Die Pucher-Nordwand

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Von Anton Krupski.

Schwere, trübe Gedanken jagten sich in unsern Köpfen. Etwas Unfrohes lag auf allen Gesichtern. Das Warum und Wie des tragischen Todes des jungen Bergsteigers am Pucher beschäftigte uns über die Massen. Nur wenige Tage trennten uns vor dem unheilvollen Ausgang seiner letzten Bergfahrt. Dies mochte auch der Grund sein, warum wir schweigend nebeneinander her-schritter.. Ein tiefes Mitleid verband uns mit dem kühnen Gänger. Unser Fuss betrat die Brunnialp und, die Gedanken ganz in innerm Sinnen verloren, steuerten wir unwillkürlich der einsamen Hütte « Zu den Nordwänden » zu, die Hans Walker vom A. A. C. Freiburg so getauft hatte und in der er mit seiner Schwester über die schönen Sommertage hauste. Das Licht war bereits aus dem Tale gewichen, und in der heraufziehenden Dämmerung erschien die Landschaft einförmig und düster. Rasch suchte der Blick nach wärmeren Farben. An den finstern, drohenden Felsen waren sie nicht zu finden. Für einmal indessen ruhte das Auge am hohen Puchergipfel, der, aus der mächtigen Nordwand geboren, als stolzer Abschluss eines ungeheuren Strebens in das frohe Blau des Himmels hineinragte, bis auch dieses Blau im Dunklen erlosch. Dort also geschah das Unglück, und die stumme Bergspitze war alleiniger Zeuge des Vorfalls. Leidvoll, gleichsam als schweigende Dulder, standen die bärtiger. Tannen im Bergwald. Und doch lag etwas Versöhnendes in dem stillen Sehnen ihrer, wie mir schien, liebevoll sich ausbreitenden Äste. Alles Leidtun ist uns fremd, raunten sie in ihrer Sprache. Gleichmässig rauschten der Bruanibach und die kleinen Wasserfälle des Firrenbandes. Der abendliche Talwincl traf uns wie ein flüsternder Hauch. Fürwahr, dieses Wehen des Windes, dieses Wasserrauschen, das friedliche, einsam stille Sehnen der Tannen, ja, das ungeheure erstarrte Streben der Nordwand, das in der Nähe immer noch heftiges Werden scheint, und schliesslich der Drang des nunmehr toten Alleingängers nach Höhe und Licht, ist all dies nicht dem einen ewigen Urgrund entsprossen?

Zwei Männer in voller Bergausrüstung begegneten uns. Es war der junge Führer Vinzenz Bissig aus Unterschächen mit seinem Begleiter. Heute früh sind sie gegen den Gwasmet angestiegen, den Erfallenen zu suchen. Irgendeine Spur, so äusserten sie sich im weitern Verlaufe des Gespräches, sei von ihnen trotz emsigen Suchens nicht gefunden worden. Höher hinauf wollten sie nicht gehen, der Nagelschuhe wegen. Wir bedeuteten ihnen, dass sie recht getan hätten, da auf den plattigen Felsen lediglich Kletterschuhe ein sicheres Vorwärtskommen ermöglichen. Im übrigen konnten wir den beiden mitteilen, dass der Körper auf der Südseite von Führern des Maderanertales bereits geborgen und zu Tal gebracht worden sei. Nach kurzen, bedauernden Worten über den Unfall drängten die Männer heimwärts, da die Angehörigen ihrer warteten. Wenn wir etwas vor hätten in den nächsten Tagen, rief uns Bissig im Weggehen zu, etwa die Pucher-Nordwand, möchten wir ihm ja Kunde geben, da er darauf brenne, einmal etwas Grosses mit uns zu unternehmen. Dann verschwanden die beiden in der zunehmenden Dunkelheit. Kein Jauchzer, wie es beim Scheiden hierzulande Sitte ist, störte die erhabene Stille. Ich musste den Worten des jungen Führers nachsinnen. Sie schienen mir sonderbar, ja unerhört. Hatte ich derartiges schon im Tale vernommen? Was kümmert sich der Talbewohner um solch schwierige Wege, um sogenannte grosse Turen? Und das ist wohl gut so und durchaus im richtigen. Und überdies, heute suchte er nach einem Verunfallten, und morgen will er in eine noch gefährlichere Wand. Nun ja, er hat das Führerexamen gut bestanden und glaubt nun, die Probe aufs Exempel machen zu müssen. Aber wir waren noch nie zusammengegangen, und er kannte uns so wenig. Dazu ausgerechnet in die schwierige Pucherwandl Der Mann gefiel mir, er musste mit.

Des andern Tages turnten wir übungshalber am Brunnitaler Weissstöckli herum. Insbesondere der von Hans Walker seinerzeit zum erstenmal begangene Westgrat bot uns im Abstieg hohen Genuss. Wir nahmen dafür gerne das Barfussqueren eines breiten Schneefeldes in Kauf, um die Kletterschuhe nicht nass werden zu lassen. Früh nachmittags sassen wir wieder vor der Hütte im Brunnital, das von gleissendem Sonnenlicht erfüllt war. Alles atmete wonnig-frisches Leben. Von Unterschächen her strich ein kühler Wind über die grünen Alpweiden. Er milderte angenehm die Glut der Sonne, die trotz der vorgerückten Jahreszeit warm herniederschien und helle Freude weckte. Alle Trauer war vergessen, und bald ertönten Gesang und die Klänge zweier « Schwyzerorgeln ». Das lockte die Älpler, und sie versammelten sich um ihre Hütten. Die Kinder insbesondere erschienen zahlreich, kamen näher und erfreuten ihre jungen Herzen an dem, wie sie dünkte, schönen Konzert. Wie wenig braucht es doch, um andere freudig zu stimmen! Noch einmal schweifte mein Blick über die Pucherfelsen, und die wachsenden Bergschatten waren schon hoch gegen Lammerbach und Wannelen hinaufgestiegen, als wir dem Tale zu schritten.

Montag, den 30. August 1926, traf von Brugg her mein treuer Begleiter, Ernst Gassler, in Altdorf ein, der wie Bissig auf etwas « Grossem » bestand. Freudig stimmte er meinem Vorschlag zu, trotzdem von ihm und Karl Mettler seinerzeit der Puchergipfel von Norden her sogar bei Nebel und Regen erreicht worden war. Nun gelte es, meinte er lachend, die Wand auch bei gutem Wetter kennen zu lernen.

In Unterschächen suchten wir Bissig auf. Er war nicht zugegen, sondern sammelte, wie es hiess, gegen die Schächentaler Windgälle zu Wildheu ein. Wahrscheinlich komme er gar nicht oder sehr spät nach Hause. Wir liessen ihm melden, dass wir heute abend auf der Brunnialp nächtigen, und so er Lust verspüre, möge er kommen, es sei unsere Absicht, morgen früh die Pucher-Nordwand zu begehen.

Hans Walker öffnete uns wie immer seine gastfreie Hütte. Wir schliefen lange und gut. Zur festgesetzten Frühstunde indessen hoben wir uns ruckartig vom harten Lager. Gassler bereitete ein währschaftes Frühstück, das so ziemlich für den ganzen Tag genügen musste. Es lag nicht in unserm Sinne, in der Wand uns lange mit Essen aufzuhalten! Wir waren zum Gehen bereit. Bissig erschien wohl kaum mehr. Da klopfte jemand unverhofft an dem nach Westen gerichteten Fenster, nur leise das erstemal, das zweitemal kräftiger, und auf meine Frage, wer draussen sei, erscholl gedämpft die Antwort: « Dr Vinzenz isch da! » Voller Freude, uns noch anzutreffen, trat der kräftige Bergler mit den klugen, dunklen Augen, dem scharfgeschnittenen, braunen Gesichte, mit tief in die Stirne hineingewachsenem, schwarzem Haupthaar in die hellerleuchtete, heimelige Stube. Mir kam er vor wie ein römischer Krieger!

Die Kunde hatte ihn richtig in den steilen Wildheuplanggen erreicht. Er wollte aber doch noch das so gut getrocknete Gras zur Triste bringen, kam gegen Pucher-Nordwand Mitternacht nach Hause und dann im Eilschri tt zur Brunni- alp! Und da meinen wir Altern in unserm Dünkel — es war im Altertum schon so —, die heutige Jugend tauge nicht mehr viel!

Spärliches Mondlicht erhellt das Tal, als wir uns im Freien umsehen. Das Leuchten der Sterne und der klare Himmel lassen auf einen schönen Tag hoffen. Vor 5 Uhr freilich ist es uns kaum möglich, die Wand zu betreten. Gemächlich gehen wir bergan. Wie eine Gemse springt aber Bissig in der anbrechenden Morgendämmerung über das ihm von der Jagd her wohlbekannte Firrenband. Wir haben Mühe, ihm zu folgen. Unsere Absicht ist, das Band, wie die Partie Walker-Muther, bis hart vor den östlichen Wasserfall zu begehen, um die Schlucht mit den drei eigentümlichen Schneeresten direkt zu erreichen, den Miescherschen Anstieg somit zu vermeiden. Heute ist uns klar, dass wir von dem Regen in die Traufe geraten sind, denn diese Variante ist, auch nach der Meinung Hans Walkers, keineswegs etwa leicht. Ich muss gestehen, die Überwindung dieser kurzen, aber nahezu senkrechten, mit trügerischem Wasen bewachsenen und losem Schutt bedeckten Steilstufe ist etwas vom Unangenehmsten der im übrigen unvergleichlich reizvollen Bergfahrt. Als Führender halte ich der Bänderung wegen ziemlich stark nach links. Wir kommen heil durch, ein letzter Klimmzug, und ich stehe auf dem sichern Boden einer breiten Terrasse, in der unmittelbaren Fallinie der erwähnten Schneereste. Ein froher Jauchzer hallt in den hellen, klaren Morgen, zum Zeichen der Befreiung aus harter Bedrängnis. Gassler folgt, wie ich es von ihm gewohnt bin, mit vorbildlicher Sicherheit und Ruhe nach. Auch Bissig hat die Probe glänzend bestanden, und kaum ein Steinchen wich ihm unter den Füssen. Ein geborener Steiger, denke ich bei mir! Mit grossen Augen blicken wir in die grandios sich auftuende Schlucht, ein kurzes Rasten, und schon sind wir wieder an der Arbeit. Die Lawinenreste in der Mulde werden nicht betreten, sondern vorerst immer links dem plätschernden Bach entlang kletternd, halten wir dieses Ufer beständig inne, ohne den Schnee jemals zu berühren. Steile, abschüssige Bänder am Fusse der hier lotrecht abfallenden, westlichen Felsen der Ruchen-Nordwand ermöglichen ein gutes Vorwärtskommen, wenn auch lediglich in Kletterschuhen. Apere, nicht zusammenhängende Stellen in der Mulde, mit nassen, bauchigen Platten nötigten uns zu dieser Aufstiegänderung. Ich darf sie mit gutem Gewissen empfehlen.

Wir queren den obersten, steilen Firnfleck und erreichen rasch über fau-ligen, abbröckelnden Fels die westlich angrenzende Felsrippe, auf der noch wenige Trümmer eines Steinmannes liegen. Gassler bemüht sich, das Zeichen wieder aufzurichten, wohl wissend, dass es einer spätern Partie von unschätzbarem Wert sein kann. Wir gönnen uns keine lange Ruhepause, denn die Tage sind schon kurz.B.issig wendet alle Überredungskünste an, um auf seinem mitgeschleppten Kocher uns allen einen warmen Tee brauen zu dürfen, aber Gassler und ich drängen unerbittlich weiter. Bevor wir uns der überwältigenden Schlucht des Ruchenfensters zuwenden, grüssen wir wie im Abschied die Hütten der Brunnialp und das hell besonnte Gelände. Durch eine steile Rinne über äusserst unangenehmes und brüchiges Gestein steigen wir ab und langen über Schneereste und ein kleines Felsband ziemlich bald bei einer markanten Felsenecke an. Von hier aus hat man einen übermächtigen Blick in die eigentliche Ruchenfensterschlucht. Sollte diese schmale Stelle abbröckeln, dann wäre der Pucher von Norden wohl kaum mehr zu erreichen.

Steil ansteigend zieht sich das Band über die Schlucht hin — eine unvergleichliche Höhenwanderung —, um in einer von Norden her offenen, gewölbeartigen Felsennische zu endigen. Es folgt eine nicht leichte, exponierte Stelle unter einem gewaltigen, überhängenden Felsblock durch, und wir treten mit einem Gefühl der Erleichterung in Begleitung des brausenden Getönes eines Wasserfalles aus der dunklen, unterweltartigen Schlucht in die freie, offene Nordflanke des Puchers. Greifbar nahe scheint infolge starker Verkürzung der Grat, doch wir wissen, dass das Ziel noch weit entfernt ist. « Auf Brunni winken die Freunde », ruft Gassler in heller Begeisterung aus. Ich greife nach dem Zeiss und stelle fest, dass wohl ein paar alte Älplersocken im Winde flattern! Lachend ziehen wir weiter. Indessen macht uns der liegengebliebene Neuschnee im obern Wandteil ernstliche Sorge. Das letzte Stück des Weges bringt uns in der Tat manch harte Aufgabe. Dass wir nicht zu stark nach rechts halten durften, wussten wir. Aber nicht überall, wo wir glaubten, den Durchgang erzwingen zu können, ging es. Sorgfältig abwägend prüften wir das Mögliche, um uns an scheinbar günstigen Stellen rechtzeitig wieder zurückzuziehen. Hätten wir vollständig trockenen Fels vorgefunden oder hätte auf der Wand eine zusammenhängende, tragfähige Schneeschicht gelagert, wäre das Stück Weg wohl leichter zu bewältigen gewesen. Statt dessen bedeckten Neuschneereste, die nicht immer zu vermeiden waren, das Gestein. Die Kletterschuhe meiner Gefährten waren längst durchnässt. Damit ich als Vorangehender sie trocken behalte, umwand ich sie mit meinen Wadenbinden. So ging kostbare Zeit verloren, aber stetig trotzten wir der Wand Gelände ab. Die Stunden verrannen. Zu unserer Freude indessen trafen die späten Sonnenstrahlen doch noch die Wand, deren Schnee in blendendem Lichte aufblitzte. 530 standen wir auf dem Puchergipfel, 2954 m.

Von Unterschächen sah man uns. Wir beglückwünschten Bissig zu seinem schönen Erfolge. Auch das Schlussstück war eine harte Probe für ihn, aber er gewann und zeigte sich allen Lagen gewachsen. Mutig und selbstlos hatte er sich uns anvertraut, wir zählten auf ihn, und er hielt treu durch bis zum Ziel, ohne einen einzigen Augenblick zu versagen. « Ich danke Euch, Ihr seid ein wackerer Bergler, und man hat gut getan, Euch zum Führer auszuziehen. Indessen, » fügte ich lachend hinzu, « bedenket, dass über allen Dreien heute ein Schutzengel gewacht hat! » Der Zufall wollte es, dass wir im Abstieg die Spur im Schnee kreuzten, durch die man den Erfallenen zu Tale gebracht hatte. Schweigend zog Bissig neben uns her. Er wird wohl gedacht haben: Diese Bergsteiger sind fürwahr kaum so gottlos, wie es etwa scheinen mag, wenn sie Sonntags, vielen zum Ärgernis, in die Berge wandern!

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