Drei neue Kletterfahrten

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Von Werner Weckerdt. I. Die Südwand der Grossen Windgälle.

Bei Regen und Nebel erreichen wir die Windgällenhütte, freundlich begrüsst vom Hüttenwart. Morgens 3 Uhr prasselt der Regen sein gleichmässiges Lied aufs Hüttendach. Beim Erwachen des Tages reisst der Nebel auseinander. Da steht sie vor uns, die gewaltige Plattenflucht der Südwand. Über 600 m schwingt sie sich beinahe senkrecht empor und hat bis jetzt siegreich alle Angriffe abgeschlagen.

Am 21. Juni 1931 um 430 Uhr verlassen Walter Rickenbach und ich das traute Heim. Gemütlich, als hätten wir nichts vor, bummeln wir zwischen den vielen Windgällengängern den rechten Arm des Stäfelgletschers empor und schwenken dann nach links zum obern Furkeli ab. Das Wetter hat sich zusehends gebessert. Eine tiefe schwere Nebeldecke liegt auf dem Maderanertal, und über uns erstrahlt ein herrlicher Sommertag.

Nach kurzer Rast steigen wir in die Wand ein. Zuerst gerade aufwärts über brüchige Wandstufen und Risse empor. Nach etwa einer Stunde Kletterei wird der Fels immer schwieriger, und nach Überwindung eines brüchigen, schweren Risses stosse ich auf einen Mauerhaken mit Seilschlinge. Jetzt wissen wir uns auf der Fährte früherer Bewerber der Wand. Hier vertauschen wir unsere Nagelschuhe mit den schmiegsamen Kletterfinken, denn der Fels wird von nun an immer plattiger. Wir haben zwei Rucksäcke mit, später eine schwere Busse für uns.

Ist die Wand bis hierher noch gegliedert, so schwingt sie sich jetzt in einer fast lotrechten Plattenflucht empor. Am Fusse queren wir etwa 70 m nach links über heikle, mit Schutt bedeckte Plattenbänder. Nun stehen wir am Rande der grossen Schlucht, die die ganze Wand durchreiset. Die Schlucht links liegen lassend, klettern wir durch einen Riss empor, später über plattige Wandstufen, die mit Geröllbändern wechseln. Leichte Nebelwölklein spielen um den Westgrat und treiben uns etwas zur Eile. Wissen wir doch, einen harten Gegner zu haben, der sich nur nach schwerem Kampf ergeben wird. Aber bald stürzen dichte Nebel wie Staubbäche über alle Grate und Kanten, und unsere Wand ist in milchiges Grau gehüllt.

Vor uns schwingt sich eine fast senkrechte, stumpfwinklige Verschneidung auf. Schwerer, abwärts geschichteter Fels. Ein leichter Sprühregen setzt ein, Grosse Windgälle, Südwand.

und im Nu ist alles nass. Nach etwa 25 m gelange ich unter einen Überhang und erblicke nahe rechts von mir die Fortsetzung eines Risses. Aber ohne jeden Stand klebe ich an der Platte, nur mit Mühe kann ich einen Mauerhaken zur Sicherung schlagen.

Dann gelangen wir mit etwas fallendem Seilquergang in den linken Riss. Der Regen lässt nach, und schon atmen wir erleichtertauf, nicht ahnend, bald auf die äusserste Feuerprobe gestellt zu werden. Den Riss verfolgend, klettern wir nach rechts, zu einem grossen, an die Wand lehnenden Block, den eine verblichene Seilschlinge ziert. Und einige Meter rechts in der Wand erblicke ich den letzten Mauerhaken von früheren Versuchen. Über den Block hinweg kletternd, queren wir nach rechts schräg aufwärts eine äusserst exponierte, stark geneigte Plattenwand.

Wir stecken wieder in dichtem Nebel, und jetzt beginnt es zu schneien und regnen, gerade an der grauenhaftesten Stelle. Auf einer Sohlenkante stehend, ohne jeden Griff, schmiege ich mich an den kalten nassen Fels. Der Freund hängt schlotternd hinterm Block und sichert das Seil mit starren Fingern. Minuten vergehen... Ich muss vorwärts. Mit weitem Spreizen gelange ich nur mühsam einige Meter weiter. Das Seil ist aus, und nirgends ist ein Stand zu finden. Nass und schmierig ist der Fels, und unablässig strömt der Regen über uns herab. Ich schlage einen Haken. Sparsam müssen wir damit umgehen, denn nur vier Stück haben wir bei uns. Mit zwei Rucksäcken tritt der Freund den schweren Gang an. Reden tun wir nicht viel, aber jeder weiss: jetzt geht 's aufs Ganze. Endlich ist er bei mir.

Rechts von uns, über eine senkrechte, abwärts geschichtete Wand ergiesst sich ein wahrer Sturzbach, dort ist die einzige Möglichkeit, durchzukommen. Ich versuche das Aussichtslose. Das Wasser läuft mir in die Rockärmel. Bis auf die Haut durchnässt, mit gefühllosen Fingern, kämpfe ich mich etwa 10 m vorwärts. Es geht nichtIch muss zurück. Jetzt nur die Ruhe nicht verlieren. Und nach langen schweren Minuten stehe ich endlich wieder schlotternd vor Kälte neben dem Kameraden.

Eben sichere ich mich am Mauerhaken, da — ein unheimliches Geräusch: SteinschlagEin grosser Block trifft mich am Kopf und droht, mich aus dem Stand zu schlagen. Alles schwimmt mir vor den Augen... Wir müssen warten, bis der Regen nachlässt. Vergehen StundenNach geraumer Zeit geschieht das endlich. Ein frischer Wind streicht über die Wand und trocknet den Fels bald etwas.

Wir wechseln mit der Führung, und Walter packt die schwere Stelle an. Immer bin ich noch ganz betaumelt von dem Steinschlag. Nach etwa 15 m folgt ein heikler Quergang nach links in brüchigem Gestein, ohne jede Sicherungsmöglichkeit. Dann einige Meter schräg nach rechts aufwärts zu einem gut sichtbaren Riss, den die Wand mit einer vorstehenden Bastion bildet. Wir glaubten schon, am oberen Ende des Risses einen Rastplatz zu finden, aber nicht einmal den Rucksack konnte man ablegen. Von hier zieht ein neuer Riss schräg nach rechts durch die senkrechte Wand. Nur den linken Arm und Fuss kann man ein wenig verklemmen, der rechte Fuss hängt im Leeren.

Nach 30 m endet der Riss an glatter Wand. Ein Mauerhaken zur Sicherung fährt knirschend in den Fels. Dann hangeln wir wenige Meter nach rechts in die Wand hinaus und gelangen durch einen engen, teilweise überhängenden Riss etwa 30 m äusserst schwer felsan.

Wir knüpfen zwei Seile zusammen. Der Kamerad schlägt nach 20 m einen Sicherungshaken, klettert noch 10 m weiter. Nun folge ich mit den zwei schweren Rucksäcken nach. Jeden Augenblick könnte ich aus dem Riss in die leere Wand hinauspendeln. Walter kann kein Seil mehr einnehmen, denn der Seilknoten lässt sich nicht mehr durch den Karabiner ziehen. So muss ich mit verzweifelter Anstrengung bis zum Haken ohne Sicherung folgen. Dann entferne ich den Haken, denn wir wissen nicht, was unser noch harrt, wir können ihn vielleicht noch brauchen.

Beim Freunde ein ganz winziger Stand. Von hier klettern wir über eine senkrechte Platte auf einen Riss zu, greifen diesen sofort an, da schliesst er sich und wird ungangbar.

Nochmals wehrt sich die Wand verzweifelt. Aber wir packen die rechte Kante des Risses. Sie ist äusserst steil und schwierig und an die 40 m hoch. Sicherung ist ausgeschlossen. Doch wir überwinden sie. Nun gelangen wir über brüchige Wandstufen in eine Rinne und diese hinauf in eine Scharte des Südgrates, links von einem kleinen Gratturm.

Hier können wir zum erstenmal rasten. Ein Blick auf die Uhr: abends 6 Uhr. Nun bauen wir einen kleinen Steinmann. Jetzt kann uns nichts mehr halten. Wohl schwingt sich der Grat noch einigemal steil und plattig empor. Aber der Sieg ist uns sicher. Abends 7 Uhr stehen wir auf dem Westgipfel, und zwei Glückliche reichen sich freudestrahlend die Hände.

Sofort klettern wir in die Scharte hinab, und in 40 Minuten erreichen wir den Ostgipfel. Inzwischen ist das Hochgebirge klar geworden, und über dem Reusstal brodelt ein schweres Nebelmeer.

Rings leuchten in der Glut der letzten Abendsonne alle Gipfel.

Dann treten wir den gewöhnlichen Abstieg an. Bald überfällt uns die Nacht. Im Schein der Laterne überspringen wir den Bergschrund. Auf dem Stäfelgletscher können wir dem Hunger nicht mehr widerstehen und schlürfen gierig eine Büchse Erdbeeren, die wir durch die ganze Wand geschleppt haben. Dann Stolpergang über manchen Stein, bis wir kurz vor 11 Uhr nachts die Windgällenhütte erreichen, nach fast 19 Stunden Abwesenheit. Bald schlafen wir tief.

Schon um 5 Uhr weckt uns ein strahlender Tag. Rasch verabschieden wir uns, gilt es doch, den ersten Morgenzug zu erreichen.

Immer und immer wieder eilt der Blick hinauf zu den steilen Plattenwänden. Und nach den Stäfelalpen jauchzen wir zum letztenmal unserer stolzen Südwand zu.

II. Nordwand des Gross Spannort.

Längst war die Eis- und Firnflanke zwischen Spannort und Adlerspitze durchstiegen, nur der direkte Aufstieg durch die Nordwand des Gross Spannort harrte seiner Erledigung.

Ein ruhiges, dichtes Nebelmeer lagert über dem Reusstale, als mein Freund Paul Bootz und ich in zügigem Schritt, jeder für sich in Gedanken versunken, in das romantische Erstfeldertal einbiegen. Leichter Nebelregen fällt, und tief verhängt sind die beidseitigen Talhänge. Bei der Kühplankenalp halten wir kurze Rast, dann steigen wir weiter. Im Talhintergrunde stösst der Schlossberggletscher seine zerschrundete Zunge aus dem Nebel hervor. Da wird es mit einem Male immer lichter und lichter über uns, und kurz vor der Kröntenhütte treten wir aus dem Nebel. Welch grossartige Szenerie! Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchen die Berge jenseits des Reusstales in glühendes Rot. Die stolzen Nordwände der Windgällengruppe erstrahlen wie pures Gold. Immer höher und höher steigt der Schatten aus den Tälern, bis auch das letzte Licht an den hohen Spitzen erlischt. Nur wenige Menschen befinden sich in der sonst stets überfüllten Hütte. Zwei Stunden später rücken auch unsere Kameraden Fritz Bieri und Mathis Margadant ein.

Tagwache. Schon tanzen einige Lichtlein oben im Grau, als wir gegen 3 Uhr früh in die sternklare Nacht hinaustreten. Eintönig trotten wir hintereinander das öde « Grau » hinauf, das seinem Namen alle Ehre macht. Immer schneller wird das Tempo, denn jeder will so rasch als möglich aus der elenden Geröllhalde.

Beim Betreten des Gletschers erwacht auch im Osten der neue Tag. Die Landschaft bekommt Form und Farbe und verspricht einen herrlichen Frühsommertag. In zwei Seilschaften überschreiten wir den beinharten Glattenfirn zur Ostflanke unsres Berges.

Am Fusse derselben halten wir kurze Steigeisenrast. Heiss schon brennt die Sonne in die steile Flanke. Zu meinem Bedauern muss ich feststellen, dass Kamerad Mathis mehr Eisen als Spitzen an seinen Steigeisen hat, und so bin ich zu der schönen Stufenarbeit verdammt, denn nur wenig Neuschnee liegt auf blankem Blaueis. Wo ich sonst ohne Stufen auskäme, erkämpfe ich mir mit dem Pickel Schritt für Schritt, aber weit schlage ich die Tritte, ganze Klimmzüge müssen meine Kameraden von Stufe zu Stufe machen. Lustig wirbeln die Eisstückchen den steilen Hang hinab. Unablässig folgt Schlag auf Schlag ins harte, spröde Eis. Etwas Abwechslung bringen einige Spalten, die sorgsam, oft auf dünnen baufälligen Brücken, überlistet werden müssen. Während mir die harte Arbeit den Schweiss aus allen Poren treibt, lassen sich 's meine Kameraden gut sein. Paul und Mathis, die Unverbesserlichen, schmauchen grinsend ihre Pfeife, während sich Fritz saftige Orangen schmecken lässt, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft. So gewinnen wir langsam, aber stetig an Höhe. Nach einem besonders steilen Eisstück legt sich der Hang etwas zurück, und auch der Schneebelag wird tiefer und fester, so dass ich die Stufenarbeit einstellen kann.

Links an der Wand zieht eine steile Firnmulde direkt zur Gratschneide am Fusse der Nordwand hinauf. Aus der Gluthitze des Firnhanges gelangen wir nun in den Schatten der Wand, und der Kontrast ist so stark, dass es uns beinahe fröstelt. Während einer kurzen Rast schaue ich nach einer Ersteigungsmöglichkeit der jungfräulichen Wand. Etwa 15 m rechts, südwestlich von uns, erblicke ich eine brüchige, rissartige Verschneidung. Diese wählen wir zum Aufstieg.

Paul übernimmt nun die Führung. Sorgfältig prüft er jeden Griff und Tritt; bald eng anschmiegend, dann wieder weit spreizend, windet er sich empor. Nach etwa 25 m endet die Verschneidung und vereinigt sich mit einer schneegefüllten Rinne. Nun übernehme ich den Vortritt wieder und " verfolge die steile Schneerinne nach links aufwärts, bis sie in einem kleinen Wandabsatz ausläuft. Abschreckend und unnahbar sieht der obere Wandgürtel aus. Ein überhängender Plattenwulst folgt dem andern. Einen Haken schlage ich zur Sicherung. Der Karabiner schnappt, dann versuche ich die unheimliche Stelle. Dicht an den kalten Felsen geschmiegt, ohne Griffe und Tritte, nur auf Druck und weit verspreizend, jede mögliche Reibung ausnützend, schwindle ich mich zentimeterweise höher, sogar mit dem Kinn versuche ich mich zu halten. Etwa 10 m komme ich so aufwärts, dann ist es mit jeder Kunst zu Ende. Ein weit überhängender Plattenwulst weist mich jäh zurück. Die Finger drohen zu erlahmen. Selbst mit den Zähnen verbeisse ich mich im unbarmherzigen Gestein, bis ich nach schwerem Kampf endlich wieder auf der Höhe meiner Kameraden rechts an der Wand klebe; dann ist 's mit meiner Kraft zu Ende. Am Mauerhaken lasse ich mich zu den Freunden hinüberpendeln. Die Finger schliessen sich im Krampf, und vorläufig bin ich zu jeder weiteren Arbeit unfähig.

Die Kameraden reden von Rückzug. Da packt mich eine tolle Wut gegen diese trotzige Wand. Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit, ihr beizukommen. Ich quere auf einem Rande etwa 8 m nach links zu einem der Wand vorgelagerten Block. Von hier zieht steil nach rechts aufwärts eine brüchige, griffarme Platte, die mit der linken Wand einen Winkel bildet. Nach meiner Meinung die einzige Möglichkeit, wenn auch äusserst schwer. Nach vielem Für und Dagegen übernimmt Paul nun die Führung. Ich verklemme mich zwischen dem Block und übernehme die Sicherung. Vorsichtig geht Paul zu Werke, denn das Gestein ist denkbar schlecht. Nach 3 m schlägt er einen Sicherungshaken. Jede kleine Unebenheit im Fels ausnützend, gewinnt er langsam Zoll um Zoll. Das Ende der Platte ist von einem Überhang begrenzt. Nochmals fährt ein Mauerhaken in den Fels. Dann spreizt Paul mit dem linken Fuss weit an die linke Wand hin. Unendlich lange klebt er so. Griff um Griff bricht aus, bis er sich mit äusserster Gewichtsverlegung über den Überhang drückt; dann noch 3 m senkrecht empor, und nun ist er meinem Blick entschwunden. Nur das langsame Nachlaufen des Seils sagt mir, dass er vorwärts kommt.

Nun unter einem grossen Überhang auf abschüssigem Schuttgesimse nach rechts querend, erreichen wir 30 bis 40 m rechts vom Signal den Gipfelgrat. Die Rucksäcke werden aufgeseilt, und nach geraumer Zeit kann auch Freund Mathis als letzter sich in Bewegung setzen. Jedoch nicht ohne Zwischenfall, denn am Überhang bricht ihm ein Block aus. « Haltet fest! » ruft er und pendelt, aber bald darauf stehen wir alle um die zweite Nachmittagsstunde freudig am Gipfel und schütteln uns kräftig die Hände.

Wir haben für die Wand 31/2 Stunden gebraucht. Im Sommer 1931 durchstieg ich sie mit drei andern Kameraden in 7 Viertelstunden.

III. Die Nordwand des IV. Kreuzberges.

Allein fahre ich von Zürich über Sargans ins Rheintal. Dicke, regenschwere Wolken hangen tief ins Tal. Bei Buchs schaue ich nach der alten bekannten Zackenreihe der acht Kreuzberge. Schelmisch recken einige ihr Haupt aus dem Nebel, grelle weisse Sonnenstrahlen leuchten durch schwarze Wolkenballen. In Salez treffe ich meinen Freund Karl Sutter, der von Heiden kommt. Sogleich ist das Wetter das nächste Thema. « Ach, für die Kreuzberge wird 's schon gehen », antworte ich ihm, « regnet 's doch immer, wenn wir uns in den Kreuzbergen treffen. » In 40 Minuten ist das Dörfchen Sax erreicht, und jetzt fallen die ersten schweren Tropfen. Gleich hinterm Dorf entledigen wir uns aller Kleidung, und nur in Badehose und Bergschuh steigen wir den steilen Waldweg hinauf. Was kümmert uns der Regen, wenn man eine wasserdichte Haut hat! Bei einbrechender Nacht erreichen wir die Unteralp am Fusse der dämonischen Südwände. Der mir wohlbekannte Senne wartet uns mit frischer Milch und Käse auf. Dann ins duftende Heulager... Ein lauter Jauchzer weckt mich aus dem Halbschlummer und kündigt mir die Ankunft unseres Kameraden Georges Hermanutz an. Grinsend klettert er die Leiter zu uns empor, «'s rägnet wieder ämal », meint er trocken.

Auch am Morgen weckt uns das bekannte Rauschen. Trotzdem bummeln wir zur obern Roslenalp hinauf. Endlich gegen 9 Uhr lässt der Regen etwas nach, wir rüsten zum Aufbruch. Vorerst ohne Ziel schlendern wir die Alpmulde hinauf. Angesichts der plattigen Nordwand des IV. Kreuzberges bleiben wir stehen. Fragend blicken wir einander an. « Wollen wir es wagen? » « Ja, los! » ist die Antwort. Eine frische Bise trocknet bald den triefendnassen Fels ein wenig.

Zwischen beiden Gipfeln durchziehen zwei senkrechte Risse die lotrechte Plattenwand. Den äussern rechts wählen wir zum Aufstieg. Über grasdurchsetzte, plattige Schrofen erreichen wir von rechts nach links den Einstieg in den Riss. Wie auf Eiern turne ich empor, denn das Gestein ist äusserst brüchig, und meine beiden Kameraden sind auf Grüsse von oben nicht erpicht. Bald wird die Kletterei schwerer. Immer im engen Riss und an seiner rechten Begrenzungswand klettern wir aufwärts, bis der Riss sich zu einer kleinen Höhle erweitert. Diese ist von einem grossen brüchigen Überhang überdacht. Schon streichen wieder feuchte Nebel um die Wände und verwehren uns jede Sicht. Also weiter, bevor es wieder regnet.

Zuerst schaffe ich mich stemmend und spreizend empor bis unter den schweren Überhang. Nirgends ein Griff, alles brüchig. Nun will ich zu meiner Sicherung einen Haken schlagen. An der linken Risskante finde ich eine Ritze.Vorsichtig treibe ich das Eisen tiefer, bis ich zu meinem grossen Schrecken sehe, dass ich mit dem Haken ein grosses Stück der Kante wegsprenge. Schutzlos unter mir stehen meine Kameraden. Noch ein paar Hammerschläge, und der Block wäre krachend in die Tiefe gestürzt... Nun, so muss ich es ohne Sicherung versuchen. Vorsichtig, um ja keinen Griff stark zu berühren, schwindle ich mich über das Hindernis hinweg und erreiche einen kleinen Standplatz. Karl folgt nach. Ein unvorsichtiger Zug, ein Block bricht ihm aus und trifft unseren Pechvogel Georges am Schenkel. Ein starkes Wort wird gesprochen.

Nun im engen Riss stemmend und spreizend aufwärts. Zuletzt noch ein kleiner Überhang, und ich befinde mich auf einer kleinen, luftigen Kanzel. Über mir wölbt sich ein mächtiger Wulst, der jeden Weiterweg versperrt. Aber so schnell geben wir uns nicht geschlagen. Etwa 15 m links in der Wand draussen ziehen drei enge Risse aufwärts. Ein abschüssiges, abwärts führendes Band vermittelt den Zugang. Ich wähle mir den mittleren Riss zum Aufstieg. In weitem Spreizschritt erreiche ich den Anfang. Äusserst luftig... nur Luft und Nebel sehe ich unter mir und habe das Gefühl, frei zu schweben. Den rechten Arm und Fuss kann ich im Riss verklemmen, die Linke nützt jede Rauhigkeit im Gestein aus. Die schwerste Stelle bildet ein plattiger Wulst, dann legt er sich etwas zurück, und am Ende des Risses dient ein kleines Felsköpfchen zur Sicherung. Nun folgt leichteres Gelände. Über grasdurchsetzte Platten stark nach rechts haltend, erreichen wir nach einer guten Seillänge den obersten Ausgang des Westkamins und den Westgipfel.

Nur kurz ist die Rast auf dem Gipfel, denn über dem ganzen Rheintal wogt und brodelt der Nebel wie in einem Hexenkessel. Bald sind wir durch den Westkamin in die Scharte zwischen dem IV. und V. Kreuzberg abgestiegen und überklettern noch den direkten Ostgrat des V. Im Abstieg durch die Nordwand übt das Wetter bittere Rache; ganze Bäche stürzen durch den Kamin. Aber was tut das! Wir haben den Berg überlistet, ihm eine neue Route ertrotzt. Und nun stürmen wir freudig bei strömendem Regen zu Tal.

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