischsten aller Gefahren, die den Hochturisten im Winter bedrohen? Man dachte damals nur an Lawinen, die von oben kommen. Dass man durch Anschneiden oder Übergrosse Belastung steiler Schneehänge selbst solche verursachen könne, wusste man noch nicht. Auch auf Gletschern gingen wir in der Regel unangeseilt, nicht ahnend die grosse Gefahr, die Skiläufer dort auch dann bedroht, wenn tiefer Winterschnee alle Spalten zugedeckt hat. Erst das Unglück am Grenzgletscher im Januar 1902, bei dem Walter Flender und Paul König durch Einbrechen in eine Spalte, die mit einer Schneeschicht von 3—4 m Dicke überdeckt war, den Tod fanden, öffnete uns auch hier die Augen.

Die Kunst des Skilaufs beherrschten wir nur sehr mangelhaft, Skikurse und norwegische Lehrmeister gab es ja noch nicht. Nach dem Vorbilde der Lappländer trugen wir Fellschuhe mit biegsamen Sohlen, die natürlich eine gute Führung der Skier, zumal auch die Bindungen — wenigstens bei den beiden ersten Fahrten — noch ganz primitiv waren ( Rohrbügel !), ausschlössen. Der Bergschuh wurde durch eine nach Art der Steigeisen unter-zuschnallende dicksohlige, schwergenagelte Sandale ersetzt. Skisteigeisen, die die Freiburger Freunde konstruiert hatten, bewährten sich nichtx ). Im alpinen Museum in München kann man diese Gegenstände bestaunen — und wird sie belächeln. Felle, Skiwachs und Doppelstöcke waren damals noch unbekannte Dinge. Wir führten den kurzen Schweizer Führerpickel mit, der mehr lästig als nützlich war. Nicht unerwähnt dürfen die schweren Lasten bleiben, die wir zu schleppen hatten, da die Hütten, in denen wir nächtigen wollten, ohne Proviant und ohne Heizmaterial waren. Stürzte man — und das kam bei dem schwierigen Gelände und den schlecht sitzenden Bindungen häufig genug vor —, so erforderte das Wiederaufraffen und Schultern der Riesenrucksäcke grossen Kraftaufwand. Nur Wille und Begeisterung für den neuen, herrlichen Sport halfen uns über alle diese Schwierigkeiten hinweg. Die teilweise sehr langen Marschzeiten beweisen am besten, wie gross diese gewesen sind.

Und dennoch war es eine herrliche Zeit, die wir damals erlebten, die « heroisch-romantische » des alpinen Skilaufs, wie Henry Hoek sie so schön und treffend bezeichnet hat. Die Erinnerung an Mühen und Gefahren ist verblasst, geblieben ist das Bewusstsein in uns, eine neue Epoche des Alpinismus eingeleitet und Tausenden und aber Tausenden von bergbegeisterten Menschen ein neues irdisches Paradies erschlossen zu haben.

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