Die geistigen Werte des Bergsteigens

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Von Clemens Hegglin

( Hitzkirch ) Wenn wir unseren Rucksack packen und uns auf eine Tour rüsten, dann wollen wir uns erholen und entspannen durch Arbeit und Anstrengung, die nicht unsere alltägliche Beschäftigung sind. In diesem freudigen und begeisterten Etwas-anderes-Tun liegt die eigentliche Erholung ( und Abspannung ). Daher ist das Bergsteigen eine der besten Betätigungen zur Abspannung vom einseitigen Berufsleben und zur Normalisierung des Menschen überhaupt, weil der Bergsport fast alle unsere Kräfte und Fähigkeiten beansprucht. Wir können uns fragen, ob uns die Berge nebst den gesundheitlichen und psychischen Werten nicht auch geistige, sittliche Werte bieten, die unser Denken und unser ganzes Menschsein günstig beeinflussen. Sicher ist hier die Kameradschaft als gegenseitiges Verstehen, Rücksichtnehmen und Helfen zu nennen. Aber darüber haben wir schon ab und zu Schönes und Edles gelesen. Ich meine, das Erleben der Natur mit ihren Kräften und Gewalten lässt sich kaum anderswo so nah und echt erfahren wie im Leben in den Bergen, denn diese Berge haben uns doch etwas zu sagen, wenn wir sie bestaunen und erklettern.

Die Berge zeigen uns in ihrer gewaltigen Grösse, mit den steil abfallenden Wänden und schroffen Gräten, im donnernden Steinschlag und rollendem Gewitter, dass sie mit ihrer ganzen Macht da sind und dass wir — wollen wir uns an sie heranwagen — ernsthaft ihre Schwierigkeiten und Gefahren zu erwägen und zu berücksichtigen haben. Wir lernen also gründlich mit einem Gegenüber, einer Umwelt rechnen, der wir unsere Person anzupassen haben. Werden wir auf leichter Fahrt von einem Wetterumschlag überrascht, tritt eine neue, vielleicht unvorhergesehene Macht uns entgegen. Auf solchen Fahrten werden uns Mächte- und Kräfteproportionen zwischen Berg und uns, zwischen Natur und Mensch handgreiflich sichtbar. Im gewöhnlichen Alltag denken wir oft recht wenig an die natürliche Umgebung mit ihren Gesetzen und Rechten, weil sie nicht so mächtig und handgreiflich uns beeindrucken. Und doch fällt und liegt jeder Stein nach seiner bestimmten Gesetzmässigkeit, jede Pflanze wächst und gedeiht nach ihrer Natur, und jedes Tier ernährt sich und pflanzt sich fort nach präzisem Instinkt. Und erst beim Menschen finden wir neben seinen Naturgesetzen, nach denen er lebt und denkt, seine Persönlichkeitsrechte, die vom Einzelmenschen wie von der Gemeinschaft, dem Staate, respektiert werden müssen. Vergehen gegen diese Menschenrechte führen zum Ruin der menschlichen Ordnung. Wenn uns die Berge zeigen, dass nicht nur sie mit Naturgesetzen mächtig bewaffnet sind, sondern die ganze Natur in und um uns geordnet und auf ein Ziel ausgerichtet ist, dann haben die Berge uns viel gezeigt und uns auch gelehrt, die Rechte des Mitmenschen zu achten und mit ihm rücksichtsvoll, wahr und gerecht zu verkehren.

Bei der Erkenntnis dieser Gesetzmässigkeit, dieser harmonischen Verhältnisse der vernunftlosen und denkenden Natur drängt sich uns die Frage nach dem Ursprung dieses gewaltigen, genau geregelten Kosmos auf. Es leuchtet jedermann ein, dass die tatsächliche Ordnung und Zweckmässigkeit in der erkenntnislosen Natur, wie sie faktisch uns im Mineral-, Pflanzen- und Tierreich vielfältig entgegentritt, unbedingt eine Intelligenz voraussetzt. Wo Ordnung ist, ohne ein ordnendes Prinzip im Geordneten selbst, da muss ein fremdes Prinzip die Ordnung von aussen hineingebracht haben. Diese Ordnung und Zweckmässigkeit in der erkenntnislosen Welt hängt sicher nicht vom Menschengeiste ab, denn er vermag die Gesetze der Schwerkraft, den Lauf der Sonne und den Instinkt der Tiere nicht zu ändern. Die Ordnung ist auch grundlegender, weil auch das menschliche Erkennen und Wollen von ihr abhängt. Diese Zielstrebigkeit der vernunftlosen Natur muss also von einem Erstintelligenten, das nicht mehr von einem andern geleitet und abhängig ist und alle einzelnen Ziele der verschiedensten Gattungen überblickt, herrühren, und das nennen wir Gott. Darum singen die grossen Sänger des Alten Testamentes wunderschöne Lobgesänge und Psalmen auf den Schöpfer und lassen selbst Hitze, Schnee, Kälte und Eis, Berge und Hügel, Blumen und Tiere ihren Schöpfer preisen ( vgl. Dan. 3, 57-88, 56; Psalm 94, 95,8 ). Ähnlich hat auch der hl. Franziskus, überwältigt von Gottes Schönheit und Macht in der Natur, seinen « Sonnengesang » gesungen.

Wenn uns gewaltige Bergmassive, verschrundene Gletscher und saftige Alpenmatten mit ihren Blumen und Herden den Schöpfer zeigen und ihn durch ihre Schönheit verherrlichen und wir dann mitsingen, dann ist eine Bergfahrt für uns mehr als nur körperliche Entspannung.

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