Die Wasseramsel

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Von Rudolf Egli

Eine eigenartige Tierfährte Mit 1 Zeichnung ( Herrliberg ) Bergfreund! Nicht wahr, du wanderst mit hellen und offenen Augen durch die Welt. Dich freut alles, was da grünt und blüht, was da fleucht und kreucht. Und wenn du auf deinen schmalen Brettern, die dich eine Welt erleben lassen, durch den Winterfrieden ziehst, dann beobachtest du im Neuschnee allerlei geheimnisvolle Runen, die du aber zu lesen verstehst.

Da begegnest du z.B. einer Tierspur, die dich interessiert und dir bisweilen eine ganze Geschichte zu erzählen vermag, sogar eine Tragödie des uralten und ewigen Kampfes ums dürftige Dasein... Aber hast du schon einmal diese Fährte gesehen?

Schaut sie nicht aus wie ein zierliches, paarig gefiedertes, schlankes Zweiglein? Diese Zeichnung begann hinten in einer kleinen Mulde bei einem Schneeloch von etwa Arms-dicke, das in ein Bächlein hinunterführte. Dieses Wässerchen war zwar unsichtbar, denn es war sonst seiner ganzen Länge nach durch ein Schneebrett zugedeckt und floss direkt ins Davoser Landwasser, zwischen Frauenkirch und Davos-Platz.

Durch diese etwa zehn Meter lange Röhre war vom Talbach her ein Singvogel gewandert, nämlich eine Wasseramsel ( Cinclus cinclus, L. ).

Dann war sie durch das erwähnte Schneeloch hinaufgestiegen, um wieder dem Landwasser « zuzurudern ».

Da der Schnee noch sehr locker war, half sie mit den Flügeln nach, gerade so, wie sie 's auf dem Bachgrund machen muss. Bei jedem Schritt schlug sie mit dem Flügelbug auf die weiche Unterlage. Dort, wo sie abflog, muss sie mit besonderer Kraft auf den Boden gehauen haben. Dieser Abdruck war denn auch besonders deutlich ( solche Siegel hinterlassen bekanntlich auch der Adler und die Krähe ).

Ja, überhaupt unsere Wasseramsel! Wenn wir den Bergbächen nach-wandern, begegnen wir ihr ja so häufig. Wie zahlreich hält sie sich gerade am Davoser Landwasser auf. Im Lareter Bach und andern Nebenbächen ist sie bedeutend seltener zu sehen.

Woher wohl dieser Unterschied in der zahlenmässigen Besiedelung? Die Sache ist ganz einfach: der reichlich gedeckte Tisch zieht sie an und Die Alpen - 1947 - Les Alpes22 begünstigt ihr Fortkommen. Das Landwasser bringt eine grosse Menge von Abfallstoffen mit, vielleicht sogar ungeklärtes Schmutzwasser. Da findet unser Wasserstar immer allerlei Geniessbares. ( Auch die Rabenkrähen kennen diese Stellen sehr gut, wo sich etwa eine « Kloake » in das Flüsschen ergiesst. ) Jede vom Ufer aus in den Bach ragende Eisplatte, jede einzelne Eisinsel, sie alle tragen die auffallenden Merkmale von Rast- und von Fressplätzen. Wenn der Vogel aufgescheucht wird, flüchtet er sich gewöhnlich in der Bachrichtung, gelegentlich auch auf die Uferbäume. Steht er mit seiner weissen Brust vor einer dunklen Stelle im Schnee, so verbirgt ihn seine Schutzfärbung ausgezeichnet, vorausgesetzt, dass er sich nicht durch sein typisches « Kniewippen » bemerkbar macht.

Aber durch den ansprechenden Gesang, mit seinem schmatzenden Liedchen, zeigt er doch bald seine Gegenwart an.

Da der Vogel nicht besonders scheu ist, wenigstens in jener Gegend — bei vorsichtigem Anpirschen beträgt die Fluchtdistanz nur 5—6 Meter — ist es immer ergötzlich, zu beobachten, wie er ins Wasser hüpft, auf dem Bachgrund aufwärts wandert, dabei seine Nahrung ( Larven, Wasserschnecken, Flohkrebse, Abfälle usw. ) sucht und dann nach einigen Sekunden wieder aufs Trockene springt.

In tieferen Gewässern, z.B. am Linthkanal oberhalb Ziegelbrücke, kann man sogar feststellen, dass die Wasseramsel als einziger Singvogel schwimmen kann, trotzdem sie weder Schwimmlappen, noch Schwimmhäute trägt. Wenn ich nicht irre, versteht dieses Kunststück nur noch das nicht zu den Singvögeln zählende Grünfüssige Teichhuhn ( Gallinula chloropus, L. ); auch es besitzt keinerlei besondere Schwimmorgane. Unsere gefiederte Freundin muss über besonders ansehnliche Körperkräfte verfügen, dass sie trotz des kleinen spezifischen Gewichtes in der Linth wohl 3—4 Meter tief zu tauchen vermag und trotz der starken Strömung nicht einmal wesentlich abgetrieben wird. Wie ein Korkzapfen schnellt sie jeweils wieder an die Oberfläche.

Im Sertigtälchen erfreute ich mich an einer geradezu paradiesischen Idylle: Da stand im klaren Bach eine stattliche Forelle. Im engsten Territorium dieses « Räubers » huschte eine Wasseramsel durch die kalten Fluten. Keines der Tiere liess sich aber gegenseitig stören.

Auch im Inn ist die Wasseramsel jahraus und jahrein anzutreffen. Wenn die Gewässer fast ganz zugefroren sind, geht sie sogar unter der Eisschicht ihrer Nahrung nach.

Wohl ist die Wasseramsel eine ausgesprochene Bewohnerin unserer Bergbäche. Aber auch im Mittelland ist sie gar nicht selten und brütet sogar auch da. Sind in den Alpen die Gewässer zugefroren, so zwingen sie Nahrungssorgen, tiefere Lagen aufzusuchen.

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