Drei Gipfel im östlichen Mont-Blanc-Gebiet

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Mit 1 Bild ( 171Von Wolfgang Schwab

Der Mont Dolent ( 3823 m ) Im Juli 1864 hat ihn Whymper mit vier Begleitern zuerst bestiegen. Unermesslich hoch scheint der Berg vom lieblichen Val Ferret; der Höhenunterschied ist über 2200 Meter. Mein Gefährte, Karl Freimann, und ich gedachten den Berg direkt von unserem Hotelzimmer in La Fouly aus anzugehen.

Um 2 Uhr reisst uns der Wecker gewaltsam aus dem Schlummer. Schlaftrunken noch, verfolgen wir das Weglein zum Col du Petit Ferret. Dort tagt es; das bedrückende Zwielicht ist dem leuchtenden Morgen gewichen. Es ist 5 Uhr.

Vom Col windet sich das Moränenweglein um die Pointe Allobrogia und endet in der grossen Moräne, die uns 2% Stunden in Anspruch nimmt. Endlich versinkt sie im oberen Teil des Glacier de Pré de Bar, der unter uns ins italienische Val Ferret hinabfliesst. Wir wissen, dass wir uns im « Zeitalter der Moräne » befinden und sind froh, ihr entronnen zu sein. Nach kurzer Rast legen wir die Eisen an und kommen auf steilen Firnhängen stetig höher. Weiter oben auf einem Gletscherplateau erscheint das Massiv des Mont Dolent schon recht nahe. Über einen Firnrücken gewinnen wir die oberste kleine Gletschermulde und erreichen den Bergschrund unter dem Schneesattel am Beginn des SO-Grates. Der Schrund war gutmütig; so stehen wir bald im Sattel, wo sich uns ein faszinierender Tiefblick in den Kessel des Neuvazgletschers bietet. Darauf sind wir schon lange gespannt gewesen.

Nach dem monotonen Gletscheranstieg war unser Aufstieg über die immer steiler werdende Firnkante recht anregend. Nach sachter Umgehung einer Randkluft ergreifen wir einen prächtigen Felszacken, nun wird der Fels erreicht. In dem Couloir, das hier den SO-Grat spaltet, entledigen wir uns der Eisen. Nach halbstündiger Kletterei in sehr lockerem Fels tauchen wir auf dem Vorgipfel auf, stehen nach luftigem Gang über aperen, trockenen Grat eine Viertelstunde später, um 11 Uhr, auf dem Hauptgipfel. Wolkenlos ist der Himmel!

Drei Länder scheidet unser Gipfel. In den italienischen. Bergen tritt die Paradisogruppe durch ihre weisse Gewandung hervor. In nächster Nähe formschön die Aiguille du Triolet. Das grosse, feierliche Schweigen ist um uns -die Stille, in die wir immer wieder treten müssen, um die Seele über die Ereignisse der Niederung zu stellen.

Frohgemut schreiten wir zum Vorgipfel zurück. Wie einmal der Bergschrund hinter uns liegt, geht es rasch abwärts. Wo sich am Morgen die Eisen eingruben, fahren wir mehrmals ab.

Um 5 Uhr nachmittags wieder am Col du Ferret, betreten wir bald grünen Rasen mit buntem Schmuck. Wie erquickt uns die Lieblichkeit der kleinen, zierlichen Blumen! Dann säumen hohe Stauden den Weg; durch Lärchen und Tannen führt uns die Strasse am Abend nach La Fouly.

Der Tour Noir ( 3836 m ) Emile Javelle, der Verfasser der reizvollen « Souvenirs d' un alpiniste », erstieg ihn zuerst, im August 1876. Hoch aufstrebend entringt sich der schwarze Turm dem weiten Gletschermantel des Neuvazgletschers und bildet fürwahr ein lockendes Ziel.

Von der Neuvazhütte ausgehend, beginnen wir um 4 Uhr morgens unsere Fahrt. Auf den Eisen kommen wir über den Gletscherhang, der am Berge heraufleckt, dann leitet uns ein schmaler Gratrücken, der uns als eine Art chinesische Mauer erscheint, hinauf zum Col d' Argentière westlich des Gipfels. Jenseits des Col glänzt der Glacier du Tour Noir in silbernem Weiss, und uns beide beherrscht der gleiche Gedanke: « Jetzt mit Sommerski dort hinabflitzen! » Wir betreten den Gletscher und steigen in seinem obersten Teil höher, bis wir wieder den Grat erreichen. Beim Gipfelmassiv deponieren wir die Pickel unter einer Scharte zwischen zwei Gendarmen. Ein langes Band führt uns in die Ostflanke. Hinter einem vorspringenden Felsen gewinnen wir in anregender Kletterei über Kanten und durch Kamine in schönem Granit den Kamm. Um 9 Uhr stehen wir auf dem Gipfel.

Kinder des Lichts sind wir, im Bann der unendlichen Weite. Dann verliert sich unser Blick in die Wunderwelt des Mont Blanc. Wie eine Sphinx erscheint gleissend schön in silbernem Panzerkleid die Verte; die Jorasses zeigen ihre schwarze Nordwand. Müssen wir wirklich wieder hinab?...

Am Nachmittag schreiten wir durch lichten Lärchenwald und über die Brücke der Drance. Noch umgaukelt uns das Erlebnis des Vormittags, als wir in unserem Buen Retiro in La Fouly verschwinden.

Die Aiguille d' Argentière ( 3907 m ) Langsam verdämmert der Tag vor der Saleinazhütte. Ein letztes leises Lächeln huscht über die silberverbrämte hohe Zinne am Ursprung des Saleinazgletschers, deren Konturen in den Abendhimmel stechen: die Aiguille d' Argentière.

Um 3 Uhr nachts begleitet uns der Laternenschein auf dem holprigen Moränenweg zum Saleinazgletscher. Wir queren den Weg und verfolgen ihn den bizarren Gebilden der Aiguilles Dorées entlang. Schon haben wir das Flackerlicht gelöscht. Langsam senkt sich unsere Wegspur in den Gletscherkessel unterm Col du Chardonnet. Erdrückend nahe links die Argentière, rechts die zerklüftete Aiguille du Chardonnet. Wir überlisten die Randkluft und gewinnen durch steiles, schmales Firncouloir um 7 Uhr den Col. Dort rasten wir erstmals.

Jenseits eilen wir über den Glacier du Chardonnet hinab, bis wir nach einer halben Stunde um einen felsigen Ausläufer herum abschwenken können. Von Westen her steigen wir nun auf den Eisen einen steilen Seitengletscher empor. Der Schnee ist « steinhart »; soweit Spalten nicht umgangen werden können, finden sich gute Brücken. Etwas mehr geben der Bergschrund und ein kurzer Eishang darüber zu tun, dann klettern wir in blockiger Wand rasch höher, um in einer Scharte hoch im NW-Grat zu landen.

Es ist 9 Uhr. Während unserer Rast beschauen wir den zum Gipfel ziehenden Grat bis zu einem grossen, blockigen Gendarm. « Dieser dicke Klotz », sagt Karl, « ist der Westgipfel der Argentière. » Nichts hält uns mehr; im Auf-stiegsfieber legen wir die Eisen an und kommen über steilen Firnhang an der Saleinazflanke des NW-Grates höher. Nach einstündiger Kletterei in von Eis und Hartschnee durchsetzten Felsen stehen wir auf dem Westgipfel. Wir hocken auf eine trockene Granitplatte; die Rucksäcke lassen wir hier.

In klingenscharfer Wellung zieht von hier ein Firngrat zum Hauptgipfel und fällt in spiegelglatter Eiswand gegen Saleinaz ab. Dieser ungebundene Gang in lichtem Äther dünkt uns ungemein köstlich. Um 10.30 Uhr drücken wir uns auf dem Hauptgipfel der Argentière die Hände. Auch diesen Gipfel hat Whymper im Juli 1864, vom Glacier d' Argentière ausgehend, mit seinen Gefährten vom Mont Dolent erstmals betreten.

Wieder von einer andern Warte aus sehen wir die Zauberwelt des Mont Blanc. Der Mont Dolent erinnert mit der vom Tour Noir her zu ihm aufstrebenden langen Zackenreihe der Aiguilles Rouges lebhaft an die Barre des Ecrins. Dann wieder fesselt uns der Obelisk der Dent du Géant, der dem Schwergewicht zu spotten scheint. Und wir schauen den Grépon, dessen Überschreitung ein Jahrzehnt zuvor mich heute noch wie ein fantastisch schöner Traum anmutet.

Zögernd wenden wir uns zum Abstieg. Als wir den Blockhang unterm NW-Grat hinter uns haben, liegt der Seitengletscher immer noch im Schatten. So haben wir am Bergschrund noch guten Firn und kommen rasch tiefer. Gemächlich steigen wir auf zum Col du Chardonnet, dann in grösster Eile, uns möglichst an die Felsen haltend, hinab zum Saleinazgletscher; Steine zischen durch die schmale Rutschbahn des Couloirs.

Auf dem Weg über den Gletscher sehen wir zur Argentière zurück; ihre wuchtig sich aufreckende Gestalt birgt verhaltene Eleganz. Um 4 Uhr nachmittags nimmt uns die Saleinazhütte auf.

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