Die Steinböcke am Albris

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Mit 4 Bildern ( 129—132Von Eugen Wenzel

( Zürich ) Vor dreissig Jahren, im August 1921, wurde am Südabhang des Piz Albris zum erstenmal Steinwild festgestellt. Bei den zwei freiwillig zugewanderten Steingeissen handelte es sich zweifelsohne um versprengte Tiere einer im Jahr vorher im Gebiet des Piz Terza erfolgten Aussetzung von Steinböcken. In der Selbstwahl des Piz Albris durch das Steinwild ein aufmunterndes Zeichen erblickend, kam Andrea Rauch, der damalige Wildhüter von Pontresina, auf den Gedanken, im gleichen Gebiet weitere Aussetzungen von Steinböcken vorzunehmen. Welch gewaltiger Aufopferung es bedurfte und welch ein Ausmass von Enttäuschungen hingenommen werden musste, um die Steinbockkolonie am Albris hochzubringen, das lese man im Buch « Der Steinbock wieder in den Alpen » von Andrea Rauch nach.

Aus bescheidenen Anfängen und gestärkt durch Neuaussetzungen in den Jahren 1922 bis 1928, entwickelte sich am Piz Albris in der Folge das Steinwild so gut, dass der im Jahre 1942 verstorbene Wildhüter Rauch wohl behaupten durfte, der Steinbock sei wieder heimisch in den Schweizer Alpen. Dieser Erfolg muss uns alle freuen, um so mehr, als der heute auf viele hundert Stück angewachsene Bestand gesichert erscheint. So erfreulich die Tatsache ist, so sind durch das Anwachsen der Steinbockkolonie Probleme aufgetaucht, die ernstlich nach durchgreifender Lösung rufen.

Es steht ausser Zweifel: das Steinwild am Albris ist zum Schauwild von Pontresina geworden. Selbst dem bergungewohnten Feriengast ist es ohne Anstrengungen möglich, Steinböcke in freier Wildbahn zu beobachten. Überdies werden vom Kur- und Verkehrsverein während des Sommers gut geführte Ausflüge in die Wildschutzgebiete organisiert, auf welchen man Einblick in die heute wohl grösste Steinbockkolonie Europas erhält. Am mühelosesten sind die Steinböcke im Frühling zu sehen, wenn sie herdenweise aus dem ihnen als Winterasyl dienenden Wald des unteren Schafbergs auf die Wiesen am Dorfrand treten. Wer jedoch wahre Freude an ihnen erleben möchte und den Steinbock in seinem ureigensten Bereich, den rauhen, schwer zugänglichen Felsen beobachten will, muss in die steilen Flanken der Sours, des Piz Muragl und des Piz Albris steigen.

Die Schuhe müssen Gummisohlen haben, und den Bergstock lasse man ruhig zu Hause. Nägelgeknirsch und das Geräusch kratzender Stockspitzen werden auch vom Steinwild als fremder, nicht in seine Umgebung passender Laut empfunden. Derjenige, welcher sich zutrauen darf, allein in den Felsen steil abfallender Bergflanken herumzuklettern, hat am meisten Aussicht auf schöne Erlebnisse. Wer von der unter Bergsteigern weit verbreiteten Gewohnheit, seiner Freude durch Jauchzen und Johlen Ausdruck zu verleihen, nicht ablassen kann, spare sich die Mühe, Steinböcken nachklettern zu wollen. Die Beobachtung von Tieren in freier Wildbahn verlangt Selbstbeherrschung, und das ist das mindeste, was ein Tier vom Menschen erwarten dürfte. Die Frage, ob es nicht ratsamer gewesen wäre, ein Betreten des Wildasyls durch Verbot gänzlich zu unterbinden, um den natürlichen Lebensablauf der Steinböcke nicht zu stören, haben diese selbst beantwortet. Einerseits beweist ihre fortschreitende Vermehrung, dass sie sich wenig um den Menschen und seinen lärmigen Betrieb kümmern, obschon sie in ständiger nächster Nachbarschaft leben, anderseits sind sie es selbst, die im Winter und Frühling die rauhen Bergregionen verlassen und aus eigenem Antrieb bis zu den menschlichen Wohnstätten herabkommen.

Auf guten Wegen gelangt man von Pontresina in zwei bis drei Stunden ins Steinbockrevier. Unter diesem Revier sei hier nicht nur das eigentliche Schongebiet des Albrisstockes verstanden, sondern auch die Val Languard und die sie nordöstlich begrenzende Kette über Piz Muragl und Las Sours bis zum Schafberg. So weit hat sich nämlich die ursprünglich auf den Südabhang des Piz Albris beschränkte Steinwild-Kolonie ausgedehnt. Eine weitere Abwanderung und Ausdehnung scheint aus unerklärlichen Gründen nicht stattzufinden. Was den Steinbock davon abhält, sich aufzumachen und sich in benachbarten Gebieten, in welchen seine Lebensbedingungen gewiss auch erfüllt würden, festzusetzen, kann nicht mit Bestimmtheit erklärt werden. Die natürlichen Salzlecken, wie sie am Albris bestanden haben und seit der Gründung der Kolonie durch künstliche vermehrt wurden, können sicher nicht als Grund dafür angesehen werden. Und dass der vielleicht nicht einmal ernsthaft überprüften Abneigung, übers Wasser zu gehen, die Schuld an der Sesshaftigkeit des Steinbocks zuzuschreiben ist, klingt noch unwahrscheinlicher. Es ist aber sehr wohl möglich, dass die Steinböcke eines Tages aus Futtermangel oder aus Abneigung vor der eigenen Losung rudelweise abwandern werden. In Pontresina, wo man einst so stolz auf die geglückte Wiedereinbürgerung des Steinwilds war, würde man einer solchen Abwanderung sicher nicht nachtrauern. Die auf 600 bis 700 Stück angewachsene Kolonie würde eine natürliche Dezimierung gut ertragen. Gewisse Waldpartien am Schafberg machen ihrem Namen Ehre, indem die haufenweise herumliegende Losung von Hunderten von Steinböcken ganz den Eindruck einer Schaf-Einfriedung macht.

Das eigentliche und nur schwer zu lösende Problem ist der Gemeinde Pontresina aber durch den von den Steinböcken verursachten Wildschaden im Wald entstanden. Wenn man weiss, wie vieler Mühe und Sorgfalt es bedarf, um einen Wald aufzuforsten, und wie viele Jahre vergehen, bis ein Arven-oder Lärchenbäumchen lebensfähig geworden ist, und ohnmächtig zusehen muss, wie die Früchte aller Arbeit zerstampft und zernagt werden, das muss bedenklich stimmen. Tatsächlich ist der Schaden an Jungbäumen so beträchtlich, dass er nach energischer Abhilfe ruft. Neben diesen bedauerlichen Waldschäden werden auch noch die Wiesen in Mitleidenschaft gezogen. Es ist durchaus begreiflich, wenn die Steinböcke nach der kärglichen Ernährung während des Winters dem ersten Grün nachgehen und ähnlich dem Hirschwild empfindlichen Schaden in den Wiesen anrichten. Um der unliebsamen Zudringlichkeit des Wildes entgegenzutreten, hat man schon zu allerlei Mitteln gegriffen. Das originellste davon ist zweifelsohne der Raketenbeschuss und das Lärmschlagen, mit welchem man die Tiere in höhere Regionen zurück-zuverscheuchen versucht. Damit hat man unserer Ansicht nach einen ebenso verwerflichen wie untauglichen Weg beschritten. Es müssen sicher ganz andere, zweckmässigere Mittel zur Auflockerung des Bestandes gesucht werden. So unwahrscheinlich es klingen mag, man wird in absehbarer Zeit vielleicht dazu gezwungen werden, einen alljährlichen Abschuss von älteren Tieren vorzunehmen. Dadurch würde nicht nur dem Überhandnehmen der Steinböcke gesteuert, das Wild würde durch die Knallerei scheuer und zöge sich von selbst aus der Nachbarschaft der Menschen zurück.

Der Feriengast von Pontresina hat sich allerdings nicht mit diesen Problemen auseinanderzusetzen. Für ihn sind die wieder eingebürgerten, stolzen Wappentiere Bündens eine Augenweide. Es ist auch wirklich ein unvergesslicher Anblick, in den steilen Südabhängen des Piz Albris, im versteckten Geröllkessel von Ursina oder wo immer es sei, plötzlich auf so ein Rudel von Steinböcken zu stossen. Man darf seine helle Freude bekunden, dass es unserer Generation vergönnt ist, eine in den Schweizer Alpen bereits ausgestorbene Tiergattung wieder so zahlreich anzutreffen. Wer nur ein wenig zu pirschen versteht und die Geduld aufbringt, sich ein paar Stunden ruhig zu verhalten, wird im Albrisgebiet zu schönen Erlebnissen kommen. Dort oben können sich die Tiere nach Herzenslust tummeln. Trotz scheinbar plumpem Körperbau bewegen sich diese geborenen Kletterer mit verblüffender Leichtigkeit und unfehlbarer Sicherheit in den Felsen. Über Platten, auf denen der Mensch, auch mit Gummisohlen bewehrt, nur bedächtig geht, setzt der Steinbock mit spielerischer Selbstverständlichkeit hinweg. Seine Hufe befähigen ihn, überall Fuss zu fassen und ihn zum unübertrefflichen Meisterkletterer zu machen. Dabei sind ihm die gewichtigen Gehörne etwa gar nicht hinderlich. Ein Absturz infolge Anstossens kommt sicher selten vor. Wir begegneten nur einmal einem alten Bock, dessen rechtes Horn fehlte, aber diese Invalidität konnte auch von Steinschlag oder vielleicht von einem massiven Zweikampf herrühren. Ältere Exemplare tragen Hörner bis zu 15 Kilogramm Gewicht und mehr herum. Trotz muskulösem Stierennacken und breitem Hals scheinen sie das enorme Gewicht ihres Kopfschmuckes zuweilen doch zu spüren. Konnten wir doch öfters beobachten, dass sie sich auf die Seite legten und in dieser gar nicht mehr zu ihnen passenden Stellung ausruhten.

Wenn wir weiter oben behaupteten, die Steinböcke am Albris seien zum Schauwild von Pontresina geworden, so bezog sich das vor allem auf ihre unnatürliche Zahmheit. Auf Pirschgängen im oberen Abschnitt des Schongebietes kann erfreulicherweise festgestellt werden, dass die Steinböcke, was ihre Sinne betrifft, kaum als degeneriert angesehen werden können. Neben ihrer fabelhaften Kletterkunst und Beweglichkeit verfügen sie unter anderem über ein ausgezeichnetes Gehör. Ein Beispiel mag dies erörtern: Eines Tages beobachteten wir an den « Schwestern » von oben herab einen äsenden Steinbock. Urplötzlich drehte er sich um und schoss mit ein paar mächtigen Sätzen auf eine aus der Wand tretende Felsrippe hinaus und blieb dort in Sprungstellung stehen. Sein Verhalten war uns absolut unerklärlich, da er von uns nichts gehört haben konnte. Es dauerte noch mehrere Sekunden, bis hinter und über uns ein Segelflugzeug über dem Grat erschien und das Rätsel löste. Das überaus feine Gehör des Steinbocks musste, lange bevor das Flugzeug sichtbar geworden war, die von ihm ausgehende Druckwelle empfunden haben, und als augenblickliche Reaktion erfolgte der plötzliche Seitensprung. Auf gleiche Weise entgehen diese Tiere, wie übrigens auch die Gemsen, den Steinschlägen und Schneebrett-Abbrüchen.

Das Steinwild im Albrisgebiet befindet sich in ausgezeichnetem Gesundheitszustand. Unseres Wissens ist es seit der Gründung der Kolonie noch nie von einer Seuche befallen worden. Jahr für Jahr kann im Frühling der stete Zuwachs an Kitzen festgestellt werden, und sehr leicht sind Rudel von hundert und mehr Tieren zu sichten. Der schnee- und lawinenreiche Winter 1950/1951 hat auch unter dem Steinwild etwelche Opfer gefordert, über deren Ausmass allerdings selbst in Pontresina nur ungenaue Angaben erhältlich sind. Während der Wurfzeit, wenn sich die Muttertiere abgesondert haben, trifft man ganze Gesellschaften von ein- und zweijährigen Kitzen beisammen. Später, bei der Rückkehr der Alttiere, finden sich alle wieder zu ihren Müttern zurück. Auf welche Weise dies geschieht, ist nicht leicht verständlich und nach menschlichen Gesichtspunkten schwer erklärbar.

Ausserhalb der Brunstzeit sind die alten Böcke nicht bei den Rudeln zu finden. In den Lawinenverbauungen unterhalb der « Schwestern » und in den versteckten Hochtälern der Languardkette kann man sie aufstöbern und mit Geschick und Ausdauer gelegentlich sehr nahe an sie herankommen. Eine gewisse angeborene Neugier lässt sie manchmal erst dann die Flucht ergreifen, wenn man sich ihnen bis auf wenige Meter genähert hat. Zuletzt geben sie ihrem Missfallen durch ein stossweise hervorgebrachtes Grunzen Ausdruck, alarmieren mit heiseren Pfiffen ihre Artgenossen und machen sich davon. Im Oktober geht es langsam der Brunstzeit entgegen, und dann sammeln sich die alten Steinböcke in Scharen und gesellen sich später den Geissen zu. Wilde Kämpfe, wie es bei den Hirschen und etwa auch bei den Gemsen absetzt, sollen bei den Steinböcken nicht so häufig sein. Es würde zu weit führen, wollten wir hier alle Erlebnisse schildern, die wir auf unseren Pirschgängen im Albrisgebiet hatten.

So echt die Freude am Bestehen dieser Kolonie nun auch sein mag, so beschleicht einem dabei gelegentlich doch ein leises Unbehagen. Die Tiere kommen einem irgendwie zu zahm, zu « zivilisiert », zu wenig wild vor. Jahrzehntelange Hege und Pflege durch den Menschen und das viel schwerer Wiegende, dass das Schongebiet viel zu nah am Getriebe eines Fremdenortes liegt, haben dazu beigetragen, den Nimbus, der dieses königliche, kraftstrotzende Alpentier früher umgab, empfindlich zu schmälern. Heute wird schwer vorauszusagen sein, ob sich die blühende Kolonie im günstigen Sinne entwickeln werde oder ob der Steinbock zum degenierten Tierparkwild herabsinke. Es entgeht unserer Kenntnis, wie es sich in den andern acht heute auf Schweizerboden bestehenden Steinwildkolonien damit verhält; doch wird es nicht zu umgehen sein, den im Albrisgebiet entstanden Problemen volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Feedback