Eine Haute-Route für Feinschmecker

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VON CHRISTIAN FLÄMIG, ALSBACH

Tagebuch einer Walliser Bergfahrt Mit 2 Bildern ( 70-7Ì ) Fast drei Wochen lang zähmte der Himmel seine Launen, strahlte huldvoll und schaute den Kreaturen zu, die sich in jene einsamen Bereiche der Erde hinaufwagten, denen allein vergönnt ist, ihre weissen Spitzen in seine Unendlichkeit zu tauchen. Er verhüllte sein Haupt auch nicht, wenn sie, selig erschöpft, in das Tal der Menschen zurückkehrten und sich dort dem schnöden Wohlleben hingaben; er hatte auch daran sichtlich seine Freude.

Nach langer, mühseliger Fahrt mit einem altersschwachen VW beschert uns Saas Fee im Sonnenuntergang einen freundlichen Empfang. Morgens, beim ersten Licht, blicken die Berge in unser Zimmer; sie sind zum Greifen nahe und schweigen wie eine grosse Herausforderung. Nach Erledigung der letzten Einkäufe geht es zunächst über Geröll und durch Lärchenwald, dann über den sanften Feegletscher hinauf zum Egginerjoch ( 2991 m ). Man muss sich erst an den schweren Rucksack gewöhnen, zumal unsere vom Talleben verwöhnten Mägen uns zu leicht übertriebenen Proviantkäufen verleitet haben. Auf dem Joch zeigt sich uns ein erstes Panorama, ein Vorgeschmack dessen, was noch vor uns liegt. Nach einer kurzen Querung ist die Britanniahütte ( 3029 m ) erreicht, malerisch zwischen Kessjengletscher und Hohlaubgletscher in einem Sattel gelegen. Hier steigen wir wieder in jene berüchtigten Hüttenstiefel des Schweizer Alpen-Clubs, in wahre Ungetüme aus Leder und dicker Holzsohle. Die Begehung der vereisten Pfade zu hierzulande üblicherweise abseits gelegenen « Häuschen » ist mit diesen Apparaten oft gefährlicher als manche Gipfelbesteigung.

Am nächsten Morgen geht es bei herrlichem Wetter und mit leichtem Gepäck zu unserer Eingehtour: zunächst zurück zum Egginerjoch - pulverige Abfahrt von etwa 200 Metern - Querung zum Feegletscher; dann liegt das Allalinhorn ( 4027 m ) mit seinem Schnee- und Eispanzer vor uns. Etwas enttäuscht sehen wir Kolonnen von sechzig und mehr Bergsteigern sich wie Ameisen den Berg hinaufschlängeln, zu allem Überfluss auch noch eine miserable Spur anlegend. Dennoch herrscht eine beinahe milde Einsamkeit, die erst einen unheimlichen Anstrich erhält, als plötzlich mit Gedonner rechts von uns eine Eislawine losbricht, eine Erinnerung an jene vom Liskamm, die uns vor einem Jahr beim Aufstieg zur Signalkuppe im Monte-Rosa-Massiv nach dem Leben trachtete. Nach etwa fünf Stunden ist der Gipfel mit seiner herrlichen Aussicht über die Walliser Berge erreicht; in der Ferne grüssen das Mont-Blanc-Massiv und die Gipfel des Berner Oberlandes. Noch ahnen wir nicht, welche und wie viele dieser majestätischen Brocken wir noch besteigen werden. Jedenfalls hüpft einem das Herz nicht nur vom Anstieg in der dünnen Luft, sondern auch vor Tatendrang. Wenn ich ein Vöglein wär Mittags gleiten wir beschwingt im Pulver über den breiten und spaltenarmen Gletscher und mühen uns dann bei wahrer Äquatorsonne durch Sulz zurück zur Britanniahütte.

In der Nacht zieht ein leichter Schneesturm durchs Gebirge; es ist jedoch das erste und einzige Mal, dass das Wetter unseren Aufbruch, wenn auch nicht vereitelt, so doch verzögert. Um 8 Uhr nehmen wir dann, ermutigt durch den Aufbruch anderer Gruppen, den Adlerpass in Angriff, obwohl unser Ziel - wie anlässlich der Begehung der « Haute-Route normale »vor zwei Jahren -noch von Wolken verhangen ist. Nach etwa vier Stunden über den zunächst nur schwach ansteigenden, jedoch höchst spaltenreichen Allalingletscher, der mit seinen kaum wahrnehmbaren Mulden viel länger ist, als er dem Auge erscheint, dann in steilen Serpentinen wird der Pass ( 3798 m ) erreicht. Die Gipfel um uns - Allalinhorn, Rimpfischhorn, Strahlhorn, Adlerhorn - sind verhüllt; es weht ein kalter Wind. Im Schutze eines Felsens rüsten sich einige Gruppen bereits zur Abfahrt. Unsere Pläne sind noch nicht geschmiedet. Während die Wetteroptimisten auf der klassischen Haute-Route den Stockhornpass und die Monte-Rosa-HütteBétempshütte ) anvisieren, bevorzugen die Wetterpes-simisten die Abfahrt ins Tal nach Zermatt. Schliesslich folgen wir, ohne einen Entschluss gefasst zu haben, dem grossen Haufen - einen Fauxpas der eingeschworenen Führerlosen begehend - auf einer von einem Bergführer geschickt gelegten und prachtvoll zu fahrenden Spur den spaltenreichen Adlergletscher hinab. Eine dicke Schneedecke verhüllt die Gefahren. Ehe man sich 's, von der Abfahrt berauscht, versieht, hat man die Abzweigung zum Stockhornpass überfahren, und so stehen wir bereits tief unten auf dem Findeingletscher. Der Nebel ist etwas aufgerissen, und die Mittagsonne sticht bedrohlich auf uns herab. Harald und ich, die « Bétemps-Freunde », sind in einer hoffnungslosen Lage, da der Höhenverlust einen Aufstieg zum Stockhornpass jetzt nur wenig verlockend erscheinen lässt. Mit wachsender Sonneneinwirkung neigt sich die Waage den Talfreunden zu; ihr Sieg ist nicht mehr aufzuhalten, als Hans, in einer Anwandlung von Sancho-Pansismus, trotz dürftigen Anschauungsmaterials, aber mit dem Gewicht seiner Erfahrungen, die Theorie von den unheilverkündenden « blauen Wäldern » vorträgt. Also setzen wir die Abfahrt über den butterweichen Findeingletscher fort. Verführt durch unsere ortskundigen Vorläufer, übersteigen wir unangeseilt halboffene und verdächtig krachende Spalten. ( Dies war wohl der einzige Leichtsinn, den wir uns auf der Tour vorzuwerfen hatten. ) Der Schnee wird immer weicher und bodenloser; die von Schmelzwasser aufgeweichten Moränen scheinen in Bewegung zu geraten; die ersten Legföhren kommen in Sicht. Schliesslich haben wir wieder Grund unter den Füssen; Blumen und Vögel werden freudig begrüsst, und schon taucht Findein auf. Von da geht es nach Zermatt hinab, wo wir - wie anlässlich früherer Touren - im Chalet « Aroleit » ein ideales Quartier finden. Allen Prognosen zum Trotz scheint die Morgensonne in unsere Betten. Heute begnügen wir uns mit einem kurzen und gemütlichen Hüttenaufstieg. Mit der Gornergratbahn geht 's zunächst bis Rotboden, von dort die Moräne hinab auf den Gornergletscher, der uns in sanftem Anstieg zur Monte-Rosa-Hütte ( 2795 m ) hinaufführt, zu der gepflegten Unterkunft mit einem aufmerksamen und freundlichen jungen Wirt. Von hier aus geniessen wir einen grossartigen Rundblick: unter uns der weite Grenzgletscher und der Gornergletscher; links Liskamm, Castor, Pollux, Breithorn, deren bizarr zerklüftete Eispanzer auf das beinahe flach erscheinende Plateau des Grenzgletschers hinab-zupoltern scheinen; vor uns das Matterhorn, die Dent d' Herens und manch andere; hinter uns der Monte Rosa, unser morgiges Ziel.

Um 4.30 Uhr Tagwache. Wie üblich leert sich die Hütte auf einen Schlag, nachdem sich zuvor im finsteren Tagesraum das Volk gedrängelt, gestossen, auf die Füsse getreten und mit noch vom Schlaf verklebten Augen die « Aktivnahrung » für den Tag heruntergeschlungen hat, nämlich Dörrobst, Haferflocken, Schokolade, Kondensmilch und Tee. Dann geht 's los im Dämmerlicht, zunächst eingeklemmt zwischen anderen Gruppen, die Ski auf dem Buckel, die Nase auf der Ferse des Vordermannes. Jeder Schritt knirscht hell und trocken. Doch bald sind wir beinahe allein; das Gros steigt weiter den Grenzgletscher hinauf zur Signalkuppe, während wir, uns links haltend, zunächst die Ski tragend, dann in einer vorbildlich gelegten und von Hans in idealem Tempo geführten Spur über untere und obere « Plattje » sowie « Scholle » zur Satteldohle ( 4200 m ) hinaufsteigen, derweil in unserem Rücken die Sonne aufgeht. Die Dufourspitze mit ihrem Felsgrat und den steilen Flanken reckt sich vor uns in den Himmel. Am Sattel lassen wir Ski und Felle zurück, schnallen in schneidendem Wind, der den Tee in unseren Flaschen gefrieren lässt, die Eisen unter, seilen uns an und stehen nach andert- halbstündiger leichter Kletterei über den « Sattel » und den anschliessenden Fels- und Wächtengrat auf der Dufourspitze ( 4634 m ). Noch sehen wir durch einen milchigen, plötzlich rosa, dann wieder bläulich schimmernden Schleier die benachbarten Berge; doch schon bringt, wie befürchtet, der Wind die ersten Wolkenfetzen, und wir machen eilends kehrt. Bald haben wir das Skidepot wieder erreicht. Nach kurzer Beratung beschliessen wir, ohne Seil abzufahren; der Nebel reisst auf, und wir starten mit Jubel zu der berühmten, jeden Skibergsteiger berauschenden langen und abwechslungsreichen Abfahrt zur Bétempshütte. Diese erreichen wir gemeinsam, wie es sich für eine Seilschaft, auch wenn es diesmal keine ist, gehört. Hans hatte recht, Harald und mich zur Befolgung dieser Anstandsregel anzuhalten, da das Abfahrtsglück uns beiden zu Kopfe gestiegen war.

Für den nächsten Tag steht uns ein Morgen in Eis und Schnee, ein Abend im Frühling des Aostatales bevor, dazwischen ein illegaler Grenzübertritt. Zunächst fahren wir den hartgefrorenen Grenzgletscher ab bis auf etwa 2600 Meter, wo der Schwärzegletscher hineinfliesst. Es folgt ein kurzer Disput zwischen Fellgehern und Steigeisenfreunden, wobei letztere sich durchsetzen. Rasch gewinnen wir an Höhe; die Eiskruste auf dem stark verschneiten Schwärzegletscher hält, und wir können den Aufstieg geniessen an diesem beinahe windstillen Morgen, der die grossartigen Brüche des wildzerklüfteten Gletschers beleuchtet. Kein Mensch weit und breit. Wir sind hingerissen von dem Spiel der Eisformen und der zarten Farben.

Unterhalb des Schwarztors bläst es, und der Himmel bewölkt sich zusehends. Der Plan, den Castor « en passant mitzunehmen », wird daher aufgegeben. Wir treten die zermürbende Querung zum Breithornpass über die steile und vereiste Breithorn-Südflanke an. Nach etwa zwei Stunden Knochenarbeit sind wir am Breithornpass ( 3831 m ) und grüssen das Breithorn als schon Vertrauten zweier Bergfahrten. Testa Grigia - die italienische Liftstation taucht wie ein Spuk auf, und ehe man sich 's versieht, stehen wir am äussersten Vorposten der Zivilisation ( 3480 mhauteng behoste Pistenstars erinnern uns an die Eitelkeit jener Welt da drunten. Auf der sulzschweren Piste einer Damenabfahrt fliehen wir hinab zur Mittelstation Plan Maison, dann weiter über eine Mischung von Eis, Schnee, Gras und Steinen nach Breuil ( 2006 m ), einem modernen, kahlen und freudlosen Nepport mit übergrossen Hotelklötzen, die uns kalt und leer anglotzen.

Hier beginnt eine unvergessliche Busfahrt, die uns alle Etappen des Frühlings erleben lässt, vom zaghaften Grün der ersten Lärchen und Moose bis zu dem betäubenden Rausch der Vegetation im Aostatal. Unsere Ohren knacken noch - da sitzen wir schon in Châtillon in einem Strassencafé, umrauscht von üppigen Kastanien und dem Benzingestank der motorisierten Welt. Man ist ganz verwirrt vom Getriebe. Wie einsam wirkten doch die malerischen und exotischen Dörfer unterwegs, die wie Felsennester an den Hängen kleben! Gegen Abend fahren wir in Aosta ein; über den Fassaden dieser alten Römerstadt reihen sich wie Perlen die Schneegipfel in der Abendsonne... So endet ein Tag der Extreme.

Am nächsten Tag: Vormittagsbummel durch Aosta, eine lebhafte italienische Kleinstadt mit vielen alten Mauern und Gebäuden; sogar ein Amphitheater ist noch zu sehen. Im Büro des Club Alpino werden die letzten Tips für unser Paradiso-Projekt eingeholt, bevor wir uns von einem Taxi bis nach Pont-Valsavaranche, den paar unbewohnten Häusern und abgestellten Autos, ziemlich am Ende des Talbodens, schaukeln lassen. Es beginnt zu regnen, sieht sogar nach hartnäckigem Landregen aus. Mit gemischten Gefühlen rüsten wir uns zum Aufstieg zum Rifugio Vittorio Emanuele, mit der nur mehr leisen Hoffnung, morgen schon auf dem Gran Paradiso zu stehen. Auf einer Chaiselongue im Freien sitzend, stärken wir uns mit italienischem Käse, während der Regen immer endgültiger wird; dann steigen wir flott auf. Die Hütte ( 2635 m ) ist immerhin bevölkert, hauptsächlich von italienischen Bergsteigern, die ihr Bestes geben, um ihren ausländischen Bergkameraden « La Montanara » - wie der Chor der Società Alpinisti Tridentini - vorzuzaubern.

Wir haben alle mit mindestens einem Schlechtwettertag in der Hütte gerechnet. Als wir jedoch gegen 6 Uhr nach einer ausnahmsweise von keinem fremden Schnarcher gestörten Nacht in einem komfortablen Viererzimmer aus dem Fenster blicken, schnallen die ersten Gruppen bereits an, denn fortgewischt sind alle Wolken, und es lacht uns ein blitzsauberer Morgen entgegen, der die Konturen der Berge frisch nachgezeichnet hat. In Seelenruhe wird gefrühstückt in dem schon verwaisten Tagesraum; wir pochen auf unsere Kondition und vertrauen dem Gerücht von dem leichtesten Viertausender der Alpen.

Bald haben wir die windgeschützten Mulden durchspurt - aus ist es mit dem friedlichen Spaziergang. Vor uns, verloren auf den breiten und in steilen Stufen aufragenden Flanken des Gran Paradiso, bewegt sich der « Inhalt » des Rifugio Vittorio Emanuele, hin und wieder von Schneefahnen entrückte schwarze Kleckse, die man im Wind flattern und frieren zu sehen glaubt. Bald macht uns der Windharsch zu schaffen, die Spur verweht, und unsere sonst so vorbildliche und kraftsparende Zucht lässt nach; jeder wählt die ihm liebste Art der Fortbewegung, mit Ski oder ohne, in langen oder in kurzen Kehren, nur um die Italiener einzuholen. Unser Gepuste verliert sich in dem eisigen Wind, der über die völlig ungeschützten Hänge fegt. Erst spät kommt der Gipfel ( 4061 m ) in Sicht und überrascht uns mit seinen markanten Felsaufbauten, die wie eine von Menschen gemauerte Festung wirken. Eine Gipfelmadonna bewacht das « Paradies », und in ihrer Nähe scheint die Kälte keine Macht zu haben; jedenfalls werden unsere Mühen mit einem unerwartet milden Gipfelaufenthalt belohnt, der uns den unvergleichlich schönen Rundblick länger als üblich auszukosten erlaubt. Hier oben fällt mir zum erstenmal auf, dass die rosa Farbe, die mich bei Ludwig Kirchners Winterlandschaften immer so befremdet hat und die ich für Halluzinationen eines Kranken hielt, tatsächlich die dominierende Farbe sein kann: ein weiss-gefrorenes Rot.

Die Abfahrt zur Hütte, anfangs durch etwas tückischen Windharsch, dann durch tiefen Pulverschnee und schliesslich über Firn, wird zu einem einzigen Taumel; die Jauchzer lassen sich einfach nicht unterdrücken. Als Hans von unten unsere sauber gezogenen Schwünge photographiert, fühle ich mich wie in einer Werbeshow.

Für die Talfahrt nach einem gewaltigen Mittagschmaus ist die Sonne fast allzu freigebig; der zähflüssige Schnee droht uns jederzeit zu verschlingen, verkneift es sich aber gnädig, uns die Freude an dem Tag zu verderben. Wie die Wilden poltern wir die Serpentinen nach Pont hinunter; dann geht es weiter in einem blasenfördernden « Hatscher » nach Col Lanzon, entlang dem rauschenden Wildbach, vorbei an Sonntagsausflüglern und Fischern. Glücklich, wer hier sein Wochenende verleben darf! Das Gebiet ist zu Recht italienischer Naturschutzpark. Ganz benommen tauchen wir wieder in die üppige Pracht des Aostatales, in Weinreben und Obstblüte. Wir haben auch gleich Busanschluss nach Courmayeur, wohin uns eine Woge von Flieder - in den Armen einer ragazza obendrein - begleitet.

Am Fuss unserer nächsten Herausforderung dürfen wir uns erneut zu einem überreichen Tag beglückwünschen.

Heute wollen wir mit Hilfe der Technik das Mont-Blanc-Massiv sozusagen informationshalber einmal überqueren, um nach Chamonix zu gelangen, von wo aus Europas Höchster dann in Angriff genommen werden soll. Von der Liftstation Entrèves schweben wir zum Rifugio Torino - Pointe Helbronner ( 3462 m )... Wir sind wieder umgeben von Eis und Schnee und geblendet vom Glacier du Géant. Zwei rote Pünktchen schweben in der wolkenlos blauen Himmelsglocke wie zwei Spielzeuge die Kabinen zur Aiguille du Midi. Dort oben erleben « Europe-makers » Bergwelt in Konserve. Noch ist der Schnee pulverig, der Untergrund hart, und die Abfahrt lässt sich prächtig an. Ein Südtiroler Carabiniere wünscht uns gute Fahrt, und ich bin wieder einmal gerührt von der Herzenswärme und liebenswerten Art dieses Menschenschlages. Im Vallée Blanche, etwa auf der Höhe des Refuge du Requin ( 2516 m ), « schwitzen » wir uns durch das Labyrinth der Séracs du Géant hinab, auf schmalen Schneebrücken und zerfliessenden Spuren teils rutschend, teils fahrend. Es folgt noch ein Stück genussvoller Schussfahrt über den Glacier du Tacul, über dessen offene Spalten und Schmelzwasserrinnen man nicht ohne ein leichtes Grauen hinwegsaust; dann arbeiten wir uns aus dem immer unwegsamer werdenden Eisgewirr hinaus, zuletzt über eine eisenbewehrte Leiter, auf die Seitenmoräne.Von dort aus streben wir auf Spazierwegen talwärts nach Chamonix. Unterwegs, in einem Wirtsgarten, lässt ein Murmeltier, das verzweifelt gegen die Gitter seines engen Käfigs anrennt, unsere Empörung über die Grausamkeit des Menschen laut werden. Nachdem wir aber eingesehen haben, dass es den Weg in seine heimatliche Höhe nicht finden würde, geben wir den Plan, es zu befreien, auf.

Am nächsten Morgen bringt uns die Bahn zum Plan de l' Aiguille ( 2310 m ). Im Nu steht man mitten drin in dem Vorhaben, einer Bergfahrt die alpinistische Krone aufzusetzen, unwiderruflich, wie ausgesetzt. Die Bahn ist fort, und auch Bäume gibt es nicht mehr, in deren Schatten man es sich noch einmal überlegen könnte. Wohlan denn! « Labiosan » auf die Lippen, « Piz Buin » auf die Haut, Felle unter die Bretter, und los geht 's! Die Moränen und Lawinenhänge sind bald überquert, und wir betreten den zerklüfteten Glacier des Bossons mit seinen Seracs, deren Türme und Zähne sich wie die Silhouette einer Geisterstadt aus Eis am Himmel abzeichnen. Die Eislandschaft fasziniert derart, dass man den Blick ins Tal ganz vergisst, zumal ein guter Teil der Aufmerksamkeit der Seilsicherung beim Begehen der Brücken über die Spalten gilt. Nach La Jonction geht es dann in steilen Serpentinen hinauf; das Refuge des Grands-Mulets ( 3051 m ) liegt wie ein glitzernder Käfig auf schroffen Felsklippen zu unserer Linken. Nach drei Stunden ist es geschafft. Die Hütte mit Weissblechbeschlä-gen und eisernen Fensterrahmen sieht aus wie ein Überseedampfer, so solide und sauber. Aus ihren Fenstern bietet sich ein herrlicher Blick nach Westen, wo sich gegen Abend über dem Tal der Arve ein Gewitter zusammenbraut und uns ein farbenprächtiges Wolkenspiel vorgeführt wird.

Um 1 Uhr Tagwache - eine Zeit, die der Bedeutung des Tages Ausdruck verleiht und in jedem eine sonderbare Spannung aufkommen lässt. Wird das Wetter halten? Draussen ist es dunkel, windstill, und die Sterne funkeln herab. Unsere Stirnleuchten sind im Hotel in Chamonix liegengeblieben. Ich versuche daher, mit der Nase am Boden als Seilerster die Spur zu halten. Bald streift das erste Licht den jungen Tag; hinter der Aiguille du Midi rötet sich der Horizont, und im Tal ballen sich plötzlich weissgraue Morgennebel zusammen, während die Gipfel nach und nach aus der Nacht hervortreten, eindrucksvoll gestaffelt, wie ein düsteres Heer Allmählich wird aus dem Schwarzgrau ein erdiges Braun; dann taucht als rotgoldene Scheibe die Sonne im Osten auf und übergiesst die ganze Atmosphäre mit ihrem Licht. Wir bleiben stehen und staunen! Es ist ein Schauspiel, in das man hier oben in unvergesslicher Weise miteinbezogen wird. Am Petit Plateau holen wir eine der beiden Vorgän-gergruppen ein und spuren gemeinsam die Serpentinen zum Grand Plateau ( 4000 m ) hinauf. Der gleichmässige Schneegipfel des Mont Blanc wird sichtbar. Noch immer ist es windstill und der Himmel wolkenlos. Zwischen dem silbrigen Schneegrat und dem tiefblauen Morgenhimmel ist das Refuge Vallot ( 4362 m ) zu erkennen. Am Col du Goûter wird Brotzeit gemacht. Die Morgensonne wärmt bereits, und nur ab zu zu schärft einem ein Windzug ein, wo man sitzt. Die Ski bleiben am Col zurück, und auf Eisen geht es weiter. Das Refuge Vallot, obwohl zum Greifen nahe, will und will nicht näher kommen - Formkrise. Nun wird wieder angeseilt und, zu allem entschlossen, die Gipfelpartie in Angriff genommen. Stufe um Stufe arbeiten wir uns in zweieinhalb Stunden den harten Schneegrat hinauf. Bosses du Dromadaire. Die Luft wird immer dünner. Die ersten sind wir freilich nicht; ein Einzelgänger, der die Nacht allein auf Vallot zugebracht hat, kommt uns vom Gipfel entgegen. Die Spannung wächst. Noch ein Vorgipfel und noch einer... dann die letzten 50 Meter. Jetzt juckt es einen, mit den letzten Reserven Gipfelstürmer zu spielen; aber man ist eine vernünftige Seilschaft: alle 10 Meter stopp. Ich habe Zeit, den Frêney-Pfeiler herauszusuchen und an jene Tragödie zu denken, die sich dort am 16. Juli 1961 erreignet hat '. Endlich steckt der Pickel - auch das ist geschafft. Bergheil! Ein inhaltsvoller Händedruck sagt all das, was man nicht in Worte fassen kann. Der Rundblick ist fast unbegrenzt, und die ungewöhnlich milde Luft gestattet uns eine Gipfelrast auf 4807 Metern Höhe - und Harald seine bisher grösste Brotzeit.

Im Verhältnis zur Aufstiegszeit sind Gipfelaufenthalte immer zu kurz; so auch dieser. Jedenfalls ist die Dichte des Fühlens derart, dass man die Mühen und Erwartungen des Aufstiegs gern mit einer ausgedehnten Krönungszeremonie belohnen würde. Doch der Mensch ist ein Warmblüter und beginnt trotz aller Erregung auch bei schönstem Gipfelwetter zu frieren.

Wir stolpern geradezu pietätlos zurück zum Skidepot. Kurzes Sonnenbad und Abfahrt. Tücki-scher Harsch zwingt uns zunächst zur Vorsicht, dann haben wir Firn unter den Latten und sausen in immer kühneren Schwüngen nach Grands Mulets zurück, wo uns die Mittagsonne schier zum Kochen bringt. Die Talfahrt sparen wir uns - zur Feier des Tages - für morgen auf.

Das Licht des nächsten Tages ist trüber als sonst; die Wolkendecke senkt sich immer tiefer und saugt sich voll. Im Nieselregen fahren wir am Seil gen Chamonix; es beginnt aber bald zu regnen, so dass wir uns, völlig durchnässt, von der Kabine des Plateau de l' Aiguille « einladen » und nach Chamonix transportieren lassen.

Der nächste Morgen ist für Hans der unwiderrufliche Tag der Heimreise. Wir geben ihm bis Martigny das Geleit; dann findet ein Kriegsrat statt: Wir sind zwar bereit, den Mont Blanc als Höhepunkt der Tour anzuerkennen, zögern aber, darin zugleich auch den Schlusspunkt zu sehen. So wird nach Überprüfung der Wetter- und Finanzlage die Parole « Grand Combin » ausgegeben. Mit der Bimmelbahn geht 's nach Orsières. Da meine Felle im Rifugio Vittorio Emanuele hängengeblieben sind, muss ich mir, wie schon in Chamonix, noch ein Paar beschaffen; dabei erinnere ich mich an Michel Darbellay. Seine Mutter gibt uns Bescheid: « Michel n' est pas là, il doit être sur le Himalaya maintenant. » Nach einem ehrfurchtvollen « Oh » unsererseits nehmen wir, wie Freunde des Hauses, von Paul, dem Bruder des grossen Meisters, die Felle entgegen, dankbar für das Vertrauen, das man uns entgegenbringt. Mit einem Kleinbus lassen wir uns dann nach Bourg-St-Pierre hinaufführen, wo wir erst nach 15 Uhr den Aufstieg zur Cabane de Valsorey antreten.

Es folgt ein nicht endenwollender Marsch hinein in den Talgrund, in den von allen Seiten Schmelzbäche fliessen und der gegen Abend wie eine gigantische Waschküche anmutet. Den Valsoreygletscher lassen wir unter uns und arbeiten uns die Moräne hinauf, wobei das Geröll unter jedem Schritt nachgibt. Die Nebelschwaden verleihen der Landschaft etwas Geisterhaftes. Es gibt keine Schatten. Wie auf einem Geisterschiff schwebt die Vélanhütte ( 2569 m ) auf einem Moränenrücken inmitten des rauschenden und brodelnden Kessels. Die umliegenden Gipfel, Mont Vélan, Mont de la Gouille und wie sie heissen, zeigen sich hin und wieder in zauberhaftem Licht, um dann wieder hinter dem Nebelschleier zu verschwinden. Endlich haben wir die Ausläufer der Grandes Planes erreicht; Wasser, Moose, Steine und schmelzender Schnee, darüber ein feiner Wasserdampf. Abenddämmerung 1 Siehe den Bericht: W. Bonatti « Schicksal am Frêneypfeiler », Der Bergsteiger 1968, 93; vgl. auch den erschütternden Bericht eines der Beteiligten: Pierre Mazeaud, « Schritte himmelwärts », Heering-Verlag, Seebruck.

in Lappland. Hoch oben auf der Zinne einer gewaltigen Felswand entdecken wir die Hütte ( 3030 m ). Diesmal sieht aber der Weg dorthin harmloser aus, als er ist; die Hütte entschwindet wieder unseren Blicken, und das schmale und steile Schneeband, auf dem wir uns in zahllosen Kehren hinaufquälen, entpuppt sich als wahrer Hüttenschinder. Zu guter Letzt setzt uns noch eine Kraxelei über butterweichen Geröllmatsch zu.

Nach fünfeinviertel Stunden Aufstieg ist es Nacht geworden. In der Hütte schläft man schon. Während wir unzählige Liter Suppe und Tee in uns pumpen, räkelt sich ein Häuflein wackerer Schwaben in den Kojen und fürchtet sich dem Morgen entgegen, der berüchtigten, von uns im vorigen Jahre bezwungenen Wächte am Plateau du Couloir.

Gegen 5 Uhr sind wir wieder auf den Beinen und stellen voller Befriedigung fest, dass der Morgen klar ist. Vom Vortage noch « geölt », haben wir einen zügigen Schritt und steigen eisenbewehrt und schnurgerade zum Col du Meitin ( 3609 m ) auf. In zwei Stunden werden 600 Höhenmeter bewältigt. Unbegreiflich, wie einem das Gestern so sauer werden konnte! Am Col wechselt die Kulisse: Links und rechts von uns erheben sich die Maisons Blanches und viele grosse und kleine Combins; ein sanftes Gletscherbecken ist gleichsam zwischen ihnen aufgehängt. Die Stelle einer Hängematte, die der Aufhängestelle am nächsten liegt, ist bekanntlich die steilste, und so beginnt auch für uns der Einstieg in die neue Landschaft mit einem halbvereisten Steilhang, den wir mit unguten Gefühlen hinabrutschen. Durch aufstäubenden Pulverschnee umfahren wir dann das Combin-Massiv und nähern uns seiner eisbewehrten Nordostseite. Bald stehen wir auf einem Plateau hoch über dem Corbassièregletscher, einem majestätischen weissen Strom, unter dessen letzter Stufe sich die Morgennebel im Val de Bagnes ballen. Über uns zur Rechten blicken wir in den berüchtigten Korridor mit seinem Eisüberhang. Bald sehen wir die ersten heruntergestürzten Eisblöcke herumliegen. Beim Skidepot kommen uns in kunterbuntem Biwakzeug drei Weihnachtsmänner entgegen, die in einer Spalte über dem Korridor genächtigt haben, offenbar, um ihre nagelneue Ausrüstung auszuprobieren.

Immer wieder nach der marmorierten Eiswand über uns aufwärts schielend, stapfen wir zwischen den wild verstreuten Eisklötzen hindurch und erklimmen die Schulter des Grand Combin, wo uns ein scharfer Wind empfängt. Die Mur de la Côte ist zwar vereist, aber noch mit den Stufen zahlreicher Vorgänger der letzten Tage versehen, so dass wir behende vorankommen und nach Querung unter der Aiguille de Corissant und des Combin de Grafeneire schon um 11 Uhr auf dem Gipfel ( 4317 m ) stehen, einer gleichmässig gerundeten Haube aus Schnee. Der Händedruck fällt diesmal besonders lang und bedeutungsvoll aus, und die Begeisterung ist von besonderer Art, wie dies bei Zutaten, die man sich ertrotzt hat, zu sein pflegt. Der Ausblick scheint alles Bisherige zu überbieten: Unsere gesamte Tour liegt noch einmal vor uns. Im Bewusstsein, nun die Perlen der Westalpen zu kennen, steigen wir ab.

Rasch erreichen wir das Skidepot. Harald und ich am Seil zaubern bei der Abfahrt über den im oberen Teil ziemlich spaltenreichen Corbassièregletscher hinab zur Cabane de Panossière ( 2675 m ) höchst kunstvolle Schleifen in den Schnee und freuen uns bei jedem Stopp köstlich über das gelungene Werk.

In der Hütte sind bereits die Vorboten eines Wochenendansturms eingetroffen. Angesichts des sich ankündigenden Menschengewühls entschliessen wir uns schweren Herzens, schon heute abzufahren. Ein letzter Blick geht hinauf über den Corbassièregletscher zum Grand Combin; doch bevor sich der Abschiedsschmerz unserer Gemüter bemächtigen kann, machen wir kehrt - und talwärts geht 's mit kräftigen Schwüngen...

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