Eine Viertelstunde tödlicher Gewissheit

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VON HERMANN ROTH, ST. MORITZ

Todesahnung hat schon jeder irgendwo und irgendwann verspürt. Aber Todesgewissheit? Sozusagen mit Ergebenheit an der Mauer zu stehen, um in wenigen Minuten den Tod zu empfangen? Das sind glücklicherweise die selteneren Fälle. Sie lauern nicht ungern auf den Alpinisten - ihn, dem doch die reine Glückseligkeit des Bergerlebens innewohnt. Was denkt man angesichts des Todes? Diese Frage wird immer wieder gestellt und kann nur von den Wenigen beantwortet werden, die dem Sensenmann im letzten Augenblick zu entrinnen vermochten. Von einem solchen Augenblick sei hier erzählt.

Wir waren zu dritt auf einer mehrtägigen Skitour in den Bündner Bergen. Ein wolkenloser, grimmig kalter Januartag. Die Last des Rucksackes nahm mit der Zahl der Stunden zu. Mühsam und mit einschläferndem Gleichmass schoben wir die Bretter vor uns hin. Um zwei Uhr nachmittags hatten wir die Fuorcla erreicht, wo wir über ein tiefes Tal hinweg die Clubhütte, das Ziel des Tages, in weiter Ferne als ein Würfelchen erkennen konnten. Obwohl unser Rastplatz auf gleicher Meereshöhe wie die Hütte lag, hiess uns der Clubführer schwarz auf weiss, dass der Weg zu ihr nur über eine noch höhere Kuppe führe und dass eine Abkürzung übers Tal wegen Lawinengefahr nicht ratsam und abgesehen davon auch trügerisch sei. Diese letzte Kuppe ( die wievielte schon an diesem Tagbereitete uns einige Sorgen; denn wir waren des Aufsteigens reichlich satt. Die Finger waren klamm, und die Zehen schmerzten vor Kälte. Die Müdigkeit hatte jenes Mass erreicht, dem die gefährliche Sorglosigkeit auf den Fersen folgt und das verhängnisvollen Kurzschlusshandlungen Vorschub leistet. Resultat: Auf die Überquerung der letzten grossen Kuppe, in deren Firn die schon sinkende Sonne gleisste, wurde im trügerischen Gefühl einer kleinen Kühnheit verzichtet. Der Blick zur Hütte befahl, die « gerade Richtung » einzuschlagen und die Route übers Tal zu wählen. So sehr man uns und wir uns selbst den Vorwurf machen müsste, den Rat des Clubführers missachtet zu haben, sei doch zu unserer billigen Entlastung gesagt, dass damals bestimmt keine Lawinengefahr bestanden hatte. Der Schnee war kompakt und seine Höhe relativ gering.

- Alos los!

Wir fuhren im Zickzack und mit gebotener Vorsicht den spaltenarmen Gletscher hinunter und fanden die angetretene Abkürzung in gar keiner Weise gefahrvoll. Was uns etwas bekümmerte, war die Feststellung, dass die Tiefe des Tales immer gähnender und das unterste Stück des Gletschers immer steiler wurde. Ich befürchtete einen Gletscherabbruch, der uns zur Umkehr und in der Folge zum Biwak in der Januarnacht zwingen würde. Und er kam auch! Da fand ich zufälligerweise ein kleines Ausgangstor in die Felsen. Ich triumphierte im stillen ob meinem Führerspürsinn, wenn uns auch die vereisten Felsen arg zu schaffen machten.

Als wir in der engen, spurenlosen Talsohle heil angekommen waren, verschwand die Sonne hinter den Bergen. Nun aber schleunigst hinüberwechseln zur andern Talseite! In zwei Stunden würden wir es « geschafft » und die Hütte erreicht haben. Wir spannten die Felle wieder auf und stiegen gemächlich im Zickzack hinan. Der Schnee liess sich einigermassen gut spuren, und so waren wir zufrieden mit der Welt und mit uns selbst. Schon legte sich der mattsilberne Glanz ringsum auf das Schneegebirge, jenes letzte Licht, dem die Dunkelheit wie ein eiliger Schatten folgt. Jetzt bemächtigte sich unser plötzlich eine arge Beklemmung. Der Hang nahm an Neigung rapid zu, der Schnee wurde zusehends härter, und als wir uns an die dunkelwerdende Wand lehnten, befanden wir drei uns vor einer erschreckend steilen Eishalde. Es bedeutete jetzt schon einige Schwierigkeit, sich der Ski zu entledigen und diese in der Eiskruste zu sichern. Ein Abgleiten hätte einen unaufhaltsamen Sturz bis hinunter ins Tal zur Folge gehabt. An eine Umkehr war jetzt nicht mehr zu denken; denn was zuvor noch als Schneespur gezeichnet werden konnte, war hier pickelhart - und der Pickel fehlte uns!

Was nun? Die Dunkelheit der mondlosen Nacht liess ein Abschätzen der immer mehr zunehmenden Steilheit und der noch zu überwindenden Distanz bis zum Felsenkranz auf Hüttenhöhe nicht mehr zu.

« Wir sind in eine böse Falle geraten! » sagte nach langer Stille einer meiner Kameraden.

« Durchaus nicht! » lautete meine vielleicht vorlaute Antwort. Aber ich hatte Selbstvertrauen, das auf meine Gefährten übertragen werden musste.

Von der Dunkelheit beeindruckt fragte der andere:

« Wann steigt eigentlich der Mond auf? » - Darauf wusste ich keine Antwort.

Ich bohrte nun mit der Spitze des Skistocks ein Loch ins Firneis und stellte zu meiner Beruhigung fest, dass dieses höchstens vier Zentimeter stark war. Darunter lag trockenkörniger Schnee. Ich verbreiterte den Standort, konnte aber dem Nachfh'essen des Schnees kaum Herr werden. Endlich war ein Absatz für zwei Sitzplätze und drei Rucksäcke geschaffen. Es herrschte nun rabenschwarze Nacht, in welcher der fahle Schein unseres Taschenlämpchens spielte. Das Leder der Schuhe war steinhart gefroren, und die Füsse fühlte ich kaum mehr. Erst wurde noch angeseilt, und dann bohrte ich auf die gleiche Weise treppenartig Löcher in der Grosse eines Schuhes ins Firneis und stieg so im Schneckentempo hoch. Nach überwundener Seillänge baute ich einen zweiten Absatz, wobei die Eisbrocken stets auf meine Kameraden hinunterschlitterten, deren Standort ich nur noch ahnen konnte. Dann wurden die Rucksäcke, hernach die Ski hochgezogen und gesichert, und schliesslich folgten in diesen wunderlichen Fussstapfen schweigsam die Gefährten.

« Mit dieser Technik wird es gelingen », redete ich mir zu und hatte auch auf vier bis fünf Seillängen leidlich Erfolg. Aber dann richtete sich die eisige Firnwand vor mir wie eine Senkrechte auf. Ich grub nun die Löcher so tief, dass wir mit jedem Schritt gleichzeitig einen Fuss und zur Sicherung einen Arm auf dessen ganze Länge in die rundlichen Löcher stossen konnten. Und damit tauchte jetzt das Gespenst des Erfrierens auf. Der sichernde Arm fühlte sich mehr und mehr wie eine eiserne Stange. Das unablässige Bohren brachte mich zum Keuchen, in welches sich nun allmählich die Müdigkeit und eine leise Beklemmung mischten. In einer dieser Stellungen, ich war von meinen Gefährten auf knappe Seillänge entfernt und fühlte mich völlig allein, versagte plötzlich mein Mut.

« Wir schaffen es nicht mehr! » dachte ich verzweifelt. Das Schreckliche an diesem Gedanken war nicht die Möglichkeit, sondern die sich aufdrängende Gewissheit, es nicht mehr schaffen zu können. Die einzige Sicherung war ja nur der beinahe erstarrte Arm im Schneeloch. Ich hatte auch wirklich den Eindruck, dass ich bloss noch an meinem Arme hing. Die Steilheit war im Dunkel der Nacht so unheimlich und der Abgrund unter mir war so drohend, dass ich nicht mehr ein und aus wusste. Ich fühlte jetzt Todesnähe.

« Es geht nicht mehr! » sagte ich verzagt und halblaut zu mir selbst. Das Herz hämmerte vor Aufregung. Auf die Frage « Was soll ich nur tun ?» antwortete mir die Bergnacht mit einem grausamen Schweigen. Ich fühlte deutlich, wie mich meine Kräfte verliessen. Sollte ich meinen Gefährten in der Dunkelheit unter mir die Notlage zurufen? Die Todesangst auf sie übertragen? Ich schwieg und zitterte. Der Gedanke, dass nun das Unglück über unser Leben herfallen würde, machte mich stumm. Nochmals versuchte ich es mit der Abwehr und verliess mich auf Gottes Hilfe... weiter! Doch ich vermochte kaum mehr, den steif gewordenen Arm aus dem Schneeloch zu ziehen, um ihn gleich wieder ins nächstfolgende Loch zu stemmen. Die Hilfe Gottes schien sich nicht einzustellen. Ich war wie gelähmt und hörte jetzt zu bohren auf, hing still in der einsamen Firn wand -und der Tod trat näher an mich heran. In diesem Verhängnis tauchte das Gesicht meiner Lieben zu Hause vor mir auf. Dann wichen auch diese Bilder unter der Einwirkung der Schwäche. Nun wird es geschehen! Aber der Tod soll mich nicht bei Bewusstsein und die Kameraden nur überraschend holen können! Ich liess mich willenlos am Arme hängen und wartete auf die Ohnmacht, welche das grausige Hinunterstürzen nicht fühlen lassen sollte. Da vernahm ich den Ruf eines meiner Gefährten:

« He do obe! Vorwärts! Mir hei Hunger! » Welch eine Zuversicht verriet dieser spassige Zuruf! Die Freunde schienen offenbar keine Ahnung von meiner hoffnungslosen Lage zu haben. Sie hätten wahrscheinlich kaum Zeit gehabt, meinen Sturz über sie hinweg und ihr Mitgerissenwerden wahrzunehmen. Und das Wörtchen « Vorwärts! » verscheuchte den Tod. Also denn! Vorwärts, bis es wirklich nicht mehr geht! Ich grub und bohrte von neuem Löcher. Es war nur noch ein rein mechanisches Tun. Plötzlich stach ich mit dem Skistock durch den Schnee hindurch. Es war der oberste, dünne Firngrat, der sich auf Reichweite vom Fuss der Felswand abhob. Die Lähmung des Denkens wich sogleich, und ich sagte laut vor mich hin: « Gerettet! » Ich kletterte die schwarze Wand hinauf und fand wie durch ein Wunder im nächtlichen Gestein Griff um Griff. Seilsicherung und Nachziehen der Kameraden schienen jetzt nur noch ein sportliches Spiel zu sein. Und plötzlich strahlte über mir der sternenklare Himmel. Bald waren wir beisammen auf dem breiten und ebenen Felsenboden, und nach einer halben Stunde traten wir über die Schwelle der Hütte. Als ich auf der Pritsche stand und die Wolldecken zurechtlegen wollte, sank ich plötzlich zusammen. Die Schwäche hatte sich gnädigerweise verspätet. Die Gefährten, die im Nebenraum plaudernd das Nachtessen zubereiteten, erfuhren es nie.

Dieses Ereignis im vereisten Firnhang, das um Fingerbreite zur Katastrophe hätte werden können, liegt viele Jahre zurück. Ich habe es wie ein Geheimnis für mich behalten. Nur die Vision der tödlichen Gewissheit mischt sich zuweilen in meine Bergerinnerungen und lässt mich auf Sekundenlänge den Atem anhalten. Aber die Frage, ob ein Geheimnis - wenn es bloss eine Unvernunft zudeckt - wirklich endlos gehütet werden soll, drückte mir die Feder in die Hand.

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