Die Mystik des Bergsteigers

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WURDE UNSERE BERGWELT ERST DURCH DIE MODERNE TECHNIK ERSCHLOSSEN?

VON JOHANNES WANDERER

Im Zeitalter der Schlosserei und übrigen Technik wäre es naheliegend, dass ein leidenschaftlicher Bergsteiger und Naturfreund, geboren gegen Ende des letzten Jahrhunderts, von seinen « grossen Taten » zu erzählen versuchte, oder dass er mit Hilfe einer öffentlichen oder improvisierten Luftseilbahn einen Winter-, Zeit- und Altersrekord protokollieren liesse. Dieser Versuchung möchte ich jetzt nicht erliegen, da für die alpine Literatur kaum wesentlich Neues hinzugefügt werden könnte.Vereinzelte Hakensicherungen entfernte ich jeweils am gleichen Tag oder kurze Zeit nachher wieder, so dass durch meine Anwesenheit kein Berg wissentlich geschädigt wurde. Einige nicht alltägliche Erlebnisse sollen nachstehend doch festgehalten werden.

Als ich etwa im 21. Altersjahr stand, bot sich mir die Gelegenheit, an einer Überschreitung des Weissmies im Wallis teilzunehmen. Schon das Wort Wallis hatte für mich einen besonderen Klang. Beim Südabstieg in der Mittagszeit benützten wir die einzigartigen, langen Abfahrten. Aber der zweite Tourist hatte keine Erfahrungen im Stehendabfahren; als er stürzte, riss er auch den ersten Touristen um, so dass ich als dritter ebenfalls den Stand verlor und mich im Seil verwickelte. Ich rechnete mit einer unfreiwilligen Abfahrt von vielen 100 Metern, wobei es nicht ohne Verletzungen oder Unfälle abgelaufen wäre. Mit der grössten Selbstverständlichkeit und ohne ein Wort zu sagen konnte der zuletzt gehende Bergführer Venetz Medard ( geb. 1885 ) stehend nach etwa 30 Metern die ganze Partie aufhalten. Er war der einzige, welcher nicht stürzte, und meine Bewunderung war grenzenlos.

Als ich im September des Jahres 1920 allein auf die Weisse Frau stieg, studierte ich mit meinem Feldstecher auch noch den Aufstieg auf das Balmhorn über den steilen Fluhgletscher. Da ich keine Routenbeschreibung besass, nicht einmal wusste, wie man überhaupt hinaufkam, war es für mich eine Art « Erstbegehung », wobei das Erklettern der untersten Felsstufe, die Besichtigung zweier Gletscherhöhlen und das darauffolgende Stufenschlagen spannende Abwechslung boten.

Ein noch grossartigeres Erlebnis war der Sologang auf den Mont Blanc über die Aiguille du Goûter im Jahre 1922. Die Vorbereitungen geschahen sorgfältig. Allerdings fehlte mir eine Windjacke, und Meta gab es damals noch nicht. Schuhe, Pickel und Höhenmesser waren einwandfrei, aber gegen die grimmige Kälte - minus 8° C in der Mittagszeit - schützte ich mich nur mit gewöhnlichen Kleidern und mit einem grossen Quantum Enthusiasmus. Hätte ich die im Rucksack mitgeführten zwei Gletscherbrillen rechtzeitig benützt, wären mir starke Augen- und Kopfschmerzen erspart geblieben. Einige Tage verbrachte ich in einem dunkeln Zimmerchen auf der Tête Rousse, bis ich später an der Aiguille de I'M wieder Abseilübungen vornahm. Ein anfängliches Biwak - ohne Zelt, Schlafsack, Regenschutz - wurde durch Blitz, Donner und Platzregen jählings unterbrochen. Bei Kerzenbeleuchtung landete ich gegen Mitternacht im Hotel Montanvert, wo ich von einem echt französischen Portier nach längeren Ermahnungen freundlichst aufgenommen wurde, so dass ich unter bester Verdankung für seine Liebenswürdigkeit und nach einem heissen Bad in ein sauberes Bett steigen durfte. Peinlicher war für mich die Pfütze unter meiner Garderobe, und nur mit Hemmungen setzte ich mich mit nassen Kleidern in den Frühstückssaal. Da ich damals keinem Menschen Rechenschaft schuldig war, hatte ich meine beabsichtigte Mont Blanc-Besteigung zum vornherein verschwiegen. Mit dem Erscheinen einer allfälligen Rettungskolonne rechnete ich nie, und Helikopterflüge auf Gletschern waren damals noch nicht üblich. Selbstverständlich warne ich heute alle meine Freunde und Söhne vor der Alleingängerei. Letztere muss nun aber nicht unbedingt jugendlichem Leichtsinn entsprungen sein. Dass sich ein Alleingänger nicht überall beliebt macht, bekam ich frühzeitig zu spüren. Eigentlich hatte ich den Alleingang nicht gesucht, er wurde mir zeitweise aufgedrängt. Zwei frühere Versuche aus dem Jahre 1920, den Mont Blanc im Winter zu zweit ( ohne Skizu besteigen, mussten wegen grimmiger Novemberkälte und wegen Zeitmangel auf der Aiguille du Goûter ( 3800 m ) abgebrochen werden. Darauf siedelte mein Tourenkamerad nach Amerika über. Geeignete Freunde fehlten mir öfters, und mein Lebensschiff hatte unerwartete Schwierigkeiten zu überstehen. Durch gelegentliche Sologänge blieb mir Schlimmeres erspart. Selbstverständlich hatte ich jeweils vorgängig versucht, mich geistig auf eine grosse Tour vorzubereiten. Auch studierte ich theoretische Werke und hatte mitunter unbewusst, bald bewusst das Gefühl, gegen heimtückische Gletscherspalten, gegen Eis, Kälte, Sturm, Hitze, Durst und gegen die eigene Trägheit kämpfen zu müssen. Damals kannte ich das beglückende Gefühl einer innigen Freundschaft mit einem bestimmten Berg noch nicht; nein, der Berg glich eher einem prachtvollen Königstiger oder Eisbären, den man bewundert, aber dem man sich doch nur mit einem gewissen Respekt nähert.

Im 7. Jahrzehnt meines Lebens kam ich unerwartet nochmals in die Gegend der Dent du Midi, und die Besteigung der Forteresse bedeutete für mich ein besonders gnadenvolles Geschenk. Es war weder ein Kampf noch ein Krampf, denn die Forteresse zeigte sich von der liebenswürdigsten Seite. ( Demnach hatte ich ursprünglich mit grösseren technischen und altersbedingten Schwierigkeiten gerechnet. ) Da meine Lebensgefährtin die Geröllstampferei gar nicht schätzt, während ich solche Monotonie vielleicht fatalistisch über mich ergehen lasse, hatte ich meiner Bergkameradin empfohlen, sich im Zelt auszuruhen und im Lac de Salanfe zu baden. Nach kurzer Nachtruhe -zwei Tage nach Vollmond - und nach einer etwas langweiligen Moränensteigerei kam ich am sehr frühen Morgen unerwartet rasch auf den reizvollen Gletscher, Plan névé genannt. Ich war ergriffen, la Cathédrale und la Forteresse in nächster Nähe zu sehen. Im Augenblick, da die ersten Sonnenstrahlen den Gletscher beleuchteten, schloss ich Freundschaft mit ihm und begrüsste ihn spontan mit den Worten: « Ah, bonjour; comme vous êtes gentil, vraiment, vous êtes bien gentil et aimable. » Ob darin vielleicht das Geheimnis liegt, dass mir auf sehr vielen Bergtouren nie ein Unfall zugestossen ist, während aus meinen Erfahrungen heraus Krankheiten und Unfälle vorwiegend tal-gebunden sind?

Damit sind wir unbemerkt bei der Bergsteigermystik angelangt. Vor einem « unfehlbaren Natur-instinkt » sei ebenfalls gewarnt, denn gewisse atavistische Fähigkeiten sind dem modernen Menschen verlorengegangen. Mit grossem Interesse lese ich immer wieder von ähnlichen Bergerlebnissen. Öfters bewegen wir uns an Grenzen, wo rationales, also verstandesmässiges Denken nicht mehr ausreicht. Hören wir von zwei Bergsteigerkameraden, welche sich in einem gefährlichen Couloir befanden. Sie stritten sich, ob man eine schwierige Seitenrippe benützen sollte, während die Benützung des Couloirs eindeutig als leichter eingeschätzt wurde. Der Unnachgiebigere verlangte, dass man die Seitenrippe benütze, ohne eine plausible Begründung vorbringen zu können. Kaum hatten sie jene Rippe erreicht, fegte eine Stein- und Eislawine das ganze Couloir hinab, ohne dass die Bergsteiger verletzt wurden.

Noch schwieriger zu « begreifen » ist jene bekannte Geschichte: « Der Mann im Nebel » von Alfred Graber. Eine geisterhafte Erscheinung bringt drei auf dem Trientgletscher verirrte Bergsteiger zum längst ersehnten Refugium. Im Buch: « Schweizer Bergführer erzählen » wird ein Lawinenunglück im Engadin geschildert, wobei die Bergführer und fast alle Teilnehmer gerettet werden können. Tragischerweise sind zwei Schwestern nicht mehr zum irdischen Leben zurückgekehrt. In der gleichen Stunde stirbt ihr Bruder als Folge einer Explosion in einer Munitionsfabrik in Italien, also örtlich weit entfernt und unter ganz anderen Umständen.

Als ein Bergkamerad, den ich überaus schätzte und um seiner beruflichen Exaktheit, seines umfangreichen Wissens, seiner jugendlichen Begeisterung und Originalität wegen beneidete, im 65. Altersjahr durch Steinschlag überrascht wurde, war ich zutiefst erschüttert. Nachdem aber dieser Gärtner, Heuer, Kletterer, Skifahrer, Botaniker, Wissenschafter, Arzt und Philanthrop für die Volksgesundheit wertvolle Arbeiten abgeschlossen hatte, musste ich in diesem Geschehen doch ein höheres Walten erkennen. Niemand hätte ihm an Stelle des Todes noch jahrelange Invalidität gewünscht. Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis.

kanäle beliebten Zeitvertreib. Selbstverständlich gingen wir einem Massenandrang immer aus dem Wege, schon des Steinschlages wegen.

Grausam ist die Tatsache, dass ein Adler Jungtiere holt. Wir versuchten unsern Kindern klarzumachen, dass der Schöpfer solche Tragik zulässt, dass der Adler sich nicht nur von Mäusen ernähren könne, besonders wenn er ein Junges im Nest hat, und dass er zuerst ein « ungehorsames » Tier raubt. Gleichzeitig wird auf die heroische Verteidigung durch Gemsen hingewiesen. Einen unauslöschlichen Eindruck hinterlässt die « Pädagogik » der Gemse immer, besonders wenn man erleben darf, wie eine Gemsenmutter drei- oder viermal über die gleiche Gletscherspalte springt, bis das sehr junge Tier ihr nachfolgt und sich nachher keinen Schritt von der Mutter entfernt.Und der Adler, welcher Kinder holt? Einen nicht geringen Schreck erlebte ich, als sich ein Adler ein junges, drei Kilogramm schweres Schaf holte und später aus mehr als 200 m Höhe fallen liess. Am gleichen Tag wurde unser Jüngster gewogen und zu meiner Beruhigung war er zehn Kilogramm schwer. Bekanntlich kann ein Adler eine ganze Schafherde in Verwirrung bringen, was mit dem Herdentrieb und der Angst zusammenhängt. Hier kann wiederum auf die Individualität und den Mut der Gemsenmutter hingewiesen werden. Glücklicherweise erweisen sich gewisse Adlererzählungen als Legenden.

Erstaunlicherweise ertrugen unsere angeseilten Kinder Sturzbäche und Gewitter verhältnismässig gut. Schlimmer war, dass wir ahnungslos und ohne vorherige Warnung in beängstigende Nähe von Artillerieeinschlägen und Bombenabwürfen gerieten, anlässlich von militärischen Übungen in der Nähe des Risipasses, etwa im Jahre 1946. Mein fünfjähriger Knabe sagte damals: « Das hören meine Öhrli nicht gerne, sie hören lieber etwas anderes! » Im gleichen Jahr erzählte mir auch ein Militärarzt, wie er mit seiner Familie ahnungslos über den Windenpass gekommen sei und sich nur mit Mühe aus dem Zielgebiet entfernen konnte, während ein anderer Tourist stundenlang hinter einem Felsblock in Deckung warten musste.

Wer als Erzieher und als Kamerad Kinder auf Bergtouren mitnimmt, und auf die altersbedingten Leistungen Rücksicht nimmt, wird erfreuliche Erlebnisse verbuchen dürfen. Als ich mit unserem 4j/2Jährigen Mädchen den 3. und 4. Kreuzberg bestieg, setzte ich stillschweigend eine vierfache Besteigungszeit voraus. In der Scharte sagte das Mädchen spontan: « Bei uns zu Hause ( in der Ebene ) gehört der Boden den Kühen, in den Bergen ( Alpen ) den Geissen, aber dieser schöne Garten gehört dem lieben Gott. » Unter einer Bergföhre hielt es folgenden Dialog, wobei es die Fragen des Baumes offenbar « hörte »: « Grüezi liebe Baum », ( wie got 's ?), « Jo guet », ( wohin geht ihr ?), « Uf de Berg ufe. » An einer ausgesetzten Kletterstelle sagte das fünfjährige Mädchen: « Gelt, hier muss man aufpassen; aber das Käferli nicht zertreten; trage Sorge zu den schönen Blumengärtlein ( Flühblüemli ), sonst haben die Gemslein keine Freude an uns. » Im Traum sei ein Reh ins Heulager gekommen und an einer Stange ( Wegweiser ) sei ein « Zettel von Blech » angenagelt gewesen mit der Schrift: « Kreuzberge. » - Besondere Eindrücke brachte der Tief blick vom Stauberngrat aus: « Das ist aber fein, wie ein Teppich sieht die Wiese aus. » Eine kleine anhängliche Ziege wurde als « Schwesterchen » bezeichnet und blieb stundenlang unter der Pelerine des Mädchens. Am nächsten Tag waren sie unzertrennlich.

Als meine Frau und unser kleiner Knabe, etwa eine Viertelstunde oberhalb der Bovalhütte, im Zelt übernachteten - im Jahre 1943 -, um am nächsten Tag den Piz Morteratsch zu besteigen, hielt sich unser Knabe, den wir beim Zelt zurückliessen, genau an unsere Ratschläge, nämlich: erst aufstehen, wenn die Sonne scheint, Dörrobst und Tee auf den ganzen Tag verteilen, nicht fortlaufen und im Falle eines Gewitters ein Höhlendach benützen. Als wir nachmittags etwa um 3 Uhr unsern Knaben in gutem Zustand antrafen, waren wir glücklich. Unangenehm war höchstens, dass 205 Am 13. September 1932 gelangte ich mit einem lieben Freund aus St. Moritz über die Fortezza in das Rifugio Marco e Rosa, welches bekanntlich auf 3600 m liegt. In der Hütte verbrachten wir eine stürmische Nacht. Nur wenige Bergsteiger nächtigten. Mein Begleiter erklärte am andern Morgen, bei diesem Sturm auf eine Besteigung des Piz Bernina verzichten zu wollen. Ich bat ihn, in der Hütte auf mich zu warten, was er mir unter den Wolldecken hervor bereitwilligst versprach. Da sonst niemand Lust für eine Besteigung zeigte, zog ich unbeschwert, ohne Rucksack, nur mit Pickel und Handschuhen auf den Spallagrat. War ich seinerzeit auf dem Gipfel des Mont Blanc ziemlich erschöpft und durchkältet angekommen, musste ich damals alle fünf Minuten Atem schöpfen, Nase, Ohren und Hände massieren. Ich staunte beim Piz Bernina um so mehr, mit welcher Leichtigkeit ich auf 4000 m Höhe schweben durfte. Wörter, wie schweben oder hüpfen vermögen nur annähernd meine Geistesverfassung auszudrücken, denn ich war zeitweise im Begriff, die « normale Erdenschwere » zu verlieren. Der letzte Schnee- und Eisgrat verläuft waagrecht, kann aber sehr schmal sein. Da der Sturm stossweise drückte, galt es sich vorzusehen. Mehrmals schlug ich in Hockestellung den Pickel ein, um beim Nachlassen des Sturmes zwei oder drei Schritte ruckartig weitergehen zu können. Ich erinnere mich heute noch genau, dass ich eine gewisse Vorsicht beobachtete, aber keine Spur von Angst fühlte.Vielleicht war ich in einer leichten Ekstase. Auf jeden Fall hatte ich ein beglückendes Gefühl, als ich mehrmals deutlich die Worte « von aussen » hörte: « Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. » Mehrmals musste ich mich umschauen, woher diese Worte kämen...

Die Bergwelt des Kindes Ein ehrgeiziger Vater kann auf die ausgefallene Idee kommen, sein Kind auf einen Viertausender hinaufzulotsen. Dem Kinde wird dadurch kein Dienst erwiesen, denn es ist wahrscheinlich nicht in der Lage, eine grossartige Rundsicht zu erfassen. Als ich ungefähr sechsjährig war, betrachtete ich im Vordergrund einen scheinbar höheren Felsgipfel, während ich den zurückliegenden Titlisgipfel unbedingt als niedriger einschätzte. Alle Erklärungen über den in Wirklichkeit höheren Gletschergipfel konnten mich nicht überzeugen. Romantische Erlebnisse, Höhlen, Bäche, Wasserfälle, Gemsen, Murmeltiere oder leichte Klettereien lassen auch in einem Kleinkinde eindrückliche Erlebnisse erwachen. Zweifelhaftes Wetter darf nicht unbedingt benützt werden, es sei denn, man sei gewillt, im Notfall das Kind in den Rucksackriemen zu tragen. Wir bilden uns nicht ein, Musterkinder gehabt zu haben, aber es galt einige wichtige Vorschriften zu beachten. Selbstverständlich überliessen wir ein Kleinkind nicht stundenlang sich selbst, ohne dass wir wussten, wie es sich verhalten würde. Wir entfernten uns vorerst nur für eine Viertelstunde und beobachteten es häufig durch den Feldstecher. Es ist verfehlt, ein Kind mit Vorschriften zu « überschwemmen », da sein natürliches Denken beeinträchtigt wird. Aber Ungehorsam in den Bergen kann sich schlimmer rächen als im Tal. Sofern nur die geringste Möglichkeit eines Absturzes bestand, seilten wir unsere Kinder, auch wenn sie den technischen Schwierigkeiten mühelos gewachsen waren, an, denn ein Kind ist unberechenbar. Als wir in einem entzückenden Bergsee badeten, hatten wir des steilen Ufers wegen den neunjährigen Knaben angeseilt. Beim Klettern machte ich die erstaunliche Feststellung, dass Anweisungen in deutlicher Flüstersprache besonders gut befolgt wurden. Das Kind weiss bald, dass es den Vorauskletternden nicht gefährden darf, und lernt einfache, fachgemässe Sicherungen, wenn auch die Sicherung durch ein Kind vorerst nicht unbedingt ausreichend ist. Langweilige Geröllhalden oder steile Schneepartien können es unnötig ermüden. Wir vermieden erstere oder trugen das Kind vorübergehend. Anderseits bilden « Bausteine » oder Wasser- kanäle beliebten Zeitvertreib. Selbstverständlich gingen wir einem Massenandrang immer aus dem Wege, schon des Steinschlages wegen.

Grausam ist die Tatsache, dass ein Adler Jungtiere holt. Wir versuchten unsern Kindern klarzumachen, dass der Schöpfer solche Tragik zulässt, dass der Adler sich nicht nur von Mäusen ernähren könne, besonders wenn er ein Junges im Nest hat, und dass er zuerst ein « ungehorsames » Tier raubt. Gleichzeitig wird auf die heroische Verteidigung durch Gemsen hingewiesen. Einen unauslöschlichen Eindruck hinterlässt die « Pädagogik » der Gemse immer, besonders wenn man erleben darf, wie eine Gemsenmutter drei- oder viermal über die gleiche Gletscherspalte springt, bis das sehr junge Tier ihr nachfolgt und sich nachher keinen Schritt von der Mutter entfernt.Und der Adler, welcher Kinder holt? Einen nicht geringen Schreck erlebte ich, als sich ein Adler ein junges, drei Kilogramm schweres Schaf holte und später aus mehr als 200 m Höhe fallen liess. Am gleichen Tag wurde unser Jüngster gewogen und zu meiner Beruhigung war er zehn Kilogramm schwer. Bekanntlich kann ein Adler eine ganze Schafherde in Verwirrung bringen, was mit dem Herdentrieb und der Angst zusammenhängt. Hier kann wiederum auf die Individualität und den Mut der Gemsenmutter hingewiesen werden. Glücklicherweise erweisen sich gewisse Adlererzählungen als Legenden.

Erstaunlicherweise ertrugen unsere angeseilten Kinder Sturzbäche und Gewitter verhältnismässig gut. Schlimmer war, dass wir ahnungslos und ohne vorherige Warnung in beängstigende Nähe von Artillerieeinschlägen und Bombenabwürfen gerieten, anlässlich von militärischen Übungen in der Nähe des Risipasses, etwa im Jahre 1946. Mein fünfjähriger Knabe sagte damals: « Das hören meine Öhrli nicht gerne, sie hören lieber etwas anderes! » Im gleichen Jahr erzählte mir auch ein Militärarzt, wie er mit seiner Familie ahnungslos über den Windenpass gekommen sei und sich nur mit Mühe aus dem Zielgebiet entfernen konnte, während ein anderer Tourist stundenlang hinter einem Felsblock in Deckung warten musste.

Wer als Erzieher und als Kamerad Kinder auf Bergtouren mitnimmt, und auf die altersbedingten Leistungen Rücksicht nimmt, wird erfreuliche Erlebnisse verbuchen dürfen. Als ich mit unserem 4j/2Jährigen Mädchen den 3. und 4. Kreuzberg bestieg, setzte ich stillschweigend eine vierfache Besteigungszeit voraus. In der Scharte sagte das Mädchen spontan: « Bei uns zu Hause ( in der Ebene ) gehört der Boden den Kühen, in den Bergen ( Alpen ) den Geissen, aber dieser schöne Garten gehört dem lieben Gott. » Unter einer Bergföhre hielt es folgenden Dialog, wobei es die Fragen des Baumes offenbar « hörte »: « Grüezi liebe Baum », ( wie got 's ?), « Jo guet », ( wohin geht ihr ?), « Uf de Berg ufe. » An einer ausgesetzten Kletterstelle sagte das fünfjährige Mädchen: « Gelt, hier muss man aufpassen; aber das Käferli nicht zertreten; trage Sorge zu den schönen Blumengärtlein ( Flühblüemli ), sonst haben die Gemslein keine Freude an uns. » Im Traum sei ein Reh ins Heulager gekommen und an einer Stange ( Wegweiser ) sei ein « Zettel von Blech » angenagelt gewesen mit der Schrift: « Kreuzberge. » - Besondere Eindrücke brachte der Tiefblick vom Stauberngrat aus: « Das ist aber fein, wie ein Teppich sieht die Wiese aus. » Eine kleine anhängliche Ziege wurde als « Schwesterchen » bezeichnet und blieb stundenlang unter der Pelerine des Mädchens. Am nächsten Tag waren sie unzertrennlich.

Als meine Frau und unser kleiner Knabe, etwa eine Viertelstunde oberhalb der Bovalhütte, im Zelt übernachteten - im Jahre 1943 -, um am nächsten Tag den Piz Morteratsch zu besteigen, hielt sich unser Knabe, den wir beim Zelt zurückliessen, genau an unsere Ratschläge, nämlich: erst aufstehen, wenn die Sonne scheint, Dörrobst und Tee auf den ganzen Tag verteilen, nicht fortlaufen und im Falle eines Gewitters ein Höhlendach benützen. Als wir nachmittags etwa um 3 Uhr unsern Knaben in gutem Zustand antrafen, waren wir glücklich. Unangenehm war höchstens, dass gewisse Passanten den Knaben immer wieder fragten, ob er ganz allein sei, wann seine Eltern zurückkämen, und ob er keine Angst habe. Aber er hatte interessante Wasserleitungen gebaut und musste das Wasser eine Viertelstunde weiter unten mühsam holen. Am Vormittag sei ein herziges « Hundli » öfters auf einem Felsen gestanden, und er habe dem « Hundli » lange Geschichten erzählt und mit seinen Händen gestikuliert. Er war begeistert von diesem Erlebnis und gleichzeitig traurig, weil am Nachmittag das « Hundli » - es war ein Murmeltier - durch die « Kurgäste » verscheucht worden war. Als wir am Piz Columbe ( Lukmanier ) neue Kletterrouten suchten und fanden, rief der zwölfjährige Knabe seiner Mutter zu: « Du musst keine Angst haben, ich werde dich schon sichern. » Ist das nicht eine beneidenswerte Jugend?

Und der oft gehörte Einwand, ob solche Touren nicht gefährlich seien? Als ob in der Grossstadt nicht noch unendlich viel schlimmere Gefahren lauerten, deren Schäden nicht mit Wasser, Seife und Heftpflaster behoben werden können...

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