Ein Weg zuviel auf der Karte.

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Hans Schneider, I ns

« Wie spät ist es? » « Bald 2. » « Schläft Thérèse? » « Nein, ich habe ihr Tee gegeben. » « Sie darf nicht einschlafen, sonst fällt sie ins Wasser. » Ein kleines Feuer aus angeschwemmtem Föhrenholz, verwaschenem und ausgebleichtem Astwerk, erhellt eine zimmergrosse Umgebung. Die Flammen spielen im Rauschen des Baches, spiegeln sich an den nassen Steinwänden. Peter setzt wieder Wasser auf und bereitet ein dünnes Getränk, worin Teebeutel zum x-tenmal ausgebrüht werden.

Formazza unter uns schläft. Die Lichter bilden ein weitmaschiges Netz von Zeichen, dass dort Leute wohnen - nicht weit von uns, aber jetzt nicht erreichbar. Der Geschmack von Geborgenheit von Mensch und Vieh steigt zu uns herauf. Die Nacht ist nicht schwarz. Sie ist dunkel, aber nicht unheimlich. Sie hat eine ungreifbare, weiche Decke über uns gelegt.

Meine Frau reckt sich auf ihrer harten Unterlage. Der Sitz ist unbequem. Die Beine werden einmal gestreckt, einmal angezogen. Der Rücken schmerzt. Ganz langsam schaut sie nach oben und kuschelt sich wieder zusammen. « Sie scheinen wieder », sagt sie nur leise vor sich hin, mit Erleichterung. Vor einer Stunde schob ein leichter Oberwind Wolken vor die schwach blinkenden Sterne.

Nur keinen Regen! Wir sagen es einander nicht, aber wir denken es alle vier. Letzte Nacht fiel der Regen ohn'Unterlass. Wir hörten davon wenig -in unsern Betten im Berghotel. Am Morgen glänzten und tropften die goldenen Lärchen, und der Nadelboden war weich. Dann öffnete sich der Himmel über den aufsteigenden Nebelschwaden und ermöglichte einen verspäteten Aufbruch. Jetzt darf es nicht wieder regnen. Was täten wir? Wir sind - wo wir sind: im Bett eines kräftigen Bergbaches, der steil herunterstösst. Weggehen können wir nicht. Kein Unterschlupf, keine Balme, kein Dach zu errichten.

An einem knorrigen Ast trocknen langsam ein paar Kleidungsstücke über dem Feuer. Alles, was wir zum Umziehen haben, lag im Wasser und saugte sich mit kalter Nässe voll.

Wenige Autos fahren das Tal hinaus. Mechanisch folgen die Augen den Lichtkegeln. In einer Kurve scheinen sich die Scheinwerfer ganz kurz auf uns zu richten. Sie verschwinden. Die Fahrer ahnen nicht, dass wir jedesmal glauben, es würde uns ein Zeichen gegeben.

Die sonst harte Kälte des Morgengrauens verschont uns. Es ist nicht warm, aber erträglich. Die Umrisse der Gipfelkette auf der andern Talseite heben sich sanft und beinahe unmerklich vom Himmel ab. Die Nacht geht zu Ende. Dass sie uns sehr lange vorkam, wäre zuviel gesagt, obwohl wir kein Auge schliessen, nie einnicken durften. Sonst wären wir von unsern knappen Sitzen gefallen - meine Frau und ich hier, Thérèse und Peter zehn Meter vor uns an der Feuerstelle. Dazwischen ist Wasser und darin grobes Gestein. Der monotone Gesang des Baches war uns keine Schlummermusik.

Um 6 Uhr ist es hell genug, um den Sohn und seine Frau wegziehen zu lassen. Sie hatten am Abend einen Ausweg gesucht und waren nach langer Zeit in der Dunkelheit zurückgekommen, müde, zerkratzt und zerschunden, ohne Erfolg. Eine senkrechte Wand über dem Talboden wäre mit Abseilen zu meistern gewesen, anders nicht. Und wir befinden uns ja auf einer Wanderung vom Tessin ins Formazzatal, glaubten an eine leichte, angenehme erste Etappe und dachten nicht an die Notwendigkeit von Hochgebirgsma-terial.

Durchs Erlendickicht ziehen sie sich aus dem Bacheinschnitt hoch, steigen gegen den Grat.

Weiter südlich als am Abend wollen sie durchzukommen versuchen. Gelingt es nicht, bleibt ihnen nur ein mühsamer Wiederaufstieg und Rückmarsch bis zur gestern zu Beginn des Abstieges benützten Wegspur, die das Tal viel weiter unten erreichen soll, als wir es im Plane hatten. Sie holen Hilfe.

In einer faden Morgensonne breiten wir unsere Habseligkeiten aus. Trockenes Holz muss von weither geholt werden. Es wird knapp. Das Feuer wird schwach unterhalten, nasses Gras danebengelegt, um Rauchzeichen geben zu können.

Unser Felsblock wird einmal von meiner Frau verlassen, dann wieder von mir. Wir strecken uns und turnen über die trockenen Steine.

« Miss » liegt genau so, wie wir sie gegen Abend hingebettet haben. Miss ist unsere Appenzeller-hündin, ein gutes Tier und seit sechs Jahren unsere treue Begleiterin auf allen Bergwanderungen. Sie schlotterte die ganze Nacht aus Schmerz und Angst. Ihr nasses Fell konnten wir nur über den breiten Rücken hin ein wenig trocknen. Sonst wussten wir nichts zu tun, als auf beiden Seiten, dicht an sie geschmiegt, auf dem Felsblock zu hocken und ihr zu spüren zu geben, dass wir sie nicht im Stiche lassen würden. Ab und zu hebt sie den Kopf und fragt uns mit den Augen. Ihr Blick ist schwer zu ertragen.

Wir sehen die Häuser von Formazza, das Leben, die Berge, den Tosafall im Talhintergrund, die Grenzwälle gegen das Goms hin - und wir sehen sie doch nicht recht. Wir warten. Wir glauben, das Gebrumm eines Helikopters zu hören. Es ist der Bach, der uns täuscht.

Nach dem Mittag beginnen wir uns langsam zu fragen, wie wir uns auf eine zweite Nacht vorbereiten können. Von unserem nassen Zeug ist nicht viel trockener geworden. Wir haben damit wieder einen Rucksack gefüllt, um für einen plötzlichen Aufbruch bereit zu sein. Unsere Wärmefolie, eine Riesenfläche aus einem kleinen Beutel, lange Zeit ungebraucht im Tourenzubehör, hat uns in der Nacht gute Dienste geleistet und liegt jetzt ausgebreitet über den Steinen, von weither sichtbar.

Es mag 2 Uhr nachmittags sein. Männerstimmen rufen hoch über uns. Rückruf. Winken. Bestätigung, dass sie uns gelten. Das heisst: Thérèse und Peter haben das Tal erreicht. Alles andere ist unwichtig.

Eine halbe Stunde später sind drei Männer bei uns, kräftige, liebenswürdige, gut ausgerüstete Bergsteiger, alle mit dem Abzeichen der Rettungskolonne des italienischen Alpenclubs. Sie hatten geglaubt, unsere Hündin über die Schultern legen zu können; aber sie ist zu schwer. Zudem wäre jede Bewegung für sie unerträglich, und das Tier würde unberechenbar.

Durchs Funkgerät - sie reden walserdeutsch und italienisch miteinander — wird sofort mit der Zentrale im Dorf Verbindung aufgenommen. Männer mit einem « Räf » und einem grossen Korb werden angefordert; dann nehmen zwei meine Frau bei der Hand und führen sie ins Tal.

Nach zwei Stunden sind zwei weitere Helfer bei uns. Miss scheint zu verstehen, dass sie nicht mehr verloren ist, und lässt sich ohne Sträuben in den Korb packen. Dieser wird verschnürt und auf das « Räf » gebunden. Wir können unsere Endstation von gestern verlassen. Der Kolonnenchef kommt zurück und meldet, sein Kamerad bringe meine Frau gut hinunter. Mit einem Faschinenmesser wird der Weg durchs Erlengestrüpp gehauen, über eine wacklige Eisenleiter, die seit Jahren unbenutzt rostet, der Abstieg mit dem Seil gesichert. Ich habe Mühe, mit den Männern aus Formazza Schritt zu halten. Der Kopf ist müde, und die Beine sind weich.

Im Dörflein Fondovalle sind wir vier wieder beisammen. Für Miss liegen alte Decken bereit. In der Familienpension ist ein grosses Zimmer für uns hergerichtet worden. Alles um uns ist von einer rührenden Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Die Rettungsmannschaft hat vorsorglich Arzt und Tierarzt benachrichtigt. Den Arzt brauchen wir nicht. Beim Tierarzt wird Miss auf einem Küchentisch untersucht. Ohne Röntgen-bilder ist keine sichere Diagnose möglich.

Das Nachtessen, gut zubereitet und gut ge- meint, vermag uns nicht recht aufzumuntern. Wir sinken in unsere Betten und in tiefen Schlaf. Und wir schrecken wieder auf, liegen mit offenen Augen im Dunkeln, und schwarze Gedanken jagen durch unsere Köpfe. Es hätte noch ganz anders ausgehen können! Vor zwei Jahren seien unter unserem Nachtplatz zwei Schweizer abgestürzt, hat man uns gesagt...

Für den ersten Tag einer Wanderung von Bosco/Gurin ins Goms rechneten wir vier leichte Stunden auf einem Weg über die Guriner Furgge ( 2323 m ), einem von alters her bekannten Walser Übergang. Es musste ein rechter Weg sein, sonst wäre er nicht sogar auf der Landeskarte i :100000 eingezeichnet. Vom Pass hinunter, auf der italienischen Seite, ging zuerst alles gut. Von weither erkannten wir an jener Bergflanke durch die Zeichnung im Gelände die Bestätigung des Weges auf der Karte. Er war aber bloss eine meist überwachsene Spur und hörte bei einem verfallenen Hüttlein ganz auf. Kein Alpleben, kein Mensch, kein Tier. Alles war von Alpenrosenstauden, Heidelbeerbüschen und Erlen überwuchert. Also stellten wir uns vor, wo der Weg früher durchgeführt haben musste, und stiegen im Zickzack ab, um ja kein Zeichen zu verfehlen. Nichts. Gegen einen Bach hin war das Gelände offener, der Abstieg musste leichter sein. Schritt um Schritt, meist ohne zu sehen, wo der Fuss abstellen konnte, lösten wir uns aus dem Gewirr. Über dem Bach wurde es steiler. Felsplatten konnten umgangen werden. Die Herbstsonne wärmte uns, aber wir waren nicht dankbar. Wir suchten. Keine Rast; der Abend kündigte sich an. Vor fünf Stunden hatten wir den Pass verlassen. Die Heidelbeeren, die Alpenrosenstauden, das lange Gras verström-ten ihren Duft. Unsere Miss war dicht bei uns, müde.

Etwa zwölf Meter steil über dem Bach hielten wir an. Meine Frau legte ihren Rucksack voller Kleider ab, um für die nächsten Schritte nicht behindert zu sein. Peter ging voran, querte die Platten und fand einen Durchgang. Wir andern setzten uns wieder in Bewegung. Miss fand auf einer 53 abschüssigen Platte keinen Halt, ging in die Falllinie, rutschte aus, rutschte gerade hinunter, immer schneller. An einer Grasnarbe stellte sie an und wurde in die Luft geworfen - wie ein Wasserspringer vom Sprungbrett. Langgestreckt flog sie und verschwand vor unsern starren Augen. Gleich darauf, durch eine hastige Bewegung, rutschte auch ich aus, konnte mich dann aber halten. Der abgelegte Rucksack war von Miss berührt worden und verschwand.

Peter und ich waren zuerst unten. Miss schwamm in einem kleinen Wasserbecken, das von Felsbrocken umstellt war. Sie konnte sich nicht herausschleppen, versuchte es an einer andern Stelle. Es ging nicht. Wir riefen den Frauen, Miss lebe, aber es sei etwas nicht in Ordnung, und trugen sie aufs Trockene. Sie konnte nicht stehen. Einzige flache Stelle war die Oberseite eines Felsblocks mitten im Bach. Wir legten Miss in die Mitte. Das kalte Wasser rann aus ihrem Fell, die Pfoten bluteten...

Man schläft wieder, dreht und wälzt sich und ist wieder hellwach... wie ein Springer durch die Luft! Langgestreckt - ohne Laut verschwunden. Wenn das meine Frau gewesen wäre oder Thérèse oder Peter? Zwei Jahre zuvor waren zwei Menschen abgestürzt...

Der Vormittag vergeht mit Trocknen, Ordnen, Beantworten der Fragen von Feriengästen und Dorfkindern. Zur Vorbereitung der Heimreise gehe ich nach Ponte. Gestern, beim Abstieg in der Obhut der Helfer, durchnässte uns ein kräftiger Schauer. Ich glaube, ich habe Fieber. Aber das hat jetzt keine Bedeutung mehr. Alles ist hell, frisch gewaschen: die Häuser, die Bäume, die Felsen. Von unten sehe ich, wo und wie sich Thérèse und Peter durchgeschlagen haben. Man dürfte es ihnen nicht ein zweites Mal zumuten. Nach dem Mittag nehmen wir Abschied. Immer auf einer alten Decke liegend, reist Miss mit uns in einem kleinen Bus nach Domodossola und wird in den Zug getragen.

Dankbar denken wir an die Männer der italienischen Rettungskolonne. Sie waren, kurz nach- dem der Sohn im Tal telefoniert hatte, abmarschbereit. Sie nahmen auch einen Mann mit, der sich von früher erinnerte, wo einmal der Weg zur Alp durchgegangen ist, denn auch für ihre geübten Augen war keine Spur mehr vorhanden, und auch für sie wäre die Schlüsselstelle, die Eisenleiter, nur schwer zu finden gewesen.

Alle wollten uns helfen. Eindrücklicher hätten wir die Walser Siedlung nicht kennenlernen können. Und die Erinnerung an sie bleibt neben der Erfahrung, wie plötzlich man in den Bergen hilfsbedürftig werden kann.

Miss erholte sich im Tierspital von Verletzungen der Wirbelsäule. Ein Hinterbein blieb schwach und steif; aber sie weiss sich zu helfen und kommt wieder mit in die Berge.

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