Durch das Gerenthal nach Realp

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Von. Dr. Schlüpfer.

Es war um die Mittagstunde des 8. August 1869, als ich mit meinem Führer Rudolf Eimer in Oberwald anlangte, um von dort aus, die gebahnte Strasse ver-lasseild, mir durch 's Gerenthal einen Weg nach Realp zu suchen.

Das Gerenthal ist das letzte der Seitenthäler des Ober-Wallis und zweigt sich südöstlich ab. Man findet m den Reisehandbüchern, die sonst jeden Fleck unseres Landes lobend erwähnen, dieses Thal kaum als vorhanden angeführt; es hatte deshalb den Reiz der Neuzeit, es zu durchreisen. Gerne wäre ich sogleich aufgebrochen, musste aber darauf verzichten, weil in dem öden Thale, das keine bewohnten Hütten aufzuweisen hatte, kein Nachtlager zu finden war. Zudem zogen die Berge gegen Abend eine dicke, schwere Nebelkappe über die Ohren; so musste ich mich denn bequemen in dem bescheidenen aber sauberen Hôtel de la Furca Quartier zu nehmen. Die Nachtruhe war kurz, durch mancherlei Lärm oft gestört und froh war ich, als ich endlich, nach langer Verzögerung, Morgens 4 Uhr mit Eimer und dem in Oberwald geworbenen Träger Johann Kreuzer aufbrechen konnte.

Es fing eben an zu tagen als wir, Unterwasser hinter uns lassend, über die argen vorjährigen Hochwasserverwüstungen, zwischen mächtigen Lärcheji dem Steg über den ziemlich starken Gerenbach zuschritten.

Von da aus führt ein sehr holperiger Weg bergan, links zu einem gegen den Hungerberg sich ziehenden Felskamm, welcher die Grenze zwischen Unterwasser und der dahinter liegenden Landschaft Geren bildet und aus dem Grunde « Nothhelfstein » heissen soll, weil früher, als das aus fünf Häusern, zwei Kapellen und einem Galgen bestehend« Ort Geren noch das ganze Jahr bewohnt und mit höchsteigener Halsgerichtsbar-keit versehen war, allfällige Verbrecher, speziell die zu henkenden, wenn sie fliehend diesen Fels erreichten, der Strafe entgingen. So erzählte Kreuzer. Jetzt, wird Geren nur noch zeitweise zum Aetzen des Heues bewohnt.

In der Morgendämmerung schritten wir stolpernd weiter. Kechts tief unter uns tobte und toste der Bach, dem Hören nach wohl mehrfach von Fällen unterbrochen. Bas Gehänge der Thalseiten ist mit schlechtem, dünnem Walde und Gesträuch bestellt. Grad vor uns kommt rauschend in einer Menge kleiner Fälle vom Gonerli her ein Bach. Dies Gonerli genannte Thälchen zieht sich südlich zu den Mettlen- und GalmihÖrnern hinan | links aber liegt nun das Hauptthal, von dem Hunger-— oder wie Kreuzer als richtiger definirteüngar — Berg begrenzt.

Die letztere Benennung soll daher stammen, dass vor « Altem » zwei flüchtige Ungarn in 's Thal gekommen und sich da oben, wo jetzt Hütten und Wiesen sind, angesiedelt und die Gegend bebaut haben. Damit sie ungenirt bleiben können,. haben sie tapfer zum Kirchenbau in Oberwald mitgeholfen, wodurch ihnen natürlich die Bevölkerung gewogen wurde. Noch sehe man hoch an dem felsigen Gehänge eine vom Saasbach herführende Spur einer " Wasserleitung, die von diesen Ungarn gemacht worden sein* soll.

Der fortwährend üble Weg geht auf 's linke Bachufer, wo bald in steiniger, sehr fetter Weide, der sogenannte Kirmesstein folgt, etwa 5/* Stund von Oberwald; ein Stein den alle thalbesuchenden Landleute als officiellen Ruhepunkt hochzuhalten scheinen. Aussicht ist freilich keine Spur, dafür eine üppige Stauden-vegetation, die sich nun dem ganzen linken Thalhang hinein entlang forterstreckt bis zum Fuss des Galmi-stocks. Dieser Hang heisst « im Brand »; ihm entlang an einer schlechten Hütte vorbei zieht sich der Weg eine Strecke weit. Uehrigens sollen sich hier nach Kreuzer viele Gemsen ihres Lebens um so sicherer freuen als in der Gegend keine guten Jäger seien, für welche die Gelegenheit köstlich wäre. Meinem Rudi wässerte der Mund bei dieser Mittheilung: Da chönt ma ja nur sitzä bliebe, Stäi hät 's gnuäg zum da hinder fürä abz'passä und chlöpfe, hat ich nur Zyt und an gutä Stutzer!

Der Weg geht nun weiter aufs rechte Bachufer in die am sehr steinigen Abhang des « Gallen » ge- legene rauhe, wieder mit einer elenden Hütte versehene, üppigsten Graswuchs bietende Alp;

die letzte des Thales die noch mit Kühen befahren wird. Weiterhin ist alles unfruchtbare Steinriese oder höchstens-Schafweide.

Unterdessen ärgerte sich Kreuzer stets diesen schlechten Thalweg eingeschlagen zu haben, statt der Richtung über den Hungerberg, Gallen und den Schafberg. Er meinte man gelange dort leichter und auf besserm Grunde zum Kühboden — dem ersten Ab&chnitt unser s Ganges. Aber einmal wollte ich das eigentliche Thal begehen, sodann lag auf jenen Höhen schwarzer Nebel, nach dem ich wenigstens nicht gelüstete und zum Dritten ist es einfach nicht wahr, dass dort besser durchzukommen sei, denn zwischen Gallen und Schafberg ist ein tiefes felsiges Tobel, das man traversiren müsste und der Schafberg gäbe tüchtig zu klettern oder mindestens stark zu steigen. Aussicht hätte man freilich bei hellem Wetter, weit und breit. Eher riethe ich durch 's Gonerli zu gehen um zwischen Mettlen- und Galmihörnern durch auf interessantem Weg deji hintern Thalabschnitt zu erreichen. Aber auch unser Weg durch die Granittrümmer war nicht ohne Reiz; denn als sich der Nebelschleier rückwärts etwas hob, erschienen schon mehrere Bernerspitzen; im Hintergrund des Thales, vor unsT glänzten Schneefelder und durch eine höhere Nebellücke blickten verschiedene wilde, nackte, schroffe Hörner, auf Augenblicke von Sonnenstrahlen getroffen, hernieder, deren Namen aber Kreuzer nicht wusste. Ueberhaupt wusste er weiter als bis zum Kühboden, wohin er zwei bis drei Mal gekommen, keinen Bescheid, nur der Namen « Mühlistei » war ihm geläufig — aber wo der sei, das war ihm ein unlösbares Räthsel.

Der Thalhintergrund war ihm so fremd, wie uns. Obgenannte Hörner gehörten dem Piz Monigolo an und das Gletscherfeld, das zuerst erschienen, liegt zwischen diesem und dem östlichem Kühbodenhorn, beides wohl kaum zu ersteigende Gipfel, arge Kletterpartien, wenn auch nicht gar zu hoch.

Bald kommt der grosse Schuttkegel,1 den der aus dem Tobel zwischen Schafberg und Gallen hervor-strömende Bach gebildet und damit die früher gute Weide fast total vernichtet hat. Den Hintergrund des Tobeis zierten ein Schneefeld und das steil abgerissene, schwarze Mutthorn.

Weiter ging es stolpernd über und durch wüstes, grossblockiges Getrümmer von prachtvollem weissem Granit, im « weissen Guffer » genannt. Dem fortwährenden Pfeifen nach zu schliessen, müssen hier eine Masse Murmelthiere hausen; auch Spuren ihrer Wohnungen sahen wir. Dies und das Tosen des Baches bringen lautes Leben in diese Steinwüste. 6 Uhr 20 Min. erreichten wir den sogenannten Kühboden; der Name ist falsch, denn es ist kaum Schafweide vorhanden. Hier war der gute Kreuzer am Ende seiner Welt und um zu erkennen, welches der Piz Rotondo sei, auf den es losging, und um uns etwas zu restauriren machten wir Halt. Meinem Rudi begann bereits der Kamm zu wachsen, als er Kreuzers Unsicherheit dahinten bemerkt hatte. Anfangs hing dichter Nebel beinahe bis zu uns herab. Aber der Wind war unserm Vorhaben gnädig gewogen und blies so stark aus Westen, dass es mit Kartenhtilfe möglich war zu erkennen, der Rotnodo sei, wenn auch nicht in Sicht, so doch weiter, hinten zu finden.

Schön und sehenswerth ist dieser Fleck Gerenthal, der da Kühboden heisst, doch; denn da erheben sich eine ganze Kette gletschergeschmückter Hörner: rechts Ton uns stehen die Galmihörner und das Mettlenhorn; von diesen durch ein Gletscherchen ( MonigologletsCher ?) getrennt erhebt sich der vielzackig zerrissene, nackte Monigolo, der wohl auch noch seines ersten Ersteigers einige Zeit harrt; weiter östlich folgt, abermals durch ein Schneefeld geschieden, der ebenfalls nackte Fels dse Kühbodenhorns.

Weiter thaleinwärts lag Nebel und verhüllte ausser dem Gletscher, der den Hintergrund, nach Eimers Schätzung etwa 2*/2 Stunden lang, füllt, Alles.

Doch unsers Bleibens war nicht allhier: nach kurzer Rast und Erquickung traten wir unsere Entdeckungsreise an. Das Thal wendet sich von hier rein östlich alles auf beiden Seiten ist ein Trümmermeer.

Rudeli fühlte sich jetzt so recht in seinem Elemente: kurz angebunden schritt er mit hocherhobenem Kopfe, rauchend wie ein Kamin davon, alles scharf betrachtend und wie eine Katze von Stein zu Stein springend.

Kreuzer hatte wieder einen originellen Plan: nämlich auf den Kühbodengletscher zu gehen; dort komme man vermuthlich eben um 's gleichnamige Hörn herum! Und doch waren es nur Nebelstreifen und nackte Felsen, was er sah und für ein gangbares Plateau hielt. Wir waren aber zufrieden mit der Moräne rechts am Bach. So schritten wir fort, der eine dadurch,

der andere anderswo, bis wir um 7 Uhr den Gletscher erreichten, der in sanftem Abfall endet, mit Granittrümmern besät ist und dem ziemlich starken Gerenbach den Ursprung gibt. Hurtig begann das Emporsteigen auf dem linkseitigen Thalhang.

Der Nebel war'unterdessen in die Höhe gegangen, so dass es uns möglich wurde mit Hülfe der Karte endlich den Rotondo ausfindig zu machen: mit noch verhüllter Spitze stand er gross und ganz felsig grad vor uns oben; wir mussten nur in der angefangenen Richtung südöstlich aufsteigen.

Aber da gab 's wieder Differenzen: den Eimer, als wahren Bergpraktikus, trieb das ihm innewohnende Bergteufelein gradauf, durch eine rutschige Geröllhalde, Kreuzer wollte einen Umweg machen, um den darobliegenden Schnee zu erreichen. Ich entschied für Elmer's Vorschlag, weil näher und wir erreichten denn auch nach einer guten halben Stunde den Schnee; einer oben vorbeispazirenden Gemse war 's zu verdanken, dass wir uns sputeten um ihren fernem Lauf wahrzunehmen.

Nun standen wir auf dem Rotondogletscher, der mit dem Gerenfirn nördlich zusammenhängt; knapp vor uns stieg der Rotondogipfel als ein Haufen kolossaler Trümmer empor. Nun wieder ein Disput mit mir: Eimer wollte in seiner Hitze gradauf, sei 's und gehe 's wie 's wolle; ich hoffte weiter hinten irgend eine bessere Stelle zu finden, wo der Schnee das Steigen bequemer mache. Ich musste mich aber des Friedens halber ergeben; denn auch Kreuzer war für Eimers Vorschlag.

Wir packten nun die Trümmerhalde an, schoben und hoben die Körper in die Kreuz und Quer, zwischen und über und schier unter den Steinen durch empor.

Man. musste gut aufpassen; denn die grössten Trümmer lagen oft nur ganz lose und stürzten beim Berühren krachend und dröhnend zur Tiefe. Plötzlich ging mir Alles vor den Augen ringsum; der ganze Berg schien mir zu weichen; ich musste still stehen und mich halten, denn ohne an einem Abgrunde oder einer gefährlichen Stelle zu sein, hatte mich höchst frevelhaft zum ersten Mal auf einem Berge der Schwindel befallen. Da nun der Schwindel ein Krankheitssympton ist, und es nach der Meinung eines Hofnarren mehr Aerzte als Patienten gibt, so hatte ich natürlich deren zwei bei mir: Kreuzer scheint 's ist mehr Patholog und erklärte die Erscheinung komme vom Mangel eines solchen Proviantklumpens im Magen her, wie er sich damit ausstaffirtEimer aber als Therapeut: rieth als, Heilmittel etwas Schnaps und Halten am Seil, was ich als bessere Meinung annahm und nicht gar zu hitzig vorwärts stieg, von den Begleitern anerkennenswerthe vorsichtig beobachtet. Nach etwa 5/4 stündigem Klettern und Balanciren erreichte der Hang sein Ende und wir betraten die gleich beschaffene, südöstlich ste|l und faul abbröckelnde nördliche Spitze, von der grad südlich stehenden, nach Eimer's Schätzung etwa 100 Fuss höhern Spitze durch ein tiefer liegendes kurzes Grätchen getrennt, zu dem sich richtig, wie ich vermuthete, westlich eine leicht begehbare Schneekehle hinaufzieht.

Dass mich diese beiden Entdeckungen etwas ärgerlich stimmten ist begreiflich, zumal ich bei dem starken kalten Winde mit meiner dubiosen Kopfbeschaffenheit den Uebergang zur hohem Spitze nicht probiren durfte,

was die andern nach kurzem Halte in einer weitem halben Stunde ausführten. Etwas vor lö Uhr waren wir auf dem nördlichen Gipfel angekommen.

Ich zog mich mit einer Flasche Wein etc. in einen sonnigen windgeschützten Winkel zurück und machte mir 's recht bequem um so die Aussicht zu gemessen. Dieser so ganz allein, unbelästigt von den beiden Plauderern, sich widmen zu können, war heute mein schönstes Vergnügen. Und sie ist es werth; an hellen Tagen mag es da oben wunderschön sein, auch heute bei den vielen Nebeln und Wolken war der Ausblick befriedigend. Waren auch die höchsten Spitzen meist verhüllt, so erschien doch noch eine Menge respektabler Trabanten. Yor allem glänzte nahe herüber das Basodine-gebirge mit dem ausgedehnten breitgewölbten Gletscher, Campo Tencca und alle die Nachbaren; die ostwestliche Grenzkette des Livinenthales verdeckt der höhere Gipfel des Rotondo. Ob dem Bedrettothal liegen prächtige grüne Alpen, mit Bächen und Schneeflecken geziert; jenseits, südlich vom Giacomopassr glänzte aus einer flachen weiten Alp ein Seelein herauf, wahrscheinlich der Kastelsee. Es ist ein ganzes Heer von Spitzen da im Tessin, ein Zug nach dem andern; aber ausser den erwähnten alle öde und nackt; nur die obern Hänge des Bedrettothales erscheinen bewaldet. Westlich davonr jenseits des breiten Formazzathales stehen in dunstigen Umrissen die Walliser, wie ich glaube bis in die Monte Rosa-Gegend sichtbar; am schönsten erscheint der Monte Leone und jenseits des Simplon's sind es sicherlich die Fletschhörner, welche mit spitzen, schroffen Zacken in 's Wolkenmeer hinaufstreben. Gerade nach " Westen übersah ich zunächst meinem Standorte die obgenannten wildgezackten, vielspitzigen und steilen, nackten Gerenthaler-Felsgipfel, mit den dazwischenliegenden Firnfeldern in Reih'und Glied.

Hinter den Mettlen- und Galmihörnern, jenseits der Nufenen, guckte des Griesgletschers's weites Schneefeld hervor, von einem, Kranze felsiger Gipfel und Gipfelchen umstanden, aus dem besonders das gewaltige Blinnenhorn stolz aufragte — zusammen ein Bild, das noch lange treu mir im Gedächtniss schweben und langweilige Augenblicke des Lebens erheitern wird. Mehr rechts, von der Thal-fluchtfdes Ober-Wallis geschieden, würde wohl bei hellem Wetter die Kette der Bernergipfel ein Glanzpunkt der Aussicht sein; heute aber happerte es da gewaltig; nur ihre untersten Gehänge und das Löffel-, Sidel- und einige kleine Höhier waren ein Weilchen zu erblicken, sonst deckte eine rabenschwarze Wolkenschicht Alles, Alles zuGerade vor mir stand die Mutthorngruppe, hinter welcher, jenseits der Furka und des Urserenthales die stolzen Firnhäupter desGalenstocks und seiner Nachbarn die Augen auf sich lenken mussten. Wie herzlich freute Rudolf sichr den Spitzliberg, den Schauplatz einstiger Eroberungen wieder zu sehen, mit all den hohen Häuptern d'rum. Von den östlichen Urnerbergen sahen wir Alle die den Clubgenossen wohlbekannten, vielbesuchten Gipfel: Rüchen, Scheerhorn, Glärnisch, Oberalpstock, besonders aber unter den Glarnern, den majestätischen immer schönen, imponirenden Tödi mit seinen stolzen Trabanten, sie alle hoben sich prachtvoll von der dahinter drohenden schwarzen Wolkenwand ab und ver- schafften köstlichen Genuss.

Deutlich sahen wir die Serpentinen der Oberalpstrasse, südlich von welcher neues Vergnügen des Beschauers harrte: die Badus-gegend, Scopi und das ganze mit weithin sichtbaren Gletschern bedeckte Medelsergebiet, die Terrispitzen zu hinterst im Lugnez, südlich an die gewaltige Rheinwaldgruppe anlehnend. Sehr deutlich ist die Thalflucht des Blegno und die Calanca und Livinen trennende Kette zu sehen. Dass also der Rotondo ein bemerkenswerther Aussichtspunkt ist, wird Jedermann klar sein, ebenso wohl als dass das Gerenthal sehenswerth ist.

Trotz des mehr und mehr von Westen herandrin-genden Wolkenmeeres hatten wir uns recht gemüthlich an all' den herrlichen Gotteswerken erfreut und ermuntert und wohl auch etliche gute Vorsätze für die Zukunft gefasst.

Auf dem nahen Griesgletscher begann es « weissen Zeug » herumzu wirb ein; wir packten alles zusammen'um schnellen Rückzug zu beginnen. Vom kühlen Wind halbsteif geworden, beschlossen wir rasch auf der Ostseite auf die oberste Partie des in seiner ganzen Ausdehnung sichtbaren uns zu Fussen liegenden Gerengletschers abzusteigen. Erst ging 's wieder über lose Felstrümmer auf den Grat zwischen den Rotondogipfeln. Zur Vorsicht nahmen wir das Seil zur Hand, denn die tiefgefurchte Schneehalde schien Eis zu'bergen; frischgesehürfte Schneestellen, steckengebliebene Steine, vorstehende faule Felsköpfchen, beweisen den boshaften Oharakter der darob anstehenden Wand des Nordgipfels. Steil, heillos steil schritten wir im Zickzack fest und langsam auftretend abwärts;

jeder berührte Stein flog zur Tiefe, entweder in die dort gähnende Kluft oder d'rtiber hinaus, auf dem Schnee die vorhandene Sammlung frischgefallener Mineralien ver-mehrend, Kreuzer voran, bald links bald rechts dirigirt vom nachfolgenden Generalissimus Rudeli. Der obenstehende Fels war uns gnädig und liess uns ungeschoren absteigen bis auf den hohen Rand der Kluft, die zum Glück als halb Schnee gefüllt sich präsentirte. Hier musste von unserm überhängenden Standpunkte ein etwa 2V2 Klafter hoher Sprung auf das jenseitige Bord hinunter gemacht werden; denn zum Umgehen war die Kluft nicht, wegen ihres Klaffens, wegen Ungangbarkeit unserer Halde und weil 's uns pressirte wegzukommen. Also Kreuzer wagt 's — und plumps liegt — und steckt er wohlbehalten unten, ich ihm nach — angenehm und schnell hinabfliegend — aber mit Herz und Nieren erschütterndem Stoss festsitzend; Rudeli, der leichteste von uns, kommt leicht wie ein Vogel hinüber.

Jetzt erst besehen wir uns die Halde noch gründlich an, wobei Eimer bemerkt: « ma mainte, mä chänt nüd dura cho » — « aber mär wand fürt — g'send'r die Stäi. » Ihm ernstlich beistimmend bewunderten wir nur noch kurz einen östlich vom höhern Rotondogipfel stehenden isolirten, schrecklich schroffen, wohl nur den Vögeln zugänglichen Felsenkopf. Eimer erklärte ihn für imersteiglich..

Wir standen nun schier zuoberst auf dem Geren-.gletscher, wenig tiefer als der Uebergangspunkt, gegen Wyttenwasser und konnten oberhalb seiner Endein-Mchtung, einer etwas spaltenreichern Stelle, fast eben,

Schweizer Alpenclub.12

kaum etwas im Schnee einsinkend, zur genannten,, sanftgewölbten Uebergangsstelle zwischen Wyttenwasserstock und Lekihorn gelangen. Die Halde hatte uns eine gute halbe Stunde und der Uebergang nach Wyttenwasser ein kleines Stündchen angenehmen Gehens gekostet. Die Höhen hinter uns hüllten sich ganz in Nebel und auf dem Sattel erreichte uns ein leichtes kurzes Schneerieseln, dem bald warmer Sonnenschein folgte.

Das nun vor uns liegende Wyttenwasserschneefeld ist meist wenig geneigt. Nach kurzem Halt auf einem warmen, herabgefallenen Stück Lekihorn gelangten wir,, mühselig eine halbe Stunde durch knietiefen Schnee im heissen Sonnenschein watend auf den obersten, aberen Grasboden der Wyttenwasseralp.

Unserer bemächtigte sich nun eine wohlige Gemüthlichkeit und verzettelt, pfeifend und jauchzend schlenderten wir hoch über den hintern Hütten hin, thalwärts unter dem Getön unaufhörlicher Murmelthierpnffe, uns an der Aussicht auf Galenstock, Lochberg etc. erfreuend und Eimers kühnen Besteigungstheorien zuhörend.

In raschem Tempo ging es über die weitläufigen,, gut berasten Alpen hinab dem Thale zu und um halb 4 Uhr — 3 V/2 Stunden vom Rotondo weg — erreichten wir das Kapuzinerhospiz in Realp, befriedigt von unserer Wanderung, die ich jedem der die Furka passirt hat, als interessante und lohnende Partie und nicht zu strengen Tagmarsch empfehlen möchte.

IL

Freie Fahrten.

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