Ein Berg-Erleben

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Von Franz Malcher

( Innsbruck ) Es ist schon lange her. Lange bevor der eisenstrotzende zweite Weltkrieg über die zum Teil noch im Steinzeitalter lebenden Völker der britischen Salomoninseln hinweggebraust war.

Auf der Insel Ysabel; am Kolosorifluss. Noch nie hat ein Weisser den Fluss befahren, geschweige seinen Fuss in die dumpfigen Urwälder gesetzt, die sich zu seinen beiden Seiten ausdehnen. Meine Boys fällen riesenhafte Bäume, die ich für den Export nach Australien brauche. In doppelter bis dreifacher Manneshöhe über dem modrigen Boden, dort, wo der Stamm oberhalb der flanschartigen Stützen seine gleichmässige Stärke annimmt und bis zu den ersten Ästen der weitausladenden Baumkrone beibehält, stehen sie auf schwankendem Gerüst, das sie sich aus dünnen Pfählen mit Hilfe von Schlingreben zusammengebunden haben. Im Takt der wuchtigen Axthiebe wiegen sich die dunkelbraunen, geschmeidigen Körper, die bis auf einen schmalen Leinenstreifen, der durch die Beine geschlungen und um die Hüften geht, unbekleidet sind.

Da steige ich einen steilen Kamm des linken Talhanges empor, um einen Überblick über das Talbecken zu erhalten, in dem wir arbeiten. Die vierzig Zentimeter lange Klinge meines schweren Buschmessers hackt sich den Weg durch Schlingpflanzen und Büsche. So mag ich schon eine Stunde gearbeitet haben, und noch immer bleibt der erhoffte Blick aus. Da will ich schon umkehren, als ich an den nur spärlich bewachsenen Kamm denke, der aus dunklem Urwald bis über die halbe Höhe des dicht bewaldeten Berges emporzieht; des Berges, der sich im Hintergrund unserer Bucht, wo wir unsere Kanus an Land gezogen haben, zu vielleicht vierhundert Meter Höhe erhebt. Der freie Kamm lockt mich, und so nehme ich wieder das Messer und hacke weiter.

Hier, wo der karge Boden nicht genug Nahrung für die grossen Bäume abgibt und das Licht der Sonne bis auf den Grund des Waldes gelangen kann, wird das Unterholz besonders dicht, und dornige Lianen wechseln mit schmarotzenden, langblättrigen Orchideen; sie alle müssen fallen, um mir eine Gasse freizugeben. So habe ich vielleicht zwei Stunden in drückender Schwüle mir meinen Weg gebahnt, ohne auch nur weiter als die nächsten zwanzig Schritte zu sehen. Allein die Richtung gerade bergauf habe ich. Der Wald scheint kein Ende nehmen zu wollen, und schon will ich müde und missmutig umkehren, als ich durch das Dickicht die gebleichten Äste eines kahlen Baumes sehe. Dies ist mir ein Zeichen, dass ich in der Nähe des armseligen Graskammes sein muss, denn der tropische Urwald kennt keine kahlen Stämme: Rankengewächse aller Art stützen sich und den Toten, den sie unter einer Masse von Blattwerk verbergen. Bäume und Buschwerk hören mit einem Male auf, dafür bilden fingerdicke Lianen eine besonders zähe, dicht gewobene Hecke, in die ich mir nur langsam ein Tor schlage.

Mit den letzten fallenden Ranken stehe ich im farnartigen Gras, das mir bis zu den Hüften reicht, und sehe hinauf auf den Kamm und sehe, wie die rote Eisenerde sich zu immer grösseren Flecken vereinigt, um dann geschlossen hinanzuziehen. Da vergesse ich die glühende Sonne, die mich empfängt, und habe nur ein Wollen, oben auf einer kleinen Kuppe, die mir zum Gipfel wird, zu stehen, dort, wo der Kamm in einigen Felsblöcken ausklingt, bevor er sich wieder, mit Humus bedeckt, im Urwaldmantel des Bergscheitels verliert. Da vergesse ich, auf meinen malariageschwächten Körper zu achten, und eile hinan, bis sich mein Herz dagegen wehrt. Und ungeduldig muss ich warten und horchen, bis es sich wieder beruhigt und ich weitersteigen darf. Zwischen niederem Gras gibt es mancherlei Zwergbüsche, fast wie Wacholder und Felsenbirne. In der lockeren, roten Erde der freien Stellen sinkt mein Fuss bis zum Knöchel ein und lässt tiefe Spuren zurück, wie im Schnee.

Da fühle ich Heimat, und übervoll wird mir das Herz. Der Kamm wird schmäler, die Grasflecken hören ganz auf, etwas Fels tritt zutage, und ich stapfe freudig in der roten Erde empor, als ob ich Firn unter mir hätte. So erreiche ich die Vereinigung mit einem Nebenkamm und blicke jenseits in ein tiefes Tal. Und als ich endlich oben auf meiner Kuppe sitze im Schatten eines kleinen, mit wunderbar weissen Blüten übersäten Strauches auf einem roten Felsblock, von dem meine Beine baumeln, zu Füssen die Thousand Ships Bay mit ihren zahlreichen Buchten und den Korallenbänken, die durch das Wasser lichtgrün neben dunklen Tiefen heraufleuchten —, da wird mir die Kuppe zum Berg der Heimat, und still wird es in mir. Und wunschlos sehe ich auf meine kleine Welt. Im Abstieg breche ich einen Buschen blühender Zweige, einen Gruss von meiner Wanderung an den einzigen weissen Gefährten, der auf Meilen und Meilen keine Nachbarn hat, nur Wilde: einen Gruss an meine Frau.

Und als ich wieder in den Urwald kehre, da mag wohl ein Abglanz des Glückes in meinen Augen liegen, denn die Eingeborenen blicken mich scheu an und wollen nicht glauben, dass ich im Gebiet des Devil-Devil, des dreifachen Teufels, gewesen bin.

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