Dreigipfelfahrt im Unterengadin (Ski)

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T rJVon Eugen Wenzel

Mit 4 Bildern ( 118—121 ) und 1 SkizzeZürich ) Einer der wuchtigsten das S-charltal beherrschenden Berge ist der Piz Madlain. Die felsigen, steil gegen die bewaldeten Talfurchen der Clemgia und Val Sesvenna abfallenden Flanken lassen kaum vermuten, dass dieser klotzige Unterengadiner Dolomitberg vom Skifahrer angegangen werden könnte. Ein nur zu kurzem Aufenthalt in S-charl weilender Wintergast wird sich gewiss nicht mit solchen Gedanken beschäftigen, da ihm in der Sesvenna oder in den Bergen des oberen S-charltals verlockendere Ziele winken. Wer jedoch, so wie wir es mehrmals taten, seine Ferien in S-charl verbringt und dabei sämtliche Gipfel des Gebietes kennengelernt hat, wird schliesslich auch eine Besteigung des Piz Madlain ins Auge fassen. Nach vorangegangenen Fahrten auf den Piz Terza und Piz Tavrü beschlossen Curt Meyer und ich, Glänzwetter und sichere Schneeverhältnisse auszunützen und unsere Ferien mit einer Dreigipfeltour auf Piz Lischanna, Piz Triazza und Piz Madlain äb-zuschliessen.

Am 4. März 1948, kurz nach 6 Uhr, verlassen wir das in nächtlicher Stille liegende Dörfchen S-charl und nehmen den uns vertrauten Weg in die Val Sesvenna unter die Füsse. Da und dort mag im Bergföhrendickicht ein Hirsch auf uns aufmerksam werden und seine Lauscher in unsere Richtung drehen; wir selbst kommen uns als die einzigen Lebewesen des einsamen Tales vor. Während dieser ersten Stunde unseres Anmarsches ist keine grosse Stei- DREIGIPFELFAHRT IM UNTERENGÄDIN gung zu überwinden, liegt doch die Alp Sesvenna nur 280 Meter höher als S-charl.

Die zweite Etappe, die Bewältigung der Val da l' Aua, erfordert ein hartes Stück Arbeit. In diesem steilen Graben müssen sicherste Schneeverhältnisse vorherrschen, bevor man sich dort hinauf wagt. Da wir im Schatten steigen, gewinnen wir erstaunlich rasch an Höhe. Die obersten Hänge müssen zu Fuss gemacht werden. Hier würden auch Harscheisen nicht weiterhelfen. Knapp drei Stunden nach unserem Aufbruch in S-charl können wir in der Foura da l' Aua, der tiefsten Einsattelung zwischen Piz D' Immez und Piz Madlain, auf einem Sonnenplätzchen rasten. Mit den tausend Metern Höhenunterschied, die uns von S-charl trennen, haben wir den grössten Teil des Aufstieges bereits bewältigt. Der Ausblick auf die bewaldeten Einschnitte der Val Sesvenna und auf die in das Haupttal einmündenden Täler des Nationalparks macht allein schon die Mühe bezahlt.

Der nächste Abschnitt ist im Gegensatz zum eben bezwungenen Aua-Kännel ein wahrer Spaziergang. Die im Glanz der Morgensonne liegenden Hänge des Vadret da Rims sind bald gequert, und etwas abfahrend erreichen wir die Senke, über welche der Sommerweg von der Lischannahütte zum Piz Lischanna verläuft. Dieser Weg zieht sich dem Grat entlang gegen den Vorgipfel. Der Skifahrer überschreitet den Kamm, fährt auf der Nordseite etwas ab und quert nun leicht ansteigend die oberste Mulde der Val Triazza, um in der Scharte beim Vorgipfel wieder den Sommerweg zu erreichen. Hier haben die Ski unversehens ausgespielt. Die Felsen sind leicht zu erklettern, und da und dort lässt sich sogar die Pfadspur des Lischannawegs erraten. Um 10.45 Uhr ist der erste Gipfel des Tages erreicht.

Der Piz Lischanna ist als hervorragender Aussichtsberg bekannt. Man überblickt das ganze Unterengadin und darüber hinaus das Inntal bis zur Zugspitze. Um auf Schuls hinab schauen zu können, braucht man nur auf den wenige Meter tiefer gelegenen Vorgipfel abzusteigen und geniesst von dort einen einzigartigen Tiefblick auf die Unterengadiner Kapitale.

Der Abstieg über den Südgrat beansprucht nur wenig Zeit. Ohne die Felle abzureissen, durchfahren wir den Firnkessel der Val Triazza, in dessen Ausschnitt für einen Augenblick das Dorf Sent erscheint, und erreichen über den Westabhang bald darauf den zweiten Kulminationspunkt des Tages, den Piz Triazza. Auf der Ostseite schauen wir in die tiefe Furche der Val d' Uina, im Westen türmt sich der Gipfelstock des Piz Lischanna vor uns auf, und wir sind froh, auch noch diesen Abstecher gemacht zu haben. Diese zweite Gipfelrast wird zwar auf ein paar Minuten abgekürzt, da wir jetzt darauf brennen, das eigentliche grosse Tagesziel in Angriff zu nehmen.

In zügigem Tempo durcheilen wir den Lischannagletscher, queren hoch über der Val Lischanna auf den das Trigl-Tälchen nördlich begrenzenden Kamm, wo wir um 13.15 Uhr eintreffen. Der Anblick, der sich uns hier bietet, ist ebenso grandios wie abschreckend. Die Nordflanke des Piz Madlain hat in der Tat wenig Verlockendes für den Skifahrer. Die auf der Schulser Skikarte eingezeichnete Route dem Ostgrat entlang kommt in Anbetracht der vorgerückten Stunde für uns nicht mehr in Frage. Ein durch die Nordflanke zu erreichendes und durch die Nordwestwand gegen den Gipfel ziehendes Band scheint uns die einzige Möglichkeit eines Skiaufstieges zu bieten. Wenn es uns nicht gelänge, die Ski bis nahe an den Gipfel heranzuführen, müssten wir für diesmal verzichten. Wir machen uns unverzüglich ans Werk!

Vorerst müssen wir etwa 300 Meter in den obersten Triglkessel abfahren, ein Abgang, der jetzt am Nachmittag äusserste Vorsicht erheischt. Sobald °,s angeht, queren wir den Nordhang des Gipfelmassivs und erreichen glücklich den Felssporn am Anfang des von oben gesichteten breiten Couloirs. Zu Fuss gäbe es kein Weiterkommen, also versuchen wir uns den Steilhang zu erspuren. Behutsam bauen wir Spitzkehre auf Spitzkehre, untersuchen immer wieder die Schneebeschaffenheit und gelangen aufatmend auf eine aus der Wand hervortretende Schulter. Von hier ab haben wir gewonnenes Spiel. Nach kurzer Rast schrauben wir uns auf dem nun weniger steilen Band in der Nordwestflanke weiter empor und werden erst am Gipfelstock zum Skidepot gezwungen. Ohne Aufenthalt nehmen wir noch dieses letzte Gratstück in Angriff und betreten nachmittags um halb 4 Uhr den Gipfel des Piz Madlain.

Einen lohnenderen Aussichtsberg hätten wir uns als Ferienabschluss nicht aussuchen können! Durch den tiefen Sonnenstand treten jetzt am Spät- Das CC-Biel 122 - Photo Daetwyler. Bienne Sitzend, von links nach rechts:

Samuel Aubert Hugo Kistler, Dr. phil.

Paul Renggli Hans Bertschinger, Dr. iur.

Stehend, von links nach rechts: Werner Streit Henri Jeannet Werner Ueltschi Bertrand Max Suter II. Vizepräsident / IIe Vice-président Präsident'Président I. Vizepräsident / Ier Vice-président Sekretär / Secrétaire Jugendorganisation / Organisation de la jeunesse Präsident der O. Kommission / de la Commission O. J.

Beisitzer; Assesseur Kassier / Caissier Publikationen Publications Präsident der Pubi.Kommission Président de la Commission des Publications Versicherungen / Assurances Führer-Wesen / Guides Präsident der Führer-Kommission Président de la Commission des Guides Sommertätigkeit / Alpinisme estival Hütten / Cabanes Präsident der Hüttenkommission Président de la Commission des cabanes Wintertätigkeit / Alpinisme hivernal Präsident der Kommission für die Wintertätigkeit Président de la Commission d' Alpinisme hivernal Rettungsstationen / Stations de secours Präsident der Kommission der Zentralstelle für Rettungsmaterial Président de la Commission pour la centrale du matériel de secours Art. Institut Orell Füssli A.G. Zürich Die Alpen - 1949 - Les Alpes Theodor Ruch Heinrich Thurnheer Karl Schnyder Erwin Schori, dipi. Ing.

Roger Pétremand Werner Jordi, Dr. med.

nachmittag die Täler in schärfster Plastik hervor, und mit besonderer Freude überschauen wir die S-charler Berge, mit welchen uns die schönsten Erlebnisse verbinden. Zu längerem Verweilen fehlt uns die Zeit. Der Abgang durch den Trigl bereitet uns etwelche Sorge, da er alles andere als eine glatte Skiabfahrt bringen wird.

Um 4 Uhr treten wir den Abstieg an und sind schon in wenigen Minuten beim Skilager zurück. Bis zum Schülterchen in der Nordwestflanke können wir schwingen, aber von dort an wird der Hang zu steil dazu. Einige Spitzkehren verhelfen uns in die Hochmulde von Trigl hinab, in welcher wir westwärts bald darauf am grossen Talabsturz stehen. Während wir uns noch über den zu wählenden Abgang unterhalten, rauscht aus einem vom Piz S. Jon kommenden Couloir eine Grundlawine bis vor unsere Füsse. Der felsdurchsetzte Absturz unter uns scheint nicht fahrbar. Doch wir müssen hinab. Langsam fahren wir in einem mit Bergföhren besetzten abschüssigen Hang hin und her, ziehen in einem Couloir die Ski ab und kommen merklich tiefer. Nachdem eine felsige Stufe überwunden ist, glauben wir, aus der Falle heraus zu sein, und versuchen es wieder auf unseren Brettern.

Was nun folgt, ist alles andere als Skifahren. Das Tälchen oder besser gesagt der Graben wäre zwar breit genug, um bei gutem Pulverschnee ein regelrechtes Schwingen zu erlauben. Da es spät geworden ist, hat sich die oberste Schneeschicht zu einem wüsten Harschdeckel erhärtet und lässt keinen Schwung mehr zu. Während wir uns mühsam hinabkämpfen, bricht auch die Dämmerung an, so dass wir die Vorsicht verdoppeln müssen. Es ist nahezu halb 7 Uhr, wie wir die S-charler Strasse erreichen und aufatmend in den wilden Krachen zurückblicken. Nachdem die Felle geklebt sind, machen wir uns an den Rückmarsch nach S-charl, wo wir nach 13%| Stunden kurz vor 8 Uhr eintreffen.

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