Eine neue Eishöhle im Berner Oberland

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Anfang August vorigen Jahres lud mich Wirt Willi von Hohfluh bei Meiringen zur Untersuchung des „ Eisloches " bei Unterfluh ein und wir begaben uns zu diesem Zwecke mit Leitern, Seilen und Laternen gut versehen nach dem genannten Ort. Hier gesellte sich Simon Furrer, der Schwingerkönig, zu uns, welcher in der Folge die Expedition leitete. Noch schloß sich Herr Maler Platz von München an, dem ich die beiden Bildchen verdanke.

"'l ) Sntenapaüe. 2 ) Hauptspalte. 3J Schiauf. 41 Mit Eis überkleideter rundlicher Fels. 5 ) Enger Schiauf durch Fels vom Schiauf H getrennt. 7J Eisgrotle. 8 ) Waasertümpel. 9 ) Verschlussfelsen, mit Eiszapfengar i-Uturünser Weg.

Fig. I.

Eine neue Eishöhle im Berner Oberland.

Ungefähr 20 Minuten von Unterfluh in südlicher Richtung gähnt eine cirka 80 Schritt lange, 2-4 Schritt breite und etwa 30 Meter tiefe Kluft im Kalkstein, inmitten von Fichtenwald und Moospolstern. Furrer und Willi verschwinden alsbald in der Spalte, während wir am Rande derselben auf dem Bauch liegend ihr unterirdisches Treiben verfolgen: wie sie bald da, bald dort die Leitern ansetzen, während das Klingeln abgebrochener Eiszapfen aus der unheimlichen Tiefe zu tins herauftönt. Endlich poltert 's im seitlichen, 20 Schritt langen Spalt ( 1 des Grundrisses ) und Simon Furrer arbeitet sich mit katzenartiger Behendigkeit hier in die Höhe, uns erklärend, hier müsse der Eintritt erzwungen werden. Dreimal mußten die Leitern an der vertikal, dann schräg hinablaufenden Spalte angesetzt werden, bis wir in die Hauptspalte ( 2 ) einmündeten, wo wir nun rascher vorwärts kamen. Rückwärts hinauf-blickend hatten wir den Anblick, wie ihn Fig. II wiedergiebt: Oben, 30 Meter über uns, blinkt gedämpftes Sonnenlicht herein, seine Reflexe auf Moospolsternspielen lassend, die den weißblänlichen Kalkstein umsäumen, bis dort, wo er schroff in die Tiefe abfällt. Eingeklemmte Blöcke dräuen Fig. II. Eishöhle bei Unterfluh ( Meiringen). gefahrvoll auf uns herunteria der Hauptspalte, kalte Kellerluft umgiebt uns.

Harter Schnee deckt an einer Stelle den Boden und Eis bekleidet hie und da die Wände in kystallklaren Überzügen, bildet Zapfen oder merkwürdige, von oben nach unten verlaufende, senkrecht vom Fels abstehende Borten.

So weit hatte schon ein früherer Besucher, Herr Dr. Schneider, mit Furrer die Höhle erforscht; es handelte sich nun darum, tiefer einzudringen. Dafür bietet sich zunächst der schief abwärts führende Schiauf ( 3 des Grundrisses ). Wir schieben die kleinere, aber solidere Leiter hinunter und gelangen, uns auf den Sprossen hinuntersclmiiegend, zunächst auf einen rundlichen, kissenartigen, feucht glänzenden Vorsprung ( 4 des Grundrisses ), der sich als ein mit Eis überkleideter Fels erweist. Kaum haben zwei Leute darauf Platz. Hier gabelt sich der Spalt. Furrer und Willi tauchen als Pioniere, mit der Laterne versehen, in den rechtsseitigen Kanal ( 5 des Grundrisses ), und bald ertönt ein Ruf der Überraschung. Wir gleiten eilig in dem engen Schiauf auf der Kante der schief gestellten Leiter nach, und in der That ein merkwürdiger Anblick bietet sich uns da. Fig. III giebt eine Vorstellung davon: Man denke sich in einer Tiefe von cirka 40 Metern unter der Erdoberfläche eine Grotte ( 7 des Grundrisses ) von etwa doppelter Mannshöhe, ungefähr acht Schritt lang, nur vom Schein unserer Laterne erhellt, den das spiegelklare, den Felsen überziehende Eis zurückwirft. Eisdraperien und Eiszapfen hängen von den Wänden herunter. Der etwas tiefer als der Eingang liegende Boden wird znr Hälfte von einem Wassertümpel eingenommen, zur anderen Hälfte bedeckt ihn kompaktes Eis und übereinandergeschichtete Eisschollen, auf denen einige Personen stehen können. Das Merkwürdigste aber ist der Abschluß unserer Grotte nach hinten, wie ihn unser Bild ( Fig. III ) darstellt. Über einen gewaltigen Block ( 8 des Grundrisses ), der das weitere Vorwärtsdringen versperrt, hängt eine Eiszapfenbildung, wie eine gewaltige Allongeperücke herunter, ein kleines Kabinettsstück, die Belohnung für die gehabte Mühe. Kleinere, durch Eis verbundene Felsbrocken liegen auf dem großen Block; soviel wir aber auch uns umsehen, ein Weiterdringen erscheint unmöglich. So wurde denn der Rückweg zum kissenartigen Vorsprung angetreten.

Hier entdeckten wir noch einen weiteren schiefen Kanal, der in schnurstracks entgegengesetzter Richtung gegenüber 5 und 6, also von der Grotte weg, abwärts führt und hinter einer Masse von Eiszapfen halb versteckt war. Als wir diese entfernt haben und mit der Laterne hinableuchten, sehen wir einen schiefen Eisschlauf, der sich unten zu einem Gang erweitert. Auf dessen Boden thut sich ein unheimlicher schwarzer Schlund auf, in welchem hinabgeworfene Steine verschwinden. Die Decke ist von durch Eis verbundenen losen Blöcken gebildet, im Hintergrund verschwimmt der Gang im Halbdunkel. Vorsichtig haut Furrer, von uns am Seil gehalten, Stufen hinunter und wir folgen ihm. Es zeigte sieli auch hier eine Erweiterung der Höhlenspalte, aber hinten schien durch abgestürzte Blöcke der Weitermarsch ebenfalls versperrt zu sein. Der vertikale Schlot deutet auf eine Fortsetzung nach unten.

Bald standen wir, nach SVsstOndiger angestrengter Arbeit, wieder im Tageslicht, befriedigt von dem, was wir gesehen.

Sicher handelt es sich bei dieser Höhle um eine von Nordwest nach Südost verlaufende Spalte im Kalkstein. Sie läßt sich mit Unter- Eine neue Eishöhle im Berner Oberland.

Fig. III. Eishöhle bei Unterfluh ( Meiringen ). Die Grotte.

brechungen mehrere Hundert Schritte weit verfolgen und ihre südliche Lippe hat sich durch Senkung um circa 6 Meter gesetzt. Sie ist aber dann, besonders in den tieferen Teilen, durch Wasserwirkung schlauf-artig verändert worden. Die Verwerfungsspalte liegt also hier der Höhlenbildung zu Grunde, Wasser hat das Übrige gethan, auch wohl selbständige Abzweigungen erzeugt. Eis besorgte in Form von Bouquets, Überzügen, Borten, Streifen, Zapfen, Draperien aber auch von größeren Massen die Ausschmückung des unterirdischen Reiches. In dieser Beziehung, nicht aber in betreff der Dimensionen, mag unsere Höhle mit dem von H. Körbergeschilderten, von A. Wyttenbach und Ph. Gösset vermessenen „ Schafloch " wetteifern. Die Temperatur war kellerhaft kühl, unser Hauch bildete dicke Wolken.

Die geschilderte Verwerfungsspalte setzt sich noch nach Nordwesten fort und in der Nähe befindet sich ein anderes Spaltensystem, in welches man aber von dem unsrigen wohl nicht hineingelangen kann. Eishöhlen, die auch im Hochsommer Eis führen, sind bekanntlich eine häufige Erscheinung in den Alpen, und über dieselben, sowie die Art ihrer Eisbildung, giebt es eine ansehnliche Litteratur; es ist indessen hier nicht der Ort, die Kaltlufttheorie oder die Sickerwasser- und Kaltgesteinstheorie oder noch andere Theorien zu erörtern. Wir hatten nur die Absicht, die Höhle vorläufig auszukundschaften, für etwas anderes waren wir nicht ausgerüstet. Papa Willi leitete der Gedanke, diesen natürlichen Kühl-kasten eventnell für seine Fleischvorräte zu benutzen. Wenn er das „ Eisloch " durch Leitern etc. gefahrlos zugänglich macht, so wäre durch die Lage desselben besser als am Schafloch die Möglichkeit geboten, die Phänomene der Eishöhlen zu studierrn. In diesem Falle sollten auch Besucher des lieblichen Hasliberges nicht verfehlen, dieser neuen Natur-merkwiirdigkeit des Haslithales einen Besuch abzustatten.

Dr. A. Baltzer ( Sektion Bern ).

0 Jahrbuch des S.A.C., Bd. XX, pag. 316.

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