Eine Besteigung der Südwand der Punta Gugliermina

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( 10.15. Juü 1961 ) VON HENRY BRIQUET, GENF

Mit Bild ( 96 ) Die Südwand der Punta Gugliermina, welche über den inmitten eines Kessels senkrechter Wände liegenden Glacier du Freiney aufragt, übt eine faszinierende Anziehungskraft auf den Kletterer aus. Auch ich trug mich schon lange mit dem Gedanken, sie zu besteigen.

Nach einer in der Capanna Gamba verbrachten Nacht befinden wir uns, mein Freund Konrad Kirch und ich, am Fuss der berüchtigten Wand. Unsere Route umfasst drei Abschnitte: nach einem Sockel aus brüchigem, aber leicht zu ersteigendem Fels erklettert man einen mächtigen Pfeiler, welcher bis zum Gipfel zu führen scheint. Es ist ein richtiger Stützpfeiler dieser Flanke. Man verlässt ihn jedoch nach Erreichen einer Schulter, und von da an wird der Aufstieg für die letzten Seillängen leichter. Wir entschliessen uns, Klettermaterial für den Fels und fürs Eis mitzunehmen, obwohl letzteres nicht nötig zu sein scheint. ( In der Folge werden wir Grund haben, uns zu unserem Entschluss zu gratulieren. ) Wir haben auch alles Nötige für ein Biwak sowie einen Zdarsky-Sack auf dem Rücken und Proviant für zwei Tage.

Durch den Anmarsch über den Col de l' Innominata und die Traversierung des Glacier du Freiney sind unsere Muskeln schon gut trainiert. Wir seilen uns an und durchsteigen die ersten Kamine und die leichten Passagen bis zum Beginn des Pfeilers; dann steigen wir ohne die Steigbügel, mit 40 Metern Nylonseil zwischen uns, weiter. Es ist hier fast unmöglich, Haken einzuschlagen; aber die Griffe sind allgemein gut; die Kletterei ist wundervoll ausgesetzt und erregend, aber nicht zu schwierig.

Wir wechseln in der Führung ab und erreichen bald eine abstehende Felsschuppe in der Mitte des Pfeilers. Unter uns sehen wir zwei winzige Bergsteiger, die ein kleines Couloir hinabstolpern und sich beeilen, die Capanna Gamba zu erreichen.

Nun folgt bald eine äusserst heikle Traversierung, welche zunehmend schwieriger wird. Endlich, nach einem Seilwurf und einigen eingeschlagenen Haken, habe ich die Sache hinter mir; aber ich stelle fest, dass wir von der üblichen Route abgekommen sind! Konrad erreicht mich unter einem grossen schwarzen Dach; dann arbeitet er sich durch delikate Risse bis zu einer Seillänge an die Schulter heran.

Es beginnt zu schneien, und wir stellen beunruhigt fest, dass das Wetter vollständig umschlägt. Wir versuchen, schneller vorwärts zu kommen, stossen aber bald auf eine abstossende Wand. Wir dürfen keine Zeit mit Hakeneinschlagen verlieren. Ich übergebe meinen Sack Konrad und überwinde das Hindernis nicht ohne Schwierigkeit.

Auf der Schulter entschliessen wir uns für ein Biwak; denn das Unwetter bricht los, und es dunkelt rasch. Wir schlüpfen hastig in den Zdarsky-Sack, um vor der elektrizitätsgeladenen Atmosphäre und dem mit Schnee vermischten Wind Schutz zu finden. Die Nacht geht gut vorüber; es ist wie wenn wir unter dem Zelt lägen. Hin und wieder habe ich - wohl infolge der feuchten Luft - etwas Mühe mit dem Atmen.

Am Morgen liegt überall Schnee; der Himmel ist bedeckt, und der Wind bläst mit unerhörter Stärke. Es wird einen harten Kampf kosten, aus der Wand herauszukommen. Unter normalen Bedingungen ist diese letzte Strecke leicht zu ersteigen; aber heute sind die Ritzen mit Schnee verstopft und der Fels mit Eis überzogen. So kommen wir langsam vorwärts und brauchen nicht weniger als neun Stunden, um den Gipfel zu erreichen.

Gegen 4 Uhr nachmittags beginnen wir einen gewagten Abstieg im Nebel auf der Normalroute über die Blanche de Peuterey. Ein paar Stunden später, nach einer Abseilung, zwingen mich Müdigkeit und ein zunehmendes Gefühl der Unsicherheit infolge der Dunkelheit, ein zweites Biwak vorzuschlagen. Konrad geht mit einer Stirnlampe ausgerüstet allein weiter gegen die Scharte der Dames Anglaises und stösst auf das kleine Rifugio Craveri, etwa sechzig Meter von der Stelle entfernt, wo ich geblieben bin. Er lässt mir ein Seilende zukommen, und im Schein der ununterbrochenen Blitze erreichen wir das Biwak-fix. Es ist 10 Uhr.

Während draussen der Sturm wütet, herrschen drinnen Ruhe und Wärme. Wir fühlen uns sogleich umfangen von der Atmosphäre dieses Refugiums, wo Generationen von Kletterern, die den Peutereygrat bestiegen, Schutz gefunden haben. Es ist winzig klein, mit einem etwas eingedrückten Blechdach; auf einem Querbrett stehen die Töpfe aufgereiht. Beim Schein einer Kerze säubern wir den Fussboden vom Schnee, der mit uns eingedrungen ist. Nach einem heissen Tee -auf unserem Gasréchaud zubereitet - richten wir uns mit den fünf Decken, die uns zur Verfügung stehen, für die Nacht ein und schlafen alsbald ein.

Am nächsten Morgen entschliessen wir uns ohne Zögern, da zu bleiben; denn das Unwetter hat nicht nachgelassen. Wir faulenzen auf unsern 5 m2 Bodenfläche und lassen die Gedanken schweifen. Ich denke nicht ohne Unruhe an den Rückweg: das Couloir der Dames Anglaises, die Querung des Glacier du Freiney und des Col de l' Innominata, alles unter schlechtesten Bedingungen! Ich sinne allen Möglichkeiten nach. Unser Proviant ist sozusagen erschöpft. Was wird aus uns, wenn uns die Elemente zwingen, lange in unserem Horst zu bleiben?

Konrad hingegen, er scheint entspannt und zufrieden unsere Einsamkeit zu geniessen. So hebt sich auch meine Moral und lässt mich nur an den Augenblick denken. Am Abend essen wir etwas hartes Brot, das wir hier vorfinden, und verbringen eine zweite Nacht in unserer Mäusefalle.

Am Morgen, als wir sie verlassen wollen, ist die Türe - welche nach aussen aufgeht - durch eine beträchtliche Schneemasse blockiert. Das einzige, was wir heute tun können, ist, den Eingang wieder freizumachen; denn der Schneesturm ist so heftig, die Kälte so intensiv, dass wir nicht daran denken können, unseren Unterschlupf zu verlassen.

Die Stunden vergehen. Wir essen ein paar Biscuits, das letzte Essbare, das uns bleibt.

Die Unruhe überkommt mich immer mehr; aber Konrads Optimismus reisst mich wieder aus dem Grübeln - und die dritte Nacht sinkt auf unser Gefängnis.

Ein neuer Tag steigt über dem Peutereygrat auf. Der Himmel scheint sich etwas aufzuhellen. Unsere Nacht war fast behaglich; denn der Schnee verstopfte hermetisch alle Ritzen des Biwaks. Wieder machen wir den Eingang frei. Man sieht nichts mehr vom Fels, so dick ist die Schneeschicht.

Da hören wir Stimmen rufen und stellen weit weg Personen fest, die sich hin- und herbewegen. Man hat uns also nicht vergessen! Wir sind befreit. Unsere Moral ist auf den Höhepunkt gestiegen. Aber kaum haben wir den Abstieg begonnen, als uns der Nebel einhüllt. Die Sicht ist gleich Null, und wieder überfällt uns der Sturm. Wir halten auf den Col de l' Innominata zu und stapfen durch den Schnee, der uns manchmal bis zu den Schenkeln reicht. Wieder kommen Stimmen vom Übergang her, und auch von der Höhe des Gletschers hört man Rufe. Wir erfuhren nachher, dass es Bonatti, Mazeaud und ihre Kameraden waren, die von ihrem fürchterlichen Unternehmen am Pilier Freiney herkamen.

Plötzlich zerreisst der Nebel und enthüllt uns die Eiswand, die wir erklettern müssen, um den Col de l' Innominata zu erreichen. Von dort antwortet niemand auf unsere Rufe. Konrad, mit seinen Handschuhen besser ausgerüstet als ich, geht voraus und erreicht nach zwei schwierigen Seillängen die Höhe. An der Gambaflanke erleichtert ein fixes Seil den Abstieg.

Die Hütte ist nicht mehr sehr weit. Etwa um 15 Uhr treten wir über die Schwelle und sind gerührt vom Empfang, der uns zuteil wird. Unsere Mühsal ist zu Ende, und wir steigen möglichst rasch ins Tal, um unsere Angehörigen aus ihrer Angst um uns zu erlösen.Übers.: F. Oe. )

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