Eine Überschreitung des Portalet

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Von Egon Hofmann.

Die dumpfe Luft des Rhonetales liegt hinter uns. Windung an Windung steigt die schmale Strasse am Hang. Das grosse Personenauto nimmt die Steigung, es fährt nicht, sondern es klettert geradezu die Höhe empor. Schmal und spitzig sind die einzelnen Serpentinen, die Kehren im schärfsten Winkel aneinandergereiht. In einer Stunde ist der Höhenunterschied von fast über 1000 Metern von Martigny bis nach Champex überwunden. An einem See, von grünen Tannen umrandet, liegt diese bekannte Sommerfrische. Kein Ort für einen Maler, aber das Entzücken der Feriengäste, Wasser, Promenaden, im Hintergrund durch den Ausschnitt der Hänge darüberschauend die leuchtenden Firne des Grand Combin. Familienbetrieb mit Kindern vor den Hotels, Tennisplätze und Augen, die nach einem Flirt ausblicken.

Wir schultern unsere schwere Last, steigen auf einem gepflegten Wege bequem zum Val d' Arpette, nachdem wir uns im Waldschatten in das « voralpine » Kostüm geworfen. Die Verlockung, bei dem Chalet von Arpette, auf dessen Giebel lustig die Schweizerfahne flattert, einzukehren, wäre gross; denn auf einem Kistenbrett steht in ungelenken Buchstaben das Zauberwort « Tarte au fruit ». Wir wollen aber nicht gleich am Anfang unserer Sommertur in ein Prasserleben zurückfallen, und asketisch traben wir an dieser « Jausenstation », wie man bei uns sagen würde, vorbei. Der bisher bequeme Steig wird nun ein Pfad, der das Tal verlässt und steil an den Hängen emporleitet. Im Clubführer des Österreichischen Alpenclub steht zwar, er wäre schwer zu finden. Aber er ist so gut ausgetreten, an der Abzweigung mit einer Tafel versehen und zudem markiert, dass man ihn nicht verfehlen kann. Die Markierung ist zwar schon etwas verwaschen, und die benützte Farbe ist ein stumpfes Grün, was schön sein mag, aber sicher nicht hervorragend praktisch ist. Die Sonne hat den Zenit gerade überschritten. Dort, wo der Pfad nach eineinhalbstündigem Steigen durch den Wald auf eine Lichtung kommt, oben auf dem Plan, der dem Geröllkessel vorgelagert ist, wo die Kampfregion der Bäume beginnt und nur mehr schütter stehende Lärchen als letzte Vorposten stehen, sprudelt zwischen Felsen eine Quelle. Aber sie ist von einer grossen Schar junger Leute besetzt; so ziehen wir daran vorbei, der Einsamkeit entgegen. Es ist Zeit zu einer Rast geworden, und so setzten wir uns schon hoch oben im Trümmergewirr der Granitplatten auf einen Stein, um den Rucksack zu erleichtern. Dann finden wir wieder auf der andern Seite den Steig, und am Col de 1a Breya sehen wir zum erstenmal in das Land unserer Ziele, in die nördliche Mont Blanc-Gruppe. Das unangenehme Stück des Weges liegt hinter uns. Längs der Flanken des Creux Manier auf- und absteigend, zieht der gut erhaltene Weg aussichtsreich zum Combe d' Orny; zahlreich sind die Partien, die von der Hütte zurückkehren, unsern Weg kreuzend. Denn die zwei Hütten, die in jenem Gebiete liegen, die Cabane d' Orny und die Cabane Julien Dupuis, die letztere eineinhalb Stunden von der erstgenannten entfernt, schon in einer Lage von 3122 m, werden zahlreich besucht, allerdings sind es mehr Sommerfrischler mit turistischem Ehrgeiz als ausgesprochene Alpinisten. Am Combe d' Orny wird die Landschaft ausgesprochen hochalpin. Man ahnt die Nähe des Gletschers. Eine letzte Steigung von 200 Metern, und dann empfängt uns die Clubhütte des S.A.C., ein Holzbau auf einem Felsvorsprung erbaut, zu Füssen liegt ein kleiner See wie ein Auge in einem ernsten Antlitz. Weit und frei ist der Blick. Die ganze Combinkette entrollt sich mit ihrem Herrscher, der wohl keine besonders kühne Form besitzt, aber seine Umgebung so überhöht, wie es sonst nur der Mont Blanc mit seinen Trabanten tut, und weit rückwärts im Hintergrunde schimmert die Grivola und der Gran Paradiso.

Ursprünglich beabsichtigten wir, zur höher gelegenen Cabane Dupuis aufzusteigen. Aber unsere Hütte war leer, die zahlreichen Partien eben zu dem andern Schutzhause abgerückt, das gab den Ausschlag. Besondere Pläne hatten wir nicht. Wir wollten uns in diesem Gebiete einlaufen, um den langen und mühsamen Turen in dem Herzen der Mont Blanc-Kette gewachsen zu sein, und gerade vor der Hütte stand ein Berg, der uns wohl gefiel, der Portalet. Schnell war unser Beschluss gefasst.

Der Portalet schien in unmittelbarer Nähe. Ein Katzensprung nur zu seinem Gletscher, der zwischen ihm und dem Clocher du Portalet hinaufzieht, der unseren Anstieg hätte bilden sollen. Wir sahen nicht, dass dieser vom Glacier d' Orny durch eine tiefe Mulde geschieden war. Als wir am jenseitigen Moränenrücken standen, denn hier ist der Gletscher schmal und daher schnell zu überschreiten, sahen wir, dass uns ein ordentlicher Abstieg blühen würde. So versuchten wir, höher zu den Flanken des Portalet aufzusteigen, um über die vorspringenden Rippen, die Begrenzung der Schlucht, welche das Massiv des Berges vom Portaletgletscher trennt, diesen zu erreichen. Aber kein Band gab die Möglichkeit, in wegsames Gelände zu kommen. Immer tiefer lagen die Abstürze unter uns, immer schroffer stiegen die Hänge auf. Da änderten wir kurz entschlossen unseren Plan. Schon von der Hütte hatten wir die Flanken des Portalet gemustert, die ihre schroffe Seite nach dieser Richtung hin zeigten. Interessante Arbeit versprachen sie jedenfalls, wenn auch Steinschlaggefahr nicht ausgeschlossen war. Dass in dieser Flanke sich ein richtiggehender Grat verbarg, merkten wir erst beim Aufstieg. In leichter Blockkletterei erreichten wir einen Aufschwung. Und nun lag ein Grat vor uns. Auch er war unschwer zu begehen, aber er bot so viel Abwechslung, dass die Wanderung jeden Meter anregend gestaltete. Das Gestein hatte eine grünliche Färbung. « So ähnlich war der Blassengrat », sprach Freund Max. Schneekehlen ziehen vom Glacier d' Orny bis fast zur Schneide. « Dieses Stück hätten wir uns schenken können. » Denn so hätten wir den Grat schon in seinem oberen Teile betreten; was wir bis dorthin machten, war eine Fleissaufgabe und eine besondere Gründlichkeit, die ja an und für sich bei Gratturen weiter kein Übel ist. Nach diesem Vorspiel steigt aber nunmehr der Grat in schärferen Zacken zur Höhe. Einige Umgehungen auf der rechten Seite sind erforderlich, dann nimmt uns die Schneide wieder auf. In einem stumpfen Winkel biegt nunmehr der Kamm immer steiler werdend um. Glatt gewaschen sind die Fluchten. Aber drüben auf der anderen Seite, von einer Schlucht getrennt, sehen wir die Flanken des Grates wieder gut gangbar werden. Über eine schwierige Wandstufe gewinnen wir den obersten Grund der Schlucht und steigen wieder über gut gestufte Felsen steil gegen die Gratkante empor. Plattige Wandstufen versperren uns oben den Weg. Ein kleiner dunkler Schlund durchreiset das Gewänd. Hier nehmen wir zum erstenmal das Seil, denn die Stelle ist sehr schwierig. Auch die Rucksäcke treten die Luftreise an. Aber nach diesem Stück, dem Schlüssel zum weiteren Wege, bot sich unserem Vordringen kein Widerstand mehr. In anregender Kletterei nehmen wir bald den Grat unter unsere Füsse, um ihn nicht mehr zu verlassen. Bei einer Scharte dicht unter Chandelle du Portalet lassen wir uns zur Rast nieder. Der Nordwestgrat ist vorüber. Ein Couloir, mit hartem Firn gefüllt, zieht hier steil zur Tiefe, der gewöhnliche Anstieg. Denn alle Anstiege zum Portalet führen über das weisse Element durch Rinnen, Schluchten oder über eisige Flanken, nur unser Weg ist Fels und Gestein, eine Route in keinem der Führer angegeben, aber wegen ihrer Kletterei so recht nach unserem Herzen.

Treppenförmig steigen wir über einen Firnhang zum vereisten Kamm des Portalet empor und gehen über dessen breiten Buckel zur steinmanngekrönten Spitze. Die erste Tur der Mont Blanc-Gruppe war auf interessantere Weise geglückt, als wir zu hoffen gewagt hatten. Und der Portalet ist ein Berg; auch wenn er nur 3345 m zählt, für Mont Blanc-Begriffe eine geradezu lächerliche Höhe. Der Ausblick jedoch zeigt Ausmasse, wie man sie bloss in den gewaltigen Gebieten der Alpen findet. Tief unter uns liegt der Saleinaz-gletscher. Wild und gewaltig dräut sein zerrissenes Gletscherbecken zu uns herauf, kreuz und quer von blauen Brüchen zerschrammt, und seine lange, apere Zunge gleicht der Hornhaut eines unendlichen Drachenschwanzes. Wilde Berge rahmen diesen Kessel ein. Ein Kranz von Höhen strebt aus dem Gletscher steil und drohend rings um in die Lüfte. Zwei Berge sind es vor allem, deren Grösse geradezu erschüttert: die Aiguille d' Argentière und die Aiguille du Chardonnet, die fast die Viertausendergrenze erreichen, Schaustücke von unheimlicher Wucht, die neben den gewaltigsten Gipfeln der Mont Blanc-Gruppe bestehen können und viele ihrer höheren Schwestern an Schönheit der Linien und Gewalt des Aufbaues übertreffen. Und gerade am heutigen Tage war dieses Bild besonders eindrucksvoll, weil sich hinter ihren Felsen-Firnmauern graue Wolken türmten und den Eindruck des Grausigen verstärkten. Unruhig schienen alle Spitzen hier zu sein, schwarze Felsen von Eisrinnen durchzogen, Zackengrate mit wild zerrissenen Scharten, manche Gipfel wie abgesägt, verwitterter Granit, von dem als letzte Zeugen spitze Nadeln und Türme geblieben. Das Unwetter braute sich über dem Horizont zusammen. Der Firn verlor seinen Glanz, das Eis bekam jene schwarze Färbung, welche den Niederschlägen vorauszugehen pflegt, und wie das Netz einer Spinne zogen sich die Wolkenstreifen von allen Seiten zusammen mit immer dichteren Maschen. Da eilten wir noch schnell zum zweiten Steinmann auf dem anderen Gratzacken, der dem Firn entragt, um einen An-standsbesuch abzustatten, und während ich noch eine Aufnahme versuchte, sprang schon Freund Max mit langen Schritten über den Grat hinab der anderen Seite zu, die wir ursprünglich im Aufstieg hatten begehen wollen. Der Südostgrat besteht aus groben Blöcken und morschem Zeug, ein Beispiel für unschöne Arbeit. Aber gleich neben ihm zog ein steiles Firnfeld, das sich weiter unten zu einer noch steileren Schneerinne verjüngt, zum unteren Sattel nördlich vom Clocher du Portalet. Diesen etwas abenteuerlichen Abstieg zu benützen lag auf der Hand. Und war der Firn auch steil und von einem tiefen Graben durchpflügt, so tief, dass ein aufrecht stehender Mann darinnen ganz verschwinden konnte, so war er gerade recht, um uns in erstaunlich kurzer Zeit zur Tiefe zu bringen.

Als wir uns umsahen, trauten wir unseren Augen kaum. So wenig Zeit war vergangen, seitdem wir die Gipfel verlassen hatten, und was dazwischen lag, war ein endlos scheinender Hang, von dem nur das letzte Stück sichtbar war, die verengte Rinne, und es schien uns, als wäre es eine senkrechte weisse Wand, die hinaufzog.

In grösster Eile warfen wir die Säcke von den Schultern. Denn schon fielen schwere Tropfen vom Himmel. Fast eben geht es vom Sattel bis zum Gipfel des Clocher. Nein, von dieser Seite ist er wahrlich kein Glockenturm, eine Spitze, die man eben leicht mitnimmt, nicht mehr. Ein paar Blöcke, über die man hinüberturnt, ein schmaler Schlussgrat: wir sind am Ziel. Sofort « kehrt euch » und wieder hinab zu den Rucksäcken. Und im Laufschritt hinunter über den kurzen, aber steilen Portaletgletscher. Zu unsern Häuptern, einen weiten Bogen beschreibend, zieht der Grat, den wir in den Frühstunden in seiner ganzen Länge bestritten, und zeigt sich hier von seiner vorteilhaftesten Seite. Noch einmal durchleben wir die Einzelheiten des Kampfes auf seiner turmbewehrten Schneide.

Über Moränentrümmer steigen wir aus der Mulde bergan, dem untersten Stück des Ornygletschers entgegen, den wir noch überschreiten müssen, um zur Hütte zu gelangen. Und fast in Angesicht dieser ziehen wir das Seil aus dem Rucksacke und verbinden uns damit. Denn so harmlos der Gletscher sonst sein mag, ist es uns doch gelungen, bei dem geraden Übergang auf Spalten zu stossen, die unter einer trügerischen Decke halb verborgen sind. Die Schleusen des Himmels haben sich geöffnet, und wir freuen uns, als wir wenige Minuten später das schützende Dach der Hütte betreten.

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