Eine Skiwoche im Ubaye-Tal

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Guy Genoud, Vissoie

( Sie starten für die Haute-RouteNicht eigentlich. Wir wollen ins Ubaye-Tal. ) Und um dem allzu häufig fragenden Gesichtsausdruck vorzugreifen, füge ich gleich hinzu:

Es sei zugegeben, die Gegend der Ubaye ist selbst manchem Franzosen unbekannt. Ausserdem: Eine Skiwoche in einer Region ohne Viertausender und fast ohne Gletscher - undenkbar! Doch unsere, aus neun Schweizern bestehende Gruppe, die sich anlässlich einer CC-Ausschreibung zusammengefunden hat, wird gleichwohl begeistert von den sich hier bietenden Möglichkeiten aus dem Tal der Ubaye zurückkehren.

Zunächst ein paar Angaben, wo sich diese Region überhaupt befindet: Das ungefähr 80 km lange Ubaye-Tal, das seinen Namen der Ubaye, einem Nebenfluss der Durance, verdankt, bildet mit seinen umliegenden Bergen den äussersten nordöstlichen Zipfel des De-partementes der Alpes de Haute-Provence ( früher Basses-Alpes ). Das Tal grenzt im Osten an Italien, mit dem es über den Col de Lärche verbunden ist. Nach Norden ist es dem Queyras benachbart, das man über den Col de Vars erreichen kann. Beide Pässe sind im Prinzip ganzjährig offen. Der wichtigste Ort, zugleich Hauptort des Arrondissements, ist Barcelonnette. Wir beabsichtigen nun, unsere Skiwoche in der Haute-Ubaye zu verbringen, um dort von den Hütten Maljasset und Chambeyron aus ( beide werden vom Französischen Alpen-Club, CAF, bewartet ) in verschiedenen Richtungen Touren zu unternehmen.

Am B. April, einem Sonntag, durchquert unser Kleinbus die Ebene des Piémont: Turin, Cuneo, Borgo San Dalmazzo, dort zweigen wir ab zum Col de Lärche.

( Falsch! Das ist die Strasse zum Colle della MaddalenaAber es ist doch die Nummer 21, die zum Col de Lärche führen soll !) Nur Ruhe; Colle della Maddalena und Col de Lärche bezeichnen - der eine Name italie- nisch, der andere französisch - genau denselben Pass, dessen höchster Punkt auf 1996 m liegt. Wir geraten sehr schnell wieder in Schnee, den wir eben erst verlassen haben, als wir nach Aosta hinunterfuhren. Die Unterschiede sind verblüffend: Die Nordhänge bieten ein winterlich gestimmtes Landschaftsbild, und bis zum Fluss hinunter liegt hoher Schnee. Auf den der Sonne ausgesetzten, südexponierten Hängen herrscht demgegenüber Trockenheit: Der niedrige Bewuchs zeigt hier einen mediterranen Charakter, und die besonnten Felsen laden zum Klettern ein.

Seit heute Morgen wickeln sich die Zollformalitäten erstaunlich rasch ab. Dafür sind aber nicht die Gesichter von uns Reisenden verantwortlich, sondern unser Bus, ein Spon-sor-Bus, mit seiner dreisprachigen Aufschrift ( Schweizerischer Landesverband für Sport ( SLS)>. Ausserdem, aber das haben wir erst später bemerkt, klebt auf der Hinterseite unseres Rückspiegels ein Schild ( Officiel ). Ein italienischer Tankwart fragt uns deshalb, ob wir die Nationalmannschaft seien. Sicher, man gehört immer zu irgendeiner ( Nationalmannschaft ); doch als er uns einige Meter entfernt zu einer Wiese gehen sieht, um zu picknicken, regen sich wohl auch bei ihm einige Zweifel...

Als wir uns dem Pass nähern, geraten wir angesichts der Täler und Gipfel, des in der strahlenden Sonne glitzernden Schnees in Begeisterung und stellen uns die herrlichen Abfahrten vor, die in dieser Gegend unser warten. Dazu muss gesagt werden, dass die Verhältnisse in diesem Jahr besonders günstig sind.

Nach St-Paul führt uns eine kleine, gewundene, kaum vom Schnee geräumte Strasse zu den Überresten einer verschwundenen, bäuerlichen Welt. Die Weiler strahlen Frieden und die wehmütige Schönheit von Menschen verlassener Orte aus. Die alten Kirchtürme - einer ist schon zur Ruine zerfallen - zeigen eine Zeit an, die nichts mehr mit der Gegenwart zu tun hat. Unsere Durchfahrt stört so höchstens noch eine Katze oder einen Hund, der durch die leeren Gemäuer stromert. Auch Maljasset ist ein solcher Weiler, der aber von zwei Familien ganzjährig bewohnt wird. Dazu verleiht die Hütte des CAF, Ausgangspunkt und Etappenort für Touren, dem Ort noch etwas zusätzliches Leben. Das Gebäude unterscheidet sich allerdings von den andern Häuser nur durch die über dem Dach wehende französische Fahne. Eine Scheune dient hier zur Unterbringung der Ski, und der Speiseraum besteht aus einem langgezogenen gekalkten Ge- wölbe. Man kann sich gut vorstellen, dass er einmal anderen Lebewesen als Unterschlupf gedient hat...

Einige Alpinisten übernachten hier nur einmal auf ihrem Weg von Nizza nach Briançon, andere unternehmen von hier aus Rundtouren, die sie nach vier oder fünf Tagen wieder zum Ausgangspunkt zurückbringen. Wir beabsichtigen, drei Tage an diesem angenehmen Ort zu bleiben, um von der grossen Zahl an vielseitigen Routen profitieren zu können.

Am Montag steigen wir gegen die Tête de Cialancion ( 3011 m ) auf. Nach einer halben Wegstunde bietet sich die Aiguille Pierre André - die Dibona-Nadel des Ubaye-Tales - unseren bewundernden Blicken dar. Vor einigen Jahren habe ich sie bestiegen, tatsächlich finden sich dort einige wirklich schöne Kletterrouten.

Als wir uns dem Gipfel nähern, weitet sich vor uns die Landschaft. Jedoch gelingt es uns nur, einige wenige der vielen Bergspitzen zu benennen: Wir erkennen den Ailefroide und den Mont Pelvoux; dann auf der italienischen Seite Castello Provenzale, dieses Kletterparadies mit seinen Routen von über 300 m, und ganz fern ein Dorf, Chiapperà, im oberen Maira-Tal.

Der Dienstag bringt eine lange Tour ins Queyras. Nachdem wir den Col Tronchet ( 2656 m ) überschritten haben, folgt die Abfahrt nach Ceillac. Warum aber können wir uns überhaupt so weit von Maljasset entfernen? Doch nur, weil wir sicher sind, für den Rückweg zwei Lifte zur Verfügung zu haben, die uns zum Lac Sainte-Anne bringen. Von dort ist der Aufstieg zur Tête de Girardin ( 2870 m ) in vernünftiger Zeit zu bewältigen. Und die Abfahrt über die eben richtig aufgeweichten, südexponierten Hänge bringt uns in zahllosen kurzen Schwüngen bis drei Meter vor die Hütte.

Am Mittwoch verzichten wir auf die Tour zum Bric de Rubren, die lang ist und dabei nur eine wenig interessante Abfahrt in eher flachem Gelände verspricht. Wir wenden uns stattdessen der Pointe Haute de Mary ( 3206 m ) zu. Aber je mehr wir uns dem zum Gipfel führenden Kamm nähern, desto tiefer werden unsere Spuren, denn der Wind hat an diesem Nordhang den Schnee angehäuft. Trotz der Abstände, die wir einhalten, befinden wir uns jetzt alle in dem langen, gleichför- migen Steilhang. Mein spurender Führerkol-lege Serge Lambert ist bloss noch sechzig Meter vom Kamm entfernt, doch nun folgt erst das riskanteste Teilstück. Gemeinsam beschliessen wir deshalb, vernünftig zu sein und den Rückweg anzutreten. Jeder demontiert die Felle, wo er gerade steht, worauf wir - die untersten zuerst — vorsichtig unserer Aufstiegsspur folgend, wieder abfahren. Unten angekommen, steigen wir zur Brèche de I'AI-pet ( 2798 m ) auf, einem bescheidenen Gipfel, dessen nach Westen geneigte Hänge uns aber ein sicheres Vorankommen erlauben.

Heute Donnerstag wollen wir zur Chambey-ron-Hütte. Doch bereits der Weg bis zu dem kleinen Dorf Fouillouze hält einige Überraschungen bereit. Zunächst einmal ist da der Pont de Châtelet, die Brücke über die Ubaye, eine wirkliche Sehenswürdigkeit. Wir halten, damit alle in die Schlucht hinunterschauen können. Und als wir wieder in den Bus einsteigen, sehen wir aus dem kleinen, auf die Brücke folgenden Tunnel einige Wanderer herauskommen, welche nur mit grösster Mühe imstande zu sein scheinen, das Gleichgewicht zu bewahren. Schnell wird uns klar, dass sie sich wohl auf Glatteis fortbewegen müssen. Tatsächlich lässt sich der Bus beim besten Willen nicht durch den mit einer Eisschicht bedeckten Tunnel steuern. Aber das schreckt uns nicht ab! Eispickel und Schneeschaufeln treten in Aktion, wenn auch für einen etwas ungewöhnlichen Zweck. Immerhin wird nun niemand sagen können, wir hätten sie vergeblich mitgenommen. Danach passiert das Fahrzeug die von uns mit einer Kiesschicht bedeckten Stelle, ohne auch nur einmal ins Rutschen zu kommen.

Fouillouze. Unser Werk als Strassenarbeiter verdient einen anständigen Kaffee, ehe wir den Aufstieg zur Hütte in Angriff nehmen. Doch der heute so klare Morgen verlockt mich zum baldigen Abmarsch, um so mehr, als der Aufenthalt in dem niedrigen Raum der Wirtschaft sich in die Länge zieht. Und die Inschrift, die ich im Vorbeigehen auf der alten Sonnenuhr von Fouillouze lese, ist auch nicht geeignet, ein längeres Verweilen zu rechtfertigen:

( Mortel, sais-tu à quoi me sert de compter les heures que tu perds>1 Der Aufstieg durch den Lärchenwald ist wunderbar. Unterhalb des Brec de Chambeyron schlängelt sich unser Weg durch eine 1 ( Sterblicher, weisst Du, wozu es mir nützt, die Stunden zu zählen, die Du verlierst ?) Mulde, die mit riesigen Kalksteinblöcken voller roter Flechten übersät ist. Eines schönen Tages hat hier das Gebirge einen Teil seines ihm überflüssig gewordenen Gesteinmantels abgeschüttelt. Unsere kleine Karawane kann diesem Stück herrlicher Natur nicht widerstehen: Sie zerfällt sofort in neun Einzelwesen, die auf der Jagd nach Photomotiven, zwischen den Felsen Verstecken spielen.

Von einer Anhöhe entdecken wir die Hütte, die wir alsbald erreichen. Die Mutigen besteigen sogar noch die Pointe de Chauvet ( 3325 m ), um sich dort ganz den prächtigen, mit Frühjahrsschnee bedeckten Hängen hinzugeben.

Beim Erwachen am Freitag ist der Himmel vollständig blau, doch als wir uns auf den Weg machen, taucht bereits die erste Wolke auf. Und als wir endlich auf dem höchsten Punkt der Tête de la Frèma ( 3140 m ) stehen, ist sie völlig von dem aus Italien andringenden Nebel umhüllt. Damit bleibt uns leider auch der Blick auf den Monte Viso verborgen, auf den wir uns doch so gefreut hatten. Gleichwohl setzen wir unser Tagesprogramm, die Tour zum Brec de Chambeyron, fort. Tatsächlich verschwindet der Nebel am Col de Stroppia ( 2850 m ) vollständig, und der Tag endet in einem ausserordentlich sanften Lichtschein: Die Spitzen um den Chambeyron ragen klar in den Himmel, während in der Ferne die weniger scharf profilierten Höhen wie Schilde in der Sonne glänzen.

Samstag. Ein kurzer Anstieg, der uns zum Pas de la Souvagea ( 2885 m ) führt, lässt uns wieder die Sonne geniessen. Wir zögern deshalb den Abschied von dieser grossartigen Gegend noch etwas hinaus, tauchen dann in den Schatten der Combe d' Aval und treffen 1200 Meter tiefer, am Ufer der Ubaye, Serge, der direkt nach Fouillouze abgefahren war, um den Bus zu holen.

Danach geht es heimwärts, allerdings mit einem Umweg über Barcelonnette, um zu tanken und einzukaufen, was das Herz begehrt. Beim mittäglichen Mahl, einem ( déjeuner sur l' herbe ) in Italien, werden alle neu erworbenen Schätze vorgeführt. Ein grosses Glücksgefühl durchströmt uns nach dieser Skiwoche im Tal der Ubaye.

Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern Reisfeld im Kathmandu Tal Inhalt 61 Toni Spirig Hoch über den Wolken 71 Jan Karel Skitouren im St.Elias-Gebirge 80 Georg Rubin und Daniel H. Anker Jannu 1984 89 Trevor Braham Himalaya-Chronik 1984 Herausgeber Schweizer Alpen-Club, Zentralkomitee; Helvetiaplatz 4, 3005 Bern, Telefon 031 /43 3611, Telex 33 016.

Publikationenchef CCNeuchâtel, 1983-1985 Bernard Grospierre.

Umschlagbild:

Etienne Gross, Jupiterstr. 55/1146, 3015 Bern, Telefon 031/320420 ( verantwortlich für den deutschsprachigen Teil ).

Professor Pierre Vaney, 68 b, avenue de Lavaux, 1009 Pully/Lausanne, Telefon 021/287238 ( verantwortlich für den französischen, italienischen und rätoromanischen Teil ).

Graphische Gestaltung Gottschalk + Ash Int'l Anzeigenverwaltung Ofa, Orell Füssli Werbe AG, Postfach, 8022 Zürich, Telefon 01/251 3232, und Filialen.

Verantwortlich: Elisabeth Beeler, Postfach, 8050 Zürich, Telefon 01/3125085.

Druck und Expedition Stämpfli + CieAG, Postfach 2728, 3001 Bern, Telex 32950, Postscheck 30-169.

Erscheinungsweise Monatsbulletin Mitte jedes Monats, Quartalsheft Mitte des letzten Quartalsmonats.

Preis Abonnementspreise ( Nichtmitglieder ) für Monatsbulletin und Quartalsheft zusammen ( separates Abonnement Reisfeld im Kathmandu-Tal Photo: Georg Rubin Redaktion nicht möglich ): Schweiz, jährlich Fr. 40., Ausland, jährlich Fr. 55..

Quartalsheft einzeln für SAC-Mit-glieder Fr. 1 -, für Nichtmitglieder Fr. 10.; Monatsbulletin Fr. 2..

Allgemeine Angaben Adressänderungen: auf PTT-Formular 257.04. ( Mitglieder-Nr. beifügen !) Inhalt: Die Beiträge geben die Meinung des Verfassers wieder. Diese muss nicht unbedingt mit derjenigen des SAC übereinstimmen.

Nachdruck: Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung der Redaktion gestattet.

Zugeschickte Beiträge: Beiträge jeder Art und Bildmaterial werden gerne entgegengenommen, doch wird jede Haftung abgelehnt. Die Redaktion entscheidet über die Annahme, die Ablehnung, den Zeitpunkt und die Art und Weise der Veröffentlichung.

Beglaubigte Auflage: 69128 Exemplare.

Üb6r d6PIDer Inselstaat Neuseeland liegt im südli-

chen Pazifik. Ist bei uns Winter, herrscht dort

WOl K6PISommer. Auf der dünn besiedelten Südinsel

treffen wir dann noch zusätzlich auf besonders extreme klimatische Gegensätze, die sicham deutlichsten in der Vegetation nieder- Toni Spirig, Celerina GRschlagen: im Westen feuchte, moosige Re- genwälder bis in grössere Höhen, im Osten dürre Graslandschaften, und dazwischen bildet der oft heftigen Winden ausgesetzte Gebirgszug der Southern Alpes ( Südalpen ) die Wetterscheide. Es ist dies eine Kette mit eindrücklichen Berggestalten, die mächtige Gletscherströme bis auf 200 Meter über Meer hinuntersenden. Der Mt. Cook, mit 3764 Metern der höchste Punkt Neuseelands, erhebt sich hier neben weiteren schöngeformten Gipfeln in dem nach ihm benannten Nationalpark. Die sein Haupt umtobenden Stürme sind gefürchtet, und nur zu oft verhüllen schwere Wolken seine steilen, eisigen Flanken. Die Maoris, die Ureinwohner, sehen in ihm den ( Durchbohrer der Wolken>. Sie nennen ihn deshalb Aorangi Draussen regnet es. Wie gewöhnlich, seit wir hier im Mt. Cook Village angekommen sind. Beinahe ununterbrochen trommeln die schweren Tropfen auf das Autodach und halten uns so darunter gefangen. Meine Freundin Daria liest vertieft in irgendeinem Buch. Ich blättere wieder einmal im Führer, der uns die Aufstiege in jener Gebirgswelt beschreibt, die draussen im Regen zu ertrinken scheint. Lange schaue ich die Bilder an und verfolge die aufgezeichneten Routen.

Jetzt wird drüben beim Hauptquartier des Nationalparks der Wetterbericht ausgehängt. Wir lesen: Westwindlage mit vereinzelten Schauern und stürmischen Winden. Seit nun drei Wochen immer dasselbe! Nur wenige Bergsteiger sind geblieben. Sie hoffen noch -wir auch. Als sich dann - später - endlich eine leichte Wetterbesserung einstellt, brechen wir auf. Über enorm steile Schuttflanken rutschen wir, eine riesige Staubfahne hinter uns herziehend, zum Tasman-Gletscher hinab, um an- schliessend über den völlig geröllbedeckten Eisstrom dem Haast-Grat zuzustreben. Eine mühsame Strecke. Und die nachfolgende, unwegsame, steile Wand des Moränenwalles erweist sich dann sogar als recht gefährlich. Die Füsse finden nur unsicheren Halt. Stets wieder lösen wir schwere Steine, die alsbald in wilden Sprüngen in die Tiefe poltern.

Nach dieser Schinderei, die wir nicht zuletzt auch unseren schweren Rucksäcken - wir schleppen Proviant für eine Woche - zu verdanken haben, erreichen wir die Haast-Hütte. Kein Mensch! Somit steht uns der beste Schlafplatz zur Verfügung. Die Zeit ist schon fortgeschritten. Wir richten die Schlafsäcke und können nun von hier aus den farbenprächtigen Sonnenuntergang durchs Fenster verfolgen. Am nächsten Morgen geht es weiter zur Plateau-Hütte. Doch das Wetter verschlechtert sich jetzt erneut und beschert uns einen an sich willkommenen Ruhetag. Wir schütteln Wolldecken, putzen die Küche und waschen die Tücher. Chris und Robert, die beiden Neuseeländer, die wir hier angetroffen haben, schauen uns verblüfft zu. Und einer sagt es: ( Switzerland must be very clean. ) Abends wird die letzte Entwicklung der Wetterlage per Funk durchgegeben. Sie lässt uns hoffen, und aufgeregt verkriechen wir uns in die Schlafsäcke. Kurz nach Mitternacht schaue ich nach dem Wetter. Es schneit und kein einziger Stern ist zu sehen. Nun, auch hier können sich die Wetterpropheten irren -und noch so gerne schlüpfen wir wieder in die noch wohlig warmen Schlafsäcke. Mit dem Morgenrot verziehen sich aber die Wolken und geben unvermittelt die grandiose Kulisse der Gletscherriesen frei. Zu spät für den Mt. Cook. Trotzdem richten wir hastig unsere Ausrüstung und brechen auf - zum Mt. Dixon, dessen anfangs felsiger und brüchiger Ostgrat sich bald in eine scharfe, ausgesetzte Firnschneide verwandelt. Auf unser Gleichgewicht bedacht, kommen wir höher, wobei wir die angenehm wärmende Sonne geniessen. Leider aber lässt deren Einstrahlung den Pulverschnee pappig werden, so dass sich an unseren Steigeisen lästige Klumpen bilden. Immer wieder müssen wir sie abschlagen, was uns jedoch auch Gelegenheit gibt, die weissen Bergriesen um uns zu bestaunen. Dabei schweift unser Blick immer wieder zum Ostgrat des Mt. Cook - unserer Traumtour! Kurz vor Mittag erreichen wir den Gipfel ( 3019 m ). Eine fabelhafte Rundsicht auf die frischverschneite Bergwelt und den 2000 Meter unter uns sich dahinziehenden Tasman-Gletscher entschädigt für alle Mühen.

Wieder in der Hütte angelangt, legen wir die nasse Ausrüstung zum Trocknen aus und lagern uns auf die aufgeheizten Felsen in ihrer Umgebung. Gespannt warten wir am Abend auf die Durchsage der Wetterprognose. Sie könnte nicht besser lauten! Jubelstimmung breitet sich aus. Aufgeregt dämmern wir im Halbschlaf bis kurz nach Mitternacht dahin. Dann endlich dürfen wir aktiv werden. Draussen ist es kalt - ein makelloser Sternenhimmel wölbt sich über uns. Fröstelnd montieren wir die Steigeisen und steigen im spärlichen Mondlicht zum Plateau-Gletscher ab. Die Schneeunterlage ist hart und nur das Knirschen der Steigeisen durchbricht die sonst herrschende Stille. In einem weiten Bogen die tiefen Spalten über dem Hochstetter Icefall umgehend, erreichen wir die steile Einstiegswand. Jeder klettert für sich durch die Dunkelheit, vom andern getrennt. Einzig das Seil schafft eine Verbindung. Da kündet hoch über uns ein fahler Lichtschein den neuen Tag an, und mit dem hellen Streifen im Osten beginnt dann ein unerwartet eindrucksvolles Farbenspiel: am Mt.Tasman wechseln sich die Rottöne, immer heller werdend ab, bis er endlich in reinem Weiss dasteht.

Wir stapfen im Pulverschnee über den zu beiden Seiten in steilen Wänden abfallenden Grat empor, wobei sich die hier unumgänglichen Balanceakte allerdings nur schlecht absichern lassen. Vorsichtig bewegen wir uns auf dieser, einem Dachfirst ähnlichen Schneide vorwärts, unsere Pickel stets so tief als möglich im Schnee verankernd. Die Verhältnisse sind nicht ideal; wir verlieren viel Zeit - zu viel sogar, wie mir scheinen will. Zwei kurze, felsige Aufschwünge leuchten vor uns in frischem Weiss. Behutsam taste ich mich mit meinen Steigeisen über das von einer feinen Eisschicht überzogene Gestein empor. Mit dem Pickel suche ich die unter der dünnen Glasur verborgenen Griffe freizulegen. Ich komme höher, womit ich die hier wieder horizontaler werdende, dafür aber beidseitig steil abbrechende Gratkante erreiche. Da deren eine Seite praktisch überhängend ist, müssen wir in die steilen Flanken ausweichen, wo wir bis über die Knie im tiefen, leichten Schnee versinken. Endlich sehen wir das letzte Teilstück vor uns. Der Grat endet hier in einer Steilwand von 55°. Wir müssen jetzt schnell sein. Gleichzeitig und ungesichert klettern wir deshalb weiter - unter uns die beinahe 2000 Meter abfallende Caroline-Wand. Nur in den steilsten Seillängen setze ich meine Schrau- ben. Das Eis ist hart, längst sind meine Fussspitzen durch das ewige Stufenschlagen blutleer geworden. Doch Daria geht es schlechter. Sie klagt über Schmerzen in den Waden und ihre Füsse zittern. Alle 20 Meter hacke ich ihr nun als Ruhepunkt einen kleinen Tritt. Eine kurze Kletterstelle noch, und wir haben das Schwierigste geschafft. Vor uns liegt jetzt nur noch der lange, aber relativ leichte Gipfelgrat. Eine Stunde später stehen wir oben, auf dem Dache Neuseelands. Ringsum überall abschüssige Wände und Flanken, die in riesigen Gletscherbecken fussen - ein schwieriger Berg! Kaum ein Windhauch. Wir geniessen die Aussicht auf die zahllosen Gipfel der Southern Alpes, schauen hinab und lassen den Blick über die tieferliegenden Wolken bis zum Meer schweifen. Für den Abstieg benützen wir die Normalroute, zuerst über den Zurbriggen-Grat, dann seilen wir über die Summit Rocks ab. Eine breite Schneerinne führt uns zum Linda-Gletscher, wo wir auf hüfttiefen Neuschnee treffen. Endlos waten wir durch die zähe Masse, die letzten Kräfte mobilisierend. Doch nach über 17 Stunden stehen wir todmüde vor der Plateau-Hütte. Bereits sind Sturmwolken aufgezogen, umspielen die höchsten Gipfel, und am nächsten Morgen hat sich das schlechte Wetter erneut eingenistet - der Berg holt sich seine Einsamkeit zurück.

Am Mt.Tasman wechseln die Rottöne...

Bereits können wir ihn sehen, den hoch aufragenden Mt. Aspiring. Doch zuerst müssen wir am folgenden Tag die feuchten, moosigen Regenwälder durchqueren, um zur 1465 Meter hoch gelegenen French Ridge-Hütte zu gelangen. Dabei schreiten wir über einen weichen, in allen Schattierungen des Grüns leuchtenden Teppich aus Moosen und Farnen. Ein eigenartiges Gefühl, mit Steigeisen am Rucksack durch solche Urwälder zu wandern! Bei Pearl Fiat stossen wir auf den seichten Matu-kituki-River, der sich hier leicht durchwaten lässt. Wir ziehen die Schuhe aus und werden damit zu willkommenen Opfern der blutgierigen Sandfliegen. Erst der ruppige Anstieg zur Hütte bringt uns dann aus der Reichweite dieser Quälgeister.

Doch der Pfad ist steil und glitschig. Nur gut, dass man sich an den vielen Ästen und Stämmen hochziehen kann. Allmählich verliert sich aber der dichte Regenwald und macht grasbewachsenen Hängen Platz. Jetzt ist es nicht mehr weit zu der sehr einfach eingerichteten Hütte.

Bei Sonnenuntergang entwickelt sich plötzlich ein reger Betrieb: eine freche Schar Keas ( Bergpapageien ) kommt herbeigeflogen, womit es aus ist mit der idyllischen Ruhe. Die schweren Vögel hüpfen auf dem Blechdach herum, was ein trommelndes Geräusch verursacht. Der Lärm bereitet ihnen offensichtlich Spass und scheint sie zu neuen Taten zu animieren. Denn plötzlich sehen wir, dass sie es auch auf unsere farbigen Wäschestücke ab- Vor dem steilen Felsband am Südwestgrat des Mt. Aspiring.

gesehen haben. Wir rennen um unsere Socken. Auf einmal ist der Spuk aber vorbei und es herrscht wieder friedvolle Ruhe.

Wir wecken uns nach Mitternacht, erheben uns schlaftrunken und stolpern wenig später über Geröllhänge hinauf. Aber schon treffen uns die ersten schweren Regentropfen. Da ist nichts zu machen; also wieder zur Hütte zurück. Am nächsten Morgen folgt der zweite Anlauf. Diesmal sind Mark und Terry, Sportkletterer aus Australien, mit dabei, und heute spielt das Wetter mit. Über das Spaltenlabyrinth am Quarterdeck gelangen wir auf den flachen Bonar-Gletscher, wo wir unter der Westwand des Mt. Aspiring durchqueren. Noch ein hartes Schneefeld, und wir erreichen seinen steilen Südwestgrat. Jetzt geht die Sonne auf. Zeit, um Eindrücke aufzunehmen: glitzernde Eiskristalle am verfirnten Grat; flaches, über das unter uns liegende Wolkenmeer hinstreichendes Licht. Wärmende Sonnenstrahlen... Noch ein Stück Schokolade, und weiter geht 's. Der Firn ist hart. Sicher greifen die Steigeisen. Bald stehen wir unter der Schlüsselstelle: ein steiler, felsiger Absatz, dessen einzige Schwachstelle eine senkrechte, mit Wassereis überzogene Rinne bildet. Doch diese sollte eigentlich zu bezwingen sein...

Ich steige voraus. Schliesslich gelte ich hier als ( alpiner Kletterer, was mich gegenüber meinen jetzigen Kameraden irgendwie verpflichtet. Die erste Eisschraube verbeisst sich Am Südwestgrat des Mt. Aspiring.

im festen Eis, und ich steige die senkrechte Rinne empor. Schon bald folgt die nächste Schraube. Jetzt aber wird die Eisauflage dünner und Zwischensicherungen lassen sich kaum mehr anbringen. Da entdecke ich über mir eine vereiste Leiste.Vorsichtig ziehe ich mich in die Höhe, spreize und stehe ein paar Schritte weiter oben. Mein Bedürfnis nach einer Zwischensicherung wächst rapid. Angestrengt spähe ich nach Möglichkeiten. Dabei entdecke ich unter dem Eis einen Haken. Schnell befreie ich ihn von seinem Panzer und hänge aufatmend den Karabiner ein. Noch zwei Klimmzüge, und die Stelle ist überwunden. Zufrieden sichere ich meine Gefährten nach. Jetzt hält uns nichts mehr auf, und bald haben wir alle den Gipfel erklommen ( 3027 m ). Kein anderer Berg der näheren Umgebung erreicht diese Höhe. Die Rundsicht ist deshalb überwältigend. Wir schauen hinab auf die unzähligen Eis- und Felsgipfel und die den Talläufen folgenden mächtigen Gletscherströme.

Schauen hinab auf die undurchdringlichen, unberührten Regenwälder, die tiefliegenden Wolken über der Westküste... und ganz in der Ferne - das Meer.

Es ist ein herrliches Gefühl hier oben zu stehen, hoch über Neuseeland - hoch über den Wolken.

Photo Tom Sping

Feedback