Durch die Gastlosen

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Von H. Walker.

Von den hohen Gipfeln des Berner Oberlandes aus gesehen, reizen die Gastlosen gar nicht. Sie werden im Gegenteil nur von « oben herab » betrachtet und dementsprechend auch so eingeschätzt, obwohl der ziemlich einheitliche, von NO nach SW streichende Felskamm dem Kletterer hie und da Kopfrechnen bereitet.

Im Dezemberheft der « Alpina » 1924 erschien ein Aufsatz von Berner Akademikern, welche die « eigentlichen Gastlosen » überschritten haben. Wir hatten im Frühjahr 1924 diese Begehung in umgekehrter Richtung, NO-SW, durchgeführt und dann im Juni desselben Jahres ein fehlendes Stück, die « nordöstliche Plattenwand » der « Glatten Wand », durchklettert.

Gemeinsam mit Tony Betschart verliessen wir an einem Sonntagmorgen von Jaun bei bedecktem Himmel den Sattel der Chemigüpfe zu. Durch die taufrischen Matten von Musersbergli, durch steilen Wald, Geröll und Grashänge näherten wir uns schnell dem Angriff. Die glänzenden, zum Teil noch nassen Plattenstürze unserer Wand schienen nicht gerade vertrauenerweckend. Ein kleines, schwach ausgeprägtes Bändchen, ungefähr in der Mitte der Wand, vermittelt den Einstieg, schräg nach links aufwärts, bis man an glatte, grifflose Platten stösst. In sehr unsicherer Arbeit — kleine, lose aufgewachsene Moospolster sind nicht Granittritte — stiegen wir einige Meter aufwärts, bis unmögliche, lange Platten Halt geboten. Als einziger Ausgang blieb eine äusserst heikle und luftige Querung nach links. Die Steilheit ist bedeutend, der Mangel an Griffen gross. Aus einigen schmalen Ritzen und Spalten schabte ich mit meinen Fingern die schwarze Erde und hängelte mich an diesen « Griffen » einige Meter nach links auf einen kleinen Tritt. Das 30-m-Seil war ausgelaufen. Zum Sichern hielt der Stand nicht, und so wurde halt das zweite 30-m-Seil angeknüpft. Mit dieser doppelten Last nun weiter, immer schräg nach links aufwärts, über Platten, kleine Risse, wenig Moos, bis meine Hände oberhalb einer letzten hohen und steilen Platte endlich den Grat fassten. Die Kameraden folgten, und zusammen freuten wir uns der stolzen Burg.

Die Kletterei war kurz, aber schwierig und verlangte unbedingt starke Finger. Casse-cou-Kletterei, wie sie genannt wurde, möchte ich sie jedoch nicht heissen. Es klingt zu romanhaft und erinnert zu stark an einen gewissen Ton, den man jungen, vielleicht etwas frechen Klettern gegenüber gern angeschlagen hat. Doch möchte ich Nachfolgern empfehlen, auf das Seil zu verzichten, da 60 m für den Vorauskletternden eine schöne Last bedeuten und bei der Steilheit der Wand und ihrer Grifflosigkeit ein kleiner Ruck verhängnisvoll werden könnte.

Den Abstieg nahmen wir über den südwestlichen Eckpfeiler, der eine kurze Abseilstelle bietet, denn wir wollten noch auf die « steinerne Katze ».

Dieses niedliche Tierchen erreichten wir leicht über ein breites Rasenband, das unter den Wänden der « Pyramide » durch in mässiger Steigung zum « Daumen » führt, von wo ein schmales Band, zwischen « Daumen » und « Katze » hindurch, uns letzterer in den Rücken brachte. Der schlanke Felsturm ist von zwei schmalen Rissen gezeichnet. Beide sind gangbar, doch hat mich der nördlichere früher einmal in böse Verlegenheit gebracht, aus der mich ein kühner Griff nach einer morschen Abseilschlinge, die etwas herunterhing, befreite. Für diesmal verzichtete ich auf das gleiche Manöver und wandte meine Aufmerksamkeit also dem andern Risse zu. Über eine kurze senkrechte Wandstufe kommt man zu einem kleinen Felsbändchen, auf dem man einige Schritte nach links quert, um mit einem etwas weiten, aber sonst nicht schweren Spreizschritt den Riss zu erlangen. Dieser führt zuerst eng, dann weiter werdend unmittelbar auf den Scheitel der Katze. Der Platz hier oben ist eng, sehr eng, denn die beiden Ohren sind nicht sehr angenehm zum Sitzen. So erging es wenigstens uns und andern wohl auch schon. Wir zogen es vor, die Gipfelrast auf dem weichen Rasen 30 m tiefer unten zu halten, und stiegen sofort wieder abwärts.

Stolz und losgelöst erhebt sich der « Grenadier » wie ein Wächter der ganzen Berggruppe. Dräuend fallen nach drei Himmelsrichtungen die Wände senkrecht 500 m auf die Alpen, und nur auf der den Marchzähnen zugekehrten Seite scheinen Möglichkeiten eines Aufstieges zu bestehen. Die Hoffnungen werden allerdings noch gedämpft durch die Erinnerung, dass die erste und bis jetzt einzige Besteigung mittels einer 20 m langen Leiter vor sich ging. Von diesem Hilfsmittel ist nichts mehr zu sehen, und so ist man vollständig auf eigene Kraft angewiesen, will man diesem Gesellen zu Leibe rücken.

Wir wagten es folgendermassen:

Freund Thurnherr und ich kletterten eines schönen Tages eine langgezogene Rinne in der Südostflanke der Marchzähne hinunter. Ob es dasselbe war, durch welches seinerzeit die Leiterstücke befördert wurden, weiss ich nicht. Auf alle Fälle führte es uns ziemlich rasch in den wilden Felskessel, wo wir Aug in Aug mit unserm Turm « Znini » nahmen. Wir glaubten, von der dem Berg vorgelagerten Schulter aus unsern Angriff beginnen zu müssen, und machten uns auf den Weg ohne Pickel und Sack, nur mit Seil und Abseilhaken bewaffnet. Leicht, fast nur zu leicht, ist der Aufstieg auf diese Schulter, die 25 m unter dem Gipfel liegt und von wo aus seinerzeit die Leiter aufgestellt wurde. Was wir da sahen, sprach deutlich und bestimmt. Vor uns die glänzende, spiegelglatte Gipfelwand, rechts ein klaffender Spalt, der die Schulter vom Gipfelblock trennt, links reicht die Glätte der Wand so weit, dass man deren Ende mit einem langen Pickel vielleicht erlangen möchte, aber sonst ist nichts « Positives » auf dieser Schulter. Der « Pseudoriss », schon von weitem sichtbar, ist nicht zu erreichen von unserm Standpunkt aus. « Übrigens », meinte mein Freund, « siehst Du den Überhang und den dort? » Ich hatte sie schon gesehen und schaute daher nicht mehr hin. Dafür erblickte ich ein kleines Bändchen, das etwa 10 m tiefer links unten ansetzt und schräg aufwärts gegen den Riss führt. Dies schien der einzige Weg.

Am nördlichen Ende der Schulter kletterten wir einen engen Kamin hinunter und standen nun auf sehr beweglichem Geröll in einem schmalen Schlunde. Ich griff nach dem Ansatz des Bändchens, eine senkrechte, 3 m hohe Wandstufe, fand mich etwas zu kurz und liess dem Kameraden den Vortritt. Über die äusserst brüchige Stufe erreichten wir unser Band, das mehr ein winziges Ripplein darstellte als ein Band. Und langsam, unsäglich langsam kamen wir vorwärts. Das Gestein war beispiellos schlecht, jeder " Griff und Tritt wollte zweimal geprüft sein. Auf der Höhe der Schulter angelangt, brachten wir es fertig, einen Schulterstand zu schaffen, indem ich aus Hockestellung den Freund auf den Schultern ganz leise hochhob. In schwerer Arbeit führte der Weg endlich gegen den Riss. Hier ging es vorerst verhältnismässig gut, der erste Überhang war unter uns. Schon schob sich Thurnherr, sorgfältig mit beiden Knien verstemmend, über eine glatte Platte, verlangte meine Schulter und stand ganz leise auf, den folgenden schwarzen und überhängenden Kopf musternd. Gerade viel wurde nicht gesprochen, und schon gab ich mich süssen Hoffnungen hin. Plötzlich der harte Spruch: « Geht nicht! » « Sicher nicht? » — « Kaum, wenigstens jetzt nicht. » Also Rückzug. Für beide war die Stellung nicht sehr angenehm. Mit den Füssen stand ich ziemlich fest, brauchte aber die rechte Hand, mich zu halten, da mein Begleiter fühlbaren, wenn auch nicht starken Druck auf meine Schultern ausübte. Ich fasste also mit der linken Hand den Abseilhaken und tastete die nähere Umgebung nach einer kleinen Ritze ab, fand sie glücklicherweise ganz nahe, steckte den Haken hinein und, indem sich mein Begleiter möglichst leicht machte, gelang es mir, mit einem losen Stein das Eisen tief und fest in den Felsen zu schlagen. Mein Knoten war bald gelöst, und vorsichtig wurde das Seil durch den Haken gezogen. Langsam turnte nun mein Freund neben mir vorbei und verschwand in der Tiefe. Ich folgte nach, und zusammen kletterten wir wieder auf die Schulter, als nach allen Regeln der Kunst abgeblitzte Wagehälse. Während der ganzen Arbeit, die uns bis etwa 10 m unter den Gipfel gebracht und einen Höhenabstand von 25 m bewältigt hatte, waren 2 1/2 Stunden vergangen. Doch liessen wir uns deshalb keine grauen Haare wachsen, stiegen im Gegenteil flink die Rinne wieder hinauf und auf der andern Seite lachend zu Tal. Der Grenadier ist der alte geblieben und wird sich so leicht auch in Zukunft nicht erwischen lassen. Auch durch die Sprüche unserer Freunde in Freiburg, welche meinten, wir sollten das nächste Mal Salzsäure mitnehmen, um Tritte und Griffe im Kalk zu machen, liessen wir uns nicht anfechten.

Der Grenadier ist nicht der einzige Turm, der durch Leitern besiegt wurde. Ganz im Westen der Gastlosen thronen die drei « Pucelles », die Unschuldigen. Zwar hat die eine von ihnen, die « Vanil de la Gobetta », sich schon lange nicht mehr ihrer Unberührtheit freuen können, denn mancher Kletterer schon hat auf ihrem Kopf gestanden und von da aus die beiden Schwestern beobachtet, die sich viel reservierter verhalten. Die zweite, die « Pointe ä l' Echelle », wurde das erste Mal erstiegen von de Girard, der die schwierigste Stelle am Südwestgrat mit einer Leiter überwand.

Wir wollten die ganze Begehung versuchen, und an einem zweifelhaften Pfingstsonntagmorgen lagen vier Akademiker von Freiburg in den « Portes du Savigny » und lauschten dem fernen Donner, ob er käme oder ginge. Er kam aber nicht, und so gingen wir, die Gebrüder Risi der Savigny-Nordwand, Freund Urech und ich den « Unschuldigen » zu Leibe. Der Aufstieg auf die « Vanil de la Gobetta » bietet keine Schwierigkeiten. Man steigt von den Portes du Savigny zuerst über den harmlosen Nordostgrat bis zu einem hohen Gratabbruch. Dann führt ein schönes Band stark abwärts auf die grossen Rasenflecken unter dem Gipfelkopf und über diese steil ansteigend gelangt man bald auf den Gipfel. Ganz nahe sahen wir jetzt die berüchtigte Pointe ä l' Echelle. Unnahbar wies sie uns ihre wie aus einem Guss aufgebaute Nordostwand und weckte verschiedene Bedenken. Doch brachen wir auf. Wir legten das Seil um, denn jäh senkt sich der Grat in die Tiefe. Die erste glatte Rinne erforderte schon Abseilung und führte uns auf eine schwach gestufte, plattige Wand, die aber besser, als wir erwartet hatten, zu begehen war. Bald standen wir in der engen Scharte und äugten wieder an unsere Wand hinauf, die jetzt, von unten gesehen, noch drohender ausschaute.

Inzwischen wurde, vielleicht unter dem Druck dieser Drohung oder aus einem Schwächegefühl heraus, eine Dummheit geboren, die dümmere Folgen hätte zeitigen können, als sie es wirklich tat. Wir entschlossen uns nämlich, die Rucksäcke samt Inhalt und Nagelschuhen hier zu lassen. Von einer Wand kommend, wo wir 10 m abgeseilt hatten, wollten wir eine Wand hinauf, die mehr als zweifelhaft aussah, und standen dazu in einer Scharte, von wo nach rechts kein Abstieg möglich war, nach links aber eine Kehle, drohend wie der Eingang in den Hades.

Wir betraten den weichen, moosbewachsenen Grat, der zu einem kleinen Absturz führte. Auf schmalen, aber festen Leistchen querte ich gegen den Winkel zu, den der Grat mit der Nordostwand bildet, und sah, dass ein schmaler, äusserst glatter Riss den Winkel vom Gratansatz bis weit hinunter durchriss. Von meinem Standort aus war er nicht überschreitbar, vielleicht höher oben. Ich kletterte also den Gratabsturz hinauf, bis da, wo er an die Wand ansetzt, und querte von neuem gegen den Riss. Auf meiner Seite war ein kleines Graspolster, auf der andern setzte ein schmales Bändchen an. So gut es ging, zwängte ich mich in den Riss hinein, und mit einem sehr weiten und heiklen Spreizschritt fasste ich auf dem Bändchen Boden. Ein kecker Schwung, und ich war drüben. Der Freund folgte nach. Besagtes Bändchen führt zwei Hände breit und abschüssig in die spiegelglatte Wand hinaus. Es gab also einen luftigen Quergang hoch oben in dieser äusserst exponierten Wand, und packend war der Blick in die jähe Tiefe, wie auch auf die schlehweissen Wände, die in glattem Schuss oder harte runde Überhänge bildend zur Tiefe fahren.

Obwohl dieser Weg mich noch weiter in die gleissenden Platten hinaus locken wollte, benützte ich doch die erste beste Gelegenheit, ein schmales Grasband, das nach oben führt, und krampfte mich allmählich höher, bis auf eine kleine Plattform, wo ich gut sichern konnte. Als Paul keuchend anlangte und dazu einen faulen Witz machte, hatte ich meine helle Freude. In ein paar Schritten standen wir bei dem armseligen Steinmann und verliehen ihm eine stattlichere Gestalt.

Wir lagen in der sonnigen Höhe, freuten uns an all dem Schönen ringsum und ein bisschen auch an uns... Da stiegen Nebel aus den Tiefen, die Hüter der Unschuld der « Pucelles », und verhüllten die Sonne. Da feierten wir nicht lange, gab es doch noch die Leiternstelle, die uns vom sichern Boden trennte. Über grosse Blöcke strebten wir voran, bis die bekannte ominöse Linie uns zwang, vorsichtiger zu sein. Langsam querten wir in die Wand ein und stiegen von Süden nach Norden stetig abwärts. Leichter als wir geglaubt, rückten wir vor, und nach 20 Minuten standen wir nach Überwindung einer hohen Platte in der Scharte. Die Nebel hatten sich in die Höhe verzogen und fingen an, Wolken zu bilden, als wir im Laufschritt auf den Gipfel der dritten Pucelle, der « Jumelle », stürmten.

Ein Abstieg auf der andern Seite schien uns beim drohenden Wetterumschlag nicht ratsam, und so kehrten wir in die Scharte zurück, als schon ferner Donner dringend zur Eile mahnte. Plötzlich erinnerte sich einer der Rucksäcke und Nagelschuhe. Schon fielen einzelne dicke Tropfen, als wir uns auf das Rasenband begaben, das unter den Wänden der Pucelles durch auf das Alpland führt. Zwei Abseilstellen machen das Band im Aufstieg schwierig. Den ersten Überhang legten wir trocken hinter uns, als plötzlich der schönste Regen mit Blitz und Donner einsetzte. In unsern Kletterschuhen auf dem nassen Gras hüpfend und tanzend kamen wir wie nasse Pudel in der Hütte an und betrauerten das traurige Schicksal unserer Säcke droben in finsterer Wetternacht.

Die ganze Nacht regnete es in Strömen. Und als wir am andern Morgen bei strahlendem Wetter mit gepumptem Schuhwerk unsern Rucksäcken zustrebten, dampfte die ganze Landschaft wie eine Pfanne heissen Wassers. Immerhin war die Kehle gut gangbar bis auf eine senkrechte 5 m hohe Wandstufe, die sehr schwierig durch Steigbaum überwunden wurde. Gespannt näherten wir uns der Stelle, wo unsere Kostbarkeiten lagen, trafen sie heil und unversehrt und fanden, das sie von vorzüglicher Qualität sein mussten, da nicht das Geringste, nicht einmal der Tabak, Schaden gelitten hatte.

Lange sassen wir da droben in der Scharte und betrachteten unsere scharf gezeichneten Schattenrisse im aufsteigenden Dunst des Regenwassers. Als der Spuk vorbei war, warfen wir noch einen letzten Blick auf unsere Wand von gestern, schulterten die Säcke und wanderten zu Tal.

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