Dr. A. Fischer: Aufzeichnungen zweier Haslitaler

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Dr. Andreas Fischer: Aufzeichnungen zweier Haslitaler. I. Chronik 1792—1821 von Johann von Weissenfluh dem Altern. II. Alpenreisen 1850—1851 von Johann von Weissenfluh dem Jüngern. Bern 1910, Yerlag von A. Francke.

Dieses 166 Seiten umfassende, mit 3 Bildern nach Originalaquarellen des jüngeren Weißenfluh und einer Umschlagzeichnung1 von E. Linck illustrierte Buch ( Preis 3 Fr. 75 ) ist in mehr als einem Sinne ein Werk der Pietät. In einer Zeit, wo das mit den Erfolgen wachsende Selbstbewußtsein der „ prinzipiell führerlos gehenden " modernen Bergsteigergeneration zu ihrer Wertschätzung der Führergilde in umgekehrtem Verhältnis steht, und wo namentlich auch die geistige Überlegenheit des gebildeten und gesellschaftlich verwöhnten, bergsteigenden Städters über den sein Handwerk gewerbsmäßig ausübenden Führer aus dem Gebirgs-bauernstande mitunter recht naiv betont wird, ist es wahrhaft herzerfreuend, zu sehen, daß ein Mann wie Dr. Andreas Fischer, der es als Bergsteiger und Schriftsteller mit jedem aufnehmen kann und der schon glänzende Proben seiner Befähigung auf beiden Gebieten gegeben hat, es nicht unter seiner Würde fand, die handschriftlichen Zeugnisse einer naiven, aber durchaus nicht zu verachtenden literarischen Tätigkeit zweier seiner Landsleute — denn auch Dr. A. Fischer, gebürtig von Zaun ob Meiringen, ist ein Haslitaler und entstammt einer Führerfamilie — zu publizieren, ihnen durch eine treffliche Einleitung, Anmerkungen und einen historischen Anhang „ geneigte Leser " zu erwecken und ihrem Namen ein dauerndes Andenken zu sichern. Und beide Weißenfluh verdienen diese Ehrung, der ältere ( 1762—1821 ), der sich durch einen nach Mühlestalden im Gadmental verirrten deutschen Plutarch mit Holzschnitten zur Aufzeichnung chronikwürdiger Begebenheiten seiner Zeit anregen ließ und sich dabei gewiß nicht bewußt wurde, daß er damit auf den Spuren der ältesten schweizerischen Geschichtsschreibung wandelte, so gut wie der jüngere ( 1799—1885 ), welcher keinen geringeren als Gottlieb Studer, mit welchem er 1839 die epochemachende Entdeckungsfahrt durch das Triftgebiet machte, für seine alpine Schriftstellerei und Panoramenzeichnung sich zum Muster genommen hat. Und beide Weißenfluh waren schlichte, aber durchaus ehrenwerte und gescheite Menschen und standen ihrem einfachen Hauswesen und gelegentlich auch einem Gemeindeamt ihres freilich armen Gadmentals gewissenhaft und nicht ohne Erfolg vor. Und man spürt durch die handschriftlichen Erzählungen Weißenfluhs, wie durch die gedruckten Berichte Studers über die gemeinsam ausgeführten Besteigungen im Triftgebiet, der Jungfrau, des Combin de Corbassière u.a. m ., und noch mehr in dem Briefwechsel zwischen Studer und den Weißenfluh, von dem uns Dr. Fischer Beispiele gibt, noch den vollen Strom jener guten alten Zeit der Pioniere der Alpenwelt, wo in der Begeisterung für die neu sich erschließenden Schönheiten des Hochgebirgs Herr und Führer ein Herz und eine Seele waren und sich gegenseitig achteten und liebten, wie es im Leben Gleichgestellte nicht besser vermöchten. Einen Hauch dieses Geistes haben die älteren Bergsteiger unter uns in ihren Jugendjahren im Verkehr mit Führern wie Melchior Anderegg, Hans von Bergen und ähnlichen — um nur Haslitaler zu nennen —, deren Tätigkeit damals voll einsetzte, als der jüngere Weißenfluh seinen Höhepunkt bereits überschritten hatte, noch zu spüren bekommen, und diese Erinnerung kann ihnen „ der moderne Graus, durch den manchen Bergfreunden die Alpen von Jahr zu Jahr mehr verleidet werden " ( Einleitung, pag. 11 ), nicht rauben. Den Jüngern aber, soweit ihnen der Sportteufel den Alpensinn noch nicht ganz ausgetrieben hat, möchten wir empfehlen, sich in die Lektüre dieses Buches zu versenken und bei des älteren Weißenfluh treuherzigen Berichten aus alten Zeiten oder bei des jüngeren Erlebnissen mit Gottlieb Studer, Pfarrer Gerster, Fr. Bürki, Abraham Roth, Edmund v. Fellenberg, Rud. Schaub dessen inne zu werden, daß jede Generation und jeder Stand ihre eigenen Ideale und ihre eigene Philosophie haben, auch wenn sie dieselben aus dem „ Plutarchum " zu schöpfen scheinen, und daß wir unrecht tun, uns für besser oder weiser zu halten denn jene, die vor uns waren. Ein Werk literarischer Pietät ist es also, was wir Dr. A. Fischer verdanken, und dazu kommt noch, daß der Reinertrag des Buches dem Sohn und Enkel der Obengenannten zukommen soll, dem jetzt 75jährigen Andreas von Weißenfluh, der, ehemals selbst ein ausgezeichneter Bergführer, wie der Referent aus eigener Erfahrung bezeugen kann, „ jetzt in eine Lage gekommen ist, daß selbst der vielvermögende Plutarch, aus dem Großvater und Vater ihre Lebensphilosophie zogen, als Tröster nicht mehr völlig ausreichen will ". Wer also das originelle Buch kauft, tut auch ein gutes Werk. Und selbst gelernte Historiker werden aus der Chronik des älteren von Weißenfluh über die Ereignisse im Gadmental und anderswo von 1798-1803 für sie Neues finden und desgleichen in seinen Berichten über den Betrieb der Gadmer Eisenwerke bei Mühlestalden. Für die Geschichte der Erschließung der Schweizeralpen sind die pag. 109—150 publizierten „ Alpenreisen 1850-1851 von Johann Weißenfluh dem Jüngern " von bedeutendem Werte, und ich bedaure, daß mir die Originalbeschreibung Weißenfluhs über die erste Besteigung des Thierbergs am 3. September 1850 mit Pfarrer Gerster nicht zu Gebote stand, als ich im „ Climbers'Guide ", vol. IV, und im „ Hochgebirgsführer durch die Berneralpen ", Bd. IV, mich mit der recht verzwickten Frage der Erstbesteigungen der verschiedenen Thierberge zu befassen hatte. Wenn ich zum Schluß noch hervorhebe, daß auch die Freunde der Heimatkunde und die Dialektforscher bei der Lektüre dieser Chronik und Reisebeschreibung, an deren „ Manuskript keinerlei Schulmeisterkünste verübt worden sind " ( wofür wir Dr. Fischer ganz besonders dankbar sind ), auf ihre Rechnung kommen, so glaube ich, das meine „ zur Verbreitung guter Schriften " beigetragen zu haben.Redaktion.

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