Eine Skiwanderung auf den Ätna

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.Von Paul Kyburz

Mit 1 SkizzeBem ) So romantisch Kalabrien ist — der Ruf der Berge ist auch dort nicht zu überhören.

Und wenn fast in Reichweite ein schneebedeckter « Erhabener » thront — ein rauchender sogar —, dann schleicht sich das Verlangen nach dieser Zinne in das Herz des Bergsteigers!

An der wärmenden Sonne eines südlich schönen Februartages überquerte ich mit dem Fährboot die Meerenge von Messina. Immer wieder vermittelt diese Überfahrt einen wirklichen Genuss, wird doch der landschaftliche Rahmen an der Szylla und Charybdis als herrlich gepriesen.

In der Eisenbahn nach Catania drängten sich Abessinienkämpfer, ihre Aufmerksamkeit meiner soliden und warmen Ausrüstung zuwendend.

Bald nachdem Taormina passiert ist, kommt man in den Bereich breiter Lavaströme — Arme des Ätna, der hier majestätisch, in makelloses Weiss gekleidet, die Landschaft beherrscht.

Catania — die mehrmals Zerstörte und immer schöner Auferstandene, die Stadt auf Lava und aus Lava gebaut — empfängt uns mit geschäftigem Tun.

Die schnurgerade und prächtige Via Stesicoro Etnea lenkt den Blick auf den aus der Ferne lockenden sizilianischen König der Berge. Durch diese Avenue barocken Gepräges mache ich mich auf die Suche nach einem Paar Ski und einem Weggenossen. Erstere fanden sich bald, existiert hier doch eine Sektion des italienischen Alpenklubs. Auf den Gefährten aber, der sich etwas mehr Zeit lassen wollte, als mir lieb war, verzichtete ich kurzerhand; seine weitsichtigen Ratschläge erwiesen sich dafür als unbezahlbar.

Unzählige Sterne funkeln am Firmament. Eine leichte Brise streichelt die schlafende Stadt.

Lange finde ich den Schlaf nicht. Ist es die Spannung vor der morgigen Fahrt?

Nachtdunkel noch sind die Strassen, als ich im Auto eines Früchte-händlers die Stadt verlasse.

Durch das im Morgengrauen wie ausgestorben daliegende Ätnavorland, dessen Grün Mühe hat, überall die dunkel glotzenden Laven zu verhüllen, fahren wir dem klassischen Ausgangspunkt der Ätnawanderer, Nicolosi, der 700 m über Meer gelegenen Ortschaft, zu.

Rasch durcheilt man mit dem Auto das sanft ansteigende, dicht besiedelte Gelände. 16 km sind zu « fressen ».

Der Ätna wird zum Koloss, je näher man ihm kommt. Von Catania aus gesehen wirkt er infolge seiner durch kein Vorgebirge gemilderten ausgedehnten Basis niedriger als von Norden und Osten. Seine isoliert dastehende Masse reizt unser an die Alpen gewöhntes Auge zu Vergleichen. Der Gegensatz ist jedoch in allem zu gross. Einen Vergleich fand ich: es perlt der Schweiss beim Aufstieg hier wie dort; der Lohn: schönstes Bergerleben!

Siziliens Beherrscher zerstört nicht nur — nein, er hilft dem Willigen auch wieder aufbauen.

Liefert er nicht die fruchtbesessene Erde und den Baustein? Die Arbeit des Menschen schafft daraus die Fülle der vor uns liegenden Äcker.

Beidseits der Strasse nehmen bald hochgeschichtete Mauern aus Lavablöcken jede Sicht über das weite Land; nur « la Montagna », deren Schneefelder von den ersten Sonnenstrahlen geküsst werden, leuchtet mir als herrliches Ziel.

Die frühe Morgenstunde gestattet uns, Nicolosi ohne Halt zu durchfahren, fürchtete ich doch, dass mir ein Führer aufgezwungen würde. Steil windet sich nun die Strasse durch wüste Lavafelder und schöne Kastanienhaine bergan. Der erste Neuschnee und vereiste Stellen bringen uns zum EINE SKIWANDERUNG AUF DEN ÄTNA Halten, obschon die Strada noch etwas höher führt. ( Heute bis zur Casa Cantoniera befahrbar. ) Auf ungefähr 1600 m über Meer drücke ich meinem freundlichen Fahrer die Hand, nicht ohne die Vereinbarung, uns am Abend in Nicolosi zu treffen.

Den Rucksack am Rücken, die Bretter geschultert steige ich frohgemut durch diese Wirrnis, jeder Beklemmung bar, jetzt — da der zum Gebirge gewordene Vulkan unter meinen Füssen ist.

Fast wähne ich mich auf einer einsamen Wanderung in den Alpen, wäre nicht das bedrückende Schwarz der mager verschneiten, riesigen Lavaströme.

Ein herrlicher Tag ist angebrochen! Mir scheint wirklich das Glück hold zu sein; denn auch die bekannten Nebelbänke hangen nicht an der Gipfelhaube.

An erloschenen Kratern vorbei folge ich der Strasse, später einem Weg aufwärts, passiere — vom Drang beseelt, die Zeit zu nützen — die auf 1882 m liegende Casa Cantoniera und schnalle etwas weiter oben die Ski an meine Fusse. Mit den Fellen steigt sich nun leicht. Wieder erlebe ich das beglückende Spuren durch Neuschnee. Dieser zeigt sich überhaupt von der besten Seite, verdeckt er doch die hartgefrorene, arg zerfurchte Altschneelage.

Das ganze Gelände ist furchtbar zerrissen und von unzähligen Einschnitten durchzogen, die wiederum nie die Grosse eines Tälchens erreichen. Von einem genussreichen Gleiten über ruhige Schneeflächen ist keine Rede.

Hoch über mir grüsst die in der Sonne glitzernde, stolze Montagnola. An ihren Hängen steige ich steil hinan, die vielen zu überwindenden Runsen verwünschend.

Mit echt südlichem Temperament bestrahlt die Sonne meine schwitzende Wenigkeit, und trotzdem bin ich froh, dass sie mir all die Pracht vermittelt.

Die Spitze der Montagnola, die infolge ihrer Kegelform zeigenden Gestalt vertraut erscheint, rückt näher. Das Terrain wird nun flacher. Vor mir liegt eine wenig geneigte Hochebene, der Piano del Lago, auf ungefähr 2800 m Höhe.

Am Rande dieser u See-Ebene » lässt sich gut rasten. Fast vier Stunden bin ich gestiegen, vom Wunsch angespornt, vor allfälliger Nebelbildung dem Krater möglichst nahe zu kommen. Und schon nähert sich die Sonne dem Höhepunkt ihres Laufes.

Der Blick über das weite Land ist grossartig. Zur Linken die Montagnola, jetzt eine bescheidene Erhebung, flankiert von einem nach Osten abfallenden zerrissenen Grat, der die Wildheit der dahinter liegenden Vali del Bove ahnen lässt. Zu meinen Füssen liegt eine Kraterlandschaft, gebildet von unzähligen Nebenkratern, an denen der Ätna so reich ist. Weiter unten grünt der saftige Gürtel des Kulturlandes mit seinen wie Perlen eingestreuten Ortschaften und, schon mit dem Blau des Meeres verschmolzen, grüsst Catania. Über allem steht, fast scheint es so, das am Horizont mit dem Himmel verbundene Meer.

Vom Piano del Lago her fällt mich plötzlich ein kalter Windstoss an; eine Mahnung zum Aufbruch! Während ich über die ansteigende Ebene EINE SKIWANDERUNG AUF DEN ÄTNA spure, kommt der Wind mächtig auf. Die Skispur im Schnee verrät die Nähe menschlicher Wesen.

Dem Hochplateau wie ein Kamin aufgesetzt baut sich der fast 3300 m hohe, gemächlich rauchende Hauptkrater vor mir auf. An einem nicht mehr in Gebrauch stehenden « Rauchabzug » vorbei steuere ich direkt den Gipfel an, der zu meinem Schrecken von den ersten Nebelfetzen umbrandet wird.

Aufwärtseilend sehe ich das Observatorium auf 2942 m Höhe, welches bald erreicht ist.

Soldaten, die sich hier im Skifahren üben, bestürmen mich mit Fragen. Die mitgebrachten Papiere bewähren sich erstmals.

Das Wetter verschlechtere sich, wird orakelt. In der Tat scheint auch mir nicht alles geheuer, kleben doch ansehnliche Nebel am Krater, und arg zerzaust der brausende Wind das rauchende Hoheitszeichen seiner MajestätNun gilt es, zu handeln. Ein stärkender Schluck aus der Thermos, Bussole und Karte bereit gemacht, und unverdrossen steigt der C. Mann weiter. Der steil werdende Aschen- und Schlackenkegel, welcher sich noch ungefähr 300 m hoch aufbäumt, präsentiert einen blankgefegten, steinharten Firnmantel, der zum Abschnallen der Bretter zwingt. Weiter oben verschwindet er vollständig — eine Folge der inneren Erwärmung; denn schon hier vermeint man den Gluthauch des Dämons zu spüren. Dem Nebel nicht trauend, wage ich nicht, die Latten zu deponieren; besser wären sie im Observatorium geblieben. Diese also geschultert, strebe ich mühsam einer aperen Rinne zu.

Arg enttäuscht über deren Verfassung muss ich mich nun in dem lockeren, bei jedem Schritt in Bewegung geratenden Material abmühen. Die langen Bretter heben mein Balancevermögen keineswegs in diesem schuhfressenden Getrümmer. Der angriffige, eiskalte Wind setzt hart zu, und der nachgiebige Kokshaufen will nicht enden... Immerhin steige ich stetig, der beste Beweis, dass die Höhe nicht erreicht ist.

Dichter Nebel nimmt nun jede Sicht. Ein schwefliger Geruch liegt in der Luft. Plötzlich legt sich der Hang zurück. Ich bin obenWage aber keinen Schritt mehr vorwärts, denn undurchdringliches Grau umhüllt mich. Von allen Seiten weht der Wind, beizende Dämpfe aufwirbelnd. Ich flüchte, woher ich gekommen, und liege erschöpft in die Asche.

Da! blauer Himmel, immer mehr! Aufspringend haste ich zum Kraterrand zurück, der jäh vor meinen Füssen wieder abbricht und sich zu einem gewaltigen Kessel weitet. Um besser in das Innere zu sehen, wandere ich im Sturm dem Rand entlang und finde eine Stelle, welche erlaubt, in diesen « Eingang zur Hölle » hinabzuschauen. Die Kraterwände, wild zerrissen und nach innen überhängend, schillern in allen Farben, während im Kesselgrund ein Gemisch schmutziger Dämpfe brodelt. Nur schleierhaft ist durch diesen bizarren Vorhang die gegenüberliegende Kraterwand erkennbar.

Unterirdisches Feuer ahnt man hier, das Feuer, dem Empedokles ausschlaggebende Bedeutung bei der Bildung der Erdoberfläche zuschrieb. Hier auch soll dieser Philosoph des Altertums, der den Dämon Vulkan eingehend studierte, diesem durch Sturz in den Höllenschlund erlegen sein.

Giftiger Qualm entsteigt dem Schlot und treibt mich zurück, während im Kessel ein zischendes und knallendes Teufelsspiel beginnt. Einer Spalte vor mir entweicht Dampf, der, geruchlos, angenehm wärmt. Trotz beissender Kälte nimmt mich die umfassende Sicht von diesem die ganze Insel beherrschenden Gigant gefangen: Sizilien liegt als Insel vor mir!

Verbirgt sich im Dunst der Ferne die Westküste, wo Marsala liegt ( oder, wie es zur Zeit der Araber hiess: Mars-al-Allah — « Gotteshafen », weltbekannt durch seinen Wein ), so grüsst aus Osten das hebliche Bild der Strasse von Messina mit Kalabrien. Südwärts, wo einst ein anderer Tyrann herrschte — Dionys zu Syrakus —-, sucht ahnend das Auge den schwarzen Erdteil. Herrlich soll der Blick nach Norden auf die Liparischen Inseln sein. Aber ein beängstigendes Nebeigewoge bringt mich um diesen Genuss, jeden Moment drohend, die auf den Piano del Lago abgesunkene Nebelbank hochzureissen. Feierlich ist mir zumute, und staunend bedenke ich, dass die gewaltige Masse, auf der ich stehe, durch den Vulkan — aus sich selbst herausgeschaffen wurde.

Gebieterisch verlangt der vorgerückte Tag die Trennung von dieser hohen Warte. Meine als Markierung geopferten Skistöcke weisen den Weg in das graue Nichts hinunter. Dem Kompass vertrauend stolpere ich abwärts und finde glücklich das Observatorium.

Eine wärmende Bouillon ist jetzt hochwillkommen und gibt frischen Mut. Um unsere Behausung heult der Wind seine eintönige Melodie, indes der Nebel feuchtkalt am Gemäuer klebt.

Trotz vorgerückter Zeit, heimlich auf einen Lichtblick hoffend, wate ich mit einem Soldaten zur nächstgelegenen Fumarola, einer wüsten Erdspalte, welcher heisser Wasserdampf entsteigt. Sinnreich nutzt auch hier der Mensch vulkanische Kräfte und beschafft sich würziges Wasser aus der Luft in dieser im Sommer wasserlosen Wüste.

Zäh verbindet sich der Nebel mit dem bleichen Schneelaken des Piano, meine letzte Hoffnung begrabend.

Gar gerne hätte ich noch einen Blick in das nach Osten abfallende Valle del Bove getan. Aber der Sturm verhindert dies, wie mir Wochen zuvor ein Unwetter den weitern Aufstieg in dieser tiefen Furche, die gleichsam die Eingeweide des Vulkans blosslegt, verunmöglichte.

Es bleibt nicht anderes übrig, als zu starten, will ich nicht eine Nacht hier oben verbringen. Mit dem Kompass peilend wird die Montagnola angesteuert in der Hoffnung, nach Verlassen der Hochebene wieder gute Sicht zu gewinnen.

Alle Spuren sind Verblasen. In raschem Tempo laufen die Bretter davon. Ich gedenke der sommerlichen Ätnawanderer, die jeweils hier durch eine glühende Aschenwüste pilgern. Schwingend halte ich. Richtungskontrolle. Es wird steiler, steiler und coupierter.

In führigem Schnee schwinge ich vorsichtig hinunter und stehe plötzlich an der Sonne! Die Nebelbank ist durchstossen! Vor mir liegt das ganze Land überhaucht vom Gold der Abendsonne.Violette Schatten breiten sich aus und bringen einen angenehmen Kontrast in die Landschaft.

Sonnseits ist der Schnee noch weich, während die Schattenhänge bereits wieder gefroren sind. Bei vorsichtiger Fahrweise und richtiger Beurteilung des Geländes ist auch hier eine genussreiche Abfahrt noch möglich, und ich kann nicht anders als wie bei unsern Frühlingsskifahrten: den letzten Schneeresten nachjagen. Die Sache wird in der scharfkantigen Lava aber bald zu gefährlich, was die Ski mit einigen bösen Kratzern büssen.

Von weitem locken zahlreiche ausgebrannte Krater, denen mein Besuch angesagt ist; die Zeitnot ist gewichen, nachdem das Schwerste überwunden. Unter wehenden Eichen und Kastanien nähert man sich diesen vielartigen « Sicherheitsventilen », denen ihr heutiges Aussehen jede Gefahrdrohung nimmt. Herrlich rot leuchten einige in der untergehenden Sonne. Auf der Südseite solcher Kegel rankt das Grün des Weins und gibt den zerfetzten Schloten ein artiges Aussehen. Nochmals setze ich den Fuss auf einen dieser Gesellen und schaue zurück auf den Ätna, der, scheinbar zum Greifen nahe und doch wieder so unendlich fern, sein Haupt in einem goldenen Wolken-flor verbirgt.

Schatten der Nacht legen sich über die Niederung, die ersten Lichter blitzen auf und verraten die reichen Siedelungen der Küste.

Die grosse Stille des schwindenden Tages herrscht, mein Herz mit Glück und Ehrfurcht erfüllend.

Fernes Bellen eines Hundes rüttelt mich auf. Verschlungene, nachtdunkle Pfade, denen ich als Tribut noch meinen Hosenboden opfern musste, führen auf Umwegen Nicolosi zu. Das Malheur mit umgebundener Wind- jacke verdeckend, wird, im Dorf angelangt, die verabredete Trattoria betreten. Mein Früchtehändler ist nicht da!

Nach langem, in Catania am Draht erreicht, erklärt mir der Gute frischfröhlich, der wolkenumbrandete Berg habe ihm die Gewissheit einer Übernachtung dort oben gegeben. Zuvorkommend verspricht er, mich noch heute abzuholen...

Inzwischen haben zwei misstrauisch blickende Gesellen an meinem Tisch Platz genommen, ein auffallendes Interesse für meine Ausrüstung nicht verhehlend und alsobald fragend, ob ich etwa auf « il Monte » wolle; dies sei nur unter Führung möglich.

Als ich diesen Biedermännern bei einer gemeinsamen Flasche feurigen Ätnaweins « klaren Wein einschenke », schauen sie mich verdutzt an.

Glücklicherweise rattert bald mein Catanese an, sehr eilig tuend, so dass ich mich weiteren Erörterungen entziehen kann. In der Tat scheint der Lenker zu einem Spielchen verabredet zu sein, habe ich mich doch den ganzen Tag nie so in Gefahr gefühlt wie bei dieser Talfahrt nach Catania!

Wunschlos glücklich stehe ich wieder am meerumspülten Fuss des Ätna und atme den Salzduft des Wassers. Ein reicher Tag geht zur Neige...

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