Drei Lötschenthalpässe

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H. Körber ( Section Bern ).

Drei Lötschenthalpässe Von Der Sommer 1883 war meinen kleinen Expeditionen nicht günstig. Trotz allerlei schöner Pläne, die im Winter geschmiedet worden waren, kann ich von keinem nennenswerthen Gipfel erzählen, den ich erklommen hätte, und wohl nur dem Umstand, daß Manche von Ihnen in der gleichen Lage sein mögen, habe ich es zu verdanken, daß mir heute die Ehre wird, über die Wandertage, die ich an der Seite unseres W. Brunner verlebte, zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Seit zwei Tagen lagen wir in Ried, studirten Fellenbergs Itinerarium, betrachteten den Zug der Wolken, die mit staunenswerther Hartnäckigkeit aus Südwesten daher trieben, die Gipfel der vor uns gelagerten Bietschhornkette umflatternd, und den neuen Schnee, der, statt zu mindern, von Nacht zu Nacht tiefer herabstieg.

Vortrag, gehalten in der Section Bern, 7. Nov. 1883.

Wir thaten, was unter solchen Umständen das einzig Nützliche und Angenehme war: fügten uns in 's Unvermeidliche und beschwichtigten unsern Groll mit des Wirthes vortrefflichem Fendant.

Wir schlössen Freundschaft mit der prächtigen, einfachen und fleißigen Dorfbewohnerschaft, von der wir bald jedes Gesicht kannten, vom Geißbuben bis zum Gemeindepräsidenten. Es ist ein liebes Volk dahinten, voll offener Herzlichkeit, daß es Jedem in ihrer Mitte wohl werden muß.

Sie werden nicht erwarten, daß ich Edm. Fellenbergs Schilderung des schönen Thales und seiner Gebirge wiederhole, oder daß ich dessen erschöpfender Darstellung etwas Beachtenswerthes beizufügen wüßte.

Und doch möchte ich, da uns Gebirgspartien, welche wir von unsern heimatlichen Höhen aus zu erblicken vermögen, vertrauter und lieber sind als fern abgelegene, diejenigen Punkte der Bietschhornkette aufzählen, die meines Wissens von Bern und dessen nächster Umgebung sichtbar sind.

Ich nenne in erster Linie das Lauihorn ( auf der Gspaltenhorn.Lauihorn.Blttmlisalp.

Tschingelhorn.

Büttlassen.Gamchilücke.

Von der Münzterrasse zu Bern.

Drei Lötschenthalpässe.

Vom Schloß Burgdorf aus.

neuen eidgenössischen Karte Breitlauihorn genannt ), welches an allen Aussichtspunkten Berns über der Gamchilücke sich zeigt. Besonders schön erscheint es bei Abendbeleuchtung, wenn die Blümlisalp ihre Schatten gegen das Tschingelhorn wirft und über dem dunkeln Streifen seine Fels-thürmchen im Alpenglühen sich vom Horizont abheben.

Das Breithorn, der nordöstliche Nachbar des Lauihorn, ist auf dem östlichen Gipfel des Gurten sichtbar, wo es als schmaler weißer Streifen rechts am Tschingelhorn erscheint. Auf der Ktthle-wylegg ist sein Schneegipfel gänzlich sichtbar. GroNesthorn vermögen Sie zu erblicken von Burgdorf, von Bumerg-buch ob Zäziwyl, von Kinggis und den ähnlich gelegenen Punkten des Emmenthals. Auf dem 4 Gurten erscheint es zwischen Gspaltenhorn und Breithorn.

Das stolze Bietschhorn tritt, vom Kirchbühl und Schloßhof in Burgdorf gesehen, als prächtige Pyramide links der Blümlisalp frei hervor. Und endlich darf zur Vervollständigung wohl noch das in 's gleiche Eevier gehörende, Ihnen allbekannte Aletschhorn genannt werden, dessen oberste Spitze bei Morgenbeleuchtung als hellglänzender Stern über die schattige Wand der Ebnefluh herüberblinkt. Schöner zeigt es. sich auf Leutschen bei Kirchlindach, Säriswylhubel und ganz besonders auf dem Knörihubel bei Walk-ringen, wo es in der Einsattlung zwischen Ebnefluh und Gletscherhorn sichtbar ist und ein scharfes Auge den charakteristischen Bergschrund nahe unter seinem Gipfel zu unterscheiden vermag.

Das Wetter wollte nicht besser werden, doch beschlossen wir, um der Unthätigkeit ein Ende zu machen,, den Uebergang über das Baltschiederjoch nach Vispacb und verabredeten mit den Führern Peter Siegen und Joseph Rubi das Nöthige. Und in der That, die Auspicien waren nicht günstig, als wir Morgens 5 Uhr am 15. September vor 's Haus traten.

Lau fegte der Wind durch das Thal, die Gipfel der südlichen Thalwand waren nebelbedeckt, der Mond vom schönsten Hof umgeben, den man sich denken kann. Doch wohlgemuth zogen wir hinaus, froh, mit dem Schlendrian der letzten Tage zu brechen, froh, hinauf zu steigen in neue schöne Reviere.

Kurz oberhalb des Dorfes überschritten wir auf fest gezimmertem Steg die schäumende Lonza und bogen über prächtig stehende Wiesen in einen Lärchenwald, zwischen dessen weitstehenden Stämmen Siegens junge Rinder weideten. Die lieben Thiere schienen ihren Herrn zu kennen; sie kamen auf uns zugetrabt, als er sie rief, und beschnupperten uns, ob wir wohl etwas Leckbares bei uns hätten, und Peter sprach mit ihnen in wahrhaft zärtlichen Tönen.

Unser Weg begann zu steigen und zwar sofort ganz energisch. Es geht am Rand der Runse, welche der Birchbach gegraben hat, steil und stetig aufwärts durch jungen mageren Wald. Im Jahre 1818 ist es gewesen, daß eine Gewaltslawine hier nieder ging, die Lonza zudeckte und bis in 's Dorf Ried eindrang, und 65 Jahre der Sorge und Pflege bedurfte es, um den Hang wieder so zu beforsten, wie wir ihn heute sehen.

In gleichmäßigem Tempo aufwärts schreitend, erreichten wir um 6 Uhr 40 Min. das untere Ende des Birchgletschers. Ein Trümmerhaufe von flechtenbeklei-detem Granit erhob sich vor uns; eine Heerde Schafe, schöne schwere Thiere, hatten sich hier zusammen gefunden, darunter ein Prachtskerl von einem Bock, mit blauschwarzem, fast seideglänzendem Vließ. Ein Trupp Schneehühner, 8 oder 10 Stück, flog auf und suchte klatschenden Fluges das Weite.

Wir nahmen unser wohl verdientes Frühstück und hielten Umschau. Vor uns thürmten sich Fels und ein schneeerfülltes Couloir, nach rückwärts öffnete sich ein freier Ausblick auf das lang gestreckte Lötschenthal mit seinen freundlichen Dörfern und seiner Lonza, deren Rauschen zu uns herauf tönt. Wir überblicken die Gipfel, welche nordwestlich das friedliche Gelände einfassen.

Da ist das Nivenhömli ( 2776 m ) mit seinem feinen Doppelgipfel, ein kaum bekannter, aber, nach Siegens Aussage und seiner Lage entsprechend, unzweifelhaft schöner Aussichtspunkt, in Gestalt wie unser Niesen und gelegen fast so günstig wie Hohgleifen. Ihm zur Seite erhebt sich schlank das felsige Gerüst des Falduner Rothhorn ( 2839 m ), sodann der Lauchern-spitz ( 2848 m ) mit dem bis nach Ferden sich hinunter ziehenden Laucherngrat. Mit ihm durch die Einsattlung des Restipasses verbunden, erhebt sich dreigipflig das Restirothhorn ( 2974 m ) in kahlen rothen Wänden, hierauf des Mannlihorns ( 2932 m ) schlanke Spitze. Im Firnfeld, das seinen Fuß bedeckt, vermögen wir den sagenhaften „ Müllerstein " zu erblicken. Ueber den Sattel des Ferdenpasses blickt der Gipfel des Maing-horns.

Es folgt die massige Gestalt des Ferden-Rothhorns, die vergletscherte Einsenkung der Gitzifurke, das Plateau des Lötschenpasses und in drohend schwarzen Flühen das Balmhorn. Auch die schlanke Nadel des Hockenhorns dringt noch durch den Nebel; die weiter östlich gelegenen Partien sind uns leider verhüllt. Doch indem wir uns noch einmal nach Westen wenden, erblicken wir zwischen Niven und dem Fußgestell des Hohgleifen in weiter Ferne sonnenbestrahlt des Montblanc hohen Dom.

Deber uns aber ballen und senken sich die Nebel; es beginnt zu schneien. Es wird Zeit, daß wir vorwärts machen.

Wir überklettern das erwähnte Trümmerfeld und wenden uns links nach dem Couloir, das in mäßiger Steilheit aufwärts führt. Der Schnee, in dem wir uns empor arbeiten, ist erst gestern gefallen, er verbirgt gefrornen alten Schnee; Vorsicht ist daher am Platze und die Spitze des Pickels wird fest aufgesetzt, hier und da ein paar Stufen gehackt.

Um 8 Uhr 40 Min. stehen wir an den Felsen der Galm. Wären sie schneefrei, so könnte man in angenehmer Kletterei direct über dieselben hinauf zum Baltschiederjoch gelangen, rascher und flotter als auf dem gewohnten Wege. Die Nebel sind uns in dem Maße, wie wir aufwärts stiegen, nach unten entgegen gekommen, doch haben wir immer noch circa hundert Meter freien Blick vor uns. Wir lassen die Galm links und steigen weiter einen schneebedeckten Hang hinan. Die Handschuhe werden hervorgeholt, der Filzhut fester über die Ohren gezogen und tapfer arbeiten wir uns in das Nebeigewoge hinein und hinauf. Um 10 Uhr stehen wir auf der Paßhöhe 3300 m.

Das Baltschiederjoch ist ein schöner Punkt. Der Wanderer glaubt auf dem Rand eines Kraters zu stehen, gebildet von dem Lötschthalgrat im Norden und Westen, dem Stockhorngrat im Süden, den Gräten des Jägihorns, Grub- und Strahlhorns im Osten; sie bilden scheinbar zusammen einen völligen Kreis, aus welchem kein Ausweg sichtbar ist. Zur Linken erhebt sich des herrlichen Bietschhorn vergletscherte Ostflanke. Sie würden sich aber sehr irren, wenn Sie glaubten, wir zwei arme Schneestampfer hätten von all dieser Herrlichkeit auch nur das kleinste Zipfelchen gesehen. Wir standen auf dem weiten Baltschiederflrn und sahen buchstäblich nichts als Nebe ) und Schneeflocken. Mir war fast zu Muth wie einem compaßlosen Schiffer auf weitem Ocean. Einen Compaß hatten wir wohl, aber er taugte nichts: wie man ihn hinstellte, blieb er stehen. Zum Glück hatte unser alter Peter ein anderes Auskunftsmittel. Indem er erklärte, daß er wohl jetzt noch die Richtung wisse, aber nicht sicher sei, sie ohne Orientirungsmittel einhalten zu können, stellte er uns am Seil in eine gerade Linie, sich selbst an die Spitze, und übertrug dem Letzten in der Reihe das Amt des Steuermanns, mit der Aufgabe, ihn zurecht zu weisen, sobald er von der geraden Linie abweichen sollte. So setzten wir uns in Bewegung und der Steuermann waltete mit Eifer seines Amtes. Laut erscholl im Nebel seine Stimme: Links, Peter — Links — geradeaus etc., je nach Bedarf.

Wir tappten eine starke halbe Stunde auf diese Weise vorwärts, da wurde es lichter, die rothen Wände des Jägihorns und die schwarze Pyramide des Stockhorns wurden sichtbar. Wir befanden uns am Rande des Eissturzes, welcher den Uebergang vom Baltschiederfirn zum Baltschiedergletscher bildet. Den Abstieg suchten wir am rechten Rande des Gletschers, wir lavirten von Eisrücken zu Eisrücken, bis wir in einem Wirrwarr von Trümmern und blauen Schrunden standen, aus dem ein vernünftiger Ausweg nicht sichtbar war. ^Also Umkehr zum Firn. Nach halbstündigem Zeitverlust sind wir am linken Gletscherrand; auch hier geht der Abstieg nicht gerade glatt. Wir balanciren über manches Eisgrätchen und über- .springen wer weiß wie viele Spalten, bis wir endlich die Moräne gewinnen und am Jägiweidli anlangen.

Der Schneefall hatte sich in ausgiebigen Regen verwandelt. Das hinderte nicht, daß wir Mittagsrast machten; der Tornister barg Schätze von gedörrtem Kindfleisch, altem Käse, frischem Roggenbrod nebst Butter und Honig, dazu aus der Blechflasche ein Glas Fendant. Ich bin sicher, daß es Jedem von Ihnen an unserer Tafel gut geschmeckt hätte.

Ein Bild grauser Verwüstung umgab uns; wir befanden uns inmitten einer der mächtigsten Moraine-bildungen, welche die Alpenwelt aufweist. Innerer und äußerer Baltschiedergletscher waren früher eins. Durch Zurückschmelzen hat sich der erstere abgetrennt und quer über alten Gletschergrund sind neue Moränen von großer Mächtigkeit gebildet worden. Imposant ist die alte linksufrige Moraine, welche sich in einer durchschnittlichen Höhe von 60 m, in einer Länge von über 5 km. vom Gredetschhörnli bis zum Fuß des Rothlauihorns erstreckt. Granitblöcke von ungewöhnlicher Größe sind in ihr eingebettet.

Wir folgten eine Streeke weit der Gletscherzunge, erkletterten dann die rechte Moraine und stiegen über Schaftriften abwärts. Am kaum erkennbaren Pfad ist das primitivste Kapellchen, das wir noch gesehen haben. Mit ein paar Steinen ist ein Loch im Boden ausgekleidet; darin steht aus rohen Schindeln gemacht ein Kreuz und in Glas und Rahmen ein schauerliches jüngstes Gericht. Andächtige Hirten haben Blumen-sträußchen und ein paar Heiligenbildchen dazu gelegt. Das Ganze ist nicht größer als eine mäßige Puppen- stube. Unsere Führer sprachen ihr Gebet und forderten uns auf, unsere Karte zu deponiren; sie wollten sie mitten unter die Heiligen legen, wogegen sich aber unsere Bescheidenheit sträubte; wir versteckten sie hinter das jüngste Gericht und wünschen^ daß sie einst ein Freund dort finden möge!

Es war inzwischen 2 Uhr geworden und rasch ging es nun dem Thale zu, durch üppiges Alpen-rosen- und Wachholdergesträuch, über alte Morainenr über Reste von Lawinen, welche die spärliche Sommerwärme nicht zu schmelzen vermocht hatte, an mächtigen Granittrümmern vorbei, endlich durch Weißtannenwald zu den ersten menschlichen Behausungen, den Sennhütten von Baltschieder.

Schon hier oben beginnen die ersten Wasserleitungen, mit deren milchfarbigem Inhalt im wasserarmen Rhonethal die Wiesen gedüngt und die Reben getränkt werden.

Die Führer rissen aus wie besessen; es war als ob sie sich Beine von doppelter Länge angeschraubt hätten, so daß ich genug zu thun hatte, um ihnen nachzukommen, und zu Aus- und Umschau keine Möglichkeit mehr war. Ich weiß nur noch, daß die Vegetation immer schöner, das Gestrüpp dichter und der Weg immer schlechter wurde, bis er endlich durch eine schluchtartige Enge an abscheulich steinigem und staubigem Abhang in 's große Thal mündete.

Um 6V4 Uhr waren wir im Hôtel de la Poste in Vispach, freundlich empfangen vom würdigen Ehepaar Stampfer.

Der folgende Tag war eidgen. Bettag. Im Baltschiederthal regnete es stark, im Saasthal waren die Berge verhängt.

Abends fuhren wir nach Raron und sprachen in Abwesenheit jeglichen Gasthauses den Krämer des Orts, Herrrn Johann Schröter, um Herberge an, welche uns von seiner Seite bereitwillig gewährt wurde, während die brave Mme. Schröter nicht besonders entzückt schien über die Störung ihrer Sonntagsruhe.

Raron ist ein ganz interessanter Ort. Kleine weiße Steinhäuser mit grauen Dächern sind malerisch um einen Bergvorsprung gelagert, auf dessen Spitze, scheinbar nur von einer Seite zugänglich, die Kirche thront; an den Häusern empor und über die Straße sind Reben gezogen, welche den malerischen Anblick erhöhen. Man glaubt sich in einem Dörfchen des Tessin. Tritt man in eines dieser unscheinbaren Häuschen, so findet man sich behäbigen Menschen gegenüber und umgeben von allem dem Comfort, an den man in städtischen Bürgerwohnungen gewöhnt ist.

Auf unserem Gang durch die Straße ward uns Gelegenheit, Herrn Nationalrath v. R. zu grüßen, dessen Einladung zu einem Plauderstündchen bei einem Glase edeln Walliser Gewächses wir gern und dankbar annahmen und so den Tag aufs Angenehmste schlössen.

Am 17. September, Morgens 51k Uhr, setzten wir uns nach dem Bietschthal in Bewegung. Nur eine kurze Strecke zogen wir durch Weingelände und Maisfelder hinauf nach dem Dörfchen Raronkummen, wo unter offenem Schuppen eine altvaterische, aus ganz riesigen Holzblöcken erstellte Weintrotte uns 5«H. Körber.

auffiel. Bald folgten Bergweiden, dann eine Wasserleitung, der wir eine kurze Zeit folgten, endlich wildes Geröll, durchwachsen vom Gestrüpp. Das Thal ist zur Schlucht verengt, links Schutthalde mit Lawinenresten, rechts glatt polirte Felswand.

Der Pfad führte abwärts zum Bach und ein Wald von Weißtannen und Dälüen nimmt uns auf, wie sie gewaltiger und gesunder nirgends zu sehen sind. Da gäbe es herrliche Studien für die Schüler von Calarne und Diday: rechts die wilde Wand und der brausende Bach, im Thalgrund und an der Berghalde diese düstere, Jahrhunderte alte, fast unbetretene Waldeinsamkeit.

Wohl eine Stunde schritten wir zwischen diesen hohen Kiesen. Wir stiegen eine Thalstufe hinan und vor uns öffnete sich der friedlich einsame Thalhintergrund. Ein leeres Blockhaus stand am Ausgang des Waldes und eine Anzahl Hürden für die Schafscheid.

Fast eben führt nun der sonnige Pfad über Weiden und dünnes Geröll in den hintersten Thalgrund „ im Jägisand ", am Fuß der Felsen „ im Rämi ". Unter einem Gewaltsblock fanden wir die Wohnung des Schafhirten, des einzigen Bewohners dieses drei Stunden langen Thales. Die Höhlung ist geräumig, sie würde für sechs Mann reichlich Platz bieten. Die Asche des Herdfeuers war noch glimmend, daneben lag ein zerfetzter Tornister, welcher wohl die ganze Habe des Hausherrn barg. Er selber ist seiner Arbeit nachgegangen, ein verstiegenes Schaf zu suchen; wir hören hoch in den Felsen seinen Pfiff.

„ Im Rämi " ist ein auffallend regelmäßig auf- gebautes Amphitheater gletschergeschliffener, wasser-polirter Granitfelsen, 3 km. im Durchmesser, 1200 m hoch. Denken Sie sich eine ungeheure, halbirte und vielfach gesprungene Heimberger Kachel von diesen Dimensionen, so haben Sie ein ungefähres Bild desselben. Es ist flankirt im Westen vom Wylerhorn, im Osten vom Thieregghorn, gekrönt von dem blanken Firn des Bietschgletschers und gewaltig überragt vom Bietschhorn, dessen frisch beschneite, sonnenglanzum-wobene Felsen hoch in den Aether strebten.

Wir ergötzten uns lange an dem Anblick und studirten mit Interesse den zerrissenen Südgrat des Bietschhorns, über welchen am 23. August Professor Schulz aus Leipzig vergeblich versucht hatte, den Gipfel zu gewinnen. Es war 9 Uhr geworden.

Nun begann ernstere Arbeit; es galt, diesen Hang glatter Felsen zu überwinden. Wo sich Risse darboten, waren dieselben mit Schutt gefüllt und von magerer Vegetation überzogen und ging der Aufstieg gut; Aber nicht immer ließen sich solche benutzen; dann gab es ein Klettern, wo bei den spärlichen und glatten Angriffspunkten Hand und Fuß, Knie und Ellbogen und jeder Muskel mit vollem Kraftaufwand in Anspruch genommen wurde.

Vier Stunden, inclusive eine halbstündige Ruhepause, bedurften wir, um in solcher Weise uns aufwärts arbeitend gegen 1 Uhr den Bietschgletscher zu erreichen, über dessen sanft geneigte Fläche weiter steigend wir um l' a Uhr den scharfen Kamm des Schafbergs und die Höhe des Bietschjochs ( 3250 m ) betraten.

Wir hatten somit in 8 Stunden von Raron, welches die Quote von 640 m hat, eine Höhendifferenz von 2600 m, und mit Hinzurechnung der Einbuße, welche das Niedersteigen von Raronkummen in die Thalschlucht bedingte, von mehr als 2700 m überwunden.

Ich glaube dies erwähnen und vergleichsweise folgende Höhendifferenzen anführen zu dürfen:

Weißhornhütte -Wetterhorn 1365 m; Rothloch-Finsteraarhorn 1425 m; Berglihütte - Jungfrau ( den Abstieg zum Jungfraufirn eingerechnet ) 1503 m; Riffelhaus-Dufourspitze ( Abstieg zum Gornergletscher eingerechnet ) 2223 m.

In leidiger Beharrlichkeit blieb sich unser Wetter treu; im Thale Sonnenschein, auf den Höhen Nebel. Als die Sonne, welche uns am Morgen freundlich geleitet hatte, sich dem Meridian näherte, zogen Wolken auf, und als wir auf dem Grate des Schafbergs zwischen den scharfkantigen, mit schwarzen blatt-förmigen Flechten bewachsenen Steinen saßen, war ans wieder jeder Ausblick versagt. Schade! denn unser Standpunkt inmitten zwischen den westlichen Berneralpen und den hochstrebenden Penninen wäre wohl geeignet gewesen, ein schönes Panorama zu bieten.

Freundlich grüßten zu uns herauf die bekannten Häuschen von Ried und Wyler und Blatten. Wir glaubten sie fast lothrecht unter uns zu sehen und hörten das Rauschen der Lonza. Weißschimmernd zwischen rothen Steinen sahen wir das Dach der Clubhütte, unser nächstes Ziel.

Wir bezeichneten unsern Uebergangspunkt durch « inen Rebstickel, den die Führer von Raron mitgeschleppt und mit den Initialen W. B. gezeichnet hatten, und traten den Abstieg durch ein sehr steiles, gerade abführendes Couloir an.

Es mag. hier am Platze sein, eine kleine Correctur zum demnächst erscheinenden Blatt Kippel des topographischen Atlas anzubringen, von welchem das topographische Bureau uns bereitwillig einen Probeabdruck zur Verfügung gestellt hatte. Der Name Bietschjoch ist dort so angebracht, als ob der Uebergang vom Bietschgletscher aus nordwestlich von dem Bietschhorn durch gegen Nestgletscher und Klein-Nesthorn führe. Auf der Uebersichtskarte zum Itinerarium ist der Name viel richtiger placirt, indem er im rechten Winkel den Grat des Schafbergs schneidet. So wenigstens bewerkstelligten wir den Uebergang und sind sicher, den geradesten und praktikabelsten Weg gewählt zu haben.

Unser Couloir muß, wenn es schneefrei ist, recht gut zu machen sein. Uns machte der Schnee zu schaffen. Bei jedem Schritt sondirten wir die Tiefe des neuen Schnees, unter welchem hart und glatt gefroren der alte lag und bei der bedeutenden Steilheit unseres Weges die Gefahr des Gleitens recht nahe legte. Indessen erreichten wir wohlbehalten um 4 Uhr die wohnliche Schirmhütte, wo ein kurzes Schläfchen meine ziemlich aufgebrauchten Kräfte restaurirte.

Diese Hütte, im vorigen Jahr von der Lötschthaler Führerschaft auf eigene Kosten errichtet, ist aus Lärchenholz gebaut, enthält Stube und Küche, erstere mit gedieltem Fußboden und hölzerner Decke, und bietet Schlafstellen für acht Mann. Da der Alpenclub sich am Bau nicht betheiligt hat, auch sie nicht in Eigenthum und Unterhalt übernahm, scheint es uns nicht ganz richtig, daß sie auf der Karte mit „ Clubhütte " bezeichnet ist. Sie sollte entweder mit dem neutralen Namen „ Schirmhütte " eingezeichnet sein, oder aber, was nur billig wäre, der S.A.C. sollte den Lötschenthalern eine kleine Entschädigung zahlen und die brave Hütte einer Section zur Obhut übergeben.

Im raschen Laufe ging es nun über Schafweiden und durch steilen Wald dem Thale zu. Um 61k Uhr rückten wir in unserem Hauptquartier wieder ein.

Am 18. September hielten wir Rast, spazierten nach Blatten und Eisten, besuchten die Tellialpen und Rieds hochgelegene Vorstadt Weißenried. Die Bewohner waren überall fleißig am Emden und klagten, daß es dies Jahr gar nicht trocknen wolle. Die Frauen sammelten dem Fluß und der Straße entlang Ahorn-und Eschenlaub, welches getrocknet ein beliebtes Geißenfutter gibt.

Den Abend verkürzte uns die Durchsicht des sehr interessanten Fremdenbuches. Man wird nicht leicht anderswo so viele Autographen der bekanntesten englischen Clubisten und schweizerischen Berggänger auf so wenigen Blättern vereinigt finden.

Ende gut, Alles gut! konnten wir rufen, als am 19. September, Morgens 3 Uhr, der Mond vom wolkenlosen Himmel strahlte, das Thal mit taghellem Licht übergießend, während die Firnfelder des Bietsch- und Drei Lötschenthalpässe.G3 Breithorns seine Strahlen blitzend zurückwarfen. Haben wir keinen ruhmreichen Feldzug zu verzeichnen, so können wir doch heute einen glänzenden Rückzug ausführen.

Bald nach 4 Uhr waren wir unterwegs und stiegen erst zwischen den Getreide- und Kartoffelfeldern von Ried und Weißenried, dann durch Wald empor zu den Alpen im Telli. Zum Marschiren auf steiniger Bahn liefert der Mond ein trügerisches Licht, namentlich, wenn man ihn im Rücken hat und Alles beleuchtet ist mit Ausnahme der Stelle, wo man auftreten soll. Ich hatte wunde Füße und jeder Fehltritt that heillos weh. Doch bald waren wir im Telli, auf dessen weichem Rasenboden es nun gemächlich vorwärts ging.

Ueber der Lötschenlücke wurde es hell, alle Spitzen ringsum grüßten den jungen Tag, und als wir den Hintergrund des grünen Thälchens erreicht hatten, erglühten sie, eine nach der andern, im goldigen Sonnenlicht. Wie ist doch ein thaufrischer Frühmorgen auf hoher Alp so köstlich, wie jubelt das empfängliche Herz ob der Schöpfungspracht, ob dem stillen Frieden, der darüber ausgegossen liegt!

Wir standen am Fuß der langen wilden Schutthalde, über welche ich im Jahr 1880 mit R. Bratschi, nach Uebersteigung der Gamchilücke und des Petersgrates, im heißen Sonnenbrand hinabgeeilt war.

Ueber dieselbe und ein paar gefrorne Schneefelder hinauf erreichten wir um 7 Uhr 45 Min. den nördlichen Fuß der Tellispitzen, welche in kühnem Aufschwung als fein zugespitzte Zähne dem Gletscher en tragen.

Wir traten aus dem Schatten in 's goldene Sonnenlicht und auf ein Firnfeld, das sich in fleckenloser Weiße weit um uns ausdehnte, Angesichts eines einzig schönen Panoramas. Lasse ich es im Geist an mir vorüber gleiten, so sehe ich im Osten d

Jetzt grüßte es hoch herab zum Abschied. Oder soll es heißen „ Auf Wiedersehen "? Wer kann es wissen, wer versteht die Sprache der Berge? Auch Du spiegelst Dein glänzend Schneefeldchen und zeigst Deine schwarzen Spitzen, Du liebe kokette Hohe Gleife!

Links vom Bietschhorn, Wylerhorn, Kastlerhorn, Hohgleifen überragend, folgen Zahn an Zahn, Spitze an Spitze die Eiszinnen des Südwallis, vom Täschhorn bis zum Montblanc. Ihrer sind zu viele, ihre Formen und Namen sind mir zu'wenig vertraut, als daß ich sie nennen könnte. Die Rundsicht wird geschlossen durch die schwarzen, mit weißen Schneebändern ver- zierten Flühe des Balmhorn, Doldenhorn und der Blümlisalp.

Auf den Firn gelagert hielten wir köstliche Rast, erfreuten uns der so großen und ernsten und doch wieder so sonnig lachenden Welt.

Wer von hier seinen Weg in gerader Linie nach Norden fortsetzt, gelangt über die sanfte Wölbung des Petersgrates in kurzer Frist auf den Tschingel- firn, jene große Kreuzstraße, deren östlicher Arm über den Tschingeltritt in 's Lauterbrunnenthal, deren nördlicher über die Gamchilücke in 's Kienthal, deren westlicher über den Kanderfirn nach Gasteren führt.

Wir dagegen wandten uns östlich nach der Wetterlücke. In gerader Linie über den noch gefrornen, die Sonnenstrahlen tausendfach zurückblitzenden Firn ging der Weg vier Kilometer lang total eben dahin bis zum Südabsturz des Tschingelhorn. Und wahrlich, so nahe am Himmel, so vergnüglich und sorglos, Angesichts solcher Rundsicht habe ich noch nie einen Morgenspaziergang gemacht. Dahin, ihr Touristen aus aller Herren Ländern, müsset ihr kommen, wenn ihr das Ideal eines „ Höheweg " oder einer „ Hohen Promenade " sehen wollt!

Vier Mann neben einander schlenderten wir dahin, munter plaudernd und Pippli smoking ( wie Rubi sagt ) und hätten tausend Augen haben mögen, um alle Bergschönheit ringsum unvergänglich uns einzuprägen.

Wir longirten den Südabsturz des Tschingelhorn, dessen Felsgipfel blauschimmernd von einer mächtigen und seltsam geformten Gwächte gekrönt ist. Nur zu bald nahm unsere Promenade ein Ende; wir traver- 5 sirten abwärts watend einen Schneehang und fanden uns 10 Va Uhr auf der Einsattlung der Wetterlücke: rechts das Breithorn, links das Tschingelhorn ais-grandiose Grenzsäulen zwischen Wallis und Bernerland..

Die eisgepanzerte, so schön gegliederte Wand,, welche, von Bern gesehen, scheinbar in gerader Linie die Jungfrau mit dem Breithorn verbindet, dehnt sich in mächtigem Kreisbogen zu unserer Rechten, ihre Gletscher, und unzählige Bäche hinabsendend in den hintersten Grund des Ammertenthales, aus welchem als einziges freundliches Zeichen der blaugrüne Spiegel des Oberhornseeleins heraufschimmert.

Die Jungfrau, elegant sich aufschwingend von ihrem Fußgestell, dem schwarzen Mönch, und aus der Eismulde des Roththals, weist uns ihre schneefreie Südwestseite; Ebnefluh, Mittaghorn und Großhorn zeigen sich stark verkürzt in ganz ungewohnten Formen, das Breithorn erscheint als gewaltiger Zahn, Wir sehen alle die Joche und Sättel, die so lange Jahre die Thatkraft unserer bewährtesten Kletterer herausforderten, bis ihre Eroberung, eine nach der anderen, endlich gelang.

Zur Linken sehen wir den Tschingelgrat, die blaue Eiszunge des Tschiugelgletschers mit dem Tschingeltritt und das Plateau von Mürren.

Endlich überblicken wir seiner ganzen Länge nach das Lauterbrunnenthal, wir sehen die grünen Matten des Bödeli, die sonnigen Halden von Beatenberg, die Gasthäuser von Tschuggen und Schynige Platte. Da » Gemmenalphorn sendet uns seinen Gruß.

Vor uns senkt sich in rapidem Falle und furchtbar verschrundet der Breithorngletscher. Moore, welcher am 22. Juli 1864 als der Erste über die Wetterlücke ging, sagt: „ The descent of the Breithorngletscher, which, especially in its upper portion, is fearfully dislocated, was very difficult and taxed Almer's powers at the utmost. Later in the season, or with less snow this pass might be inpracticable an both sides. " Der heutige Tag war zu schön, als daß wir uns durch die zu erwartenden Schwierigkeiten hatten um die frohe Laune bringen lassen. Wohlgemuth stampften wir durch den Firn abwärts, bis wir am Band des Séracs standen. Links an der Wand des Lauterbrunner Wetterhorn hin schien mir ein bequemer Abstieg zu sein, aber Siegen traute nicht; rechts nach dem Schmadrigletscher zu war offenbar nichts zu machen. Also mitten hinein, es wird ja schon gehen. Da gab es ein mühsames Sondiren, ein Hacken und Seilen, ein Rutschen und Klettern ohne Ende, in langer Ungewißheit, ob und wie wir uns herausarbeiten würden. Erst nach 3x/2stündiger Arbeit, um 1 Uhr 20 Min., erreichten wir die Gletscherzunge, und die noch auf der Paßhöhe gehegte Hoffnung, um 6 Uhr nach Interlaken zu gelangen, mußte definitiv aufgegeben werden. Auch die Gletscherzunge erwies sich als sehr zerrissen und wir mußten manchen weiten Umweg nehmen, um über die Schrunde zu kommen. Auf dem Gletscher fanden wir schöne Stücke Glimmerschiefer und auf einem Kalkblock den scharfen Abdruck einer handgroßen Muschel; wir bedauerten, ihn nicht absprengen zu können. Endlich ließ uns der Gletscher los und auch die Moraine war überwunden.

Am Oberhornsee gedachten wir zu rasten; da erwartete uns eine gar freundliche Ueberraschung; denn wer hätte gedacht, hier inmitten der Gletscher- und Felseneinsamkeit, auf den Klippen des Seeufers, drei liebliche Jungfräulein ohne alle Begleitung und Führung anzutreffen?

Trostlos eilten sie an Ufers Rand, denn ein Bergstock war ihnen entglitten und schaukelte sich auf den Wellen. Es versteht sich, daß wir eifrig bestrebt waren, des Flüchtlings mit List und Gewalt habhaft zu werden. Als es gelungen, nahmen sie ihn dankend in Empfang, verschmähten aber jede Einladung zu den Genüssen, welche wir ihnen aus unserem Proviantvorrath offerirten. Leichtfüßig entschwanden sie thalwärts.

Wohl folgten wir nach kurzer Rast, aber jede Spur blieb verloren, im ganzen Thal hatte Niemand sie gesehen. Wir können daher nichts Anderes glauben, als daß es Bergelfen gewesen sind, vielleicht Schwestern der großen Jungfrau, ausgesandt, uns zu begrüßen.

Mit den bekannten langen Schritten über Stock und Stein eilten wir abwärts in 's schöne Lauterbrunnenthal, und mag man doch sagen, was man will, mag man kommen, woher man will: das bleibt doch das allerschönste, das klassische Thal unserer Alpen! so malerische Mannigfaltigkeit der Formen, so schöne Verbindung von stolzem Gebirgsbau und freundlichem Thalgrund, solchen Gletscher- und Wasserreichthum findet der Wanderer nirgends wieder.

Im frohen Gefühl, eine genußreiche Reise mit dem schönsten Tag beschlossen zu haben, rückten wir bei dunkelnder Nacht in Lauterbrunnen ein.

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