Die fahlroten Platten von Praz Torrent

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Roland Ravanel, Argentière

Aiguilles Rouges Oft habe ich in der Morgensonne vom Col des Montets aus die grossen rötlichen und ebenen Steinplatten betrachtet, welche in den klaren Himmel aufsteigen. Diese Ecke der Aiguilles Rouges ist sehr wild und wenig besucht, Grund genug, hingehen zu wollen. André Parat und Yannick Seigneur haben dort übrigens vor drei Jahren eine sehr schöne Route erschlossen. Sie verläuft auf der linken Seite der Platten, nahe bei dem SO-Pfeiler, der sich mit einem einzigen Schwung über dem roten Geröll erhebt und vom Dorf Planet aus gut sichtbar ist. Diese Route benützt eine Reihe kurzer, abschüssiger Verschneidungen über kleine rote, genau gleiche Dächer.

Wir sind mit unseren Ski von Flégère aufgebrochen und gelangen über die Pässe von Beugeant und Encrenaz zum Fusse der Aiguilles. Es liegt Pulverschnee, und mühelos folgt eine Kehre der andern in der herrlichen Mulde, die beim zweiten Pass ausläuft - ein reines Vergnügen! Beim Aufschwung der Aiguilles de Mesure schiesst mit einem Satz plötzlich ein Hase hervor und stürzt hundert Meter weiter unten auf eine Gruppe grosser Steine zu, indem er uns mit zurückgeworfenen Ohren den Kopf zuwendet. Seine Hinterfüsse sind wunderbare Schneeschuhe, und wir könnten ihn unmöglich erwischen.

Nun halten wir Mittagsrast. Ein grosser Stein des « Schein»-Grates, den die Vallorcer Tourtze nennen, dient uns als « Esszimmer ». Es ist 12 Uhr. Der Platz ist ein Paradies, und nur schwer können wir unsere Augen von der fahlroten Wand lösen, die über uns hängt und uns fasziniert. Bestimmt werden wir bald hinkommen...

Im Mai ist es soweit: Wir patschen durch den Schneematsch und erreichen endlich den Fuss der Mauer. Wie herrlich! Wir tasten ab, um den richtigen Einstieg zu finden, und machen zwei Seillängen V. Grades in der vermuteten Parat/ Seigneur-Führe, finden aber den weiteren Verlauf nicht.

Abseilen! Wieder hinunter!

Mit einer genaueren Skizze versehen, finden wir etwas später weiter links einen Nagel, dann noch einen, und nach mehreren Seillängen gelangen wir auf der Kante des Pfeilers zu einem sehr luftigen Stand. Es ist Granit, und zwar guter wie auf den Perrons. Die Route führt rechts durch eine sehr exponierte Wand, und ein Kamin mündet auf prächtigen, mit schwärzlichen Flechten bedeckten Platten. Auf dem Gipfel verfolgen wir die Kreise, die ein Adler über dem Geröllfeld zieht. Dann verlassen wir diesen liebgewonnenen Punkt, halten auf einen mit Gras bewachsenen Grat gegen Norden zu, und während sich die Sonne hinter Remuaz verbirgt, seilen wir uns in einem Couloir ab und gelangen wieder zu dem roten Geröll und dem Weg von heute morgen.

Mehrmals bin ich in diesem Jahr dahin zurückgekehrt, und jede Besteigung war für mich die reinste Freude. Darum möchte ich meinen Freunden diesen Ort zeigen, der durch die senkrechte, überfallende Wand von aller Welt abgeschlossen und dem Himmel nahe ist.

Weiter rechts machen mir ebene Steinplatten, die sicher eines Tages erklettert werden, grossen Eindruck. Es scheint mir, dass eine Route möglich wäre, die den im Schatten deutlich sichtbaren Spalten entlang führen würde. Schon sehe ich mich da mit Giorgio und Alain. Aber momentan klettert Giorgio mit René in der Westflanke der Noire, sie biwakieren in Hängematten, und ich gehe morgen auf den Mont Blanc - Eccleshütte, Pass, Innominata, Nebelgrat...

Jean-Claude und ich steigen vom Dorf Buet auf dem instandgesetzten Fussweg bis zur Tourtze hinauf. Ein Auerhahn schreckt unter grossem Geschrei auf und fliegt gegen den Montets-Pass zu. Die Sonne erreicht uns gerade, als wir auf der Praz-Torrent-Alp ankommen, wo die Bauern vor fünfzig Jahren ihre Kühe auf die Weide geführt und sogar Käse hergestellt haben.

Es ist heute sehr heiss. Wir befinden uns unter den Platten, wo Murmeltiere mit schrillen Pfiffen unsere Ankunft melden. Ohne uns aufzuhalten, steigen wir zwischen den beiden Plattenreihen ein und bewältigen eine kleine Verschneidung mit abgerundeten Griffen, in der ich einen Nagel einschlagen muss. Jean-Claude stösst am Eingang zu einem grossen, links von Platten eingefassten Kamin zu mir, dann seilen wir uns 6 bis 8 Meter ab. Nach schwieriger, abdrängender Traversie- rung erreiche ich rechts eine Verschneidung, die zu den Platten führt. Da haben wir uns auf etwas Schönes eingelassen! Diese Verschneidung erweist sich bald als furchtbar schwierig, und ich überliste sie nur mit grosser Anstrengung, da mich der Sack behindert. Jean-Claude spricht von V+ und gelangt auf den winzigen Standplatz, von wo aus ich ihn 35 Meter sichere. Am Fusse der grossen, glatten Platten erreichen wir ein schmales Grasband, auf dem wir uns so von aller Welt abgeschieden vorkommen wie auf einer einsamen Insel. Wir werden versuchen, oben auszusteigen.

Ich schlage einen schlechten Haken ein, dann noch einen: ein « Herz-As »; dann wage ich einige Schritte auf der Monolithplatte und kehre an den Ausgangspunkt zurück. Wir prüfen die Stelle. Jean-Claude zündet sich eine Zigarette an und ruft mir zu, dass man Bohrhaken haben sollte. Er macht sich darauf gefasst, mich frei in der Luft zurückkommen zu sehen, und erinnert mich daran, dass ich Familienvater bin!

Ich möchte ohne Bohrhaken auskommen, gleite aber aus und fange mich am « Herz-As » wieder auf; dann verzichte ich endgültig auf die Besteigung. Zur gleichen Zeit wie die von der andern Route zurückkehrenden Seilschaften befinden wir uns wieder im Tal.

Jean-Claude ist befriedigt, mich begleitet zu haben, denn es ist seine erste Tour dieses Schwierigkeitsgrades; aber nun muss er wieder nach Hause zurückkehren.

Zwei Tage später kommt Alain, und wie durch ein Wunder befinde ich mich mit ihm wieder auf demselben schmalen Band am Fusse der Platten, doch diesmal habe ich Bohrhaken mitgenommen.

Es ist grossartiges Wetter, und wir klettern in Hemdärmeln. Über dem « Herz-As » bohre ich ein Loch, setze den Stift ein und schraube den Bohrhaken fest; dann fixiere ich Karabiner und Steigleiter. Ich stehe auf dem letzten Bügel und bohre ein neues Loch, doch dann fühle ich einen heftigen Schmerz in meinen Vorderarmen, die Die Aiguilles Rouges von Chamonix: Praz Torrent ( Ostwand ) Parat-Seigneur-Route 2 Platten-Route Photo Roland Ravanel, Argentière 1Chalet du Petit-l'Haucrêt ( Motélon ) 2L'ancien chalet de Ferredetz ( Vallon des Fornys ) Photos Henri Fragnière, Bulle ständig nach oben gestreckt sind. Trotzdem gelingt es mir, einen zweiten Bohrhaken zu setzen. « Mein Lieber, wir haben technologische Premiere », ruft mir Alain lachend zu. Da packt mich ein solcher Lachkrampf, dass ich zum Standplatz zurückkehren muss. Mein Begleiter schlägt einen dritten Bohrhaken ein und kann nach schwieriger Traverse 15 Meter weiter rechts Fuss fassen.

Ich folge ihm und steige weiter, aber die Haken dringen schlecht ein. Die Risse sind einfach verstopft. Ein Felssplitter droht abzubrechen; ich gehe zum Standplatz hinunter, um Material zu holen, dann steige ich wieder hinauf, plaziere einen Expansionshaken und dann noch einen. Meine Arme werden immer schwerer. Plötzlich bleibt die Schraube, die den Pfropfen mit dem Bolzen verbindet, stecken. Es ist das erste Mal, dass wir mit Bohrhaken zu tun haben, und jetzt haben wir den kleinen « Schlüssel » vergessen... ich versuche mit allen Mitteln, die Geschichte herauszubekommen, denn das wäre nötig, um die Sicherung zum Klappen zu bringen; aber auch der nächste Versuch scheitert.

Müssen wir also heute wieder hinunter? Welches Pech!

Ich gehe zum Stand zurück und bitte Alain, es auch einmal zu versuchen. Er macht sich an die Arbeit, und nach allerlei Kunstgriffen ( er ist Dreher !) gelingt es ihm, den Pfropfen und die Schraube herauszuziehen. Gott sei Dank! Er fährt gleich weiter, und nachdem er in einer ganzen Ansammlung verstopfter Risse einige zweifelhafte Nägel und einen Bohrhaken gesetzt hat, erreicht er etwa 35 Meter weiter oben einen Zacken. Ich komme mit den beiden Säcken nach. Nun sind die Platten überquert; aber welche Mühe kosteten diese ersten 120 Meter!

« Wir werden eine ED-Kletterei erleben, wenn das so weitergeht! » ruft Alain aus. Ich steige wieder ein und erreiche 40 Meter weiter oben ziemlich leicht noch einen Zacken. Es ist steil, aber weniger gefährlich.

Wir überqueren noch eine Platte, welche die grösste Aufmerksamkeit erfordert, und machen links von dem grossen Felszacken in einer Nische Stand. Dohlen schreien sich heiser, während sich die Sonne gegen den Horizont neigt. Bald stossen wir auf eine neue Serie schwarzer, mit Flechten überzogener Platten. Sie sehen gut aus und verheissen uns zum Schluss eine grossartige Kletterpartie. Fröhlich meistern wir sie und befinden uns bald oberhalb des Ausstiegs der Seigneur-Route. Um 6.30 Uhr betreten wir den Gipfel, dann « schaukeln » wir im kalten Schatten eines Couloirs und gelangen wieder zu dem roten Geröllfeld und dem Fussweg, der uns zu unserem Wagen führt.

Glücklich, diese schöne direkte Route bewältigt zu haben, versprechen wir einander jetzt schon, zurückzukommen, um weit weg von Lärm und Betriebsamkeit wieder in den fahlroten Platten von Praz Torrent zu klettern.

( Übersetzung E. Busenbart )

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