Die Nordwand

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Jean-François Gal, Genf

Die Nordwand der Grandes Jorasses. Sie ist schon Erinnerung geworden! Und was für eine! Diese 1200 Meter zu besteigen war für uns eine wahre Freude. Die Stellen ziehen an meinen Augen vorüber: Verschneidung von 30 Meter, von 75 Meter, Pendel, schwarze Platten. Und in der Mitte des Névé triangulaire, nach einem unvergleichlichen Sonnenuntergang, werden wir von der Nacht überrascht. Dann das Biwak und Eis... Noch schwitzend von der Tagesanstren-gung, haben wir uns während gut zehn Minuten auf einem schmalen Band niedergesetzt, auf dem man kaum Platz hat. Und es kommt der Moment, in dem wir die Tagesbilanz ziehen. In dieser Stunde, wo sich ein Schweigen niedersenkt, wo der Tag noch zögert, seinen Platz der Nacht zu räumen, geniessen wir Augenblicke unendlichen Friedens... Dass wir uns am Wal-ker-Pfeiler befinden, ist fast Zufall! Natürlich, unser Anfangsziel war die Westseite der Petites Jorasses, aber bei der Leschauxhütte angekommen, schien uns die Nordseite so schön, so verlockend, dass wir nicht umhin konnten, davon zu träumen; angelehnt an die Türe, kann ich meine Augen von der berühmten Wand nicht lösen. Ohne Zweifel, die Bedingungen sind ideal. Ich muss die Sache unbedingt mit Michel und Gabriel besprechen. Aber wie werden meine Freunde diese Programmänderung aufnehmen? Aus Furcht vor einer Absage getraue ich mich nicht, davon anzufangen. Was Michel betrifft, so glaube ich, dass er zusagen wird; aber Gabriel? Er hat dieses Jahr nämlich noch nicht viele Bergtouren unternommen...

Während ich darüber nachdenke, tauchen gerade zwei Männer an der Wegbiegung auf: mein Freund André Blécha und sein Gefährte. Mit einem dritten, ebenfalls Tschechen, bestiegen sie letztes Jahr den Linceul. Nach der Be- grüssung stelle ich ihnen jene Frage, die mir auf der Zunge brennt:

« Wohin geht ihr? » Und André, lächelnd, sagt bloss:

« Dort hinauf! » Indem er nach der Nordwand weist.

Dank diesen zwei Männern ist mein Entschluss gefasst. Die Gelegenheit darf nicht verpasst werden. Ich beschliesse, meine Freunde zu befragen:

« Sag, Michel, was denkst du vom Walker? » Michel antwortet nicht sogleich, sagt dann aber:

« Wenn Gabriel einverstanden ist, marschiere ich... » Gabriel ist weniger begeistert:

« Ich habe nicht genug Training... » Obwohl ich seinen Einwand verstehe, beharre ich:

« Weisst du, mein Lieber, solche Verhältnisse treffen wir in zehn Jahren nicht wieder an. Also... » Er zögert, doch zu guter Letzt erklärt er:

« Morgen früh wird es sich zeigen. » Er hat recht; wir werden um 2 Uhr aufstehen und unseren Entschluss fassen hoffentlich den richtigen.

Um 1.45 Uhr wird eine Lampe angezündet, dann eine zweite - es beginnt sich in der kleinen Hütte zu regen. Noch verschlafen, wäre ich um ein Haar der Länge nach aus dem Bett gefallen, zur grossen Freude Gabriels, welcher unten schläft.

Meine Jungen scheinen heute morgen gut aufgelegt zu sein... glücklicherweise:

« Also, Gab? » « O.K., wir gehen. » Wunderbar! Am liebsten möchte ich ihn umarmen.

Die Tschechen kochen für alle Kaffee, während wir uns fröhlich unterhalten. In der Ecke der Hütte schnürt ein Kletterer schweigsam und ernst seinen Rucksack. Er wirft ihn über den Rücken und öffnet die Tür. Bevor er in der Dunkelheit verschwindet, dreht er sich noch einmal um und sagt:

« Auf bald! » Während sich die Türe schliesst, überfällt uns ein tiefes Schweigen. Wir alle verspüren eine grosse Bewunderung für den Bergsteiger, den wir eben fortgehen sahen. Wir können es uns genau vorstellen, welche Probleme einen Mann beschäftigen müssen, der es wagt, allein die Nordwand der Grandes Jorasses in Angriff zu nehmen. Wir wissen nichts über diesen Kletterer, denn er ist kein Schwätzer. Aber welches auch immer seine Begründungen sein mögen, wir spüren, dass wir ein gemeinsames Ideal haben. Dennoch, als wir ihn in einigen Stunden über uns vorwärtsklettern sehen, winzig klein in der grossen Wand, lässt uns eine gewisse Angst nicht los, wissen wir doch, dass er dem kleinsten Irrtum ausgeliefert ist; ein kleiner Griff, der nachgibt...

Nach einem langen Vorwärtsschreiten durch den Tunnel der Nacht finden uns die ersten Vorboten des neuen Tages am mächtigen Schneehang, wo wir den Berg zu besteigen beginnen. Unsere Seilschaft hat ein Mitglied verloren. In der Tat, unser Kamerad Gabriel Archinard, sich plötzlich der Schwierigkeit unserer Kletterpartie bewusst, zog es vor, uns allein weiterziehen zu lassen. Es ist hart aufzugeben, doch wir fühlen nur allzugut, dass unser Freund dies nicht frohen Herzens getan hat... Aber es ist besser so...

Uns trennen nur noch 50 Meter von den Tschechen, und wir hören die Worte, die sie in ihrer herben, harten Sprache wechseln. An der senkrechten Stelle eines grossen Kamins lasse ich meinen Kameraden als ersten hinaufsteigen. Der Einzelgänger ist schon weit über uns, aber ich habe den Eindruck, dass er angehalten hat. Er ruft uns etwas Unverständliches zu. André, der an der Spitze der tschechischen Seilschaft klettert, holt ihn ein. Sie wechseln einige Worte, und wir glauben zu verstehen, dass es sich um einen Wegirrtum handelt. Später werden wir feststellen, dass wir die Route Cassin begonnen haben, wo keine Haken stecken. Jede Seilschaft versucht bis zum Gletscherabhang zurückzusteigen. Wir warten einige Augenblicke, damit der Einzelgänger zu uns absteigen kann. Wir werden ihm den Vortritt lassen, denn er ist schneller als unsere Gruppe.

Dieser Marschirrtum liess uns so kostbare Zeit verlieren, dass die Sonne schon heiss herniederbrennt, als wir die ersten Felsen angreifen.

Bald sind wir an der 30-Meter-Verschnei-dung. Am Anfang Schwierigkeiten! Karabinerhaken! Das Seil ist gespannt. Beruhigendes Lächeln des angeseilten Gefährten. Ein grosses Abenteuer hat begonnen! In der Verschneidung viele Haken, zu viele! Wir gehen zur freien Kletterei über, die Steigbügel bleiben im Sack. Es ist sehr heiss. Wir klettern hemdsärmelig. Vom Standplatz aus betrachte ich die Wand -meine Wand; die Berge - meine Berge - vom Licht überschwemmt... und plötzlich werde ich von einem ungeheuren Glückgefühl durchdrungen... Am Walker zu sein! Traum so vieler Alpinisten. Welch ein Glück!

Nach der Verschneidung überqueren wir neue Eisbänder, diesmal in umgekehrter Richtung, um die 75-Meter-Verschneidung anzugreifen. Die Besteigung erweist sich als besonders schön, in allen Einzelheiten.

Weit ob uns kommt der einsame Kletterer aus dem Überhang, der dem Pendelschwung folgt. Er ruft mir etwas zu, aber die Entfernung hindert mich, seine Worte zu verstehen. Mit Hilfe von Zeichen lässt er mich wissen, dass er nach der Wegrichtung fragt. Ich antworte ihm, dass wir nicht mehr wissen als er selbst. Er gibt uns ein Zeichen des Dankes, nimmt eine aufsteigende Rampe in Angriff und verschwindet dahinter. Es wird das letzte Mal sein, dass wir ihn sehen. Später werden wir erfahren, dass er den Gipfel spät nachmittags erreicht hat! Unterdessen haben die Tschechen uns wieder eingeholt, und zusammen besteigen wir ein steiles Schneefeld, das uns zum Pendelschwung führen muss. Auf dem Schnee reflektiert das Licht stark, und die Sonnenbrillen sind uns sehr willkommen. Um den Pendel zu erreichen, müssen wir längs einer Wächte marschieren; ein altes Seil an rostigen Haken läuft hier entlang. Während des ganzen Aufstieges treffen wir auf ähnliche Spuren, Zeugen früherer Durchstiege oder Dramen, die sich vielleicht hier abgespielt haben...

Am Ende der Überschreitung hängt ein Seil, vom Unwetter gebleicht. Es ist aus Nylon und sollte halten! Versuchen wir 's! So steige ich 15 Meter hinunter, um anschliessend zwei Meter nach rechts zu queren und mitten auf einer Platte einen kleinen Standplatz zu erreichen... eine wahre Schlüsselstelle!

« Michel, Stand! » Die Seile spannen sich und kommen langsam näher. Wieviele Male haben wir diese Bewegungen wiederholt? In einem Buch las ich einmal, dass der Walkerpfeiler 75 Seillängen betrage! Um ebenso genau zu sein: wir müssten schon etwa zwanzig hinter uns haben.

Nach dem Pendel nimmt mich ein schwieriger Überhang zum erstenmal völlig und ganz in Anspruch. Eine dünne Schicht Glatteis macht ihn sehr schwierig. Am Stand ankommend, keuche ich wie eine Lokomotive! Dieser Stand, der nichts anderes ist als eine äusserst schlechte, schmale, schiefe Leiste... Ich glaube, dass diese Hochtour ausser durch ihre Länge auch durch die kleinen Ruheplätze gekennzeichnet ist. Nie weite Plattformen, kein guter Biwakplatz... Heute abend werden wir diese bittere Erfahrung machen!

Von Zeit zu Zeit tröpfelt ein Rinnsal über die heissen Platten, was uns vor einem allzu grossen Durst bewahrt.

Darüber die berühmten schwarzen Platten. Die Wand wird merklich steiler, und einige alte Haken weisen uns den Weg.

Vom ersten Meter an zeigt sich die Kletterei von der schwersten Seite. Zuerst klettere ich, den Haken folgend, nach links und dann senkrecht.

Aber plötzlich kein einziger Haken mehr! Wohin nun? Ich taste, zögere... Schliesslich entscheide ich mich für die rechte Seite, in der Hoffnung, etwas hinter dem kleinen Grat zu finden... Aber als ich dort oben bin, finde ich nichts, nicht die geringste Spur, um mich zu vergewissern. Nun, wir müssen weiter. Ich schlage einen mittelgrossen Haken ein und steige, beruhigt von dieser Vorsichtsmassnahme, senkrecht hoch. Zum Teufel! Es wird immer steiler. Ich finde mich wieder an einem Überhang mit einer Rechtstraverse als einzigem Ausgang auf eine glatte Platte. Nun, es bleibt mir keine andere Wahl. Nach einem Meter schon bin ich in einer äusserst unangenehmen Lage; die Platte bietet absolut keine Griffe... Ich hafte richtig an den Unebenheiten des Granits. Der Schweiss rinnt über mein Gesicht und brennt in den Augen. Ich spüre, wie meine Füsse abgleiten... Zentimeter um Zentimeter tastet meine Hand nach einer Lösung. Im letzten Moment finde ich etwas. Eine rasche Drehbewegung erlaubt mir im Flug einen Griff zu erhaschen, der wenigstens diesen Namen verdient. Es war Zeit! Eine oder zwei Sekunden mehr, und ich wäre gestürzt... Diese Anstrengung hat mich so mitgenommen, dass meine Beine zittern wie Blätter im Wind! Einige Meter in einem leichteren Kamin, eine Linkstraverse, und ich befinde mich auf einer 20-Zentimeter-Leiste. Über mir enthält ein schmaler Spalt zwei zusätzliche Griffe. Das Ziehen der Seile ist so stark, dass ich mich trotz der ungünstigen Lage entschliesse, meinen Kameraden als ersten hinaufsteigen zu lassen, der, schon ermüdet, den Übergang mit seinen letzten Kräften durchsteigt und mich mit angespannten Gesichtszügen erreicht.

Ohne eine Minute zu verlieren, nehme ich eine neue Länge in Angriff, glücklicherweise eine weniger anspruchsvolle. Der nächste Standort ist eine steinige Leiste in einem Kamin, wo wir endlich die ganze Fläche der Schuhsohlen aufstellen können.

Noch ein nasser Überhang und eine leichte Rampe führen uns zum Fuss einer steilen Wand; der Stand ist hier breiter. Wir schalten eine kleine Ruhepause ein, um auf unsere tschechischen Freunde zu warten. Wir befinden uns auf gleicher Höhe mit der Zentralrinne. Weniger als ioo Meter entfernt verläuft die Vaucher-Bonatti-Route am Whymper-Pfeiler. Während die Wal-ker-Route einigermassen trocken ist, hat diejenige von Whymper noch viel Schnee. Diese in einer engen Vertiefung liegende, düstere Route, ohne Unterlass von Steinschlägen bombardiert, erweckt nicht die geringste Sympathie, und ich verstehe, dass man uns diese eindringlich abgeraten hat. Während wir die Länge beenden, äussert mein Kamerad den gleichen Gedanken:

« Ist das die Whymper-Route? » « Ja. » « Mensch, da muss man wirklich eingebildet sein... » Nach dieser Pause wird die Kletterei intensiv und schwierig. Steile Furchen führen uns auf einen hohen Grat, welcher den Kamm des Pfeilers zwischen dem Gipfel der Tour Grise und dem Fuss des dreieckigen Firns bildet. Das Vorrücken auf diesem Grat ist wunderschön.

Ich habe nun jenen Zustand der Freude erreicht, der mir erlaubt, die schwierigsten Passagen ohne Anstrengung zu erklettern. Wir beschleunigen den Rhythmus. Heute abend werden wir den Firn erreichen. Der Tag neigt sich seinem Ende zu, das Licht verliert seine Stärke. Endlich liegt der Firn vor uns. Michel ist entschlossen anzuhalten. Aber ich überzeuge ihn, noch eine oder zwei Längen zu machen, um die eingeschneiten Bänder rechter Hand zu erreichen. So werden wir den Tschechen ermöglichen, am Fusse des Firns zu biwakieren, wo es sich einigermassen bequem einrichten lässt.

Nun ist es ganz dunkel geworden, und die letzten Sonnenstrahlen beleuchten den Gipfel des Mont Blanc. Es ist unglaublich schön, über unseren Köpfen den Tour Rouge entflammt zu sehen, mit einer Lichtkrone am Gipfel, der die Wächten noch hervorhebt. Die Leisten, die wir von unten gesehen haben, sind noch schmäler, als von unten betrachtet... kaum 30 Zentimeter breit!

Mit Hilfe des Eishammers erweitere ich unser « Schlafzimmer », während Michel dieses mit Steinen ausebnet. Als alles bereit ist, setzen wir uns, die Beine im Leeren. Der Gaskocher zischt leise, und die flackernde Kerze erleuchtet den Platz mit einem warmen Licht. Und von Seilen umschnürt, umgeben von Steigbügeln, auf unwahrscheinliche Art einge-schirrt, legen wir uns mehr schlecht als recht hin, er gegen das Eis und ich... gegen die Leere!

Und die Stunden ziehen langsam vorüber. Glücklicherweise frieren wir nicht. Sie sind hart, diese Nächte, die man mit Sternenbetrachtungen verbringt, aber hier enstehen unvergessliche Erinnerungen, die ein Leben lang dauern. Nein, wir werden diese Stunden nicht vergessen, in welchen einer dem andern ein bisschen von seiner Wärme schenkt... Im Isothermen-Plastik, der uns beide schützt, ruft jede Bewegung einen Gewitterlärm hervor!

Und jeder dreht sich um, in der Hoffnung, eine bessere Stellung zu finden... besser für einige Minuten... In der Tat, unsere Karte erwähnt ganz einfach keine der berühmten roten Kamine, der letzten « Abwehrstellungen » der Wand! Und wir glaubten schon ausserhalb zu sein!

Früh morgens nimmt die Kälte zu. Wie lange sie uns warten lässt, diese heissersehnte Dämmerung! Endlich, als die ersten Sonnenstrahlen den oberen Teil des Schneefeldes erleuchten, setzen wir unseren Gaskocher mit grösster Mühe in Brand... mit Vorsicht, wozu uns der winzig kleine Platz und unsere morgendliche Steifheit zwingen! Das zusammengebraute Getränk erwärmt unsere von der Kälte steifen Glieder, so dass wir uns wenigstens wieder bewegen können... vorsichtig, um nicht das zerbrechliche, mit Mühe konstruierte Biwak von gestern abend zum Einsturz zu bringen. Einmal angeseilt und mit den von unserem Nachtlager schmerzenden Gliedern, nehme ich eine Hangtraverse rechts in Angriff, um den Firn zu erreichen. Zur gleichen Zeit verlassen auch die Tschechen ihre Plattform. Eben « Jene Momente höchsten Glückes, wo man die schwierigsten Stellen mühelos meistert... » Auf den « Dalles Noires » ( Nordwand der Grandes Jorasses — Walker-Pfeiler ) Photo: Jean-François Gal, Genf ist am Eishammer die Spitze abgebrochen, nachdem ich ihn etwas rasch aus dem Schneekegel ziehen wollte, in welchen ich ihn am Vorabend gesteckt hatte. Mit diesem lächerlichen Werkzeug wird der Abstieg etwas fragwürdig sein. Die Besteigung des Firns ist mühsam, aber eine erwärmende Übung. Auf dem Gipfel empfängt uns eine warme Sonne. Wir wissen dies hoch zu schätzen. Hier erwarten uns die Tschechen, und wir sind froh, sie wiederzufinden. Wir brüsten uns gegenseitig wegen unserer reizvollen Biwaks. Als André uns aber seine technische Instruktion übersetzt, kühlt sich unsere Laune ab... Und der Grund: V, V+ und A2 für die erste Länge, V, V +, VI für die zweite, ebenso für die dritte mit zusätzlichem Glatteis und zweifelhaften Griffen...

Was für eine Überraschung! Aber schliesslich müssen wir hinüber! Da sich niemand zur Verfügung stellt, entschliesse ich mich: Ich halte Michel die Seile hin:

« Sichere mich gut, mein Freund, wir werden sehen, was diese berüchtigten Kamine mit uns vorhaben. » Man beginnt mit einer ziemlich einfachen Hangtraverse, um die Kamine zu erreichen. An ihrem Fuss öffnet ein stark ausgeprägter Überhang die Festlichkeiten... Glatteis bedeckt jede Stufe, und der V+ wandelt sich in VI! Der Fels ist mittelmässig; ich steige langsam diesen stotzigen Fels hinauf, der aus Blöcken besteht, die miteinander durch Eis fest zusammengeschweisst sind. Wir sind im Schatten, und die Temperatur ist bedenklich für die Finger, die sich rasch versteifen.

« Michel, die Seile klemmen irgendwo, ich sitze festIch habe diese zahlreichen Biegungen nicht vorausgesehen. ) Tu irgend' was! » Endlich steigt einer der Tschechen einige Meter, um den ersten Haken zu lösen. Uff! Ich komme endlich wieder zu einem ordentlichen Standplatz. Michel holt mich schnell ein. Er ist besser in Form als gestern. Vielleicht willigt er ein vorauszugehen. Aber beim Anblick der nicht sehr einladenden Fortsetzung überlässt er mir freiwillig die Spitze. Ich muss zugeben, dass diese roten Kamine eher einen abweisenden Eindruck machen.

Die Schwierigkeiten steigen bis zu V+, und der Fels verschlechtert sich wesentlich. Glücklicherweise ist die eine Seite vereist, denn dies hält die Felsblöcke zusammen... jedoch nicht genug, um einen unerwarteten Sturz einer « table de nuit » zu verhindern, einige Dezimeter von den nächsten Blöcken entfernt, welche auf einer schlechten Plattform gruppiert sind. Staub wirbelt durchs Kamin. Durchschüttelt und nervös erreiche ich den Stand. Michel folgt einige Augenblicke später.

« Sag mal, da hast du uns ganz schön Angst eingejagt... » « Entschuldige, mein Freund, aber ich glaubte, er sitze fest! » Noch eine Länge in einem engen, schwarzen Eiseinschnitt, und dank meines weisen Gebrauchs des Restes meines Hammerpickels erreiche ich den Grat des Pfeilers. Das Wetter bleibt immer gleich strahlend. Die Schönheit des Panoramas lässt mich ein tiefes Glück spüren, jenes nämlich, das aus einer gutgelungenen Arbeit und auch aus der Tatsache entsteht, dass man sich auf diesem Band weiss, das am tief blauen, fast dunkeln Himmel hängt. Sehr wenige Leute können sich diese Freude vorstellen, die aus Bedingungen geschaffen wurde, die zwar keinen konkreten, dafür aber einen grenzenlos himmlischen Wert, reich an Erinnerung, haben. Mittels einer Rechtstraversierung erreichen wir das letzte Bollwerk: einen vereisten Überhang. Nach Überwindung dieses Hindernisses wird uns nichts mehr am Marsch gegen diese Lichtwächten hindern. Es bleiben noch etwa Zoo Meter, zwar leichte, aber endlose!

In diesem Gelände ohne Schwierigkeiten macht sich die Höhe bemerkbar... 4100... 4150... noch 100 Meter, 50, 20, 10, dann kommt die Verklärung. Noch einmal ein stürmischer Einsatz, um die Wächte zu überqueren, und ich krieche bäuchlings auf den Gipfel.

Creux du Van: die Falconnaire-Wand Photo: Maurice Brandt, La Chaux-de-Fonds Nach siebzehnstündiger Kletterei ist endlich dieser von allen begehrte Gipfel erreicht.

Als ich am Anfang meiner Bergsteigerlaufbahn meine Augen gegen die Grandes Jorasses erhob, hatte ich stets den Eindruck, dass man überglücklich sein müsse, wenn einem das Erklimmen eines der schwierigsten Gipfel unserer Alpen gelingt... Das Glück, das ich heute verspüre, ist etwas verschieden von jenem, das ich mir vorgestellt habe. Diese Kletterei bildet nicht ein in sich geschlossenes Ende, vielmehr regt sie an, auch andere Gipfel zu besteigen, andere Abenteuer zu erleben, diese Empfindung immer wieder hervorzurufen.

Die Seile laufen regelmässig, und plötzlich erscheint aus dem Schatten eine Hand, dann ein Helm, schliesslich das glückstrahlende Gesicht Michels.

Wir drücken uns die Hand... Selten ist unser Händedruck so herzlich gewesen wie heute. Nichts ist so wirksam wie die Anstrengung in der Höhe, um das wahre Gesicht des Menschen zu offenbaren.

Da kommt auch schon die tschechische Seilschaft, welche gegen den Gipfel vorstösst. Gegenseitige Gratulationen!

Kaum haben wir Zeit, uns von der Anstrengung zu erholen, als es schon wieder abwärts geht. Es ist i t Uhr, und die Schneebedingungen sind schlecht, sehr schlecht. Michel und ich müssen morgen arbeiten; deshalb stürzen wir uns fast im Laufschritt zum Felsvorsprung, wo der Abstieg beginnt. Die Tschechen, die Ferien haben, müssen sich weniger beeilen. Da ich die Rückmärsche, die sich in die Länge ziehen, verabscheue, hefte ich mich an Michels Fersen.

« Wir müssen gehen, mein Freund, wir haben noch einiges vor uns! » In der Tat, der Schnee ist so sulzig, dass wir zeitweise bis zu den Knien einsinken, und überall grosse Spalten, die zu mühseligen Umwegen zwingen! Und überall Abseilstellen. Wir haben unsere Steigeisen nicht angeschnallt. Zeitweise ist das Eis ganz glatt; es heisst aufpassen. Endlich taucht die Hütte auf... sie ist so gut verborgen, dass man sie erst erblickt, wenn man über ihrem Dach steht. Ein kurzer Halt, um die Schuhe auszulee-ren, die voll Wasser sind, und gleich darauf Abmarsch ins Tal. Was für ein Abstieg! Die Füsse schmerzen, der Rucksack drückt auf den Schultern. Endlich Planpincieux...

Übersetzung Chr. Höchli

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