Drei Wochen im Excursionsgebiet für 1872

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Ernst Calberla aus Dresden.

Nach einigen in Chur verbrachten Regentagen hatte ich das Stillliegen satt und beschloss, sei es nun gutes oder schlechtes Wetter, nach Hinter-Rhein zu gehen. Bei noch völlig bewölktem Himmel verliess ich den 23. August früh 5 Uhr mit der Post Chur, das sich diessmal mir nur im Regenkleide gezeigt hatte; kaum war jedoch eine halbe Stunde vergangen, als der Himmel sich plötzlich aufhellte und der länge nicht sichtbar gewesene blaue Himmel zum Vorschein kam. Bald traten auch die Berge des Vorder-Rheinthales, von Neuschnee angehaucht, aus den Nebelmassen hervor; blieben zwar auch beim Weiterfahren über Thusis nach Splügeri die höchsten Spitzen der umliegenden Berge in Wolken gehüllt, so wrar ich doch schon mit dem Anfang zum Besseren zufrieden. Jedoch bald nach unserer Abfahrt von Splügen ballten sich die Wolken wieder fester zusammen und kurz vor unserer Ankunft in Hinter-Rhein begannen sie ihren Inhalt auf mich armen Banquetsitzinhaber in freigebigster Weise auszuschütten;

doch nur wenige Minuten und ich befand mich in dem freundlichen Hause der Gebrüder Lorez. Noch mir überlegend, ob ich die nun in Aussicht stehenden Regentage lieber in St. Bernhardin oder in Hinter-Rhein verbringen wollte, entschied ich mich sofort für letzteres, als ich im Hause der Gebrüder Lorez den trefflichen Zeichner und liebenswürdigen Clubisten, Herrn Müller-Wegmann von Zürich, antraf, und ich so sicher war, dass wenn mir noch Regentage bestimmt seien, ich diese wenigstens in sehr angenehmer Gesellschaft verleben würde.

Den Abend des 23. und fast den ganzen 24. regnete es fort und schon stiegen Abreisegedanken in mir auf, allein wie erstaunte ich, als ich nach kurzem Schlaf den 25. früh 6 Uhr aufwachte, dass nichts mehr von Regen zu hören war und sich schon heller Sonnenschein bemerkbar machte; es schien gutes Wetter werden zu wollen; bald verschwanden auch die Wolken, die noch auf den Bergen lagerten und um 7 Uhr hatten wir das schönste Wetter.

Ich beschloss nun zunächst den Piz Terri in Angriff zu nehmen; dazu musste ich nach Yrin in 's Lugnez hinüber; von da gedachte ich dann nach gelungener Besteigung des genannten Berges, über den Vanescha-pass, die Lampertschalp und Lentalücke nach Hinter-Rhein zurückzukehren. Zunächst galt es also in 's LugT nez zu gelangen; ich wählte dazu den Weg über -den Valserberg nach Yals St. Peter, von wo ich dann entweder über die Berge oder über Furth und Lumbrein nach Vrin zu gelangen gedachte. Da ich nach Ausweis des Itinerar sicher zu sein glaubte, in Vrin den Führer J. P. Casanova zu finden, so nahm ich in Hinter-Rhein keinen Führer mit, sondern schnürte 3/48 Uhr mein Säckchen und frisch ging es zum Valserberg hinauf;

halb 10 Uhr war die Passhöhe erreicht, auf der ein schneidender kalter Nordwind blies, gegen den ich hinter einem Felsblock, mein einfaches Frühstück einnehmend und mich dabei an der schönen Aussicht ergötzend, Schutz fand. Die Aussicht ist natürlich eine sehr beschränkte, doch sind das stolze Tambohorn und die das Hinter-Rheinthal abschliessenden Schneegipfel des Marschol- und Zapporthornes, immerhin Gestalten die einen mächtigen Reiz ausüben. Nach einer Rast von 25 Minuten kletterte ich auf das mit 2619 m bezeichnete Hörn, von welchem natürlich die Aussicht noch freier als von dem Passe aus ist; es kommt hier noch der Blick in das wilde Valser-Rheinthal und auf die Glarner Alpen hinzu, Der empfindlich kalte Wind vertrieb mich jedoch nach kurzem Aufenthalt, bald stand ich wieder auf dem Passe und 5 Min. nach halb 11 Uhr stieg ich zuerst über ein kleines Firnfeld, dann über Geröllhalden und Rasenhänge zur Alp Vallatsch hinab; dann ging ich, mich immer auf dem rechten Ufer des Wassers haltend, weiter hinab nach Vais St. Peter, das ich in wenigen Minuten erreichte, und ohne mich aufzuhalten sofort den Valser-Rhein entlang das Thal abwärts. Zuerst führt der Weg lange Zeit durch eine wilde enge Thalstrecke, dann über die auf freundlichen Matten gelegenen Ortschaften St. Martin und Obèrkastels nach -Furth; der ganze Weg bietet eine ungemeine Abwechslung, wilde Felspartien wechseln mit schönen Blicken auf den schäumenden jungen Fluss, dann kommt wieder ein schöner Blick hinaus in das untere Lugnez auf die Berge von Ilanz;

nur hat der Weg in seiner Anlage den Fehler, dass er constant hergauf bergab geht und zwar dies manchmal in etwas thörichter Weise. 3/

Den 26. fand ich mich erst spät aus dem Bett; ich hatte so wundervoll geschlafen, dass selbst die mir recht nett in 's Gesicht scheinende Sonne mich nicht genirt hatte. Halb 9 Uhr war ich aufgestanden und begab mich sofort auf die Führersuche; allein dabei machte ich eine sehr unangenehme Erfahrung: von einem Führer J. P. Casanova wollte kein Mensch etwas wissen, weder der Pfarrer noch sonst Jemand. Knechte waren auch keine zu bekommen, wenigstens für den Piz Terri nicht; um über den Greinapass zu gehen wäre es mir wohl möglich gewesen Jemand zu finden, allein für eine andere Tour fand ich Niemand und ich wurde geradezu ausgelacht, als ich von einer Be- Steigung des Piz Terri sprach.

Ich war nun nicht gerade in der besten Laune, ja ich war sehr niedergeschlagen und ärgerte mich sehr, dass ich nicht in Hinter-Rhein mir einen Führer mitgenommen hatte; als sich ein junger Mann, ein Student der Theologie, der in der Vakanz zu Hause war, meiner annahm. Derselbe theilte mir mit, dass in der weiter oben im Thale gelegenen Alp Vanescha kräftige muthige Leute seien, und wenn es mir gelänge einen von diesen für meine Touren zu gewinnen, so wäre ich geborgen.

Da mir nun kein anderer Ausweg übrig blieb, so entschloss ich mich sofort diesen, den einzigen möglichen, zu versuchen und nach der Vaneschaalp zu gehen. Halb 4 Uhr verliess ich das freundlich gelegene Vrin in Gesellschaft des obengenannten Studenten, der für mich unterhandeln wollte, und kam y/é6 Uhr in der überaus schön gelegenen Alp Vanescha an, wo es mir, resp. dem Studenten bald gelang, den Patron der Alp, Joseph Balthasar Casanova ( hier heisst fasst der dritte Mann Casanova ) für meine Touren zu gewinnen. Soweit war nun alles gut und ich war voll guter Hoffnung für das Gelingen meiner Touren; allein ich hatte die Rechnung ohne das Wetter gemacht; schon bald nach Sonnenuntergang hatte sich die stolze Felspyramide des Piz Terri in eine Wolke eingehüllt, dazu wehte eine merkwürdig warme Luft, alles Anzeichen eines Witterungswechsels, jedoch hoffte ich noch das Beste von dem Wetter und legte mich guten Muthes auf mein duftiges Heulager. Doch bald wurde ich aus dem schönsten Schlaf durch ein verdächtiges Rauschen, hervorgerufen durch den strömenden Regen, erweckt.

Um 5 Uhr stund ich auf, alles war dicht in Wolken gehüllt, kaum die nächsten Hätten waren zu erkennen, dazu goss der Himmel seine Wasser herab, als hätte es seit Monaten nicht geregnet. Es trat nun an mich die Frage heran, was zu thun sei; ging ich zurück nach .Vrin, so war ich dort wohl etwas besser aufgehoben, als hier in der Alp, allein gross wräre der Gewinn auch nicht gewesen; ein weiteres Hinausgehen aus dem Thal etwa nach Ilanz, hätte mich zu sehr von dem Objekt meiner Wünsche entfernt und es hätte dann leicht kommen können, dass ich das gute Wetter wieder verpasst hätte; den Piz Terri wollte ich um jeden Preis besteigen, also musste ich in Vaneschaalp bleiben; that ich das letztere, so hajtte ich noch den Vortheil bei Eintritt von gutem Wetter einige Stunden Vorsprung zu haben.

Die Bevölkerung der Alp, die mich zuerst fast wie ein Wunderthier angestaunt hatte, kam mir bald sehr liebenswürdig und freundlich entgegen, besonders der alte Casanova und seine Frau waren zwei äusserst zuvorkommende Leute; ausser diesen beiden war noch in demselben Haus ein- Knecht mit seiner Frau aus Vrin, die nun Sonntags zu Hause gingen, und die sechs Kinder Casanova's, in den übrigen Hütten wohnten noch zwei Parteien, wovon die eine die Familie des Bruders von J. B. Casanova war. Es herrschte in der Hütte eine verhältnissmässige Reinlichkeit und für die Nacht hatte ich mein Haus und Bett, d.h. ein Heustadel mit Heu für mich allein; auch ein Vortheil, da meist die allein stehenden sonst unbewohnten Hütten keine springende Bevölkerung haben. Die Alp Vaneseha liegt in einem wilden Thalkessel, theils grünes Weideland, theils von Moränen und Geröllhalden, die tief von Einschnitten für die Gewässer durchfurcht sind, überdeckt, im Westen von den Felswänden des Piz Terri 3151 m, im Süden von dem schneebedeckten Piz.

Scherboden 3124 m und im Osten von dem trotzigen Frunthorn 3034 m umringt; nur nach Norden, wo er durch den mit 2547 m bezeichneten Bergzug verschlossen wird, besitzt er den tiefen aber engen Einschnitt für den wilden Lugnezer-Rhein. Die Alp, die eine ganz hübsche, wenn auch ganz einfache Capelle besizt, zählt 16 Hütten, von denen jedoch nur drei für fortdauerndes Bewohnen eingerichtet sind. Die Bevölkerung ist ganz romanisch, da aber alle Leute etwas, der J. B. Casanova sehr gut italienisch sprechen, so konnten wir uns ganz gut unterhalten; von deutscher Sprache hatten die Leute gar keine Ahnung. Das fatalste bei meiner Situation war jedenfalls die primitive Verpflegung; Polenta, Milch, Käse und Butter ist doch, wenn es auch ganz genügende Nahrungsstoffe enthält, etwas sehr wenig; allein wenn man einmal ein Ziel erreichen will, muss man sich schon einige Unbequemlichkeiten gefallen lassen. Um hier die Zeit etwas zu vertreiben — der Student war schon früh am Morgen wieder nach Vrin gegangen — half ich meinem Wirth da3 schon geschnittene nun durch den Regen sehr gefährdete Heu einfahren, eine mühsame anstrengende Arbeit, für die ich jedoch Ahends durch eine Extra-polenta belohnt wurde. Da Abends die Wolken etwas lichter geworden waren und auch der Regen etwas nachgelassen hatte, hoffte ich das Beste für den kom- menden Tag;

um so unangenehmer wurde ich durch den Morgengruss meines Wirthes < Signor, il piove » erweckt; doch was half alles Lamentiren, wer a sagt muss auch b sagen. Der zweite Regentag verfloss wie der erste; nur sah ich schon mit grösserer Resignation den grauen Himmel an, als Tags vorher. Das einfache Leben der Naturmenschen, unter denen ich war, fing an mir Freude zu machen; für die zahlreiche Kinderschaar war ich fortdauernd ein Gegenstand des Staunens, besonders Abends wenn ich mit dem Vater Casanova Cigarretten rauchte. Auch der 29. war ein Regentag, allein gegen Mittag wurden die Wolken lichter und bald nach 1 Uhr zeigte sich zum ersten Mal wieder der blaue Himmel. Um nun den schönen Nachmittag nicht ganz nutzlos verloren gehen zu lassen, beschloss ich eine Recognoscirung der Nordseite des Piz Terri vorzunehmen. Denn, dass eine Besteigung des Piz Terri von Süden oder Osten absolut nicht auszuführen sei, davon hatte ich mich sofort nach meiner Ankunft in Vaneschaalp überzeugt, es kam also nur die Nord- oder Westseite in Frage. Um die erwähnte Recognoscirung auszuführen, kletterte ich über die mit reichem Blumenschmuck ( Gentiana panonica in prachtvollen Exemplaren, auch Edelweiss ) bedeckten Rasenhänge zu dem mit 2547 m bezeichneten Punkt in die Höhe und von da nach Punkt 2560 hinüber. Von beiden hat man eine herrliche Aussicht, besonders auf die nördlich des Vorder-Rheinthales gelegenen Gletscher; doch auch nach Westen und Süden ist die Aussicht recht schön. Von den beiden Punkten aus konnte ich nun mit Hilfe meines ausgezeichneten Pariser Marineglases den Piz Terri, besonders seinen Abfall naeh Norden gut inspiziren imd kam bald darüber in 's klare, dass auch von Norden es nicht möglich sei, dem Piz Terri beizukommen;

es blieb also nur noch die Westseite für eine Besteigung übrig und von dieser Seite schien sie mir nicht sehr schwierig zu sein. Halb 7 Uhr war ich wieder in Vaneschaalp; herrlich glühten Firne und Bergspitzen in der untergehenden Sonne. Ein gutes Zeichen! Endlich kam gutes Wetter, den 30. früh 3/44 Uhr weckte mich Casanova und wie erstaunte ich, als ich einen wolkenlosen Himmel sah; dazu war es empfindlich kalt, alles versprach einen guten Tag. Nach dem Genüsse einiger Tassen heisser Milch und einer guten Portion prächtiger Polenta verliess ich halb 5 Uhr mit J. B. Casanova die Alp; zunächst gingen wir in dem sich von der Vaneschaalp nach Westen abzweigenden Thale nach der Alp Blegnias; dicht hinter derselben überschritten wir das Wasser und stiegen nun direkt über ein kleines Schneefeld zu dem zwischen 2824 und 2751 befindlichen l ) Einschnitte ohne Mühe hinauf. Wir waren nicht wenig erstaunt, als wir von dem genannten Einschnitte aus vor uns ein ebenes Firnfeld, rechts den Piz Güda, links die schwarzen Felsmassen des Piz Terri erblickten; gerade über dem Firnfeld leuchteten aus weiter Ferne die gewaltigen Schneefürsten des Wallis herüber. Wir gingen nun sofort über das oben erwähnte Firnfeld auf einen kleinen Kegel, zwischen Piz Terri und Piz Güda los. von dem wir uns weiter orientiren wollten

> Siehe Clubkarte für 1865.

l/iS Uhr hatten wir denselben erreicht. Von hier aus wurden die schwarzen Wände des Piz Terri gemustert, um eine Stelle zu entdecken, die einen leichten Aufstieg gestatten würde; eine Gemse, die wir in die Flucht gejagt hatten, brachte uns auf die richtige Fährte. Bald kamen wir zu der Ueberzeugung, dass auch von der Westseite es nicht; möglich sei dem Piz Terri, der hier fast noch steiler als nach Osten abfällt, beizukommen; es blieb nur noch ein in südwestlicher Richtung von der Spitze des Piz Terri nach einem Seitenthälchen des Val Luzzone absteigender Grat übrig, der allerdings in seinem untern Theile auch in einer steilen Wand abfällt; über diesen Grat erschien es uns möglich die Erkletterung der Felspyramide mit Erfolg zu versuchen. Alle frühern Versuche den Piz Terri zu besteigen, so behauptete Casanova und auch einige Gemsjäger, die ich später sprach, seien vor diesem Grat zurückgeschreckt; Niemand sei über die steile Wand, die seinen untersten Theil ausmacht, in die Höhe gelangt. Es war dies aber auch eine Wand, die einen leicht zurückschrecken konnte, allein, wie so manchmal: die Sache sah schlimmer aus, als sie eigentlich war. Nach kurzer Rast kletterten wir nun zu der erwähnten Wand hinüber und begannen sofort den Anstieg. Von Ersteigen darf ich eigentlich gar nicht reden, da die Arme fast ebenso angestrengt wurden, wie die Beine; Casanova liess seinen Stock zurück, ich nahm zwar den meinigen mit, weil ich dachte ich würde ihn oben auf dem Grate gut gebrauchen können, allein bei dieser Kletterei war er mir manchmal lästig. Die Wand, die kaum mehr als 250—300 w hoch, ist, besitzt allerdings eine Neigung von mindestens 60°, und nur dadurch, dass das Gestein sehr rauh ist und viele klein,e Risse und Spalten darbietet gelang uns die Erkletterung.

Casanova war manchmal im Zweifel, ob es möglich sein würde noch weiter zu klettern, besonders das Herunterkommen erschien ihm sehr fraglich; allein ich war auch hier der Ansicht, die ich immer vertrete: nur hinauf, herunter geht es immer! ich denke dabei vielleicht immer an den Ausspruch eines alten Obersteigers in dem Eauriser Goldbergwerke bei Gastein, mit dem ich auch Casanova tröstete; dieser Bergmann sagte mir nämlich, als ich mich bei einer Klettertour über die Mühen des Steigens ausliess, « ja hinauf auf die Berge hilft einem kein Heiliger, herunter helfen sie alle. » Eingedenk dieses Spruches kletterten wir frisch vorwärts und standen 3ji9 Uhr auf dem Anfange des Grates, der von der eben erkletterten Wand in fast gerader Richtung mit einem Neigungswinkel von etwa 45—50 ° zu der Spitze des Piz Terri empor steigt. Ohne eine Rast zu machen nahmen wir diesen letzten Theil des Weges in Angriff; manchmal war das Gehen recht misslich, weil oft ganz lockeres Gestein, das bei der geringsten Berührung rechts oder links in den Abgrund hinabfiel, den Grat bildete, dazu war derselbe oft kaum fussbreit. Doch mit der nöthigen Vorsicht gingen wir, da wir beide ganz schwindelfrei sind, munter weiter, etwa 20 m unter der Spitze bogen wir über Felsblöcke nach dem in südlicher Richtung von der Spitze absteigenden Grat ab und erkletterten über den letztern die höchste Spitze auf der wir halb 10 Uhr anlangten.

Die oberste Spitze, bis dahin so viel ich weiss nur einmal und zwar von Pater Placidus a Spescha von der Alp Blegnia aus erstiegen, bildet ein kleines Plateau und für etwa 20 Personen hinreichenden'Platz. Freudig genossen wir die uns für die aufge^ wendete Mühe überreichlich entschädigende Aussicht; es war ein ganz wundervoller klarer Tag, rings ein Meer von Bergspitzen; Aussichten zu schildern ist an und für sich schwer und nun besonders eine so umfassende wie die vom Piz Terri. Kings herum sind keine Berge, die höher als er sind; dann liegt er fast mitten in den Schweizer Alpen und so bauet sich rings um ihn herum ein Kranz schöner gewaltiger Bergriesen auf, vom Mont Blanc bis zu den Schneebergen der Tyrolergrenze, kein Wölkchen am Himmel, die Spitzen scharf vom Horizont abgehoben, ein goldiger Tag. Die Luft war ausserordentlich mild ( 13,8C. im Schatten ). Prächtig ist der Blick auf die dicht unter einem liegende Vaneschaalp, auf die grünen Matten von Vrin und Lumbrein, dann nach Westen der Blick in das wilde Luzzone; gerade im Süden erhebt sich das Rheinwaldhorn von dem wie ein Hermelinmantel der -schöne Lentagletscher herabwallt, dann die stolzen Fürsten von Zermatt, die Berner Alpen, der Tödi, weit im Osten die Silvretta und Oetzthaler, ferner die Ortleralpen, der gewaltige Berninastock und weit im Südosten die Adamellafirne; überall ein Bild gewaltiger erhabener Bergwelt.

Doch geschieden musste werden. Nach der Vertilgung unseres spärlichen Proviantes bauten " wir um ein Zeichen unserer Anwesenheit zu hinterlassen, einen

6 kolossalen Steinmann, in dem ich eine Notiz mit dem-Datum der Besteigung hinterlegte.

Kurz vor halb 11 Uhr verliessen wir die Spitze; in kaum einer halben Stunde standen wir wieder an der schwierigen Wand. Ich glaube wir waren beim weiteren Absteigen sehr leichtsinnigr es gab manchmal auch etwas kritische Momente; ein Sturz hätte einen jedenfalls in den 300 m tiefen Abgrund hinuntergeführt; angebunden waren wir natürlich nicht; doch ging der Abstieg ohne Unfall von Statten. Zehn Minuten nach 12 Uhr standen wir wieder an dem Bande des grossen ebenen Firnfeldes; flotten Schrittes ging es auf Punkt 2751 los, über das kleine Firnfeld, über welches wir früh hinauf gegangen waren rutschten wir jetzt hinab und kamen so um 1 Uhr in der Alp Blegnias an, von wo aus wir, nachdem wir uns durch eine Schüssel herrlicher Nideln erfrischt hatten, in wenigen Minuten weitergingen und kurz nach halb 2 Uhr, gehoben von dem Bewusstsein, schöne Stunden verlebt zu haben, in Vaneschaalp wieder eintrafen. Den Steinmann konnte man von der Alp aus sehr gut sehen. Eigentlich wollte ich sofort noch über den Vaneschapass nach der Lampertschalp gehen, allein an dem Widerstände Casanova's scheiterte mein Wunsch, ich suchte mir daher, nachdem ich mich ordentlich gestärkt hatte, einen hübschen Fleck im frisch geschnittenen Heu und hielt dann, wenn auch manchmal durch einige allzuliebenswürdige Schweine etwas gestört, eine schöne lange und wohlverdiente Siesta. Leider hüllte sich Abends der Piz Terri, der hier als Wetterprophet gilt, in Wolken ein und richtig den 21. früh weckte mich wieder Casanova mit dem Rufe:

« Signor il piove »; es goss wieder wie mit Kannen, Alles liess die Köpfe hängen, Tags vorher war noch sehr viel Heu geschnitten worden und es war nun grosse Gefahr, dass diess alles verderben würde; um noch einiges zu retten, ging alles an die Arbeit; da es mir jedoch im Freien zu nass war, so gab ich mich nur mit dem Einschaufeln des Heues in die Hütten ab. Nachmittags kam der jüngste Bruder des Casanova, ein Gemsjäger, den der Herr Pfarrer endlich aufgetrieben hatte und den er mir schickte, weil er geglaubt hatte, ich hätte noch gar keinen Führer. Dieser J. P. Casanova ist'ein ganz kräftiger Mann und schien mir entschieden das Zeug zu einem tüchtigen Führer zu haben; der ältere Bruder, der J. B. Casanova, mein bisheriger Begleiter, ist ein ganz tüchtiger Mann, vielleicht kräftiger als sein jüngerer Bruder; allein das Zeug zu einem Führer besitzt er nicht; er findet sich an Stellen, wo er noch nie gewesen nur sehr schwierig zurecht. Leider regnete es den Nachmittag und den 1. September früh fort; infolge davon ging der junge Casanova wieder nach Vrin mit dem Versprechen, sowie schönes Wetter werde, wieder zu kommen; die beiden Brüder hatten sich geeinigt, dass von nun an der jüngere Bruder mich begleiten solle. Nachmittags wurde es wieder besseres Wetter, ja der Sonnenuntergang, den ich von den Abhängen des mit 2543 m bezeichneten Berges ansah, versprach einen schönen Tag. Der 2. September war auch allerdings ein ganz herrlicher Tag, allein wer nicht kam, war J. P. Casanova und so musste ich nochmals den J. B. Casanova überreden mit mir zu gehen, was mir endlich mit vieler Mühe gelang;

infolge des Wartens und hin und her Ueberlegens und Schwankens, kamen wir, trotzdem wir sehr zeitig aufgestanden waren, erst um 6 Uhr fort. Zuerst gingen wir nach der Alp Scherboden; bei derselben überschritten wir das Wasser und stiegen dann auf einem schmalen Kamm zum Vanescha-pass 2989 m hinauf, den wir 8 Uhr 20 Min. erreichten; dicht unterhalb desselben machten wir von 8 Uhr 30 Min. bis 8 Uhr 45 Min. eine Rast. Die Aussicht von dem Pass ist ganz herrlich, besonders der Blick auf die Walliser- und Berneralpen, im Vordergrund das Yal Luzzone mit seinen dunklen Fichten und Arven und das düstere Lentathal mit dem Rheinwaldhorn im Hintergrunde. Wir stiegen nun einen steilen Weg, theils über Firn, theils über Geröll hinab durch das Val Nova nach der Lampertschalp, in der wir 9 Uhr 40 Min. anlangten; jedoch ohne Aufenthalt gingen wir weiter aufwärts im Lentathal bis wir in der Gegend des Plattenbergs zwei Hirten trafen, bei denen wir eine 10 Min. lange Rast machten. Bald hinter der letzten Hütte des Thales, gingen wir über das Wasser auf das rechte Ufer und betraten dann 10 Uhr 45 Min. den Lentagletscher. Etwas oberhalb der Zahl 2400 ( blau ) der Clubkarte machten wir von 11 Uhr 5 Min. bis 11 Uhr 40 Min. eine Rast, um uns für die uns bevorstehende Firnkletterei zu stärken. Mein Plan war nun, direkt in der Mitte des Lentagletschers zum Adulajoch hinaufzusteigen, von da aus, wenn noch Zeit, das Rheinwaldhorn zu besteigen und dann über den Paradiesgletscher zur Clubhütte und nach Hinter-Rhein abzu- steigen.

Ohne Mühe überschritten wir, uns immer in der Mitte haltend, den untern Theil des Lentagletschers, bald zwang uns jedoch die grosse Steilheit desselben, wenn wir ohne Stufen zu hauen fortkommen wollten, die Fusseisen anzulegen; da Casanova, so gut er auf dem Felsen sich gezeigt hatte, hier auf Eis eine merkwürdige Unbeholfenheit und Angst vor den Spalten zeigte, so war ich gezwungen voran zu gehen, was bei der herrschenden Hitze und dem weichen Schnee nicht gerade das Angenehmste war. In Schlangenwindungen erstiegen wir den steilen Abhang; etwa in der Mitte zwischen Punkt 3260 und 3105 der Clubkarte brach ich in eine mit Neuschnee überdeckte breite Spalte bis an die Schultern ein, doch gelang es mir ( dadurch dass ich meinen Stock unter dem Arme gehabt hatte, war ich nicht tiefer eingesunken ) ganz gut wieder aus dieser fatalen Lage heraus zu kommen. Durch den Unfall etwas vorsichtiger geworden, wendeten wir uns nach Punkt 3105 hin, dann bogen wir wieder auf das Grauhorn 3260 zu, etwas westlich ab, und erst als wir uns in gerader Linie vom Adulajoch westlich befanden,, stiegen wir nun in östlicher Richtung zu dem genannten Joche hinauf, wo wir um 2 Uhr anlangten. Der Aufstieg war uns Beiden sehr sauer geworden, die grosse Hitze und der weiche Schnee hatten uns, die wir doch schon einen ganz hübschen Marsch hinter uns hatten, etwas ermüdet. Auf dem Adulajoch warteten wir bis 2 Uhr 40 Min. und da wir noch glaubten Zeit und Kräfte zu haben, so nahmen wir noch das Rheinwaldhorn in Angriff. Um 3 Uhr 10 Min. erstiegen wir von der Westseite her, wir hatten vom Adulajoch aus zu- erst eine südwestliche Richtung eingeschlagen, die oberste Spitze 3398 m.

Eine herrliche Aussicht, die der vom Piz Terri im Ganzen sehr ähnlich ist, belohnte uns für die Mühen der Ersteigung. Die von Herrn Forstinspektor Coaz gestiftete Blechbüchse konnte ich leider nicht finden, und so barg ich meine Karte zwischen die Steine des Steinmannes. Reizend ist der Blick auf die Thalsohle des Val Blegno; Casanova wollte die Ortschaften Ponte Valentino und Largario erkennen, mit dem Fernglas konnte ich ganz gut einige einzeln stehende Kastanienbäume unterscheiden. Prächtig ist auch der Blick in das wilde, tiefeingeschnittene Val Malvaglia. Doch wir mussten eilen, hinabzukommen, aus den Thälern stiegen einzelne verdächtige Wolken auf; 3 Uhr 30 Min. ver liessen wir den Gipfel, mit flottem Schritt ging es wieder zu unsern Sachen nach dem Adula -joch hinab, und um 3 Uhr 50 Min. begannen wir den Abstieg nach dem Hinter-Rheinthal. Wir wollten zuerst direkt vom Adulajoch über die Schneewände zum Rhein-waldfirii hinabrutschen, allein gewarnt durch mein Ci-garrenetui, welches vor uns den Sprung in den Abgrund that, sah ich mir die Karte genauer an und bemerkte gerade an der Stelle, wo wir hinabrutschen wollten, einen Felsabsturz verzeichnet; natürlich änderten wir unsern Plan und wendeten uns nach den Abhängen der Lentalücke hin, wobei wir auf dem schmalen Firnfeld, welches unterhalb des obgenannten Punktes sich befindet, nochmals in eine Spalte einbrachen. Von der Lentalücke stiegen wir zum Paradiesgletscher hinab. 5 Uhr 5 Min. standen wir vor der Clubhütte, die wir noch von Bergamaskerhirten bewohnt fanden; ohne Auf- enthalt gingen wir weiter abwärts.

Da keiner von uns Beiden je diesen Weg zurückgelegt hatte, so hatten -wir in der uns tiberkommenden Dunkelheit versäumt, rechtzeitig über die Lawinenreste das rechte Ufer des jungen Rheines zu gewinnen; die Folge davon war, dass wir plötzlich den Weg verloren hatten. Am linken Ufer traten nun die Felsen mehrmals bis dicht an das Wasser, keinen Weg übrig lassend, heran und mussten wir so mehrfach durch das Wasser waten. Doch fort ging es über Stock und Stein, so schnell als wir nur konnten; Casanova war sehr böser Laune geworden, ich konnte ihn nur durch das Vertrösten auf die verschiedenen in Hinter - Rhein zu leerenden Bottiglias vor Ausbruch seines* Zornes zurückhalten. Endlich sahen wir erleuchtete Häuser; es waren die Häuser von Hinter-Rhein, Schlags 8 Uhr waren wir im traulichen Gast-Jiaus zur Post. Ein kräftiger Kaffee, ein gutes Nachtessen und einige Flaschen guten Weines — meine Bescheidenheit gestattet mir nicht, die Zahl zu nennen — bis zu welcher wir uns verstiegen, versetzten uns bald in die rosigste Stimmung. Ich glaube, es war sehr spät, als ich das lang entbehrte Bett aufsuchte. Kurz vor Sonnenaufgang stand Casanova auf und verabschiedete sich von mir; er ging " über den Valserberg in seine Heimat zurück; es kam mir ordentlich schwer an, mich von diesem braven Burschen zu trennen, so hatte ich jnich mit ihm eingelebt.v

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, einen völligen Rasttag zu machen, allein das herrliche Wetter trieb mich hinaus; bald war ich wieder auf dem Bernhardinpass; von Lago di Moesola bog ich östlich über „ Punkt.

2180 und 2070 nach dem Piz Ucello 2716 m ab, an dessen Wänden ich in die Höhe kletterte; da fiel mir ein, dass es doch zu spät sei, noch auf die Spitze zu gelangen und stieg desshalb, es war halb 5 Uhr, nach dem Bad S. Bernardino hinab, um nach Hinter-Rhein zurückzukehren; glücklicherweise traf ich am Beginn des Plateaus des Bernhardinpasses einen Wagen, der mich eine grosse Wegstrecke mitnahm; kurz nach 8 Uhr war ich wieder in Hinter-Rhein.

Nun galt es, den zweiten Theil meines Feldzugplanes-auszuführen, nämlich die Besteigung des Zapporthorne& 3149 m, des Poncione della Frecione 3199 m und die Ueberachreitung des Stabbiogrates 27Î2™; die drei genannten Touren sollten nach Aussage der Führer in Hinter-Rhein, sowie nach dem trefflichen Itinerarium für das Ciubgebiet noch nie gemacht worden sein, ein Rei& mehr, sie auszuführen. Den Abstieg vom Rheinquellhorn in 's Val Calanca, der im Itinerarium als zweifelhaft angeführt ist, hat Georg Trepp von Hinter-Rhein im Jahre 1870 mit zwei Engländern und dem Führer Perren von Zermatt ausgeführt und soll er nach Aussage der erstgenannten nicht schwierig sein, nur müsse man sich hüten, jzu zeitig zu dem Wasser hinabzusteigen,, weil man dann wegen einiger steiler Felsabstürze nicht fortkäme; erst von der Alp Revio an ( zuerst soll man: sich immer dicht unter dem Poncione della Frecione halten ) solle man die Thalsohle als Weg benutzen. Um nun die genannten Touren auszuführen, gedachte ich von der Clubhütte aus den Zapportpass zu erreichen,. dann über die mit 3138 und 3053 bezeichneten Spitzen.

zum Zapporthorn liinüberzuklettern, was mir am 2. Sept. von der Clubhütte aus als sehr leicht ausführbar ausgesehen hatte. Hierauf wollte ich entweder auf demselben Wege zurück oder über den Stabbiograt in 's Val Calanca îiinabsteigen und von da aus den Poncione della Frecione in Angriff nehmen:; in diesem Falle wollte ich den letztgenannten Berg von dem Zapportpass angreifen.

Ich verliess den 4. September 1/i 3 Uhr Nachmittags bei dem herrlichsten " Wetter, begleitet von dem Führer Georg Trepp, das freundliche Hinter-Rhein, um zur Clubhütte zu gelangen; diesmal schlugen wir nun den richtigen Weg ein, zuerst auf dem rechten, dann über einige Lawinenreste auf das linke Ufer zu den Berga-maskerhütten hinauf; die Hirten waren gerade im Begriff zur Abreise zusammenzupacken. Leider war Trepp, wahrscheinlich infolge zu reichlichen Genusses von Molken, etwas unwohl geworden; glücklicherweise gelang es mir durch den Besitz einiger Medicamente diesen unangenehmen Zufall wenigstens zum Theil zu beseitigen. Wir waren sehr langsam gegangen und kamen dadurch erst 3/4 6 Uhr nach der Clubhütte.

Während Trepp mit dem Feueranmachen beschäftigt war, sah ich mir die gegenüberliegenden Wände genauer an und wurde in meinem oben mitgetheilten Plane nur bestärkt. Bald meldete mir Trepp, dass das Wasser koche und nun bereitete ich eine kräftige Bivouaksuppe, nach deren Genuss sich Trepp wieder fast ganz wohl fühlte; natürlich kommandirte ich ihn sehr bald in 's Heu. Ich konnte gar keine Euhe finden und bummelte desshalb immer, den herrlichen Sternen- himmel und die schönen Schneefelder betrachtend, auf der schmalen Felsplatte vor der Hütte auf und ab;

gegen 10 Uhr zog ich mich jedoch auch auf mein Lager zurück. Aus meinem ausgezeichneten* Schlafe wurde ich nur manchmal durch den heulenden Westwind und das laute Krachen des Eises etwas unsanft geweckt; schon hatte ich wieder an Regen gedacht, als ich durch den freudigen Ruf Trepps« Aufstehen, es ist schönes Wetter », 3/*4 Uhr zumYerlassen meines Lagers veranlasst wurde. Sogleich ging es an den Kochherd zur Suppenbereitung, die heute, in Aussicht auf die uns bevorstehenden Anstrengungen, ganz besonders stark gemacht wurde. Nach eingenommenem kräftigem Frühstück verliessen wir halb 5 Uhr die Hütte, der Wind hatte sich gelegt; hell leuchteten noch die Sterne am klaren Himmel; im Osten kündigten schon einige röthliche Wölkchen den baldigen Sonnenaufgang an; merkwürdigerweise herrschte eine ungemein milde Luft, doch hatte ich die beste Hoffnung auf gutes Wetter. Zuerst gingen wir rechts nach dem Weg der Plattenschlucht; bald aber bogen wir westlich nach dem Paradiesgletscher ab, den wir kurz vor 5 Uhr betraten, wir wendeten uns dann durch ein Gewirr grösser breiter Spalten nach der westlichen Seite des Degenhörnli hin; als wir etwa auf der Mitte des Paradiesgletschers waren übergoldete uns und die uns umgebenden Schneeberge die herrlich aufgehende Sonne. Ein Sonnenaufgang auf dem Eise hat für mich immer etwas Erhabenes, etwas Hochpoetisches; schon lange ehe die Sonne erscheint röthet sich der Osten, geisterhaft mit gelblichem Licht übergössen treten die schneebedeckten Bergspitzen hervor, das Blau der Glet- scher wird immer dunkler, da mit einem Male röthet sich die höchste Spitze und wie Feuer fliesst es über die Schneefelder herab;

mit einem Male steht man selbst in der rothen Gluth und die Sonne ist da. Jeder Sonnenaufgang ist ja eigentlich fast immer das gleiche, allein doch hat jeder etwas eigenthümliches an sich: ich habe immer, wenn ich wieder einen schönen Aufgang gesehen habe, das Gefühl, nie genug gesehen zu haben.

Wir gingen nun auf den untern Theil des westlichen Abhanges des Degenhörnli los, welchen wir in kurzer Zeit erreichten. Dann stiegen wir über die Abhänge in die Höhe, schlugen eine südliche Richtung ein und standen 6 Uhr 15 Min. dort, wo auf der. Club karte die Zahl 2963 steht, betraten dann den Zapportgletscher, den wir in grossen " Windungen in der Richtung auf den Zapportpass 3090 m ohne Mühe überschritten. Auf dem ebengenannten Passe machten wir eine halbstündige Rast. Von dem Passe aus hat man einen ganz hübschen Blick auf das Hinter-Rhein-thal und in das Val Malvaglia, über welchem sich im Westen die prächtigen Walliseralpen aufbauen. Hier erst wurde es mir klar, dass die Ersteigung des Zapporthornes wohl nicht so unschwierig sei, wie ich gedacht hatte. Um leichter zu gehen liessen wir den grössten Theil des Proviantes unter einigen Felsblöcken in der Nähe des Passes liegen und begannen dann 3/48 Uhr den Aufstieg zu der mit 3138 m bezeichneten Schneekuppe; dieselbe wurde in einer guten Viertelstunde erreicht. Es begann nun der schwierige Theil des Weges. Zuerst gingen wir eine Strecke auf einer schmalen Schneescheide, bogen dann um einige Felsen nach der Nordseite des Grates, überschritten denselben und gingen, uns nun an seiner Südseite haltend, immer die Hände und Füsse benutzend, weiter vorwärts.

Etwa in der Mitte zwischen Punkt 3138 und 3053 waren wir wieder gezwungen eine kleine Strecke auf einem schmalen Eisgrate halan-cirend vorwärts zu gehen, dann hielten wir uns nochmals eine Strecke an der Südseite und erstiegen dann über eine überhängende steile Schneewand den Punkt 3053 m; es ist dieser eben beschriebene Weg eine Strecke die nur mit der grössten Vorsicht zurückgelegt werden kann. Hier kamen wir noch nicht zur endgültigen Entscheidung ob das Zapporthorn von der Westseite, wo es sich allerdings mit furchtbarer Steilheit aufthürmt, oder über den Stabbiograt von der Ostseite zu ersteigen sei. Zunächst konnten wir auf dem Grat nicht weiter gehen; wir waren desshalb gezwungen einen sehr mühsamen und schwierigen Abstieg nach dem kleinen südwestlich vom Zapporthorn gelegenen Firnfeld vorzunehmen; besonders mühsam war das letzte Stück ehe der Firn betreten wurde. Wir gingen nun direkt auf den vom Zapporthorn nach Westen absteigenden Grat los; mit grösser Mühe erkletterten wir denselben und überzeugten uns von hier aus, dass eine Ersteigung des genannten Hornes von der West- oder Südseite nicht möglich sei; von Norden her eine Ersteigung zu versuchen war uns bei der enormen Steilheit mit der das genannte Hörn nach dieser Seite abfällt, gar nicht eingefallen. Es blieb also nur noch die Ostseite übrig. Halb 10 Uhr betraten wir wieder den kleinen Ferner, schlugen eine rein öst- liehe Richtung ein und erkletterten nun den äusserst steilen Stabbiograt an der Stelle, wo er an die südlichen Abhänge des Zapporthornes anstösst, und standen um Y411 Uhr auf dem obersten Theil des Muccia-gletschers.

Nach einer 10 Minuten langen Rast gingen wir in kurzen Windungen über denselben nach dem Zapportgrat, der von dem Breitstock nach dem Zapporthorn führt, in die Höhe und erstiegen nun über die Felshänge der Ostseite das Hörn, dessen Spitze wir um 11 Uhr betraten. Auf dem langen schmalen Rücken, der die Spitze darstellt, waren nicht die geringsten Spuren früherer BesuCher zu finden; wir errichteten einen kolossalen Steinmann, in dem wir eine Büchse mit Karten deponirten.s Die Aussicht war, begünstigt von dem herrlichen Wetter, eine ganz wunderbar schöne; hervorzuheben sind die Blicke in das wilde Rheinthal, und über den Mucciagletscher auf das im üppigen Grün prangende Misox; aber vor Allem zu erwähnen ist der grandiose Blick in das tiefeingeschnittene finstere wilde Val Calanca, dessen hintersten Theil ja das Zapporthorn gerade abschliesst. Die übrige Aussicht, was besonders die in die Ferne anbelangt, ist etwa dieselbe wie vom Rheinwaldhorn; hervorzuheben ist noch der hübsche Blick auf die Rheinwaldfirne selbst, den man vom Zapporthorn hat. Doch geschieden musste sein; 3/412 Uhr ging es wieder abwärts den steilen Ostabhang hinab zum Mucciagletscher ' ), auf

. ' ) Künftige Besteiger thun jedenfalls am Besten über den Mucciagletscher von St. Bernhardin aus das Zapporthorn zu besteigen.

dem wir drei Gemsen aufjagten, dann über den Stabbiograt, ( eine der unangenehmsten Stellen der ganzen Partie; beim Heraufsteigen hatte uns die kleine Strecke von 80—90 m fast eine halbe Stunde gekostet ) zu dem kleinen oben erwähnten Firnfeld an der Südwestseite des Zapporthorns hinab, über dasselbe direkt auf den Fuss des mit 3053 m bezeichneten Kegels los; dieser wurde, wir fanden jetzt eine bessere Stelle zum Aufsteigen, bald erklettert und nun ging es denselben Weg den wir gekommen waren zurück; da der Schnee sehr weich geworden war, wurden die Stellen, wo wir auf den schmalen Schneewänden gehen mussten sehr misslich. Zweimal brachen wir mit der Schneebrücke durch, zum Glück gerade nicht an gefährlichen Stellen. Dann stiegen wir hinauf zu 3138 und standen so 2 Uhr 10 Min. an dem mit 3080 bezeichneten Punkt, wo wir bis 2 Uhr 35 Min. rasteten. Das Wetter war unverändert gut geblieben und da wir noch glaubten die nöthigen Kräfte und Zeit zu besitzen, so beschlossen wir die Besteigung des Poncione della Frecione sofort zu versuchen. Wir gingen nun, blos mit dem Weinfässchen bepackt, auf den ebengenannten Gipfel in gerader Linie los und hielten uns dabei zuerst auf dem Grat, der sich von der -Spitze des Berges nach dem Zapportpass hin absenkt. Doch bald wurden wir gezwungen uns. mehr links zu halten, wobei wir drei prächtige Gemsen, die sich hinter Steinen verborgen hatten, auftrieben und erreichten so um 2 Uhr 55 Min. den Gipfel. Die Aussicht ähnelt sehr der vom Zapporthorn, für den fehlenden Blick nach dem Hinter-Rhein- thal wird man durch den entzückenden Blick in das wilde Val Malvaglia, das man fast bis zu seiner Ausmündungsstelle in das Val Blegno übersehen kann, mehr als hinreichend entschädigt.

Von den entfernteren Berggruppen ist besonders die sich von hier aus imposant präsentirende Berninagruppe hervorzuheben; leider waren die Walliser- und Berneralpen schon etwas verschleiert, während dieselben vom Zapporthorn noch ganz klar zu sehen gewesen waren. Nachdem wir noch einen Steinmann, in dem wir Karten deponirten, gebaut hatten, verliessen wir 3 Uhr 10 Min. die Spitze; 3 Uhr 25 Min. waren wir wieder auf dem Zapportpass, und nun stiegen wir, uns unter dem Rheinquellhorn haltend, in das Val Malvaglia hinab, wobei wir nochmals drei Gemsen auftrieben; etwas später kam uns noch eine ganze Heerde von neun Stück zu Gesicht. 3 Uhr 55 Min. verliessen wir den Gletscher, stiegen dann über steile Halden und Rasenhänge, uns immer unter dem felsigen südlichen Absturz des Rheinquellhorns haltend, nach der Alp Giumella 2064 m hinab. Eilenden Schrittes gingen wir nun über die Alp Piotta ( leider kann man nicht von der Alp Giumella direkt nach der Thalsohle des Seitenthaies des eigentlichen Malvagliathales, das den Namen der ebengenannten Alp trägt, hinabsteigen ), angestaunt von den männlichen und weiblichen Insassen der Sennhütten, die uns jedenfalls für etwas ganz Besonderes hielten, wozu auch mein Costüni, ich trage lederne Kniehosen, jedenfalls mit Veranlassung gab, nach der Alp Soregno und Fontane! herab. Bei letzterer machten 9GCalberla.

wir von 6 Uhr 15 Min. bis 6 Uhr 40 Min. eine Rast und verzehrten die letzten Theile unseres Proviantes. Dann stiegen wir weiter hinab nach Madra und nun von da aus, es war finster geworden, auf einem scheusslichen Weg über Geröll durchs Wasser nach Pontei, wo wir um 9 Uhr anlangten. Nun kam das letzte Stück des Weges von Pontei nach Malvaglia; ich kenne wenig Wege, die überhaupt schlechter sind wie dieser; auch am Tag soll er kaum passirbar sein und nun war es ganz finster! Ich begreife heute noch nicht, dass sich nicht einer von uns bei dem mehrmaligen Hinfallen grösseren Schaden gethan hat. Endlich halb 10 Uhr stunden wir vor dem Gasthaus « la Stella » in Malvaglia, in welches wir nur mit vieler Mühe noch Einlass fanden; ich wurde in eine Spelunke einquartirt, die ganz voll Weiberröcke hing; wo Trepp geschlafen hat, habe ich gar nicht zu fragen gewagt, dazu war das spärliche Essen so schlecht, dass man es kaum gemessen konnte. Den 6. halb 5 Uhr wurde aufgestanden und um halb 6 Uhr fuhr ich per Post das reizende Val Blegno hinauf nach dem lieblichen Olivone, wo ich im trefflichen Hause des Stefano Bolla für die schlechte Nacht in Malvaglia mehr als hinreichend entschädigt wurde.Von Trepp, der sich auf der ganzen Tour ganz ausgezeichnet gehalten, hatte ich mich in Malvaglia getrennt. Das Val Blegno verdiente entschieden einen viel stärkeren Besuch, allein ehe nicht eine Lukmanierstrasse gebaut, wird es kaum sehr in den Fremdenverkehr hineingezogen werden. Ein hübscher, kräftiger und freundlicher Menschenschlag, besonders die Frauen.in ihrer bunten Tracht machen sich sehr gut, bewohnt in reinlichen netten Häusern dies Thal, welches ein Gemisch alpiner und südlicher Vegetation zeigt.

Der 6. war ganz der Ruhe gewidmet. Am 7. machte ich einen Ausflug in das Val Luzzone; kurz vor 7 Uhr verliess ich Olivone; der Weg führt zuerst durch eine wilde Thalstrecke nach Ghirone, vor welchem Orte sich auf einer Wiese mir ein reizendes Bild darbot; es kamen nämlich an diesem Tage die sämmtlichen Sennhirten mit dem Vieh von den Alpen herab, und mit dem Austausch und Zurückgeben des den Sommer über auf den Alpen gewesenen Viehes an die Besitzer war ein Viehmarkt verbunden, wozu wohl an jj — 700 Personen, ( die Frauen alle in der hübschen Tracht des Thales, rother Rock, blaue Weste, weisse Aermel und auf dem Kopf ein weisses Tuch, ähnlich wie es die Albanerinnen bei Rom tragen ), dazu etwa 5—600 Stück Rindvieh und einige tausend Schafe zusammen gekommen waren. Ich ging, nachdem ich mich mit einigen Leuten etwas unterhalten hatte, begleitet von ein paar Burschen weiter in das Val Luzzone nach der Alp Sasso hinauf, von da nach der Alp Scaradra, von der man einen schönen Blick auf die vom JMz Sorda herabkommenden Gletscher hat; ich kehrte dann zur Alp Sasso zurück, auf welcher ich mich durch eine Schüssel trefflicher Milch stärkte und mit grossem Vergnügen das Steinmannli auf dem sich von hier aus prächtig präsentirenden Piz Terri betrachtete. Halb 12 Uhr ging ich wieder durch das schön bewaldete Val Luzzone abwärts und traf gegen 3 Uhr wieder in Olivone ein. Sehr hübsch ist der Blick von Ghirone in das Val

7 Camadra mit den Gletschern des Gallinario im Hintergrunde.

Den 8. Sonntags nahm ich ein prächtiges, aber sehr kaltes Bad im Brenno, Nachmittags kletterte ich an den Abhängen des Piz Toira hinauf, von wo aus sich überall ein herrlicher Blick auf das Val Blegno abwärts darbietet. Am 9. endlich früh um 3/4Ö Uhr verliess ich das liebliche Olivone um über den Pizzo di Molare 2583 m nach Faido zu gehen. Nur mit reichlichem Proviant bepackt/stieg ich flotten Schrittes über die Alpen Pianezza und Monti Nassera zur Alp Fo-jada hinauf; hier traf ich zwei Gemsjäger, durch die ich mich verleiten liess zu weit westlich zu gehen und so war ich ungemein erstaunt^ als ich mich mit einem Male auf dem mit 2570 bezeichneten Piz befand; den Molare, der sich nun mir gerade gegenüber befand, hatte ich schon von der Alp Fojada an nicht mehr sehen können. Doch da es noch zeitig war, es war 9 Uhr, so beschloss ich noch auf den Molare hinüberzugehen und waren die beiden Gemsjäger so freundlich mir meinen Proviantsack zu tragen, wofür ich sie dann auf dem Gipfel den wir 3/410 Uhr erreichten, hinreichend durch die Theilnahme an meinem Frühstück belohnte. Die Aussicht ist eine sehr schöne, besonders der Blick auf das tief unter einem liegende Faido und in das Val Bedretto, über welches sieh die schneebedeckten Häupter des Gotthardstockes erheben, dann nach Osten auf die gewaltige Rheinwaldgruppe; leider war die Aussicht in die Ferne durch Wolken theilweise verdeckt. Halb 12 Uhr trennte ich mich von den beiden Jägern, ich wollte zwischen dem Molare und dem mit 2570 bezeichneten Berg nach der Alp Stuollo hinabsteigen.

Der Abfall des Pizzo di Molare nach dieser Seite ist ein enorm steiler und, hatte ich grosse Mühe fortzukommen; zuletzt kletterte ich in einer Wasserrunse, die mit lockerm Geröll gefüllt war, hinab; plötzlich fängt der ganze Inhalt dieser Runse ah sich zu bewegen, reisst mich

mit fort und mit einem Male sehe ich, dass die Rutschig

partie direkt auf einen Abgrund losgeht; dies sehen und mich mit aller mir zu Gebote stehenden Kraft durch einen kühnen Sprung aus dieser höchst kritischen Situation befreien, war allerdings nur ein Augenblick; ich hing nun an einem Felsen und liess ruhig den Schotter herabrutschen. Ich kletterte dann wieder durch die Runse an den Absturz vor, wo ich allerdings nicht gerade sehr freudig erstaunt war, als ich in einen etwa 1000 Fuss tiefen Abgrund hinabsah, in den ich, wenn ich mich nicht hätte aus dem Geröll herausschwingen können, unfehlbar gestürzt wäre. Endlich fand ich einen Viehtrieb, der mich bald nach den Alphütten brachte. Ohne Rast eilte ich nach Figione hinab. Schon kurz nach dem obenerwähnten Sprung hatte ich einen stechenden Schmerz in meinem linken Knie empfunden, der nun immer schlimmer wurde und schleppte mich so nun unter grossen Schmerzen nach Faido hinab, wo ich gegen 3 Uhr ankam und, da ich lieber bald Ruhe haben wollte, sofort nach Airolo abfuhr. Im trefflichen Hause des Paganini in Airolo, wo ich um halb 6 Uhr eintraf, verlebte ich in der Gesellschaft der Ingenieure der Gotthardbahn einen höchst vergnügten Abend. Da meine Schmerzen nicht nachliessen, so beschloss ich nun mit den Bergtouren zu schliessen und fuhr den 10. Sept. über Andermatt nach dem reizenden Gersau am Vierwaldstädtersee.

Und damit schliesse ich meinen Bericht über meine Touren im Excursionsgebiet. Habe ich auch nicht viel Neues bieten können, so hoffe ich doch, dass diese kurzen Reiseskizzen recht viele Clubisten zum Besuch dieses so wenig bekannten Alpengebietes anregen möchten.

II.

Freie Fahrten.

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