Die Pale di San Lucano

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VON S. WALCHER, WIEN

Mit 2 Bildern ( 2 und 3 ) Die Berge der Palagruppe, die Pale di San Martino, wie sie von den Italienern genannt werden, sind den Bergsteigern, den jungen und den alten, bestens bekannt; weniger bekannt, kaum den Namen nach, und wahrscheinlich noch weniger besucht, sind die Pale di San Lucano, die östlich der Forcella Cesurette an den zentralen Teil der Palagruppe anschliessen, im Norden vom Valle di Gares und Val Canale, im Süden vom Tal von San Lucano und im Osten vom Cordevole-Tal umschlossen werden. Wenn es die Höhe der Berge ist und die Schwierigkeit ihrer Ersteigung, die den Bergsteiger in erster Linie anziehen, dann ist es erklärlich, dass die Pale die San Lucano mit jenen von San Martino nicht wetteifern können. Allein, die Höhe und die Schwierigkeit eines Berges sind nicht die alleinigen Eigenschaften, die den Bergsteiger locken, zumindest nicht den reiferen; da gibt es auch noch andere Dinge, wie Einsamkeit, Unberührtheit, den Zusammenklang von Höhe und Tiefe, Nähe und Ferne, Form und Farbe und all das, was den bodenständigen Menschen mit seiner Umwelt verbindet, und das sichtbar und merkbar wird an seinem Wesen, an seinen Werken und seiner Verbundenheit mit der ihn umgebenden Natur. Wen als Bergsteiger auch diese Dinge ansprechen, wer gerne einmal abseits von übererschlossenen Gebieten einige Tage in einer stillen Bergwelt wandern möchte, schauen und staunen, sich einer friedlichen und dabei doch erhabenen Schönheit hingeben will, den werden die Pale di San Lucano sicher nicht enttäuschen.

Der Passo di Gardés, 2005 m, teilt die Gruppe in eine nördliche und südliche Hälfte; diese, die eigentlichen Pale die San Lucano, müssten jedem Bergsteiger auffallen, der, von Agordo kommend, an Taibòn vorbeifährt; ihre Steilabstürze und die dunklen Riesenschluchten können doch keinem Bergsteigerauge entgehen; aber, Listolade ist nahe, und die wunderbare Civetta zieht alles an, jung und alt, wie ein gewaltiger Magnet.

Im Reiche der schluchtenreichen Pale ist der Monte San Lucano mit 2410 m der höchste Berg, während im Nordteil die Cima di Pape oder Cima di Sanson, wie sie auch genannt wird, eine Höhe von 2504 m erreicht und damit der Hauptgipfel der gesamten Gruppe ist. Dieser Berg mit seinen dunklen Konglomeratfelsen ist das Wahrzeichen von Forno die Canale; wer seinen kühngeschwungenen, zackigen Gipfelgrat einmal im Lichte der Abendsonne unter einem tiefblauen Himmel gesehen hat, wird sich dieses Anblickes immer gerne erinnern.

* Namen und Höhenangaben nach der Karte der Palagruppe, herausgegeben vom Hauptausschuss des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins 1931, Maßstab 1:25000.

Nach Col di Pra Obwohl für einen Besuch der Pale di San Lucano Cencenighe und das nahegelegene Faè am günstigsten gelegen sind, hatten wir doch beschlossen, über die Hochfläche der Palagruppe nach Col di Pra und Taibòn zu wandern; es war eine etwas längliche, aber durchwegs romantische Fahrt, die sich bei dichtem Nebel und feinem Regengeriesel vollzog.

An einem Sonntag, den 4. September, verliessen wir bei schönstem Wetter, etwas nach 9 Uhr, die Rosettahütte und folgten einem breiten, mit den Zahlen 756/761 bezeichneten Weg, der uns durch das unübersichtliche Gelände hinabführte in eine kleine, mit hohem, tiefblauem Eisenhut bestandenen Mulde zwischen dem Col Alto und dem Felskopf des Marelcol. Nicht lange nach unserem Abmarsch von der Hütte stiegen, wie alle Tage vorher, aus den Tälern lichte Nebelschleier, die sich aber rasch verdichteten, beträchtlich dunkel wurden, und aus welchen auch bald ein feiner, aber anhaltender Regen herabrieselte. Da zur gleichen Zeit auch die anfänglich gute Wegbezeichnung zu weit auseinanderliegenden, dürftigen Farbfleckchen zusammenschmolz, waren wir beim Weitergehen bezüglich der einzuschlagenden Richtung fast nur mehr auf den Orientierungssinn angewiesen. Wir durchschritten die Eisenhutmulde in südlicher Richtung und fanden einen breiten, teils aus den Felsen herausgesprengten Weg, sicher ein Bauwerk aus dem Kriege 1914/18, der uns in einen kleinen Sattel hinaufbrachte, von dem wir in wenigen Minuten den Gipfel des Marelcol erreichten. Nichts war zu sehen; die düsteren Nebel umbrauten uns, es regnete, und nur ab und zu tauchten bald dort, bald da, die Umrisse gewaltiger Berge aus dem Nebel-gewoge. Trotzdem der breite Kriegsweg nun sehr oft auf den folgenden Weidegründen kaum mehr zu erkennen war, fanden wir doch hinab zur Malga Campigat und zu den Hütten von Pian della Stua, wo uns die Hirten der dort weidenden Kühe gerne Auskunft gaben; nach ihr mussten wir nun bald in Col di Pra sein, doch verging immerhin noch einige Zeit, ehe wir Pont erreichten und, die grossen Kehren der nun gut erhaltenen Strasse abkürzend, die ersten Häuser von Col di Pra.

Es war inzwischen 14 Uhr geworden und Zeit für eine Mittagsrast. In einem der wenigen, aber sauber gehaltenen Häuser mit dem eigenartigen Küchenanbau fanden wir eine kleine Gaststube mit zwei Tischen und einer bescheidenen Schank; an einem der Tische sassen vier alte Einheimische beim Kartenspiel, es war ja Sonntag; beim zweiten Tisch liessen wir uns häuslich nieder. Einer der Kartenspieler war der Wirt; sichtbar erfreut über den seltenen Besuch, stellte er uns gerne zur Verfügung, was wir wünschten: Teller, Besteck und einen guten, leichten Rotwein. Zwischendurch erzählte er uns von einem Unglück, das sich vor wenigen Tagen an der Nordkante des Monte Agnèr, sie steht ja gegenüber von Col die Pra, ereignete, und war vom Abtransport des Toten noch sichtlich erschüttert. Gerne hätten wir den Aufbau der jetzt scheinbar modern werdenden Kante gesehen, aber leider: die Nebel hingen unbeweglich in den Wänden, kaum dass die Mündungen der zahlreichen, grossen Schuttrinnen und Schluchten zu sehen waren; aber wir sollten dieses gewaltige Schaustück des Monte Agnèr schon noch zu Gesicht bekommen.

Unsere Mittagsrast war so gemütlich und unbeschwert, der Wein stimmte uns trotz des schlechten Wetters so fröhlich, dass wir das liebe Col di Pra erst nach zwei Stunden verliessen und talaus wanderten. Vorbei an den Ruinen einer alten, von einer Steinlawine zerstörten Siedlung, vorbei an den wenigen Häusern von Lagunaz und Mezzavalle erreichten wir die alte Kirche von San Lucano; sie war geschlossen, und ihr Torbogen bot uns kaum Schutz vor dem noch immer oder schon wieder fallenden Regen. Von San Lucano erzählt Delago in seinem Dolomiten-Wander-buch \ « dass der heilige Lukanus nach der Legende um das Jahr 420 unter Papst Cölestin I. Bischof 1 Hermann Delago, Dolomiten-Wanderbuch. Tyrolia Verlag, Innsbruck-Wien-München.

von Säben war. Er wurde von einigen seiner Diözesanen beim Papst angeklagt, weil er dem Volke erlaubt hatte, während der vierzigtägigen Fastenzeit Milchspeisen zu essen. Der Heilige machte sich zu seiner Rechtfertigung auf die Reise nach Rom. Unterwegs überfiel ein Bär sein Pferd und frass es auf. Der Bischof, der grosse Gewalt über wilde Tiere hatte, machte sich darauf den Bären Untertan und ritt auf diesem weiter gegen Rom. Beim Papst vorgelassen, hängte er zunächst seinen Mantel an einen Sonnenstrahl und widerlegte dann die Anklage. Da der Papst sah, dass er es mit einem Gerechten zu tun habe, entliess er ihn in Gnaden. Aber seine Feinde in Säben kehrten sich nicht daran und befehdeten ihn weiter. Da verliess Lukanus Säben und wanderte nach seiner früheren Diözese Belluno. Er kam über den Pass von Kaltenbrunn, wo er den Bau eines nach ihm benannten Kirchleins veranlasste, ging ins Fleimstal, bekehrte dort die letzten Heiden und zog hierauf weiter ins Valle Serpentina bei Agordo. Dort befreite er das Tal von Schlangen und lebte daselbst zuerst in einer Höhle, nachher an jenem Orte, wo später das Kirchlein San Lucano erbaut wurde, als Einsiedler, bis zu seinem Tode noch manches Wunder verrichtend. Das frühere Schlangental erhielt nach dem hl. Lukanus den Namen Valle di San Lucano. » Als wir Taibòn erreichten, war es 17 Uhr. Nun stand für uns das Tor zu den Pale di San Lucano offen; welche Erlebnisse werden die nächsten Tage bringen?

Cima d' Ambrosogn, 2367 m Am nächsten Tag regnete es fast ohne Unterbrechung. Wir fuhren nach Agordo und versuchten über unser Ziel Auskünfte zu bekommen, konnten aber nur erfahren, dass von Faè ein Weg zur Malga d' Ambrosogn hinaufführt, von der aus man wohl auf einen der Gipfel wird hinaufsteigen können1. Da unser Wirt in Taibòn auf unsere Frage die gleiche Auskunft gab, beschlossen wir, am nächsten Tag diese Alm zu besuchen.

Als wir am Dienstag, den 6. September, in Faè ( ca. 740 m ) um 7.45 Uhr aus dem Autobus stiegen, schien zwar zeitweise die Sonne, der Himmel aber war düster grau. Ein guter Saumweg führte uns hinauf zu den wenigen Häusern von Pra die mezzo, dann, an einem hohen Wasserfall vorbei, durch das Valle del Torcol zur gleichnamigen Alpe und weiter hinauf zu den Weideböden der Malga d' Ambrosogn ( 1702 m ); bis hieher waren wir 2l/2 Stunden unterwegs. Ein Hirte und ein weibliches Wesen, das unter der Last eines riesigen Staudenholzbündels fast völlig verschwand, kamen soeben über die Wiese geschritten. Als wir sie nach den Namen der Berge fragten, erfuhren wir, dass sie hier nicht heimisch seien, die Alpe nur gepachtet hätten und nur wüssten, dass der eine Berg, der oberhalb der Almhütten, der spitze, Spiz di mesdi, der andere, der grosse, hohe, Il Mulo hiesse; das waren also die ortsüblichen Namen für die Cima d' Ambrosogn und für den Monte San Lucano. Da wir die Absicht hatten, zuerst den Monte San Lucano zu ersteigen, und glaubten, seinen Gipfel am besten vom Passo di Gardés zu erreichen, stiegen wir zu dieser, noch 300 m höher gelegenen Einsattelung hinauf. Als wir sie nahezu erreicht hatten, fing es an zu regnen, und als wir sie betraten, regnete es bereits ganz lustig; da die Nebel weit herabreichten, sahen wir nur mehr den Anfang eines breiten Kares, durch das wir aufsteigen wollten. Leider verwehrten uns den Zugang zu ihm ausgedehnte Latschenfelder, die wir aber hofften durchschreiten zu können; diese Hoffnung trügte allerdings. Immer mehr verstiegen wir uns in dem nun schon recht nassen Gestrüpp. Abbruche, grosse Dolinen, verwachsene, tiefe Erosionslöcher bildeten ein Hindernis nach 1 Dass im CAI-TCI-Führer « Pale di San Martino » auch Angaben über die Pale di San Lucano enthalten sind, erfuhren wir erst viel später.

dem anderen, und die Geröllfelder des Kares wollten nicht näher kommen. Allmählich sah ich ein, dass es eigentlich sinnlos sei, bei diesem Wetter und bei diesen Verhältnissen einen Aufstieg ertrotzen zu wollen. Als wir wieder einmal unter hohen Latschen völlig verschwunden waren, wurde mir, der ich sonst sehr für Abenteuer und Romantik schwärme, das Geraufe doch zu arg, und mit einer entschlossenen Kopfwendung nach hinten zur kaum mehr sichtbaren Gefährtin sagte ich laut und deutlich: « Zurück! » Ja, aber wohin? Die Nebel waren inzwischen noch weiter herabgesunken, nichts war zu sehen als Latschenfelder, tropfnass und eingehüllt in ziehendes Grau. Steigen wir gerade hinab, unten müssen wir ja den Weg treffen, auf dem wir zum Pass hinaufgestiegen sind! Nun begann erst recht ein abenteuerliches Ringen mit dem zähen Geäste. Da das Gelände nicht nur steil und total verwachsen war, sondern auch noch von Wandstufen unterbrochen, von Gräben durchzogen und mit Löchern und Klüften reichlich versehen war, mussten wir uns oft an den Latschenästen über meterhohe Felsbänke hinablassen, verschwanden unversehens in einem tiefen Loch, krochen fluchend heraus, um gleich darauf in einer anderen Kluft zu verschwinden. Aber alles hat ein Ende, und ehe noch meine Geduld völlig erschöpft war, lichtete sich das letzte Latschenfeld, und wir rutschten auf dem aufgeweichten Wiesenboden hinab zum Weg. Wenige Minuten später betraten wir, etwas verschämt, die Almhütte, in der sich das weibliche Wesen und der Hirte befanden. Und nun geschah etwas Seltsames. Das weibliche Wesen, das unter der Last des Strauchholzes als solches kaum zu erkennen war und sich inzwischen in eine reinlich gekleidete Hirtin verwandelt hatte, stand wortlos auf, schichtete auf der offenen Feuerstelle Reisig und Holz aufeinander, entzündete ein helles Feuer, stellte Holzklötze in seine Nähe und lud uns mit einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen ein. Der Mann indessen hatte, ebenfalls wortlos, einen Kessel über ein zweites Feuerchen gehängt, und ehe wir recht wussten, wo ein und wo aus, brachte er uns zwei Schalen mit dampfendem Kaffee. Dieses Verhalten der beiden Almleute war wieder einmal eine Bestätigung meiner Erfahrung, dass die Menschen um so menschlicher werden, je höher sie über den Tälern hausen.

Während es draussen lustig weiter regnete, unterhielt sich Giovanna mit den beiden in ihrer Muttersprache und erfuhr, dass sie alle Jahre ihre eigenen Schafe auf eine andere Bergweide treiben, den Winter aber in der oberitalienischen Ebene verbringen, also eigentlich ein Nomadenleben führen; wie gross ist da der Unterschied zwischen dem städtegebundenen Industriearbeiter und dem freien, wandernden Schafhirten! Als wir von unserem nassen Versuch auf den Monte San Lucano zur Malge zurückkamen, war es Mittag; als meine Uhr die vierzehnte Stunde des Tages anzeigte, stellte ich fest, dass unsere Kleider inzwischen völlig trocken wurden, und dass es nicht mehr regnete, ja ab und zu sogar einige Sonnenstrahlen durch das Hüttenfenster in die dämmrige Stube tanzten. Was konnte da für ein anderer Gedanke in mir wach werden als jener, nun einen Versuch auf die Cima d' Ambrosogn zu unternehmen? Der Hirte meinte zwar, es sei schon zu spät und werde bald wieder regnen, aber einen Versuch könnten wir ja wagen; also verliessen wir um 14.25 Uhr zum zweitenmal die freundlichen Almleute. Ich hatte schon vorher festgestellt, dass die breite Schuttrinne, die von der Forcella Besauzega herabzieht, nur wenig verwachsen war, und dass wir daher hoffen konnten, wenigstens diese Scharte mit dem schönen Namen zu erreichen. Diesmal stimmte meine Annahme. Eine deutlich sichtbare Schafspur brachte uns zu schönen, grünen Wiesenmulden hinauf, dann mussten wir allerdings den weiteren Aufstieg weglos, in Rinnen, auf Felsrücken und Schotterhängen vollziehen, bis wir knapp unterhalb der Scharte wieder den Schafsteig fanden. Als wir nach einer Stunde die 2129 m hohe Scharte betraten, war es inzwischen ringsum schon wieder sehr düster geworden; aber auch der Ausblick von der Scharte war kein erfreulicher. Jenseits blickten wir in die ungemein wilde, unzugängliche Schlucht des Valle di Besauzega, die 1400 m hinabstürzt zum Torrente Tegnaz im Tal von San Lucano; der graue, finstere Himmel, die brodelnden Nebel in der Riesenschlucht gaben diesem Bilde etwas aussergewöhnlich Wildes und Beklemmendes. Rechts von uns erblickte ich eine nasse, steile Felswand, und links überhöhte eine senkrecht abfallende, hohe Felsschulter den Schartengrund. Als sich der Nebel wieder einmal auf Minuten lichtete, erblickte ich oberhalb der Schulter, auf dem Hang, der in die Schlucht abstürzt, wieder eine Schafspur. Kommen dort Schafe hin, werden wir es wohl auch schaffen, dachte ich, querte unter der Felsschulter den steilen Schotterhang, traf wenig später die Schaffährte, und ehe wir es uns versahen, standen wir auf den steilen Grashängen oberhalb der wilden Schlucht; hier verschwand naturgemäss im Gras der Weidehänge auch sofort wieder der geliebte Schafsteig. Nun war mir aber wegen des weiteren Weges nicht mehr bange. Wir stiegen auf dem steilen Grashang hinauf zu einem nach Osten ziehenden Grat, folgten ihm ein Stück und erreichten dann durch eine steile, rasenausgepolsterte und von Felsstücken unterbrochene Rinne den Gipfel, eben in dem Moment, in dem uns der graue Nebel völlig umhüllte und ein frischer Wind grosse Schneeflocken durch die Luft wirbelte. Jetzt, da wir den Gipfel erreicht hatten, machte uns die späte Stunde, es war bereits 16 Uhr, keine Sorge. Wir verweilten einige Minuten bei dem recht bescheidenen Steinmann, liessen uns vom Wind die Schneesternchen in das Gesicht blasen und waren froh gestimmt. Als wir die steilen Wiesen zum Schafsteig wieder hinabstiegen, sahen wir erst, dass wir in der Eile des Aufstieges gar nicht bemerkt hatten, dass weithin grosse Edelweisssterne die Hänge schmückten.

In einer knappen Stunde hatten wir die Malge wieder erreicht, hielten bei den freundlichen Leuten noch eine kurze Rast, versprachen bei schönem Wetter morgen oder übermorgen wiederzukommen und eilten dann hinab nach Faè, wo uns bis zur Abfahrt des Autobusses eine gefällige Wirtin in einer kleinen Schenke mit Brot und Wein reichlich stärkte.

Der Monte San Lucano, 2409 m Für meine Erzählung über die Ersteigung des Monte San Lucano brauche ich keine Schwierigkeitsskala. Hätten die Bergsteiger aber auch eine Skala « für die Mannigfaltigkeit von Sinneseindrücken, die das Gefühl der Harmonie erzeugt », und die dem Begriff « schön » zugrunde liegt, so würde ich gezwungen sein, mich bei meiner Erzählung vorwiegend in den Regionen des fünften und sechsten Grades zu bewegen. Vielleicht sind diese wenigen Sätze ein indirekter Beitrag zur Lösung der alten Frage: Warum? Nach höchster Leistung und Anerkennung strebt der Mensch, jeder nach seiner Art und auf seinem Gebiete; nur wer das Schwierigste und das Gefährlichste meistert, das schafft, was vor ihm noch keiner geschafft hat, der steht an der Spitze. Ehrgeiz, Geltungsdrang, Machtwille sind nur Namen für ein und dieselbe Erscheinung: Der physischen und psychischen Kraft die nach höchster Entfaltung drängt, gemäss dem Gesetz, « wonach wir angetreten sind » und jeder sich vollenden muss. Darüber hinaus aber kann uns nur von Zeit zu Zeit das Schöne heben, die Harmonie in der Mannigfaltigkeit aller Erscheinungen, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, die unser Herz mit Freude erfüllt und sich unseren Geist mit dem Hauch des Unendlichen vermählen lässt. Für beide aber, für den das Schwierigste und Gefährlichste meistern-den und das Höchste und Vollendetste Schauenden, sei Goethes Wort gesetzt: « immer höher muss ich steigen, immer weiter muss ich schaun. »: ;'-.Als ich am Mittwoch, den 7. September, in Taibòn früh morgens nach dem Wetter sah, lachte mein Herz; blauer Himmel über Berg und Tal! Um 7.45 Uhr waren wir wieder in Faè und um 9.25 Uhr bereits bei der Malga Torcol. Kaum hatten wir sie betreten, wurden uns von einer jungen Almerin auch schon freundlich Milch, Käse und Polenta angeboten; das war einmal ein Frühstück, das nichts kostete und den ganzen Tag anhielt. Wir nahmen für die Leute von der Malge d' Ambrosogn noch eine Flasche Milch mit, die wir ihnen schon nach einer Stunde übergeben konnten.

Heute sah die Welt da hieroben schon ganz anders aus. Im Leuchten des blauen Himmels und im Scheine der Sonne lag vor uns eine stille und friedliche Landschaft. Da standen die grauweissen Flanken und Grate der Cima d' Ambrosogn und des Monte San Lucano, da grüssten die weiten, dunkelgrünen Mattenhänge und braunen Felsen des Monte Piaòn, des Monte Prademur und des Herrschers dieses einsamen Reiches, der Cima di Pape; im Osten aber hob die königliche Civetta ihren weissleuchtenden Gipfel hoch hinauf zum sonnigen Himmel. Alles zusammen ergab ein Bild, das Herz und Gemüt mit heller Freude erfüllte.

Langsam waren wir inzwischen zur Forcella Besauzega hinaufgestiegen; auch hier sah es heute anders aus. Das düstere, bedrückende Grau des Nebels war dem freundlichen Lichte des Himmels und der Sonne gewichen, und selbst die dämmrige Tiefe der gewaltigen Schlucht schien mir von einem lichten Schimmer erhellt zu sein. Fröhlich erkletterten wir die Wandstufe zu unserer Rechten, die uns gestern im Grau und Nass des Nebels so unnahbar schien, und staunten, auch hier Schafspuren zu finden. Als wir aus der Wandstufe ausstiegen und ausgedehnte, prächtige Bergweiden betraten, wunderten wir uns nicht mehr, dass selbst Schafe, um in ein solches Paradies zu kommen, auch Klettereien des V. und VI. Schafschwierigkeitsgrades auf sich nehmen.

Über uns erblickten wir nun einen von rechts nach links ansteigenden, zackenreichen Felsgrat; sollte er zum Gipfel führen? Ich stieg den Hang hinauf, erreichte eine Scharte und blickte von ihr tief hinab in ein weites, trümmerreiches Kar, das der Gipfel des Monte San Lucano hoch überragte. Da mir ein Abstieg von der Scharte auf der steilen, rasigen und schotterigen Wand nicht behagte, folgte ich dem Grat nach rechts abwärts, bis uns eine Unterbrechung den Übergang in das Kar erlaubte. Nun betraten wir eine kleine, abgeschlossene Märchenwelt. Vielleicht denkt sich jetzt mancher Leser: was kann ein Kar schon für eine Märchenwelt sein? Bestimmt wird auch dieses Kar nicht jedem und zu jeder Zeit ein Märchen enthüllen, denn dazu braucht es Voraussetzungen, die zu schaffen nicht in unserer Macht liegen, die nur die Gnade einer Stunde gewährt, und, um die zu empfangen, vor allem Herz und Gemüt aufgeschlossen sein müssen. Der Grat, dem ich bis zur Unterbrechung abwärts folgte, spannt sich in einem weiten Bogen, aufgelöst in viele phantastisch geformte Türme und Zacken bis zum Gipfel des Berges, und schliesst das Kar völlig ein. Aus dem Wechselspiel von Licht und Schatten, aus dem raschen Ändern der Formen und Farben, aus dem Gegensatz von starrer Öde und dem lieblichen Grün eingestreuter Oasen und aus der Freude des Herzens erstand uns die Märchenwelt des Kares vom Monte San Lucano. Auf grossen Blöcken waren wir hinabgestiegen in den Grund des Kares; sorgsam schritten wir über die samtweichen Rasenteppiche, um keine der vielen, bunten Blumen zu zertreten, bis wir, um einen grossen Block biegend, staunend stehen blieben. Da lag vor uns wieder so ein farbenfroher, blumenbunter Mattenteppich hingebreitet und auf ihm ein hausgrosser blaugraugrüner Block; unter diesem aber sprudelte eine kristallklare Quelle in ein kleines Sandbecken, in dem jedes Körnchen im Lichte der schräg einfallenden Sonnenstrahlen wie pures Gold glänzte; war das nicht ein Zaubergarten? Aber der Mensch bleibt trotz aller Romantik, aller Harmonie und allem Schönen doch immer nur ein Mensch mit seinen jeweils begrenzten Zielen, welchen er nachjagt bis zum Ende seiner Tage. Wir waren ausgezogen, um den Gipfel des Monte San Lucano zu erreichen; wir hatten auf unserem Weg, als Gnade einer Stunde, eine Märchenwelt durchschritten, aber sie konnte uns nicht halten, so stark uns auch die Freude und das Glück umfangen hielten; unser engbegrenztes Ziel war der Gipfel des Berges. Tief beugten wir uns nieder, nahmen als Abschied von unserem Zaubergärtlein einen Trunk aus der goldenen Schale und stiegen weiter hinauf, dem Gipfel zu. Aber die Wunder des Kares waren noch nicht erschöpft. Ein breiter Felsgürtel, schotter-bedeckt, hemmte unseren Anstieg; ringsum nur grauer Schutt und Fels, kein Halm, kein Blümchen. Verschwunden war auf einmal alles Liebliche, und nur graues Gestein umgab uns. Wir kletterten den Schrofengürtel hinauf und blieben wieder überrascht stehen. Auf engem Räume zusammengedrängt, in einer kaum zimmerbreiten Mulde stand, wie zu einem Riesenstrauss gebunden, tiefblau leuchtender und meterhoher Eisenhut. Durch dieses Blumenwunder aber mussten wir mitten hindurch, denn gleich dahinter stand der Gipfelturm des Berges. Ein kurzes, aber fröhliches Klettern hub an, eine Kante, ein Bändchen, ein weiter Spreizschritt, und wir waren oben.

Als wir den Gipfel betraten, war es 13 Uhr. Die Sonne hing hoch am Himmel, und rund um uns stand Berg an Berg. Überall hin wanderten unsere Blicke, vor allem aber hinüber zur nahen Civetta, zum Riesenturm des Monte Agnèr und - zu unserem nächsten Ziel, der Cima di Pape. Auf einem Felsblock auf dem ein altes, verrostetes Hirtenmesser lag, liessen wir uns zur Rast nieder.

Die Schatten aufsteigender Wolken mahnten uns an den Rückweg; wo wir heraufgestiegen waren, stiegen wir wieder hinab. Da war der nette Gipfelturm, da schritten wir vorsichtig durch das Blau der Eisenhutmulde, verhielten zögernd den Schritt beim Zaubergärtlein und bewunderten nochmals die Kletterfertigkeit der Schafe beim Abstieg über die letzte Wandstufe. Dann waren wir wieder unten bei den Hirten der Malga d' Ambrosogn, freundlich begrüsst und mit Kaffee bewirtet. Da sie nicht zu bewegen waren, für ihre Gastfreundschaft auch nur eine Kleinigkeit anzunehmen, legte ich unbemerkt ein Päckchen Zigaretten auf den Tisch, die ich vorsorglich für diesen Zweck in Taibòn gekauft hatte.

Langsam gehen wir dann hinauf zum Passo di Gardés. Wir wollen diesmal durch das Val di Gardés absteigen, in Col di Pra wieder eine beschauliche Rast halten, und dann durch das Lucano-Tal hinauswandern nach Taibòn. Wie gedacht, so getan. Weil aber der Abstieg durch das Gardes-tal sehr steil war und auch etwas länglich, wir das liebliche Col di Pra erst um 18 Uhr erreichten und die Rast beim freundlichen Wirt daher etwas zu beschaulich wurde, entfiel die Wanderung durch das Lucano-Tal; die letzten anderthalb Stunden der Tagesleistung ersparte uns ein Pkw-Besitzer, der uns um wenig Geld hinausfuhr nach Taibòn. Als wir beim alten Kirchlein vorüberkamen, konnten wir noch hinaufblicken in die wohl mächtigste Schlucht der Pale, die den schönen Namen Boal di San Lucano trägt, und uns freuen, dass uns ein selten schöner und erlebnisreicher Tag beschieden war.

Die Cima di Pape, 2504 m Der Tag nach der Lucano-Besteigung war regennass vom frühen Morgen bis zum späten Abend; erst der Freitag, der 9. September, brachte wieder schönes Wetter. Um 7.50 Uhr verliessen wir Cencenighe und folgten dem breiten, gut ausgebauten Saumweg hinauf zu den Häusern von Ca-varza und Martin. Ein immer noch guter Weg brachte uns dann, an den malerischen Häusern von Bogo vorbei, zu den schon hoch oben liegenden Höfen von Chioit ( 1342 m ). Als wir bei einer Heuhütte oberhalb dieser letzten Siedlung rasteten, war die Civetta schon hoch über den Monte Alto di Pelsa hinausgewachsen; ihr neuschneeweisser Gipfel hing wie ein funkelnder Kristall am blauen i -j- .'":~:J':.i:

Himmel. An der Casera Rudelefin bassa ( 1820 m ) vorbei, stiegen wir, jetzt einem schmalen Pfad folgend, hinauf zu den primitiven Hütten der Casera Rudelefin alta, die der Gipfel der Cima di Pape noch 400 m überragt. Dieser Höhenunterschied schien uns kaum glaublich, weil die vor uns liegenden Wiesenhänge den Eindruck erweckten, als würde man über sie in kaum einer halben Stunde mühelos den Gipfel erreichen. Wie gross diese Täuschung war, konnten wir gleich darauf feststellen. Je höher wir stiegen, um so grösser wurde die Neigung und war dann stellenweise so, dass wir die Hände bei aufrechtem Stehen nicht mehr ganz auszustrecken brauchten, um uns an dem langen, harten, glatten und abwärtsliegenden Gras festzuhalten.

Vom Gipfel der Cima di Pape zieht nach Westen ein dunkelbrauner Felsgrat, der zwei grosse Türme trägt; nach Osten, von einem Vorgipfel, auf dem ein grosses Kreuz steht, sinkt ein Grat ab, bis zu dessen Schneide der steile Wiesenhang hinaufreicht; diesem Grat strebte ich zu. Als ich ihn erreichte, sah ich aus einer schmalen Scharte jenseits in eine wilde dunkelbraune Felslandschaft hinab, und tausend Meter tiefer die Häuser von Forno di Canale. Da die Gratschneide stellenweise ungangbar war, musste ich wieder in die steile Grasflanke queren und in ihr höher steigen. Schwierigkeiten technischer Art gab es keine, doch war zur Begehung dieses Hanges absolute Trittsicherheit notwendig; der letzte Gipfelhang, gewiss mehr als hundert Meter hoch, ist von felsigen Steilstufen durchzogen, und ein gleitender Körper wäre sicher erst in der Nähe der Hütten von Rudelefin alta liegen geblieben. Knapp unterhalb des Gipfels mussten wir dann noch eine solche steile Felsplatte queren; die Griffe bildeten die aus der Platte halb oder dreiviertel herausragenden, kopfgrossen und runden Konglomeratkugeln und die Tritte die Höhlungen der bereits ausgebrochenen Knollen. Fünf Stunden nach unserem Aufbruch von Cencenighe betraten wir den Gipfel der Cima di Pape.

Wiederum war uns eine schöne und aussichtsreiche Gipfelrast bei hellem Sonnenschein und blauem Himmel beschieden. Ausser der Civetta waren es jetzt vor allem die Cima d' Ambrosogn, der Monte San Lucano und ihre Umgebung, die unsere wandernden Blicke immer wieder anzogen. Hoch hing der Himmel über allen Bergen, golden lag der Schein der Sonne über Berg und Tal gebreitet, weisse Nebelschleier schwebten um die Gipfel der « Hohen », und vielgestaltige Wolkenschiffe segelten langsam und feierlich nach Süden.

Diesmal liess uns die Unsicherheit des Abstieges leider nicht lange rasten. Vorsichtig stiegen wir im Gipfelhang abwärts, querten wieder eine grosse, mit Kugeln und Löchern reichverzierte Platte, und selbst dort, wo die Neigung schon wesentlich geringer war, hiess es auf dem glatten Gras noch vorsichtig gehen, wollte man eine mehr oder weniger lange, unfreiwillige Abfahrt vermeiden. Unten aber, bei den Almhütten, holten wir dann reichlich nach, wozu wir uns auf dem Gipfel keine Zeit gönnten.

Der Weg des Aufstieges war auch der Weg unseres Hinabwanderns in das Tal. Wir liessen uns Zeit. Zu schön war der Blick nach allen Seiten, hinauf, hinunter, hinüber zur berühmten Civetta, weit hinaus in das Land der Dolomiten, und zu gross unsere Freude, das kleine, stille Reich der Pale di San Lucano aufgesucht zu haben.

Als wir am nächsten Tag von Taibôn mit dem Autobus über Falcade hinüberfuhren in das Fleimstal und in Forno di Canale auf wenige Minuten das Fahrzeug verliessen, da grüssten wir noch einmal den zackigen, dunklen Gipfelgrat der Cima di Pape; hoch über dem Tal schrieb er sein steiles Auf und Ab in den lichten Himmel, umspielt von den Strahlen der Sonne und nun auch schon getaucht in das Leuchten der Erinnerung.

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