Die Meije im Winter

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Von Kurt Kussmaul.

Bevor die Südalpen verebbend zum Mittelmeer hinuntersteigen, schäumen sie noch einmal wild auf in dem Eismeer und den Aiguilles des Dauphiné. Im Sommer viel besucht, scheint sie im Winter Niemandsland. Unsere Spur irrte allein über das Eis des sonst so stürmischen Vénéon zum Bergsteiger-dörflein St-Christophe und dem endlosen Tale nach zum noch in den ersten Tagen des März im Schnee vergrabenen La Bérarde.

Der schönste hochalpine Skigang, den man von dort aus wählen kann, führt über den von einem Steilbruche durchzogenen Glacier du Chardon auf die über 3600 Meter hohen Les Rouies. Als wir die letzten Felsen zu Fuss erledigten, besiegte die südlich heisse Sonne gerade die hartnäckigsten Nebelfetzen, die das Etançons-Tal belagerten. Und aus dem Nichts erstand in der Ferne eine mächtige schwarze Mauer — unglaublich in ihrer haltlosen Steilheit — la Grande Muraille de la Meije. Sie schien schneefrei. Ihr zeitweises Aufleuchten wie von einem fernen Blinkfeuer missdeutete ich; es schien mir ein unverständlicher Gruss — es war das klare Eis, das das Schmelzwasser des Glacier Carré über die schwarzen Felsen gezogen hatte... Da reifte in mir ein Plan, übermannte mich wie eine grosse Idee, die ihren Schöpfer unterwirft. Und ich schoss hinunter zu den braunen Hütten von La Bérarde mit eben so eiligen wie stolzen Bögen, weil ich glaubte, der erste zu sein, der den Mut hatte, einer solchen Wand im Winter zu Leibe zu rücken.

« Bonjour, mon vieux! Comment ça va? » rief mir ein unter der ersten Haustüre stehender junger Mann zu — Auguste Rodier, ein Führer erster Klasse, der mir aus meinem Bergführerskikurse 1927 gut bekannt war. Das letztemal hatten wir uns an der St. Moritzer Olympiade gesehen, wo er sein Land vertrat. Was für ein Glück ich hatte, ausgerechnet ihn zu treffen! Nach wenigen Minuten war er in meinen Plan eingeweiht. Als bekannter französischer Ski-Rennfahrer war er ausgezeichnet trainiert, ich selbst drei Monate auf den Brettern, und als Dritter im Bunde gesellte sich zu uns Alexandre Richard, der als Postläufer täglich dreissig Kilometer erledigte. An Ausdauer waren wir drei wohl nicht so leicht zu überbieten.

So schnell ich mich auf Les Rouies entschlossen hatte, so schnell willigten meine Begleiter ein, trotzdem auch die Bergführer in La Bérarde von einer früheren Winterbesteigung der « paroi » nichts wussten. Als meine Freunde, die am nächsten Tage Grenoble erreichen wollten, von der Skitur zurückkehrten, sahen sie uns schon gerüstet.

Drei Stunden Schlaf, dann brach der 16. März an; ein Frühstück, hastig verschlungen mit der Unruhe vor einer grossen Entscheidung, dann war es 1 Uhr, und mit einem Händedruck des père Richard, dem einzigen Mitwisser unseres Planes, traten wir in die mondklare Nacht hinaus. « Bonne chance! » Wir dankten. Für Winterturen durch die Meije-Wand wird man immer etwas chance nötig haben.

Drei Schatten huschten um die Tête de la Maye herum. Vallée des Etançons. Tief eingeschnitten liegt es zwischen den Steilwänden der Plaret-und der Grande Ruine-Kette und läuft direkt auf die dunkle Barriere der Mei je-Südwand, einer Mauer aus schwarzen Plattenschüssen mit einem weissen Stern, dem glitzernden Glacier Carré. Zum Refuge du Châtelleret ist die Steigung so gering, dass Rodier uns in leichtem Langlauftempo anführen konnte. Ein kalter Wind Hess uns das Anbringen der Felle als etwas mehr als gewohnte Unannehmlichkeit empfinden. Dafür erreichten wir aber leicht über steile Harsthänge den Felssporn, auf dem die Cabane du Promontoire steht. Die Felsen waren so kalt, dass jede Berührung mit den Fingern schmerzte. Deshalb bemühte sich jeder von uns, schnell seine Bretter an sicherem Orte zu bergen und irgendwo hinauf das schützende Dach zu erreichen.

Unser Bärenhunger war gestillt und unsere Säcke bis zum Notwendigsten entleert. Wir lagen noch zwei Stunden in den Decken, da bei der herrschenden Kälte an Klettern nicht zu denken war. Erst um halbacht Uhr standen wir auf dem zerrissenen Grate über der Hütte, der fast sommerliche Verhältnisse bot. Auch der Quergang durch die Wand nach links erwies sich als nicht anstrengend. Ganz anders aber das nun folgende bekannte Schneecouloir, durch welches wir mühsam, Pulverschnee wühlend oder im Bruchharst einbrechend, die Pyramide Duhamel und damit den Fuss der Grande Muraille erreichten. Hier, am Ziele unserer Wünsche, machten wir die peinliche Beobachtung, dass wir uns in den Verhältnissen sehr geirrt hatten. Auf dem flachen Dachfirste der Pyramide war der Schnee fast einen Meter tief.

In den Griffen und allen flacheren Teilen der Wand lag Schnee, was man von unten nicht hatte sehen können, und die bekannten Druck-Kletterstellen waren vom gefürchteten Wassereis überzogen. Ich glaube, auch gewohnte Bergsteiger, die zum ersten Male an diesem abrupten Felswalle hinaufsehen, werden sich zweifelnd fragen, ob er überhaupt zu überwältigen sei. Aber unser Rodier, einer der hoffnungsvollsten jungen Führer des Oisan, begann trotz der wenig erfreulichen Aussichten mutig den ersten steilen Quergang nach rechts. Bei trockenem Fels denke ich mir die ganze Kletterei in der schwindelnden Wand zum Dos de l' Ane als etwas vom Reizvollsten, was es gibt. Bei den ersten Quergängen in der unteren Wandpartie fand ich im tritt-reichen Gestein mit meinen Gummisohlen, die ich auf dieser Fahrt zum ersten Male ausprobierte, den besten Halt. Dafür war ich am glatten Buckel des Pas du Chat vollkommen dem Schicksal ausgeliefert, so dass ich ins Seil rutschte und Rodier mir helfen musste; und ihnen ist es auch zuzuschreiben, dass mir der Sprung zum Griff an der Dalle des Autrichiens gründlich missglückte.

Die Sonne war mittlerweile über die Ruine-Kette gestiegen und machte den Gang durch das über das Eis fliessende Schmelzwasser so haltlos, dass wir ehrlich froh waren, nach drei Stunden den Glacier Carré zu erreichen. Das wurde mit einer kurzen Ruhepause gefeiert. Die Hitze war drückend geworden. Nicht knietief, sondern bis zur Hüfte sanken wir in den Schneebrei des kleinen Gletschers ein. Wenn ich an meine vielen Bergfahrten zurückdenke, so habe ich auch bei den anstrengendsten nie eine so zermürbende Stunde verbracht. Vollständig erschöpft erreichten wir das erlösende obere Ufer.

Unser Alexandre war nur noch mit Mühe und mehreren tiefen Zügen aus der mitgetragenen Zweiliterflasche — die bei den Dauphineführern zur alpinen Ausrüstung gehört — zur letzten Anstrengung zu bewegen. Der stolze Grand Pic de la Meije war zum stumpfen Kegel zusammengesunken. Einzig das Cheval Rouge, eine glatte, geneigte, rote Platte, die man, auf dem Bauche rutschend, überwindet, setzte uns noch ein bedeutenderes Hindernis entgegen. Der gewaltige Tief blick nach La Grave spornte unsere Kräfte, und um 1230 Uhr erreichten wir den Gipfel.

Unvergleichliche Stunde, in der meine Blicke von einem unbekannten Abgrunde zum andern und in den unendlich tiefen, südlich blauen Himmel wanderten. Besonders folgten sie aber den zerrissenen arêtes de la Meije zum drohenden Gottesfinger des Pic Central, der sich über den Abgrund von Etançons beugt, eine freudige Erinnerung an erste unternehmungslustige Bergsteigertage.

Schneller als gedacht ward im Abstieg der Infernogletscher wieder erreicht und mit wütendem Stampfen bergab auch bald überwunden, während kleine Lawinen sich von unserer Spur lösten und unten über die jähe Wand hinunterschossen. Wir beeilten uns um so mehr, als man auf der ganzen Gletscherstrecke durch Schneerutsche aus dem Rocher du Grand Pic und den seitlichen Wandstellen gefährdet war. Welches Bild bot aber jetzt die « paroi »! Ein Rauschen, ein helles Klirren der von Klippe zu Klippe stürzenden Eiszapfen erfüllte sie — die Wand war lebendig geworden. Rodier machte ein besorgtes Gesicht. Es war klar: wenn es uns nicht gelang, die gefährlichsten Stellen zu überwinden, bevor die Kälte das Wasser erstarren liess, konnten wir über Nacht irgendwo in der Wand stehen bleiben. Drei Sitzplätze wären kaum zu finden gewesen. Deshalb eilten wir drei durch den Hagel von Schneeblöcken und Eiszapfen so schnell es ging, uns nur an jenen Stellen sichernd, wo der Fels sich gar zu sehr ins Leere beugte. Richard ging zuvorderst, ich in der Mitte, und Rodier war unser Rettungsanker. Ohne das vollste Vertrauen in ihn hätten wir wohl kein solches Tempo einschlagen dürfen, wie es wegen der durch das Tauen und die fallenden Schneeschollen losgelösten Steine geboten war. Das Schmelzwasser lief nicht mehr tropfend, sondern geradezu sprudelnd über die Steilwand.

Späteren Meije-Besteigern im Winter möchte ich sagen, dass man immer mit dieser sehr unangenehmen Zutat des Abstieges wird rechnen müssen; geht es doch lange, bis der auf den Gesimsen sich anklammernde Schnee selbst der südlich heissen Dauphinésonne zum Opfer gefallen ist. Und besonders das Lawinensammelbecken des Glacier Carré wird bei der starken Schmelze im Frühjahr einen Teil der Strecke ständig unter Wasser halten. Es ist klar, dass die Belästigung durch das Wasser an grauen Tagen geringer sein wird. Dann ist aber mit einer in der steilen Wand sehr hinderlichen Kälte zu rechnen, und das den Aufstieg erschwerende Felseneis wird im Abstieg geradezu gefährlich. Einzig ein Biwak auf dem Glacier Carré würde die Möglichkeit bieten, den Durchstieg der « paroi » jeweils zur günstigsten Zeit in den Morgenstunden zu bewerkstelligen. An den ersten schönen Tagen nach Neuschneefällen ist meiner Ansicht nach von dem Abstieg nur abzuraten; Die am Ende meiner Beschreibung genannten Führer lösten das Problem, indem sie die Meije überschritten. Allerdings geht einem damit der mächtige Eindruck der Südmauer, den man natürlich besonders im Abstieg erhält, verloren.

Der losgetretene Schnee fiel auf uns Vorderleute. Dazu stöhnte Rodier vor heftigsten Kopfschmerzen; er hatte sich entgegen meinem Ratschlage während des ganzen Tages nicht gegen die Sonne geschützt und fieberte* Das Seil hatte sich voll Wasser gesogen, war schwer geworden und schleifte über den Fels. Dass wir die bekannten Mauvais Pas so flüssig überschritten, war Rodier zu danken, der, um Zeit zu sparen, uns beide schnell hinunterrutschen liess und trotz seines offensichtlich geschwächten Zustandes fast ohne uns aufzuhalten nachfolgte. Der Tiefblick ins Val des Etançons muss sehr schön sein; wir hatten keine Zeit, aus der Wand die Aussicht zu geniessen. Wir beschäftigten uns mit Griffen, Tritten, dem Seil und dem Vordermann, und wenn man fortsehen konnte, so schaute man nach oben, um den Geschossen auszuweichen.

Es gibt wenige solche Wände, die auf Gipfel von fast 4000 Meter Höhe führen. Die Sache war ernst — wir sprachen nur, wenn es die Lage erforderte. Das Glück war uns hold. Einige Eisschollen flogen zwar ins Seil, aber das rettende weisse Dach der Pyramide Duhamel kam näher und näher. Zwei Stunden hatten wir im Aufstieg auf die eigentliche « paroi » verwendet. VII3 Trotz der geschilderten Verhältnisse gelang es uns, im Abstiege diese Zeit fast ein uhalten. Die Pyramide ward erreicht, und damit hatten wir wieder sicheren Boden unter den Füssen. Bis hierher hatten wir kaum über unsere Lage nachgedacht — es ist gut, wenn einem in solchen Situationen dazu keine Zeit bleibt. Der faule Schnee im Couloir war wohl etwas gefährlich, gestaltete aber das Fortkommen angenehm mühelos. Nachdem die Sonne untergegangen, war die Cabane du Promontoire erreicht. Es war kurz nach 6 Uhr.

Dort trafen wir zu unserem Erstaunen drei Führer: Pierre Turc aus La Bérarde, den ich von meinem Skikurse her kannte, und die Mont Blanc-Führer Delachat und Arthur Ravanel. Wir verstanden uns gut, wenn auch unsere Anwesenheit gegenseitig nicht die angenehmsten Überraschungen brachte. Denn sie teilten uns mit, dass wir nicht die ersten Winterersteiger der Meije-Wand seien, sondern dass Dalloz und Armand schon im Jahre 192C die Aufgabe gelöst hätten, wenn auch nicht wie wir an einem, sondern in drei Tagen. Hatten sie doch im Abstiege in der Südwand biwakieren müssen. Und unser Hiersein sagte ihnen, dass sie nicht die Zweiten sondern die Dritten waren. Aber wir haben uns doch gefreut. Trotzdem sind sie gegangen. Auf den Rang kommt es nicht an; die Meije wird immer eine anspruchsvolle Bergfahrt bleiben.

Die Plauderstunde war bald vorbei. In dem uns zu Ehren von den Führern gestifteten Teekessel war kein Tropfen übrig geblieben, und Rodier hatte die kurze Pause so gut getan, dass er sich fast völlig erholt fühlte. Ein « bonne chance » den Zurückbleibenden, dann traten wir in die mondhelle Nacht hinaus. Diesmal machten wir uns nicht über die Felsen, sondern durch den Schnee zur Rechten zu unsern Brettern, die nicht die Welt, aber für uns doch die einzige Möglichkeit bedeuteten, in einem Tage den Grand Pic de la Meije zu erstürmen und wieder zum Abendessen heimzukehren. Auf der gleitenden Fläche war alle Müdigkeit verschwunden; zerrissene Hosen und zerschundene Hände wurden vergessen. Ein mondbeschienener Slalom durch die ersten Steilhänge und eine sausende Schussfahrt, dann war das Refuge du Chatelleret erreicht. Ein kleiner Dauerlauf bildete die letzte kleine Anstrengung des Tages.

Kurz nach 8 Uhr verschwanden wir nach zwanzigstündiger Abwesenheit in den braunen Hütten von La Bérarde — mit etwas wankenden Knien und der Überzeugung, dass die Meije-Südwand doch auch zu jenen Fahrten gehört, die man gescheiter im Sommer macht.

Gebrauchte Zeilen:

Ab Bérarde100Ab Grand Pic 13 » An Promontoire... 520An Promontoire... 1810 Ab Promontoire... 730Ab Promontoire... 1910 An Glacier Carré... IO30An Bérarde 2020 An Grand Pic 1230

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