«Die Tierwelt der Alpen einst und jetzt.»

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Die so benannte lehrreiche Abhandlung Prof. Fritz Zschokkes, lyrisch geschrieben und gemeinverständlich, obgleich streng wissenschaftlich, hat wohl jeder Klubkamerad gelesen und, wie ich, auch wiedergelesen. Wer Liebe hat für Berge und Bergleben, besonders auch für die Tiere, die nur dort oben leben und glücklich sind, dem bietet die schöne, zusammenfassende Studie einen geistigen Hochgenuss und die beste, wissenschaftlich sichere Belehrung. Ja, Wissenschaft ist die grösste Poesie, besonders wenn unser Kollege Zschokke wissenschaftlich über Berge und Bergtiere schreibt. Ihm unsern Dank!

Ich bedaure es daher lebhaft, dass in einer Stelle, wo vom Steinbock die Rede ist, die Feder des Verfassers ein zu eiliges Tempo eingeschlagen hat und zu einer Behauptung gelangt ist, die ich berichtigen muss.

In der Januarnummer unserer Zeitschrift « Die Alpen », Seite 17, ist zu lesen: «... im Gebirgsstock des Gran Paradiso. Dort blühte vor dem Weltkrieg eine zahlreiche Kolonie des Steinbocks in den Tälern von Cogne und Valsavaranche; leider fielen die schützenden Grenzen dieser letzten Zufluchtsburg in den jüngst verflossenen Jahren. » Wenn es so wäre, hätte Italien in den « jüngst verflossenen Jahren » einer unverzeihlichen Freveltat sich beschuldigt.

Glücklicherweise für die noble Rasse der Steinböcke und für uns alle, ihre guten Freunde, ist die wirkliche Sachlage eine viel erfreulichere.

Nein, die schützenden Grenzen fielen nicht! Im Gegenteil, sie wurden schroffer und dehnten sich aus in ganz bedeutendem Masse.

In den Bergregionen des Gran Paradiso und der Grivola bis zum Talweg etlicher Täler hinunter wurde nämlich in « den jüngst verflossenen Jahren » ein italienischer Nationalpark errichtet und dies endgültig mit dem Staats-gesetze « Il parco nazionale del Gran Paradiso », datiert vom 2. November 1922. Gleichen Tages trat es in Kraft!

Das Asyl, das « der weidmännische Sinn der Könige von Italien » dort seit 1858 geschaffen hatte und das eine Oberfläche von 21 km2 bedeckt, wurde vollständig im neuen italienischen Nationalparke eingeschlossen, und die Grenzen darum wurden bedeutend weiter verlegt. Die Steinböcke sind jetzt besser als je geschützt, da der König von Italien diese Jagd aufgegeben und die ganze königliche Jagdreserve endgültig und vollständig dem Nationalparke vermacht hat. Ehre und Lob seinem hochherzigen Natursinn!

An der Spitze des Nationalparkes steht eine vom Staate eingesetzte Verwaltungskommission, die laut Gesetz über ein jährliches Budget von 200,000 Lire verfügt. Eine Parkgarde von mehr als 20 Mann bewacht strenge alle darin lebenden Tiere und Pflanzen.

Dass die Steinböcke in diesem Gebiete noch gut gedeihen, zahlreich zu sehen und sorgfältig gehütet sind, können wir, Klubkamerad A. Fabriani und ich, nach eigener Sach- und Ortskenntnis bezeugen.

Bei einer führerlosen Überschreitung des Gran Paradiso Anno 1923, von Valsavaranche nach Cogne mit Abstieg über die wenig begangene und heikle Ostwand und den noch heikleren Tribulationsgletscher, haben wir mehr als 30 Stück Steinböcke überrascht und beobachten können. Zwei Tage später, um 14 Uhr, standen wir trotz rätselhaften Wetters auf der Grivolaspitze, 3965 m. Ein dicker Nebel hüllte uns ein. Plötzlich begannen unsere Pickel zu singen und surren, zuerst leise, dann ganz bedenklich laut. Unsere Haare streckten sich wie Nadeln in die Höhe. Da kracht es schon scharf und nahe; heiss zucken unsere Gelenke, das fürchterlichste Donnerwetter mit dem tollsten Schneegestöber bricht über uns aus und dauert zwei volle, lange Stunden.

Schon am Morgen beim Aufstieg gegen den Colle della Nera kamen uns mehrere Steinböcke in Sicht, auch ein Rudel Gemsen auf einer begrasten und von der unsicheren Sonne bleich belichteten Anhöhe. Wie ganz anders sah diese gleiche Gegend am Ende des Nachmittags bei unserer Rückkehr aus! Alles hatte sich in die schönste Winterlandschaft verwandelt. Der frische Schnee bedeckte Gras und Stein bis weit hinunter, wo die Vittorio Sella-Hütte in der Höhe von 2588 m steht.

Überall sprangen Steinböcke herum, vom Schneewetter heruntergejagt, auch zahlreiche ältere Gesellen mit schön gebogenen, mächtigen Hörnern. Alle hoben sich, dank ihrer dunkelbraunen Pelzfarbe, von der weissen Oberfläche der Erde aufs deutlichste ab. Ganz nahe der Hütte war ein Rudel von 15 Steinböcken mit vier Kleinen in kaum 200 Meter Entfernung bis in die Nacht hinein zu sehen.

Im ganzen haben wir mehr als 60 Steinböcke und 20 Gemsen zu sehen bekommen. Auch mehrere Parkwächter; zwei davon in ihrer Ausrüstung am Morgen unserer Grivolabesteigung, als sie auf einer Dienstwanderung begriffen waren.

Im Juli 1919, also nach dem Weltkrieg und als es sich schon um die Errichtung eines Nationalparkes handelte, wurde eine genaue Tierzählung gleichen Tages in der ganzen Gegend vorgenommen. Es wurden gezählt: 2500 Steinböcke und 1500 Gemsen.

Wenn die Schweiz auf die Errichtung ihres vorbildlichen Nationalparkes im Engadin mit vollem Recht stolz sein darf, verdient Italien sicherlich auch Anerkennung: erstens weil es die Rasse der Steinböcke, die leider überall von der Menschen Gier und Bosheit ausgerottet worden ist, hier in den Grajischen Alpen bis heute zu bewahren wusste, und zweitens, weil es der noblen Idee der Natur- und Tierschonung mit dem « Parco nazionale del Gran Paradiso » einen wirklich königlichen Dienst erwiesen hat! D. Boscoscuro.

Feedback