Ein Erlebnis

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Von Willy Burkhard! Der BurgerwegZürich )

Uli und René fahren durch den Frühlingssamstag, Richtung St. Antönien im Prätigau. Die heimelige Garschinahütte lockt ein paar jener Bergkameraden, die für Stunden weither kommen: eine Sonderklasse. Jene zwei sind von Zürich und Basel, ein anderer aus der benachbarten Gegend ennet der Landesgrenze und noch ein Bündner aus Davos. Munteres Treiben, begleitet von Radio-klängen. Draussen aber ist nur Natur, ein seltenes Lichtlein Richtung Madrisahorn. An den nahen Felswänden der Sulzfluh säuselt der Wind, ein Wind.

Morgens halb 9 Uhr sind Uli und René am Einstieg zum Burgerweg, dem grossen Turm der Drusenfluh, René zum erstenmal, Uli hat ihn schon zweimal ganz durchklettert. Mit Weg hat diese Route nur so viel gemeinsam, als Burger von Bregenz vor wenig Jahren wegweisend hier durchgeklettert ist. Heute ist der 14. Aufstieg fällig. Das Hüttenbuch spricht kaum von den Gebeinen, die in unzugänglichen Verliessen modern. Jack hat uns einmal erzählt, wie er sich von oben in eine Nische verseilte und einen Morgen, einen Vormittag und einen Nachmittag zugehört und zuletzt zugeschaut hat, wie zwei solche Künstler im Fach sich in zehn Stunden hinaufgearbeitet haben.

Uli und René sind zwei, gar drei Stunden zu spät am Berg. Auch ein Jünitag muss am Burgerweg frühmorgens begonnen werden. Und schliesslich wollte René bis 22% Uhr gute Nachricht nach Basel drahten. Bis nach Bühl unten sind 's spätabends auch noch Stunden.

Mittagszeit. Stetig geht 's höher, Stück für Stück. Ohne schriftliche Routenhinweise wird das Suchen nach Griffen und Ritzen gleich auch noch zum Wettlauf mit der Zeit. Der Nachmittag bringt die ersten Wölkchen, darunter solche, die sich später nach unten etwas dunkler färben. Die Bergsteigersprache wird beim Klettern gedrängter. Hier wird jedes Wort zu einem steingewordenen Stück des « Weges », knapp, präzis, vollendet konkret. René und Uli sind bewährte Kameraden, jeder gehört dem andern.

Der Himmel sendet Regentropfen. Doch die beiden Kameraden achten nicht auf die Boten schlechten Wetters und auch nicht der nass werdenden Felsen. Die Hände greifen unbekümmert weiter zu. Zwei Drittel sind geschafft. Uli und René befinden sich vor der Schlüsselstellung. Das dritte Drittel wäre also Burgerweg zwischen Spätnachmittag und Abend. Und als Begleiterscheinung würde es die restlichen Stunden nur einmal regnen. Das kann eklig sein. René denkt noch an etwas anderes, an die versprochene Durchgabe einer Telephonnachricht, an ein Wiedersehen auch. Er kann wählen. Er entscheidet für den Abstieg. Der heutige Burgerweg wird zum Opfer der Witterung.

Das Bild zu Hause Auch in Basel regnet 's, in Zürich stürmt es. Drei Familien hängen in diesen Momenten ihren Gedanken nach, ostwärts. Es wird 10 Uhr abends. Ulis Eltern fragen bei Theobaldis an, den Eltern seiner Braut. Das wiederholt sich vor Mitternacht. Schliesslich muss man wählen, und entscheidet sich für ein paar Stunden Nachtruhe. René kann ohnehin nicht vor 2 Uhr früh in Basel zurück sein. 4 Uhr morgens. Renés Schwester hat Theobaldis angerufen. Um 5 Uhr fährt Walter von Zürich nach Basel, ohne René; beide sollten um 7 Uhr zur Arbeit gehen.

6 Uhr 30. Ulis Braut frühstückt allein. Still unterdrückt sie eine Träne. Sollte vielleicht? Nein, sie hat Vertrauen zu Uli. Doch in Gedanken an ihren Bruder, der in den Bergen abgestürzt ist, steigt bald ein Gran Unsicherheit aus ihrem Innersten. Auf dem Weg zum Tram hat sie wirklich niemand aus dem Sinnen aufgeschreckt.

7 Uhr. Vater Theobaldi schluckt mit Mühe einige Bruchteile des Frühstückes. Nacheinander ruft er zwei Hotels in Partnun-Staffel, dann den Zollposten an. Eine Rückmeldung bringt Nachricht von einem Motorfahrer aus Chur. In solchem Moment kann sicher Jack im Glarnerland den Faden weiterspinnen helfen. Weitere Versuche führen bis Davos. Nach zwei Stunden weiss Theobaldi, dass Alfred aus Davos gestern mit Uli und René war; ein schlechtes Wetter beherrsche die Gegend. Eine Meinung aus Chur will wissen, dass Bergführer Rettungsaktionen am Burgerweg ablehnen.

Der Weg zurück Uli und René seilen ab. Der Dauerregen mahnt zur Vorsicht, gar oft zum Zeitlupentempo. Die Nässe durchdringt alles. Der Gipfel überzieht sich mit Weiss. Wolken decken die Tiefe zu. Nebelfetzen bilden Geisterzüge aus den Schluchten herauf. Hammerschläge widerhallen. Senkrecht, überhängend vom Mauerhaken herab wird das Seil zum Wasserleiter. Wenn im Leben Kameradschaft noch einen Sinn hat, muss es hier sein. Zwei junge Menschen am Seil sind zwei verbundene Leben. Pfarrer Hutzli hat einmal in solche Momente hineinhorchen dürfen, er sagt: « Der Bergtod ist ein schöner Tod. » Und Todesahnungen umschleichen die Angehörigen. Ist es doch vormittags 9 Uhr, 10 Uhr geworden. Vater Theobaldi arbeitet seit Stunden mit gefoltertem Herzen. Es heisst, Arbeit stille den Schmerz und überbrücke die Zeit. Die dringliche Berufsarbeit von Theobaldi ist heute einen Drittel wert. Ein inneres Ringen um Sein und vielleicht um ein Nichtmehrsein durchwühlt und sprengt sein Innerstes. Hoffnung und Furcht, gepresste Ruhe und 120 Pulsschläge, Vertrauen und Resignation. Vorahnungen können grausam sein. Zum erstenmal fühlt er, dass ihm sein zukünftiger Schwiegersohn, der Uli, sehr nahe steht. Er hat gestern beim Spaziergang seine Kinder um ihre Meinung wegen Uli gefragt. Und dann im stillen sein Ja für ihn zurechtgelegt. Beschämt möchte er nun mit Uli ins Einvernehmen kommen. Nun ist Uli... am Burgerweg, und es ist Montag, 10 Uhr. Zwölf Stunden zu spät für eine Nachricht von droben. Sollte Uli etwa...? Nein, nein, nein, Gott schick deinen längsten Arm! Und heute will Theobaldi dem Uli sagen, dass er ihm Freund und Kamerad sein will. Er fühlt, er schmeckt die Prüfung, die zweite seit Jahren.

Ulis und Renés Prüfung ist für sie rein physischer Art. Zwei, drei, vier Stunden schon ringen sie sich abwärts. Die Elemente des Wetters bleiben dauernd unerbittlich. Das also ist der Burgerweg mit umgekehrten Vorzeichen. Das also der abgeschlagene Angriff, im einzigen Glanz der Nässe, bei betonter Lustlosigkeit. Die fünfte Stunde beginnt. Die Dämmerung zieht schemenhaft aus dem Tal herauf. Aus der Schlucht des Berges geistert das Dunkle. Kirchturmhöhe noch trennt die Beiden vom sicheren Ausstieg aus der Wand. Sollten sie am Ende doch noch biwakieren müssen? Jetzt, wo die Kleider nicht nässer sein können als die Haut darunter!

Die Gedanken und Herzen derer zu Hause verknüpfen sich mit der Situation da oben. Der Zeiger steht auf halb 11. Theobaldi greift magnetisiert zum Hörer. Atemverhalten nimmt er die Nachricht auf wie ein Badeschwamm das Nass. Nach vier zermürbenden Stunden. Noch hat er keine fünf Worte verstanden. Der Ton der gesprochenen Worte ist mehr. « So, man hat von Basel telephoniert. Die beiden Jungen seien von Küblis bereits auf dem Weg nach Zürich. » Vater Theobaldi schliesst das 20. Telephongespräch dieses Vormittags. Er weiss um den Wert der Rückmeldung an Ulis Eltern und an seine Tochter noch vor der Mittagspause. Der Drusentourist von gestern, in Davos, freut sich, dass seine Version richtig war. Das Vorstandsmitglied in Chur hatte inzwischen sondiert, und — also docheine Aktion in Aussicht genommen. Wirkliche Bergkameraden wissen, dass man doch nie weiss, zu was menschliche Hilfe nützlich sein kann. Theobaldi ist heute um ein Stück älter geworden. Alles geht vorüber. Sehr richtig. Auch alles Zeitliche vergeht. Theobaldi nimmt jeden Tag, den guten und die bösen, aus Gottes Hand.

Der Burgerweg hat zwei Touristen in seinen Bann gezogen. Auch im Unterland hingen treue Herzen am Burgerweg. Fester als das Seil am Mauerhaken verankert sein kann. Doppelte Sicherung für Uli und René.

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