Eine Alpenreise von Rudolf Wolf im Jahre 1835

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Johann Jakob Burckhardt, Zürich

Johannes Eschmann 1 Rudolf Wolf, Geschichte der Vermessung in der Schweiz als historische Einleitung zu den Arbeiten der Schweiz, geodätischen Commission, Zürich 1879, Seite 254.

Einleitung In den wissenschaftshistorischen Sammlungen der ETH-Bibliothek findet sich eine Lebensbeschreibung von Rudolf Wolf ( 1816-1893 ).

Dieser ist bekannt als Gründer der Eidgenössischen Sternwarte und als Professor für Astronomie an der ETH und der Universität Zürich. Er entdeckte ( etwa zur selben Zeit wie andere Forscher ) die elfjährige Periode der Sonnenflecken und verfasste bedeutende astronomische und historische Schriften, die noch heute Beachtung finden.

Bereits als Student wurde er in Zürich zu Vermessungsarbeiten beigezogen, unter anderem zur Bestimmung der Basis im Sihlfeld. Dies waren Vorbereitungen zur Erstellung der Dufourkarte, deren Grundlagen dann mit der Triangulation von 1833 bis 1835 gelegt wurden ( vgl. Figur ).

In diesem Zusammenhang berichtet nun Rudolf Wolf1, dass Johannes Eschmann ( 1808-1852, Dozent der Astronomie an der Universität Zürich und Oberstleutnant beim eidgenössischen Oberstquartiermeisterstab ) im Sommer 1835 einen erheblichen Teil dieser Arbeit vollendet hatte und fährt fort:

Lägern Dreiecksnetz aus Wolf ( vgl. Anm.1, S.96 ) ~;

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Vermessungsarbeiten im Gebirge - eine Woche im Leben von Rudolf Wolf ( Samstag, den 19. September 1835. Heute Morgen erwachten wir erst um 8 Uhr, da uns das gestrige Wetter einen langen Schlaf als das beste Mittel, die Zeit zu vertreiben, angeraten hatte. Wie erstaunt waren wir nicht, als durch die runden Scheiben unseres niedrigen Schlafgemaches der Glanz der Vrin umringenden Schneeberge und Gletscher drang.

Schwarzhorn Cima da Flix Schnell setzten wir uns in Bereitschaft, trieben unsere Träger zusammen, ordneten unser Gepäck ihnen zu, versahen uns mit Lebensmitteln, frühstückten etc. Alles ging Schlag auf Schlag, und schon um 9 Uhr rückten wir unter Glückwünschen unseres guten Gastgebers den Hochgebirgen zu. Den Anfang ausgenommen, war der Weg etwas mühsam, es wechselten Schluchten und Anhöhen, und eine Menge Bäche mussten überschritten werden; doch stiegen wir immer rüstig fort, die letzten Sennhütten und die Waldgrenze sanken unter uns, der erste Schnee nahte, und mit jedem Schritt mehrte er sich, noch aber wollte das Ziel nicht nahen. Erst um zwei Uhr mittags erklommen wir mit Hilfe der Zeltstangen die letzte Höhe des Piz Tgietschen ( Forcola Rossa, Rothspitz, 2858 m ), und grüssten den schwarzen Steinhaufen, welcher hier als Signal aufgeschichtet war.

Noch halfen die Träger die oberste lockere Decke des Schnees wegschaffen, und dann entliessen wir sie. Das erste Geschäft war nun, die Fussbekleidung zu wechseln, und dann stellten wir den Theodoliten auf, um den schönen Abend noch zu Beobachtungen zu benützen; doch bald führte ein tückischer Wind Nebel herbei, der uns die Aussicht raubte. Die feuchte Kälte mahnte uns, nun unser Wohnhaus zu errichten.

Wir breiteten einen wollenen Bodenteppich über den Schnee aus, stellten das Zelt darüber, rollten mit vereinter Kraft Felsblöcke herbei, um es zu beschweren, trugen unseren kleinen Hausrat in die leichte Hütte und verkrochen uns endlich selbst hinein. Es war nun hohe Zeit zur Mittagstafel, die wir mit Eiern, jungem Käse und steinhartem Brot besetzen konnten; in ledernen Pokalen labte uns mit Gentian gemischtes Schneewasser. Zum Gesellschafter hatten wir nur Castor, ein von Wetzikon mitgenommenes freundliches Hündchen, das mit ungemeiner Leichtigkeit uns auf den Berg folgte.

Zum Nachtisch langten wir unsere Pfeifen hervor, um die Langeweile mit den Rauchwolken fortzujagen; aber der Tabak wollte uns hier oben nicht wie gewohnt schmecken. Wir traten zur Abwechslung vor unser Sommerhaus, aber sahen vor dem Nebel nichts als das Zelt und die Steinpyramide. Ein eigenes Gefühl durchbebte mich bei dem Gedanken an diese Felsenspitze, auf der ich nun einige Tage und Nächte entfernt von den Menschen und ihren Wohnungen, leben sollte. Doch ein unfreundlicher Wind blies die Retraite und wir zogen uns in unsere Kaserne zurück, einer langen Nacht entgegensehend. Um sechs Uhr, wo die Dämmerung rasch begann, zogen wir unsere Fuchspelzjacken an, steckten uns in die schafwollenen Säcke, und deckten uns noch mit Mützen, Mänteln, Decken etc. zu, ohne jedoch die durchdringende Kälte meistern zu können. Endlich schlief ich ein, und glaubte beim Wiedererwachen schon die Morgendämmerung zu sehen, und fühlte mich fast wund von dem langen Liegen auf den durch 2 Wolf hatte offenbar von der 1824 erfolgten Besteigung von Süden her keine Kenntnis.

unseren Teppich stechenden Steinen. Da schlug es 10 Uhr an Herrn Eschmanns Uhr, und ich fuhr wie vom Blitz getroffen auf das kalte Lager zurück.

Sonntag, den 20. September. Freudig begrüssten wir um sechs Uhr die erste Morgenröte, und ehe die ersten Strahlen der Sonne uns treffen konnten, traten wir an den Theodoliten, wo Herr Eschmann einige Serien nehmen konnte. Doch bald erschütterte ein eisiger Sturm das Instrument ebenso heftig, als er uns erstarrte, und wir mussten schnell alles zusammenpacken und in die Zelte tragen. Wir wollten nun schreiben, lesen, rechnen; nichts ging von statten, kaum konnten wir die Zeit mit Essen und Spielen vertreiben. Es war uns eine wahre Wohltat, als sich gegen Abend der Wind wieder legte, und wir die unterbrochenen Arbeiten wieder aufnehmen konnten.

Während Herr Eschmann nivellierte, betrachtete ich mit Bewunderung die Gebirgsansicht, die sich mancher berühmten an die Seite stellt. Der Calanda, Schesaplana, Tambo, Piz Beverin, Splügen, Pizzo Forno, Blümlisalp, Monte Rosa, die Berner Oberländer, der Gotthard, Tödi, Piz Rusein bilden einen herrlichen Alpenkranz, dessen Haupt der majestätische, zur Zeit noch unerstiegene Tödi ist.2 Es ist eine Gebirgsansicht im wahren Sinne des Wortes, eine eigentliche Versammlung der Firnen Helvetiens, die nichts Fremdartiges in ihrem Schoss duldet: Kein freundliches Grün, kein Gewässer, keine Spur menschlicher Kultur begegnet dem rings schweifenden Auge, nichts als Stätten des ewigen Winters. In Betrachtungen versunken staunte ich vor mich hin, bis mich Herr Eschmann zum Schreiben und Reduzieren seiner Beobachtungen rief. Als später der Nebel wieder einen dichten Schleier um uns zog, schlüpften wir wieder in unsere Säcke und Decken, bliesen die Luftkissen auf und begannen den zwölfstündigen Schlaf.

Montag, den 21. September. Oft vom heftigen Wind geweckt, freuten wir uns der wiederkehrenden Sonne, und glücklich wurden die Beobachtungen vollendet. Um die neunte Stunde verkündigte uns das Gebell des treuen Castors die Rückkehr unserer Träger. Wir waren recht erfreut, wieder andere Menschen zu sehen, und als sie uns gar eine Flasche Veltliner mit einem freundlichen Briefe Caviezels an die Herren Rotspitzberger überreichten, waren wir ganz glücklich. Munter rollte vermöge des edlen Weines unser Blut wieder in den Adern, und sobald unsere Siebensachen eingepackt waren, stiegen wir rechts gegen die Greina hinab, glücklich den mächtigen Windstössen trotzend. Über Schnee und zerbröckelte Felsen ging es an einer steilen Wand in ein ödes Tal hinab. Das ärmlichste Grün deckte die Ufer eines Wildbaches, aber schon dieses labte meine Augen, und wie wir über die wenig sich über das Tal erhebende Greina hinüber und durch ein sumpfiges Tälchen geschritten waren, und die ersten Matten wieder vor uns lagen, hüpfte ich vor Freuden, der Schnee war mir verleidet. Wiesenhänge auf-und abklimmend, bei Wasserfällen und schönen Felsenpartien vorbei, über Bäche schreitend ( bei deren jedem der auf dem Berge vertrocknete Mund eine reichliche Labung erhielt ) und oft schaurigen Pfaden folgend, kamen wir zu einigen Sennhütten, wo wir jedoch keinen Menschen mehr fanden, sondern mit den Resten unseres Käses und Brotes vorlieb nehmen mussten. Nach einiger Ruhe ging es dann längs einem wilden Tobel, in dessen Tiefe der Bach brauste, auf kaum einen Fuss breiten Pfaden vorwärts: fast mehr bergauf als talwärts. Üble Laune, und unsere durch das Liegen auf dem Schnee und das viele Wasser zu Bleiklötzen gewordenen Beine plagten uns, bis wir endlich bei einem kleinen Weiler das Bleniotal erreichten.

Nun wurden wir zerstreut. Herr Eschmann machte mich auf das reine Blau des Himmels und der Berge, die weissen Mützchen der Frauen und Kinder, die nachlässige Kultur des fruchtbaren Bodens, die kaminartigen Türmchen der Kapellen etc. aufmerksam, und so schlenderten wir ganz gemütlich durch das Tälchen und eine wilde Bergschlucht, an deren Ende das eigentliche Bleniotal anmutig sich vor uns ausbreitete. In seinem Vordergrunde lag Olivone ( 893 m ), ein stattlicher Flecken, den wir bald erreichten. Es war ein wahrer Genuss für uns, als sich uns das Gasthaus präsentierte, und der Italiener unsre Lebern abspülte. (... ) Dienstag, den 22. September. Nicht so früh und freudig verliessen wir die weichen Betten, als auf dem Rothspitz unsere Felle (... ). Gerne wären wir noch am Morgen aufgebrochen, aber das Gepäck nötigte uns, bis Nachmittags auf eine Kutsche zu warten, und dann fuhren wir auf nettem, längs dem das schmale Tal oft fast erfüllenden Wege, während mir Herr Eschmann zu meiner freudigsten Überraschung den Plan mitteilte, nach glücklicher Besteigung des Pizzo Forno ( 2909 m ) einen Ausflug nach Mailand zu machen. (... ) Bei Biasca kamen wir ins Livinental und auf die Gotthardstrasse, und folgten dem Tessin gegen seine Quelle bis Giornico ( 405 m ), wo wir uns in der Krone sehr bequem einquartierten.

Mittwoch, den 23. September. Am Morgen spazierten wir beim herrlichsten Wetter bis über Biasca hinaus, und liessen uns die grossen blauen Trauben, deren wir für ein Geringes im Überfluss erhielten, trefflich schmecken. Mittags setzten wir unsere Effekten für den Pizzo Forno in Bereitschaft, akkordierten mit Trägern und unterhielten uns am Abend mit einem durchreisenden Neuenburger.

Donnerstag, den 24. September. Mittags um zwei Uhr verliessen wir beim klarsten Wetter mit unseren Trägern Giornico, (... ) und kamen dann nach Chironico ( 750 m ), wo wir beim witzigen Pfarrer mit unseren Leuten eine Flasche Wein tranken! Wir stiegen hierauf längs einem wilden Tobel ( dessen Bach hinten einen ziemlich hohen und breiten Wasserfall bildet ) immer aufwärts nach Cala ( 1467 m ), einem armseligen Dörfchen, dessen Bewohner sich hauptsächlich von zahlreichen Ziegen unterhalten. Wir quartierten uns in eine der bedeutenderen Hütten ein. (... ) Freitag, den 25. September. Nach einer langsam an uns vorüberschleichenden, schlaflosen, kalten Nacht erhoben wir uns um fünf Uhr, tranken noch warme Milch und legten dann vor Sonnenaufgang eine hübsche Strecke zurück. Es ging ziemlich steil, aber sonst gut, aufwärts bis oben an die Waldregion. Aber dann kam es anders. Der Pfad verlor sich, und bei einer Stunde stiegen wir über Felstrümmer, was sehr mühsam, aber doch erst eine Vorbereitung war.

Denn nach einiger Zeit waren wir, aus Mangel an jedem anderen Wege, gezwungen, eine fast senkrechte hohe Kluft hinaufzuklimmen. Zwar dienten uns hier die Felstrümmer als Rudolf Wolf Staffeln, aber sie waren oft so hoch, dass wir sie eigentlich im Sturm nehmen mussten, und die kleinern wichen unter den Fussen aus, und rollten zum Schreck der hinteren Bergsteiger pfeilschnell abwärts. Mit gesunden Gliedern erreichten wir die Höhe der Kluft und hofften nun, bald oben zu sein. Aber eitel Trug und Schein. Wir gingen einen mit Felsbrocken und Schnee besäten Abhang hinauf und hielten oben etwas Rast, uns mit Brot und Urseler-käse erquickend. Dann ging es wieder aufwärts. Das Umbiegen um Felsen und diese selbst wurden uns zur Gewohnheit, und wir waren ganz zufrieden, wenn sich nur das kleinste Vorsprüngchen zeigte, auf das wir den Fuss absetzen oder uns daran halten konnten. Doch konnte ich mich des Gedankens an das bequemere und gefahrlosere Leben zu Hause nicht enthalten, besonders an zwei Stellen, die wir nicht ohne unsere Leute und diese selbst nicht ohne gegenseitige Unterstützung hätten passieren können. Das ei- 3 Nach Wolf a. a. O. Seite 233 ist dieses Signal in den Jahren 1826/27 von Antoine-Joseph Buchwalder erstellt worden.

Poleggio ( H.C. Escher v.d. Linth ) nemal sollten wir von einem Felsenvorsprunge auf einen anderen höhern übersetzen, das andere Mal mussten wir in vereinter Kette an einer senkrechten, glatten Felswand emporklimmen, der kleinste Fehltritt hätte das Leben geraubt. Als wir endlich bei dem schwarzen steinernen Signal3 anlangten, das den Gipfel der scharfen Grate des Pizzo Forno ( 2909 m ) einnimmt, dankten wir Gott für die glücklich bestandene Gefahr. Der Berg bietet den Umwohnern so rein gar nichts als Steinblöcke, dass ihn niemand besteigt und wir somit ganz aufs Geratewohl hinaufklettern sollten. Und ist man einmal in der Mitte dieses Trümmerlaby-rinthes drin, so ist nicht mehr viel zu wählen.

Auf der nördlichen Seite des Berges lag tiefer Schnee, und wir mussten lange scharren, bis nur der Theodolit sicheren Stand auf untergelegten Steinen erhielt. Wir waren froh, keines Zeltes zu bedürfen, denn es hätte sich nicht leicht Platz für dasselbe gefunden. Die Aussicht war der auf der Forcola Rossa ähnlich, nur anmutiger durch das Livinental und Beim Bad Aquarossa ( H.C. Escher v.d. Linth ) zwei nahe Bergseechen. In drei Stunden waren bei angestrengtestem Fleisse, trotz Wind und Luftzittern, genugsam gute Beobachtungsserien vorhanden, und rasch begann die Rückkehr. Aufs Geratewohl hin verfolgten wir den entgegengesetzten Kamm des Berges, und die Wahl fiel glücklich aus, denn ausser den hier unvermeidlichen Felstrümmern und einigen Bächen fanden wir keine Hindernisse. Durst trieb Herrn Eschmann und mich an, den Führern voranzueilen, und trotz dem bedeu- Bei Olivone ( H.C. Escher v.d. Linth ) tenden Umwege und den ermüdenden Sprüngen und einer Irrfahrt in der Waldregion, kamen wir noch so munter in Cala an, dass wir nur etwas Milch tranken, und dann noch nach Giornico eilten, um nicht länger zu fasten und etwa noch eine zweite Nacht auf dem nassen Heustocke zuzubringen. Kaum langten wir noch an, als ein schweres Gewölk sich zu entladen begann. )

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